Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, von der Millionen Menschen betroffen sind. Glücklicherweise gibt es in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte bei der Entwicklung neuer Medikamente zur Behandlung und Vorbeugung von Migräneattacken. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über einige der neuesten Medikamente, die auf dem Markt erhältlich sind, darunter Atogepant und Rimegepant, sowie über andere vielversprechende Forschungsansätze.
Atogepant: Ein neuer oraler CGRP-Rezeptorantagonist zur Migräneprophylaxe
Atogepant, vermarktet unter dem Handelsnamen Aquipta, ist ein oraler CGRP-Rezeptorantagonist, der seit dem 1. März in Deutschland erhältlich ist. Es wurde im Sommer 2023 für die Europäische Union zugelassen. Atogepant gehört zur Gruppe der Gepante und bindet an den Rezeptor des Neuropeptids CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide), das eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Migräneanfällen spielt.
Zulassung und Indikation
Atogepant ist zugelassen zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit vier oder mehr Migränetagen pro Monat. Es kann sowohl bei episodischer als auch bei chronischer Migräne verschrieben werden. Die empfohlene Dosis beträgt 60 mg einmal täglich.
Klinische Studien und Wirksamkeit
Die Zulassung von Atogepant basiert auf zwei großen Studien, die gezeigt haben, dass der Wirkstoff die Anzahl der Tage, an denen Patienten unter Migräne leiden, signifikant verringert. In einer Studie mit 882 Betroffenen (mindestens 4 Migräneanfälle pro Monat) reduzierte eine 12-wöchige Behandlung mit Atogepant die Zahl der Migränetage pro Monat von durchschnittlich 8 auf 3 bis 4. In der Placebogruppe verringerte sich die Zahl der Migränetage auf 5.
Die Reduktion der Migränetage durch Atogepant war in den Studien zur episodischen und chronischen Migräne ähnlich wie bei den CGRP/CGRP-Rezeptor-Antikörpern. Die Wirkung trat bereits nach 4 Wochen ein, was im Vergleich zu unspezifischen Migräneprophylaktika schneller ist. Atogepant war auch bei Versagen von bis zu 4 Vortherapien wirksam.
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Eine weitere Studie untersuchte die Wirksamkeit und Sicherheit von Atogepant bei Patienten mit episodischer Migräne, bei denen herkömmliche orale präventive Migränetherapien versagt hatten. Atogepant zeigte im Vergleich zu Placebo eine signifikante klinisch relevante Reduktion der monatlichen Migränetage über 12 Wochen.
Einnahme und Dosierung
Atogepant ist in den Dosierungen 10 und 60 Milligramm erhältlich. Die weißen, runden Tabletten sind im Ganzen zu schlucken und dürfen nicht geteilt, zerdrückt oder zerkaut werden. Wenn die Einnahme vergessen wird, ist diese so schnell wie möglich nachzuholen.
Nebenwirkungen und Kontraindikationen
In den Zulassungsstudien traten am häufigsten verminderter Appetit, Übelkeit, Verstopfung, Fatigue und Gewichtsabnahme auf. Atogepant hat keinen oder einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen. Bei einigen Patienten kann es jedoch zu Somnolenz führen.
Bisher liegen nur sehr begrenzt Erfahrungen mit der Anwendung von Atogepant bei Schwangeren vor. Tierexperimentelle Studien haben eine Reproduktionstoxizität gezeigt. Ob der Wirkstoff in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt. Im Tierexperiment lässt sich Atogepant in der Milch nachweisen.
Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) betont, dass in den klinischen Studien zu Aquipta Patienten mit kardio- und zerebrovaskulären Erkrankungen nicht untersucht wurden. Für diese Patientengruppe liegen also keine Daten vor.
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Wirtschaftlichkeit und Verordnung
Die DMKG setzt aus wirtschaftlichen Gründen für eine Verordnung von Aquipta Therapieversagen oder Kontraindikationen für klassische unspezifische Migräneprophylaxen voraus. Ein Wechsel von anderen Prophylaxepräparaten zu Aquipta sei dann sinnvoll, „wenn keine zufriedenstellende Reduktion der monatlichen Migränetage durch eine Migräneprophylaxe erreicht wird und sollte in jedem Fall bei gesundheitseinschränkenden Nebenwirkungen erfolgen“.
Rimegepant: Ein dual wirksamer CGRP-Rezeptorantagonist
Rimegepant, vermarktet unter dem Namen Vydura, ist ein weiterer CGRP-Rezeptorantagonist, der in der Europäischen Union zugelassen ist. Im April 2022 wurde Rimegepant in der EU für die Akutbehandlung und Prophylaxe episodischer Migräne zugelassen. Seit Juni ist Rimegepant auch in Deutschland verfügbar. Es ist das erste Arzneimittel, das sowohl zur akuten Behandlung von Migräneattacken als auch zur Vorbeugung eingesetzt werden kann.
Anwendungsbereiche
Rimegepant wird in Tablettenform eingenommen und hat zwei Anwendungsbereiche:
- Akute Behandlung von Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen
- Vorbeugende Behandlung der episodischen Migräne bei Erwachsenen, die mindestens 4 Migräneanfälle pro Monat haben
Wirkmechanismus
Rimegepant blockiert das Botenmolekül CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide), das bei Migräne eine zentrale Rolle spielt. CGRP ist dafür bekannt, Entzündungsprozesse und die Erweiterung von Blutgefäßen im Gehirn auszulösen, was zu den typischen Symptomen einer Migräne führt. Durch die Hemmung dieses Moleküls kann Rimegepant die Beschwerden effektiv lindern.
Einnahme und Dosierung
Rimegepant wird in Form einer Tablette angeboten, die sich im Mund auflöst. Dies erleichtert die Einnahme, insbesondere während einer akuten Attacke, wenn Schlucken oft erschwert ist. Die empfohlene Dosierung beträgt 75 mg bei Bedarf, wobei das Medikament höchstens einmal pro Tag eingenommen werden sollte.
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Wirksamkeit im Vergleich zu anderen Migränemedikamenten
In Studien mit über 3000 Personen zeigte Rimegepant eine moderate Wirksamkeit bei der Akutbehandlung von Migräne. Nach zwei Stunden waren fünf bis zehn Prozent mehr Patientinnen und Patienten schmerzfrei im Vergleich zu Placebo. Auch Begleitsymptome wie Übelkeit und Lichtempfindlichkeit besserten sich leicht häufiger.
Im Vergleich zu Triptanen, wie beispielsweise Sumatriptan, schneidet Rimegepant weniger effektiv ab. Triptane wirken oft schneller und zuverlässiger bei der Linderung von Migränesymptomen. Gegenüber klassischen Schmerzmitteln wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure (ASS) konnte bisher kein klarer Vorteil von Rimegepant nachgewiesen werden.
Geeignete Patientengruppen
Rimegepant ist besonders geeignet für Patientengruppen, bei denen herkömmliche Therapien nicht ausreichend wirksam oder verträglich sind. Insbesondere profitieren Menschen, die Triptane entweder nicht vertragen oder aufgrund bestimmter gesundheitlicher Einschränkungen nicht anwenden dürfen. Dazu zählen beispielsweise Personen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen, da Triptane aufgrund ihrer gefäßverengenden Wirkung in solchen Fällen kontraindiziert sein können. Darüber hinaus ist Rimegepant eine vielversprechende Option für Patientinnen und Patienten, die trotz der Anwendung anderer Migränetherapien keine ausreichende Linderung ihrer Beschwerden erfahren. Dies betrifft vor allem Menschen mit therapieresistenter Migräne, bei denen herkömmliche Behandlungsansätze wie Schmerzmittel oder prophylaktische Medikamente keine zufriedenstellenden Ergebnisse erzielen.
Nebenwirkungen
Die Einnahme von Rimegepant kann mit verschiedenen Nebenwirkungen einhergehen. Die meisten dieser Beschwerden sind mild und vorübergehend. Häufig berichten Patientinnen und Patienten über Übelkeit sowie Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung. Seltener können jedoch ernsthaftere Nebenwirkungen auftreten, darunter Erhöhungen der Leberwerte und allergische Reaktionen. Besondere Vorsicht ist bei Patientinnen und Patienten mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen geboten.
Kostenübernahme
Die Kosten für eine Behandlung mit Rimegepant belaufen sich auf etwa 30 Euro pro Tablette. Die Kosten für Rimegepant werden jedoch nach ärztlicher Verordnung in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen und privaten Krankenversicherungen übernommen.
Wichtige Hinweise vor der Einnahme
Rimegepant ist ein Medikament zur Behandlung bestimmter Kopfschmerzarten, insbesondere Migräne. Es wird jedoch nicht als Standardtherapie eingesetzt, sondern dient primär als Reserve-Medikament. Die Wirkung von Rimegepant wird als moderat beschrieben, weshalb es kein Wundermittel darstellt. Vor der Einnahme sollten Patienten mögliche Nebenwirkungen berücksichtigen. Obwohl das Medikament in Studien getestet wurde, sind die Langzeitsicherheitsdaten noch begrenzt.
Weitere Therapieansätze und Forschung
Neben Atogepant und Rimegepant gibt es weitere vielversprechende Therapieansätze und Forschungsergebnisse im Bereich der Migränebehandlung:
Ubrogepant gegen Migräne-Vorboten
Eine Studie deutet darauf hin, dass das Medikament Ubrogepant schon gegen Vorboten der Kopfschmerzattacken wirken könnte. Ubrogepant zählt zur neuen Wirkstoffklasse der Gepante und blockiert die Andockstelle für einen Botenstoff im Gehirn - das Neuropeptid CGRP. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Ubrogepant gegen häufige Vorboten-Symptome bei Migräne wirken könnte. Allerdings plädieren Fachleute für eine Folgestudie, die den Zusammenhang gezielt untersucht.
Erenumab: Ein monoklonaler Antikörper gegen CGRP
Erenumab (Aimovig®) ist ein monoklonaler Antikörper, der den CGRP-Rezeptor hemmt. In Migräneattacken finden sich erhöhte CGRP-Spiegel, bei der chronischen Migräne auch zwischen den Anfällen. Erenumab ist zur vorbeugenden Behandlung von Migräne bei Erwachsenen zugelassen. Die Behandlung wird durch eine Selbstinjektion des Arzneimittels unter die Haut einmal pro Monat durchgeführt. In den Zulassungsstudien konnte Erenumab sowohl bei Patienten mit episodischer als auch chronischer Migräne die Zahl der Migränetage im Monat signifikant stärker reduzieren als Placebo.
PACAP: Neues Signalmolekül im Fokus der Forschung
Neben Gepanten rücken auch andere vielversprechende Ansätze in den Fokus der Migräneforschung. Das Signalmolekül PACAP-38 (Pituitary Adenylate Cyclase-activating Peptide-38) ist ein potenzielles neues Ziel für künftige Therapien. PACAP-38 ist wie CGRP an der Pathophysiologie der Migräne beteiligt. Die Hemmung der PACAP-Signalübertragung könnte somit ein wirksamer neuer Ansatz zur Migräneprävention sein.
KATP-Kanäle: Vielversprechendes Target für die Migränetherapie
Ein weiteres interessantes Wirkziel für die Migränetherapie sind KATP-Kanäle, ATP-abhängige Kaliumkanäle, die im trigeminovaskulären System weit verbreitet sind und unter anderem an der Regulierung von Anspannung von Arterien in Gehirn und Hirnhaut mitwirken. Studien haben gezeigt, dass Medikamente für andere Erkrankungen, die KATP-Kanäle öffnen, bei vielen Patient:innen zu Kopfschmerzen führen können. Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass KATP-Kanäle ein Ziel für zukünftige Migränetherapien sein könnten.
Aktualisierte Leitlinien zur Migränetherapie
Für Migränepatientinnen und -patienten gibt es immer mehr Behandlungsmöglichkeiten. In die aktualisierten Leitlinien zur Migränetherapie sind einige neue Medikamente und Verfahren aufgenommen worden. Die Leitlinie wird jedes Jahr ergänzt und alle fünf Jahre vollständig überarbeitet. Sie dient Medizinern und Angehörigen anderer Heilberufe als wissenschaftliche Orientierung. Damit auch die Betroffenen selbst einen guten Überblick bekommen, gibt es erstmals auch eine Patientenleitlinie für Migräniker, die die wissenschaftlichen Empfehlungen in verständliche Sprache übersetzt.