Querschnittslähmung Therapie: Ein umfassender Überblick

Eine Querschnittslähmung ist eine komplexe und tiefgreifende Erkrankung, die das Leben der Betroffenen grundlegend verändert. Sie entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks, die zu einem Verlust der motorischen und sensorischen Funktionen unterhalb der Verletzungsstelle führt. Die Behandlung von Querschnittslähmung konzentriert sich auf die Rehabilitation und die Verbesserung der Lebensqualität.

Was ist eine Querschnittslähmung?

Die Querschnittslähmung beschreibt die traumatische oder nichttraumatische Schädigung des Rückenmarks und/oder der Cauda equina. Diese führen zu motorischen, sensiblen oder vegetativen Ausfällen, die unterschiedlich ausgeprägt sein können. Die Ursache einer Querschnittlähmung kann dabei traumatisch (zum Beispiel durch Sturz) oder nichttraumatisch (zum Beispiel Ischämie) sein.

Eine Querschnittlähmung ist die Folge einer Rückenmarkschädigung und bedarf der Behandlung durch spezialisierte Fachkräfte. Die Querschnittlähmung wird durch eine unfall- oder erkrankungsbedingte Schädigung des Rückenmarks hervorgerufen. Eine fachspezifische Abklärung und Therapie sowie die Behandlung in einem Querschnittgelähmtenzentrum sind ebenso wie eine lebenslange Nachsorge erforderlich.

Je nach Schädigungshöhe und -art kommt es zu einer kompletten (Plegie) oder inkompletten (Parese) Querschnittlähmung. Bei der Tetraplegie mit Schädigung im Bereich der Halswirbelsäule kommt es zu einer Beeinträchtigung des Rumpfs sowie der oberen und unteren Extremitäten, bei der Paraplegie mit Schädigung im Bereich von Brust- und /oder Lendenwirbelsäule zu einer Beeinträchtigung von Rumpf und unteren Extremitäten.

Formen der Querschnittlähmung

Es existieren unterschiedliche Klassifizierungen zur Einteilung von Querschnittlähmungen. Relevante Einteilungen sind:

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  • Einteilung nach Art der Lähmung:
    • Schlaffe Lähmung
    • Spastische Lähmung
  • Einteilung nach betroffenen Muskelgruppen:
    • Paraplegie (Lähmung beider Beine)
    • Tetraplegie (Lähmung beider Beine und beider Arme)
  • Einteilung nach neurologischem Ausfall:Die ASIA Impairment Scale (AIS) der American Spine Injury Association definiert 5 Schädigungsgrade einer Querschnittlähmung
    • A: keine sensible oder motorische Funktion im Bereich, der von den tiefsten Spinalnerven (S4 und S5) innerviert wird (Analbereich)
    • B: sensible Funktion, aber keine motorische Funktion im betroffenen Bereich
    • C: sensible Funktion, motorische Funktion im betroffenen Bereich teils erhalten ohne im Alltag nutzbare Kraft
    • D: sensible Funktion, motorische Funktion im betroffenen Bereich teils erhalten mit im Alltag nutzbarer Kraft
    • E: sensible und motorische Funktion haben sich nach vorübergehender Störung wieder normalisiert

Ursachen einer Querschnittslähmung

Zu einem Querschnittsyndrom kann es auf unterschiedliche Art und Weise kommen, wobei die Symptome je nach Ursache plötzlich oder schleichend auftreten können. Die Ursachen einer Querschnittlähmung können unfall- oder erkrankungsbedingt sein. Verletzungsbedingt sind es meist Wirbelsäulenbrüche, die eine Schädigung des Rückenmarks zur Folge haben. Die erkrankungsbedingte Querschnittlähmung wird am ehesten durch Tumore, degenerative Veränderungen der Wirbelsäule wie Bandscheibenvorfälle und knöcherne Einengungen des Rückenmarkkanals, Entzündungen oder Durchblutungsstörungen hervorgerufen.

Mögliche Gründe sind zum Beispiel:

  • Verletzung, z.B. bei Verkehrsunfall (hier kann das volle Ausmaß des Schaden aufgrund von Schwellung des verletzten Gewebes auch erst mit Verzögerung eintreten)
  • Tumorerkrankung
  • Infarkt
  • Blutung
  • Spinalkanalstenose (Einengung des Wirbelkanals)
  • Liquorabflussstörung
  • Infektion (z.B. Poliomyelitis, Coxsackie-Virus, Windpocken)
  • Multiple Sklerose
  • Angeborene Fehlbildung
  • Iatrogen (ärztlich ausgelöst), zum Beispiel als Komplikation einer Operation

Ist der gesamte Querschnitt des Rückenmarks von der Schädigung betroffen, spricht man von einem kompletten Querschnittsyndrom. Bei diesem liegt unter anderem immer auch eine Querschnittlähmung vor. Bei einem inkompletten Querschnittsyndrom sind nur Teile des Rückenmarkquerschnitts verletzt. Hier tritt nur dann eine Lähmung auf, wenn die motorischen Bahnen betroffen sind.

Je näher am Gehirn das Rückenmark verletzt wird, desto größere Teile des Körpers sind von Lähmungen und/oder sensiblen Defiziten betroffen.

In Deutschland beträgt die Inzidenz der traumatischen Querschnittlähmung etwa 16 pro 1 000 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Inzidenz der nichttraumatischen Querschnittlähmung in Europa wird auf 10-60 pro 1 000 000 geschätzt. Eine Zunahme sturzbedingter Querschnittlähmung im höheren Lebensalter und der überwiegende Anteil nichttraumatischer Fälle lassen sich auf den demografischen Wandel zurückführen.

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Traumatische Querschnittlähmungen entstehen mehrheitlich (>60 %) bei Verkehrs- und bei Sportunfällen. Eine traumatische Querschnittlähmung tritt über alle Altersgruppen gleich verteilt auf. Rund 60 % sind Paraplegiker und 40 % Tetraplegiker. 2/3 der traumatisch Querschnittgelähmten sind Männer (70 % zu 30 %).

Symptome und Verlauf

Querschnittlähmung ist ein medizinisch komplexer Zustand, der mit einer kompletten Veränderung des Lebens verbunden ist. Die Symptome variieren je nach Schwere und Höhe der Verletzung, können jedoch Folgendes umfassen:

  • Verlust der Beweglichkeit in den betroffenen Körperregionen
  • Verlust des Empfindungsvermögens (z. B. Berührung, Schmerz, Temperatur)
  • Schwierigkeiten bei der Kontrolle von Blase und Darm
  • Veränderungen im Blutdruck und der Körpertemperatur
  • Muskelschwäche oder spastische Bewegungen

Sollte die Querschnittlähmung akut oder schleichend eintreten, was mit zunehmender Kraftminderung oder gänzlichem Kraftverlust in den Armen und / oder Beinen, Nachlassen oder Verlust des Empfindungsvermögens, Urin- / Stuhlverhalt- oder -verlust verbunden sein kann, ist eine fachärztliche Abklärung schnellstmöglich erforderlich, um eine adäquate Diagnostik und Therapie einzuleiten.

Direkt nach einer akuten Schädigung des Rückenmarks setzt ein sogenannter “spinaler Schock” ein. Die von der Querschnittlähmung betroffenen Muskeln zeigen in diesem Stadium eine schlaffe Lähmung, Reflexe sind nicht auslösbar. Nach 6-8 Wochen entwickelt sich das eigentliche Querschnittsyndrom, das mit einer spastischen Lähmung einhergeht. Der Muskeltonus ist dabei erhöht, ohne kontrollierbar zu sein, sodass es zu, häufig schmerzhaften, Verkrampfungen kommt.

Im Rahmen dieser Akutmaßnahmen ist, wenn nicht bereits geschehen, die Kontaktaufnahme mit einem Querschnittgelähmten-zentrum der DMGP erforderlich, um eine spezialisierte Weiterbehandlung zu ermöglichen. Denn die Querschnittlähmung ist ein den Patienten oft dauerhaft beeinträchtigendes und gefährdendes Krankheitsbild. Die spezifische Therapie ist sehr komplex, muss sich am Einzelfall orientieren und benötigt ein interdisziplinäres Team mit spezialisierten Ärzten, Pflegekräften, Beatmungs- und Wundtherapeuten, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Neuro-Urologie, Psychologie, Sozialdienst, Sporttherapie und Seelsorge.

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Diagnoseverfahren

Bei einem akut aufgetretenen Querschnittsyndrom kann es, entweder aufgrund der Rückenmarkschädigung oder auch aus anderen Ursachen, wie zum Beispiel durch starken Blutverlust bei einem schweren Unfall zum Kreislaufschock kommen. Die Stabilisierung, beziehungsweise Sicherung, der Vitalparameter (Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung) steht daher an erster Stelle.

Die Diagnose einer Querschnittlähmung erfolgt in der Regel durch:

  • Klinische Untersuchung: Beurteilung der motorischen und sensorischen Funktionen
  • Bildgebende Verfahren: MRT oder CT-Scans zur Beurteilung des Rückenmarks und der umliegenden Strukturen
  • Elektrophysiologische Tests: Zur Untersuchung der Nervenleitung

Zur systematischen Abschätzung des neurologischen Schadens gilt der ISNCSCI (International Standard for Neurological Classification of Spinal Cord Injury) -Untersuchungsbogen als Dokumentationsstandard. Die Schädigungshöhe wird dabei durch das letzte noch intakte Rückenmarksegment definiert.

Um die Querschnittslähmung zu diagnostizieren, erfolgt eine klinisch-neurologische Untersuchung, bei der der Kraftgrad einzelner Muskeln und auch die sensible Funktion getestet werden. Weitere Untersuchungen, wie Röntgen- oder CT-Aufnahmen bei einer Wirbelsäulenverletzung oder bei Verdacht auf einen Tumor, Angiografien bei Verdacht auf einen Infarkt oder Blutuntersuchungen bei Verdacht auf eine Infektion schließen sich an, je nachdem, welche Ursache am wahrscheinlichsten ist.

Sobald sich klinisch Hinweise auf eine Verletzung der Wirbelsäule zeigen, ist eine ergänzende Diagnostik nach Trauma Protokoll indiziert (Leitlinie AWMF 012-019 Polytrauma). Eine initiale Computertomografie (CT) mit einem Spiral-CT bietet einen erheblichen Zeitgewinn in der primären Diagnostik. Danach empfiehlt es sich eine Magnetresonanztomografie, falls es die klinische Situation erlaubt, z. B. beim Monotrauma. Mit einer Untersuchung vor der operativen Versorgung, können die Verletzungen im Rückenmark (Blutung, Ödem, Defekte etc.) wie auch über die Art der Wirbelsäulenverletzungen und der für die Stabilität verantwortlichen Bandstrukturen gezielt und genauer untersucht werden, um die Operation differenziert zu planen. Oft können nicht oder wenig dislozierte Wirbelfrakturen und diskoligamentäre Läsionen der Wirbelsäule erst im Magnetresonanzbild dargestellt werden.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Therapie der Querschnittlähmung ist zunächst abhängig von der Ursache. Die Behandlung einer Querschnittlähmung konzentriert sich auf die Rehabilitation und die Verbesserung der Lebensqualität.

Zielsetzung der mehrmonatigen und kostenintensiven Spezialbehandlung im Querschnittgelähmtenzentrum ist die Wiedereingliederung in den häufig angepassten häuslichen Bereich oder die Ermöglichung einer Pflegeversorgung außerhalb des Krankenhauses. Dazu ist es notwendig, dass die Vitalfunktionen des Patienten stabilisiert werden, die Kontinenz bezüglich Urin- und Stuhlausscheidung gesichert ist, die Kommunikationsfähigkeit wiederhergestellt ist, das Trauma psychisch adäquat verarbeitet wurde und der Patient im Rahmen seiner Möglichkeiten mobil ist. Querschnittlähmungsspezifische Komplikationen wie Druckgeschwüre (Dekubitalulcera), spastische Lähmung der Arme und Beine bzw. nur der Beine (Tetra- bzw. Paraspastik), Atmungsinsuffizienz, neuropathischer Schmerz, Abführprobleme, Nieren- und Blasenprobleme, Kreislaufprobleme bis hin zur lebensbedrohlichen autonomen Dysreflexie müssen fachgerecht behandelt werden.

Oft ist eine Operation erforderlich, um z.B. eine instabile Wirbelfraktur zu behandeln, einen Tumor zu entfernen oder den Spinalkanal bei einer Stenose zu erweitern. Bei einer vaskulären Komplikation wie einem Infarkt oder einer Blutung kann eine minimalinvasive Intervention über einen durch eine Arterie vorgeschobenen Katheter möglich sein. Bei anderen Ursachen ist eine medikamentöse Therapie möglich, wie die Einnahme von Immunsuppressiva bei Multipler Sklerose.

Grundsätzlich sind die operativen Möglichkeiten bei einer Rückenmarksverletzung stark eingeschränkt. Nach Unfällen ist es das Ziel, gebrochene Wirbelkörper zu stabilisieren, um weitere Schädigungen zu vermeiden. Ist das Rückenmark gequetscht, wird auch hier die Fraktur operiert, um wieder Raum zu schaffen und die Schwellung des Rückenmarks in den Griff zu bekommen.

Medikamentöse Therapie

Durch ärztlich verordnete Medikamente kann eine symptomorientierte Behandlung bei einer Querschnittlähmung erfolgen. Die Lähmung an sich kann zwar durch Medikamente (noch) nicht beeinflusst werden, die durch die Rückenmarksverletzung möglicherweise entstehenden Symptome können aber durch eine medikamentöse Therapie kontrolliert oder vermindert werden:

  • Schmerztherapie: Durch die Querschnittverletzung beziehungsweise durch die Schädigung des Rückenmarks können verschiedene Arten von Schmerzen entstehen. Um eine Chronifizierung der Schmerzen zu vermeiden, wird versucht, durch eine frühzeitige, individuell angepasste Schmerztherapie eine deutliche Reduktion der Schmerzen zu erreichen. Dabei kommen insbesondere bei Nervenschmerzen spezielle Medikamente zum Einsatz, durch die eine Besserung für Betroffene erzielt werden kann. In der Regel bekommen Querschnitt-Patienten Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Metamizol, Mefenaminsäure oder Paracetamol. Eine frühe Behandlung ist wichtig, um zu verhindern, dass die Schmerzen chronisch werden.
  • Spastiktherapie: Auch die erhöhte Muskelspannung der gelähmten Muskulatur (= Spastik) kann Schmerzen verursachen, die pflegerischen Versorgungsmöglichkeiten oder den Bewegungsumfang einschränken. Zur Therapie kann eine Behandlung mit Tabletten versucht werden, um die Muskelspannung zu reduzieren. Sollte dies aufgrund des Schweregrads der Spastik nicht möglich sein, werden auch andere Therapieformen zur Spastikreduktion angewendet. So wird zum Beispiel durch die Behandlung mit Botulinumtoxin eine vorübergehende, lokal beschränkte Reduktion der Muskelspannung einzelner Muskeln erreicht. Bei schwerer Spastik kann auch die Behandlungsmöglichkeit mit einem spastiklösenden Medikament direkt durch einen Katheter am Rückenmark getestet werden.

Neben den Bereichen Schmerzen und Spastik können in vielen weiteren Bereichen Medikamente zur Symptomkontrolle hilfreich sein. Dies geht von der Behandlung psychischer Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel depressiver Episoden, welche viele Patientinnen und Patienten durchleben, über Störungen der Kreislaufregulation bis hin zur unterstützenden Therapie bei der Blasen- und Darmfunktion.

Rehabilitation

Alle Patientinnen und Patienten mit einer Querschnittslähmung benötigen eine Behandlung möglicher Begleitschäden wie Inkontinenz oder Atemlähmung, eine bedarfsgerechte Schmerztherapie und eine möglichst früh zu beginnende Rehabilitation, um die Einschränkungen der Lebensqualität so gering wie möglich zu halten. Die Behandlung zielt darauf ab, die Funktionalität zu maximieren und die Lebensqualität zu verbessern.

Oberstes Ziel der Rehabilitation ist, dass der Patient nach dem Krankenhausaufenthalt ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führt und Komplikationen vermieden werden. Da eine Querschnittlähmung Einfluss auf viele unterschiedliche Lebensbereiche hat, wird der Patient in der Regel von einem interdisziplinären Team aus Ärzten, Pflegern, Physio- und Ergotherapeuten sowie Psychotherapeuten darin unterstützt, Schritt für Schritt zurück in den Alltag zu finden. Jeder Querschnittgelähmte erhält eine individuell an seine Bedürfnisse angepasste Therapie.

In der Schön Klinik München Schwabing zielt die Funktionstherapie darauf ab, eine möglichst große Selbstständigkeit der Betroffenen zu erreichen. Dies kann zum einen durch Rückgewinnung beeinträchtigter Körperfunktionen durch die Therapie erfolgen, zum anderen (speziell bei ausbleibender Besserung der Lähmungen) durch Training von Strategien, um mit den bestehenden Defiziten bestmöglich zurechtzukommen. Des Weiteren soll durch die Therapien ein Wundliegen vermieden und Schmerzen, Spastik und Kontrakturen reduziert werden.

Die Rehabilitation umfasst folgende Maßnahmen:

  • Physiotherapie: Verbesserung der Beweglichkeit und Muskelkraft. In der Anfangszeit nach einer Querschnittlähmung steht (je nach Ausmaß der Lähmungen) eine passive Bewegung durch die Physiotherapie im Vordergrund. Dabei soll vor allem die Beweglichkeit erhalten werden und eine Prophylaxe gegen Folgeschäden erfolgen. Im weiteren Verlauf der Behandlung rückt zunehmend eine Vertikalisierung in den Vordergrund, das heißt, die Patientinnen und Patienten werden zunehmend aufgerichtet und danach - sofern sie dies tolerieren - in einen Pflegestuhl mobilisiert.
  • Ergotherapie: Unterstützung bei alltäglichen Aktivitäten. Die ergotherapeutische Behandlung zielt vor allem bei Betroffenen mit einer „hohen Querschnittlähmung“ (bei Verletzungen der Halswirbelsäule) auf die Beweglichkeit der oberen Extremitäten (Arme und Hände) ab. Mit Besserung der motorischen Fähigkeiten rückt sowohl bei der hohen als auch bei der tiefen Querschnittlähmung das Training von Alltagsfertigkeiten in den Vordergrund.
  • Logopädie: Bei hohen Querschnittlähmungen kann es auch zu einer Beeinträchtigung des Sprechens und des Schluckens kommen, manchmal besteht nach langer Beatmung auch noch ein Luftröhrenschnitt mit einer platzierten (Tracheal-)Kanüle, welche das Atmen für Betroffene erleichtern und das Verschlucken verhindern soll. Durch spezielle Sprechübungen können die Verständlichkeit und die Lautstärke verbessert werden, durch intensive Therapie kann in den meisten Fällen auch eine Entwöhnung von der Trachealkanüle erreicht werden.
  • Psychotherapie: Eine Psychotherapie vermittelt Strategien, um die neue Situation besser zu bewältigen.
  • Gezielte Maßnahmen zur Darm- und Blasenkontrolle: Um einen selbstständigen Toilettengang zu ermöglichen. Hier steht an erster Stelle das „intermittierende Katheterisieren“: Betroffene lernen, ihre Blase in regelmäßigen Abständen mit einem Einmalkatheter zu entleeren. Darüber hinaus gibt es mehrere Möglichkeiten, den Stuhlgang zu kontrollieren.
  • Sexualberatung: Störungen der Sexualfunktion werden von vielen Querschnittgelähmten - unabhängig vom Geschlecht - als sehr belastend empfunden. Je nach Ausmaß der Störung gibt es unterschiedliche Ansätze, dennoch zu einem erfüllten Sexualleben zu finden.
  • Therapeutische Pflege: Durch therapeutische Pflege werden Patientinnen und Patienten nach Querschnittlähmung in ihrer Versorgung unterstützt, durch regelmäßige Lagerungen werden Kontrakturen und Wundgeschwüre (Dekubitus) vermieden, es werden die Vitalfunktionen überwacht und die Darm- und Blasenfunktion kontrolliert. Mit zunehmender Verbesserung motorischer Fähigkeiten erfolgt auch hier ein Training der Selbsthilfefähigkeiten von Betroffenen.

Die Rehabilitation findet idealerweise in einem spezialisierten Zentrum statt und dauert etwa drei bis sechs Monate bei einer Paraplegie und sechs bis zwölf Monate bei einer Tetraplegie.

Phasen der Rehabilitation

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger definiert folgende Phasen der Rehabilitation querschnittgelähmter Patientinnen und Patienten:

  • Phase A: Akutbehandlungsphase, meist auf der Intensivstation
  • Phase B: Frührehabilitative Therapien finden statt, es ist aber noch eine intensivmedizinische Betreuung notwendig
  • Phase C: Patient/innen benötigen noch medizinische und pflegerische Betreuung, können aber aktiv an den Therapien teilnehmen
  • Phase D: Weitere Rehabilitation nach Abschluss der Frührehabilitation, Patient/innen sind mit oder ohne Hilfsmittel mobil und benötigen keine aufwendige pflegerische Betreuung mehr
  • Phase E: Berufliche und soziale (Re-)Integration
  • Phase F: Sollten dauerhaft Behandlungen erforderlich sein, spricht man von Phase F

Die Geschwindigkeit mit der die Phasen der Rehabilitation durchlaufen werden, ist stark einzelfallabhängig. Außerdem ist es möglich, dass Betroffene Phasen überspringen, oder eine Phase lebenslang nicht abschließen können. Im Durchschnitt liegt die Dauer der stationären Erstrehabilitation mit einer Paraplegie bei 150, mit einer Tetraplegie bei 200 Tagen.

Hilfsmittel

Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die Menschen mit Querschnittlähmung helfen können, darunter:

  • Rollstühle (manuell und elektrisch)
  • Gehhilfen und Exoskelette
  • Hilfsmittel zur Unterstützung bei der Körperpflege und Mobilität
  • Anpassungen im Wohnraum, um die Zugänglichkeit zu verbessern

Spezifische Komplikationen und deren Behandlung

Querschnittlähmungsspezifische Komplikationen wie Druckgeschwüre (Dekubitalulcera), spastische Lähmung der Arme und Beine bzw. nur der Beine (Tetra- bzw. Paraspastik), Atmungsinsuffizienz, neuropathischer Schmerz, Abführprobleme, Nieren- und Blasenprobleme, Kreislaufprobleme bis hin zur lebensbedrohlichen autonomen Dysreflexie müssen fachgerecht behandelt werden.

Vegetative Dysfunktionen

Die spezifischen querschnittbedingten vegetativen Dysfunktionen inklusive kardiovaskuläre Funktionsstörungen sind Folge des Ausfalls autonomer Funktionen. Die akute traumatische Querschnittläsion führt durch den Ausfall der sympathischen Innervation zu einem Überwiegen des Parasympathikus. Der neurogene Schock beschreibt die hämodynamische Veränderungen im Rahmen des spinalen Schocks mit den Symptomen Hypotonie, Bradykardie und Hypothermie, auch bekannt als klassische Trias des neurogenen Schocks. Ergänzend können die folgenden Symptome des spinalen Schocks auftreten: Störung der bronchopulmonalen, viszeralen und der Schweisssekretion, der Blasen- und Darm- und der Sexualfunktion.

Nach Abklingen des spinalen Schocks kann es bei einer Läsionshöhe T6 oder höher als Ausdruck des chronischen Stadiums einer Querschnittlähmung zur autonomen Dysregulation (Dysreflexie ) mit gefährlicher, unkontrollierter Hypertonie kommen. Der dabei beobachtete massive Blutdruckanstieg stellt eine lebensbedrohliche Komplikation dar, die sofort behandelt werden muss. Falls die Ursache (in 95 % überfüllte Blase) nicht umgehend gefunden werden kann, eignen sich Nitrate (duch Senkung der Vorlast) oder Antihypertensiva wie Urapidil oder Nicardipin zur Kontrolle der Hypertonie.

Atemfunktionsstörungen

Querschnittläsionen verursachen in Abhängigkeit von der Läsionshöhe eine Lähmung der inspiratorischen und exspiratorischen Muskulatur. Die fehlende Kraft der inspiratorischen Muskulatur führt zu einer Abnahme der inspiratorischen Vitalkapazität und somit zu einer reduzierten totalen Lungenkapazität. Folge davon kann eine Hypoventilation sein. Die reduzierte Kraft der exspiratorischen Muskulatur führt zu einer Abnahme des exspiratorischen Reservevolumens (ERV).

Bei Läsionen oberhalb C4-C8 erfolgt die Exspiration nur passiv. Bei Läsionen C4 und höher kommt es zum Ausfall der Zwerchfellatmung. Patienten mit Läsionen C2 oder höher bleiben in der Regel abhängig von einer mechanischen Ventilation, während bis zu 80 % der Patienten mit einer Läsion C3 und C4 erfolgreich von der initialen mechanischen Ventilation entwöhnt werden können. In der Frühphase oder zu einem späteren Zeitpunkt kann die Implantation eines Zwerchfellstimulators erwogen werden.

Aktuelle Forschung und Ausblick

Eine Heilung der Querschnittlähmung ist derzeit (noch) nicht möglich, da durchtrenntes Nervengewebe nicht wieder zusammenwächst. Ist das Rückenmark „nur“ gequetscht oder geprellt, bilden sich die neurologischen Ausfälle unter Umständen wieder zurück. Bei akuten Schäden des Rückenmarks versuchen Ärzte zunächst, die Situation soweit zu stabilisieren, dass sie sich nicht mehr verschlechtert. In vielen Fällen bleiben jedoch dauerhafte Schäden zurück.

Es gibt inzwischen gute Möglichkeiten, die Situation betroffener Menschen durch gezielte Therapien zu verbessern. Fortschritte in der Forschung, insbesondere in der regenerativen Medizin und Neurotechnologie, bieten jedoch Hoffnung auf zukünftige Therapien.

Leben mit Querschnittslähmung

Eine Querschnittlähmung kann erhebliche Auswirkungen auf das tägliche Leben haben, einschließlich:

  • Mobilitätseinschränkungen und der Notwendigkeit von Hilfsmitteln
  • Veränderungen in der Selbstständigkeit und der Fähigkeit, alltägliche Aufgaben zu erledigen
  • Emotionalen Herausforderungen, wie Angst, Depression oder Anpassungsprobleme
  • Bedarf an Unterstützung durch Familie, Freunde oder Pflegekräfte

Dennoch ist ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben mit Querschnittslähmung möglich. Wichtig sind eine umfassende Rehabilitation, die Nutzung von Hilfsmitteln und die Unterstützung durch ein interdisziplinäres Team.

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