Reizdarmsyndrom: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Das Reizdarmsyndrom (RDS), auch bekannt als Irritable Bowel Syndrome (IBS), ist eine weit verbreitete funktionelle Magen-Darm-Erkrankung, die durch chronische Bauchbeschwerden und Stuhlunregelmäßigkeiten gekennzeichnet ist. Die Diagnose wird in der Regel klinisch gestellt, nachdem andere mögliche Ursachen ausgeschlossen wurden. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Definition und Häufigkeit

Das Reizdarmsyndrom ist durch chronische, d.h. länger als drei Monate anhaltende, abdominelle Beschwerden wie Bauchschmerzen und Blähungen sowie Stuhlunregelmäßigkeiten wie Durchfall oder Verstopfung gekennzeichnet. Diese Beschwerden werden von Patient und Arzt auf den Darm bezogen. Es handelt sich um eine funktionelle Störung, bei der keine organischen Ursachen in der Routinediagnostik nachweisbar sind.

Das Reizdarmsyndrom ist eine häufige Erkrankung. Bis zu 50 % der Besuche beim Gastroenterologen sind auf diese Diagnose zurückzuführen. "Reizdarm" ist unter den Magen-Darm-Erkrankungen die am häufigsten gestellte Diagnose. Frauen sind davon doppelt so oft betroffen wie Männer. Die Prävalenz des Reizdarmsyndroms liegt, je nach verwendeten Diagnosekriterien, zwischen 2,5 und 25 %.

Ursachen und Risikofaktoren

Die genaue Ursache des Reizdarmsyndroms ist nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren eine Rolle spielt, darunter:

  • Funktionelle Störung: Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine funktionelle Störung zwischen vegetativem Nervensystem und der Darmmuskulatur.
  • Vegetatives Nervensystem: Eine Störung des Nervensystems des Magen-Darm-Trakts, des sogenannten enterischen Nervensystems, kann eine Rolle spielen. Da die Zahl der Nervenzellen und die Komplexität der Verknüpfungen untereinander vergleichbar zu unserem Gehirn sind, wird das System auch als „Bauchgehirn“ bezeichnet. So wie unser Gehirn das zentrale Steuerorgan für all unsere Sinneseindrücke und Muskeln im Körper ist, steuert das enterische Nervensystem die Empfindungen und Muskeln im Magen-Darm-Trakt.
  • Psychische Faktoren: Manchen Menschen schlägt Stress im wahrsten Sinne auf den Magen und den Darm. Erhöhte Prävalenzen psychischer Komorbidität (depressive und Angststörungen, Somatisierungstendenzen) können nachgewiesen werden, so dass eine psychosomatische (Mit-)Behandlung sinnvoll sein kann. Auch psychische Faktoren, wie akuter oder anhaltender Stress oder Traumata, kommen als Ursache in Frage.
  • Darmflora: Mitverantwortlich kann eine gestörte Darmflora sein: Antibiotika oder schwere Magen-Darm-Infekte bringen die natürliche Mischung der nützlichen Bakterien im Darm durcheinander. Ist die Darmflora über längere Zeit geschädigt (sogenannte Dysbiose), kann sich zudem die Darmschleimhaut verändern. Sie bekommt (sehr vereinfacht gesprochen) quasi "Löcher", wird also leichter durchlässig für Giftstoffe und Krankheitserreger. Nach einer Salmonelleninfektion beispielsweise ist deshalb das RDS-Risiko um das Achtfache erhöht, aber auch andere Darmkeime wie Yersinien, Campylobacter oder EHEC können die Beschwerden auslösen.
  • Bakterielle Enteritis: Bakterielle Enteritis (postinfektiöses Reizdarmsyndrom), z.B. nach schwerer Salmonelleninfektion o.a. infektiösen Erkrankungen der Darmschleimhaut.
  • Genetische Veranlagung: Ja, man weiß heute, dass funktionelle Magen-Darm-Erkrankungen einen genetischen Hintergrund haben. Das sind keine Erbkrankheiten im klassischen Sinne, man weiss aber heute, dass zum Beispiel es bei verschiedenen Rezeptorsystemen Genveränderungen gibt, die möglicherweise vererbt werden. Neben diesen genetischen Veränderungen, die interessanterweise auch wieder interessante Parallelen zu den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen aufweisen, gibt es natürlich auch viele Faktoren, die familiär bedingt sind. Das sind Erfahrungen in der Kindheit oder dass gestresste Mütter ein höheres Risiko haben, Kinder auf die Welt zu bringen, die letztendlich eine höheres Risiko für funktionelle Magen-Darm-Erkrankungen entwickeln. Die Erziehung spielt eine Rolle, das familiäre Umfeld, also familiäre Faktoren, wobei man die gesamte Palette von genetischen Veränderungen bis zu den äußeren Situationen und Einflüssen, die durch Familie bedingt sind, betrachtet.
  • Veränderte Motilität: Veränderte Motilität.
  • Erhöhte Schleimhautpermeabilität: Erhöhte Schleimhautpermeabilität (Leaky gut).
  • Immunzellen: Immunzellen in Schleimhautbiopsien, z.B.
  • Ernährung: Die Ernährung hat ebenfalls entscheidenden Einfluss auf die Erkrankung.

Symptome

Die Symptome des Reizdarmsyndroms können vielfältig sein und sich von Patient zu Patient unterscheiden. Häufige Symptome sind:

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  • Bauchschmerzen: Bauchschmerzen, die chronisch sind und länger als drei Monate andauern. Die Schmerzen können krampfartig, stechend oder brennend sein und an verschiedenen Stellen im Bauch auftreten.
  • Stuhlunregelmäßigkeiten: Veränderungen des Stuhlgangs, wie Durchfall (RDS-D), Verstopfung (RDS-C) oder ein Wechsel zwischen beiden (RDS-M).
  • Blähungen: Völlegefühl, Blähungen und ein aufgeblähter Bauch.
  • Weitere Symptome: Übelkeit, Druck- und Völlegefühl, Schmerzen beim Stuhlgang, Gefühl der unvollständigen Darmentleerung, Schleim im Stuhl.

Symptome, welche gegen das Vorliegen eines Reizdarms als Ursache sprechen, sind Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Blutarmut und Fieber. In diesem Fall sind Untersuchungen zum Ausschluss von bösartigen oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen dringend angezeigt.

Diagnose

Die Diagnose des Reizdarmsyndroms ist eine sogenannte Ausschlussdiagnose. Das bedeutet, dass zunächst andere Erkrankungen, die zu gastrointestinalen Beschwerden führen können, ausgeschlossen werden müssen. Es ist wichtig, andere potenziell gefährliche Erkrankungen, wie z. B. Darmkrebs, auszuschließen. Die Diagnose erfolgt in der Regel in mehreren Schritten:

  1. Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der Art, Häufigkeit und Dauer der Symptome.
  2. Körperliche Untersuchung: Gründliche körperliche Untersuchung, einschließlich rektaler Untersuchung.
  3. Laboruntersuchungen: Blutuntersuchungen (Blutbild, Entzündungsparameter, Leber- und Nierenwerte, Schilddrüsenwerte) und Stuhluntersuchungen (auf Entzündungsmarker, Parasitenbefall, pathogene Keime, Calprotectin).
  4. Bildgebende Verfahren: Ultraschall des Bauches (Abdomensonographie), ggf. MRT oder CT des Darms. Häufig zeigt sich hier eine übermäßige Darmgasansammlung (Meteorismus). Außerdem wird der Darm auf Entzündungszeichen untersucht, welche sich durch eine Zunahme der Darmwanddicke und ggf. umgebende Flüssigkeitsansammlung darstellen kann. Tumore, welche den Transport der Nahrung behindern, verursachen im Ultraschall das Bild eines Aufstaus von Darminhalt bis hin zum Darmverschluss. Außerdem können so krankhafte Veränderungen von Leber, Gallenblase, Gallenwegen und der Bauchspeicheldrüse festgestellt werden. Da eine Überfunktion der Schilddrüse chronische Durchfälle und eine Unterfunktion Verstopfung auslösen kann, sollte bei ebenfalls bestehenden Hormonveränderungen in der Blutuntersuchung eine Schilddrüsen-Sonographie ergänzt werden.
  5. Endoskopie: Magen- und Darmspiegelung (Gastroskopie und Koloskopie) mit Entnahme von Gewebeproben (Biopsien) zur Untersuchung auf andere Erkrankungen wie Zöliakie oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.

Folgende strukturelle Erkrankungen sollten in Erwägung gezogen und vor der Diagnose eines Reizdarms möglichst ausgeschlossen werden:

  • Darmkrebserkrankungen (Kolon-/Rektumkarzinom)
  • Magen-Darm-Infektionen
  • chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa)
  • glutensensitive Enteropathie (Zöliakie)
  • Laktose-/Fruktose-/Sorbit-Unverträglichkeit
  • Bakterienfehlbesiedlung des Darms
  • Bauchspeicheldrüsenerkrankungen
  • Gallenwegserkrankungen
  • Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion
  • Endometriose
  • Eierstocktumore (Ovarial-Karzinom)
  • Verwachsungen nach Operationen des Bauchraums (Briden)

Behandlung

Da die genaue Ursache des Reizdarmsyndroms nicht bekannt ist, zielt die Behandlung darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Therapie ist individuell und kann folgende Elemente umfassen:

  1. Allgemeine Maßnahmen:

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    • Ernährungsumstellung: Individuelle Anpassung der Ernährung, basierend auf den Symptomen und Unverträglichkeiten. Eine FODMAP-reduzierte Ernährung kann helfen, Symptome von Blähungen, Völlegefühl, Krämpfe und / oder Durchfall wesentlich zu mindern. Reduziert werden hierbei Nahrungsmittel mit hohen Anteilen von: Fructose, Lactose, Fruktane (Frukto-Oligosaccharide), Galactane und Polyole. Zu den Polyolen zählen Zuckeralkohole wie Sorbitol, Mannit, Isomalt und Xylitol. Diese kommen in einigen Früchten, aber besonders in Fertigprodukten und Erfrischungsgetränken zu finden. Die Diät sollte mindestens über 4 und maximal über 8 Wochen durchgeführt. Wichtig ist, dass die Patienten in diesem Zeitraum sich streng an die Diät halten sollten und keine Ausnahmen machen. Allerdings sollte eine FODMAP-reduzierte Diät niemals ohne ärztlichen Rat und klare Diagnose ausprobiert werden, denn sie kann die Beschwerden, zum Beispiel bei einer Allergie, auch verschlimmern. Während der FODMAP-reduzierten Diät lassen RDS-Beschwerden wie Schmerzen, Blähungen und Durchfall oftmals rasch nach oder verschwinden sogar ganz. Wichtig ist, die FODMAP-haltigen Nahrungsmittel nach der Auslassphase schrittweise wieder einzuführen, damit keine Mangelerscheinungen auftreten, und im Ernährungstagebuch dabei festzuhalten, welche Symptome nun nach dem Verzehr welcher Lebensmittel auftreten.
    • Ballaststoffreiche Ernährung: Erhöhung der Ballaststoffzufuhr, z.B. durch Flohsamen oder Leinsamen.
    • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr: Trinken von ausreichend Wasser.
    • Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität zur Förderung der Darmfunktion.
    • Stressmanagement: Entspannungsverfahren wie Yoga, Meditation oder autogenes Training zur Stressreduktion.
    • Sinnvoll ist es, für ca. 14 Tage ein Ernährungstagebuch zu führen mit Protokollierung seiner Essgewohnheiten (Uhrzeit, Art und Menge der Nahrung sowie danach evtl.
  2. Medikamentöse Therapie:

    • Spasmolytika: Zur Linderung von Bauchkrämpfen (z.B. Mebeverin, Butylscopolamin).
    • Laxantien: Bei Verstopfung (z.B. Macrogol, Lactulose).
    • Antidiarrhoika: Bei Durchfall (z.B. Loperamid).
    • Probiotika: Zur Verbesserung der Darmflora. Ausgewählte Probiotika können gemäß der S3-Leitlinie in der Therapie des Reizdarmsyndroms eingesetzt werden.
    • Antidepressiva: In niedriger Dosierung zur Schmerzlinderung und Stimmungsaufhellung.
    • Pflanzliche Mittel: Pfefferminzöl oder Melissenblätterextrakt zur Darmberuhigung.
  3. Psychotherapie:

    • Kognitive Verhaltenstherapie: Zur Veränderung von Denkmustern und Verhaltensweisen im Umgang mit den Symptomen.
    • Hypnose: Darmhypnose zur Beeinflussung der Darm-Hirn-Achse.

Neue Untersuchungs­methode zur Unter­su­chung von Nahrungs­mit­tel­un­ver­träg­lich­keiten

Laut Dr. Moog zeigen neuere Unter­su­chungen, dass bis zu 50 Prozent dieser Patienten eine atypische, nicht durch Immun­glo­bulin IgE vermit­telte Nahrungs­mit­tel­all­ergie haben könnten. Im Marienkrankenhaus in Kassel (MKH), in dem Dr. Moog die gastro­en­te­ro­lo­gische Klinik leitet und auch ambulant als Gastro­en­te­rologe tätig ist, kann diese Unver­träg­lichkeit jetzt mithilfe eines spezi­ellen Unter­su­chungs­ver­fahrens aufge­deckt werden: „Mit der confo­kalen Laser-Endomi­kro­skopie (CLE) ist es möglich, mit 1200-facher Vergrö­ßerung die Schleim­haut­zellen des Dünndarms zu betrachten und in Echtzeit Verän­de­rungen der Zellarchi­tektur nach Kontakt mit verschie­denen Nahrungs­mit­tel­all­er­genen zu sehen. Dabei kann nach Gabe eines fluores­zie­renden Wirkstoffes in die Blutbahn des Patienten die Schädigung von Zellwänden und Gefäßen beobachtet werden, was auch mit dem Begriff „leaky gut bezeichnet wird“, erklärt der Gastro­en­te­rologe die neue Unter­su­chungs­me­thode. Voraus­setzung dafür ist, dass beim betrof­fenen Patienten im Vorfeld andere Ursachen für die Beschwerden ausge­schlossen werden konnten und auch herkömm­liche Unter­su­chungen in Bezug auf Nahrungs­mit­tel­un­ver­träg­lich­keiten - etwa die auf Milch­zucker und/oder Frucht­zucker - kein Ergebnis brachten.

Prognose

Das Reizdarmsyndrom ist eine chronische Erkrankung, die jedoch nicht lebensbedrohlich ist. Die Symptome können im Laufe der Zeit variieren. Viele Betroffene lernen, mit den Beschwerden umzugehen und ihre Lebensqualität durch eine angepasste Lebensweise und Behandlung zu verbessern. Es gibt keine Prophylaxe, die das Auftreten eines Reizdarmsyndroms verhindern kann.

Die Rolle der Neurogastroenterologie

Unter Neurogastroenterologie versteht man die Erforschung und Behandlung von bestimmten Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt. Allen gemein ist eine Störung des Nervensystems des Magen-Darm-Trakts, des sogenannten enterischen Nervensystems. Typische neurogastroenterologische Erkrankungen sind Schluckstörungen, Refluxerkrankung, Reizmagen, Reizdarmsyndrom, chronische Verstopfung sowie Stuhlinkontinenz. Neurogastroenterologische Erkrankungen betreffen etwa zwanzig bis dreißig Prozent aller Menschen.

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