Jeder Mensch muss mehrmals am Tag seine Blase entleeren. Wenn jedoch ein ständiger Harndrang oder unwillkürlicher Urinverlust den Alltag beeinträchtigen, kann dies auf eine Reizblase oder andere Probleme im Beckenboden hindeuten. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen Ursachen, Diagnoseverfahren und Behandlungsansätze, um Betroffenen zu helfen, ihre Lebensqualität wiederzuerlangen.
Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK) als Hilfsmittel
In manchen Fällen, insbesondere bei neurologischen Störungen, ist die Blasenentleerung beeinträchtigt. Hier kann der intermittierende Selbstkatheterismus (ISK) Abhilfe schaffen. Beim ISK führt der Patient selbstständig einen Einmalkatheter über die Harnröhre in die Blase ein, um diese regelmäßig zu entleeren.
Durchführung des ISK
- Vorbereitung: Wählen Sie eine bequeme Position auf der Toilette oder dem Bett.
- Hygiene: Waschen Sie den Genitalbereich gründlich mit einer pH-neutralen Waschlotion.
- Frauen: Spreizen Sie die Schamlippen mit Zeige- und Mittelfinger einer Hand und ziehen Sie sie leicht nach oben. Führen Sie mit der freien Hand den Katheter langsam durch die Harnröhre in die Blase ein, bis Urin fließt.
- Männer: Nehmen Sie den Penis mit einer Hand und heben Sie ihn leicht in Richtung Bauchdecke. Führen Sie mit der freien Hand den Katheter vorsichtig durch die Harnröhre in die Blase ein, bis Urin fließt.
- Katheterposition: Sobald Urin abläuft, schieben Sie den Katheter vorsichtig noch 1-2 cm weiter.
- Harnfluss stoppt: Ziehen Sie den Katheter etwas zurück, bis der Urin wieder fließt.
Der intermittierende Selbstkatheterismus sollte unter keimfreien Bedingungen erfolgen, um Infektionen vorzubeugen. Gleitgel oder ein beschichteter Katheter können das Einführen erleichtern. Es wird empfohlen, die Harnblase vor dem Geschlechtsverkehr per Katheter zu entleeren, um ungewollten Urinabgang zu verhindern.
Ursachen für Nervenprobleme im Beckenboden
Verschiedene Faktoren können zu Problemen mit den Nerven im Beckenboden führen:
- Neurologische Störungen: Störungen in der Koordination zwischen Nervensystem und Muskeln können die Blasenfunktion beeinträchtigen.
- Überaktive Blase (ÜAB): Mehr als 6 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen. Die Häufigkeit steigt mit zunehmendem Alter. Ursachen können neurologische Erkrankungen oder Operationen im kleinen Becken sein, oft ist die Ursache aber unbekannt (idiopathische ÜAB). Symptome sind starker Harndrang, häufige Toilettengänge und Dranginkontinenz.
- Psychosomatische Ursachen: Stress, Angst, depressive Verstimmungen oder Überlastung können sich auf die Blase auswirken, da diese vom vegetativen Nervensystem und Zentren im Gehirn gesteuert wird.
- Beckenbruch: Ein Beckenbruch kann Nerven schädigen, welche die Blase und den Darm versorgen, was zu Stuhl- und Harninkontinenz führen kann.
Symptome von Nervenproblemen im Beckenboden
Die Symptome können vielfältig sein:
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- Starker Harndrang
- Häufige Toilettengänge
- Unwillkürlicher Urinverlust (Dranginkontinenz)
- Schmerzen im Beckenbereich
- Blutiger Urin (kann auf eine Blasenverletzung hindeuten)
- Verstopfung (kann die Katheterisierung negativ beeinflussen)
Diagnoseverfahren
Um die Ursache der Beschwerden zu ermitteln, können verschiedene Diagnoseverfahren eingesetzt werden:
- Anamnese: Der Arzt erfasst den Unfallhergang, die Krankengeschichte und die genaue Beschreibung der Schmerzen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht den Betroffenen auf äußere Verletzungen und tastet das Becken auf Unregelmäßigkeiten ab. Er prüft die Motorik und Sensibilität der Beine, um Nervenschädigungen festzustellen.
- Röntgenübersichtsaufnahme des Beckens: Zur genauen Lokalisierung des Bruchs und zur Erkennung eines stabilen oder instabilen Beckenbruchs.
- Computertomografie (CT): Bei Verdacht auf hintere Beckenringfraktur, Hüftpfannenfraktur oder Bruch des Kreuzbeines.
- Magnetresonanztomografie (MRT): Zur Abklärung einer Fraktur bei Kindern und älteren Patienten.
- Ultraschalluntersuchung: Zur Kontrolle des Bauchraums auf Verletzungen der inneren Organe.
- Knochendichtemessung: Bei Verdacht auf Osteoporose als Ursache für die Beckenfraktur.
- Ausscheidungsurografie: Zur Untersuchung der Nieren und der ableitenden Harnwege.
- Urethrografie: Röntgendarstellung der Harnröhre zur Diagnose von Harnröhrenabrissen.
- Angiografie: Bei Blutungen zur Aufdeckung der Blutungsquelle.
- Miktionstagebuch: Notieren der Trinkgewohnheiten und Ausscheidungen über eine Woche.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und Schwere der Beschwerden:
- Konservative Therapie:
- Blasentraining: Tagebuch über Toilettengänge und Trinkmenge führen, Abstände zwischen den Toilettengängen langsam vergrößern.
- Beckenbodengymnastik: Stärkung der Beckenbodenmuskulatur.
- Verhaltensmaßnahmen: Anpassung der Trinkgewohnheiten und Toilettengänge.
- Ernährungscheck: Vermeidung von blasenreizenden Substanzen wie Kaffee und kohlensäurehaltigen Getränken. Stärkung der Blase durch Zitrusfrüchte.
- Ausgleichende Sportarten: Stabilisierung des Beckenbodens.
- Medikamentöse Therapie:
- Anticholinergika: Zur Behandlung der überaktiven Blase.
- Mirabegron: Basierend auf einer neuen Wirkstoffgruppe zur Behandlung der überaktiven Blase.
- Parasympatholytika: Hemmen oder aktivieren über das parasympathische Nervensystem die Blasenfunktion.
- Antidepressiva: Gabe von Serotonin zur Stärkung der Blasenfunktion.
- Desmopressin: Künstlich produziertes ADH zur Drosselung der nächtlichen Urinproduktion bei Enuresis (Bettnässen).
- Minimalinvasive Verfahren:
- Beckenbodenschrittmacher (Sakrale Neuromodulation): Eine Elektrode wird an die Sakralnerven implantiert, um die Signale des übermäßig starken Harndranges zu unterdrücken.
- Botulinumtoxin A (Botox)-Injektion: Lähmt den Blasenmuskel und unterdrückt somit die Kontraktionen des Blasenmuskels.
- Operative Behandlung:
- Bei instabilem Beckenbruch: Stabilisierung des Beckens mit einem Fixateur externe oder einer Beckenzwinge.
- Bei Schambeinbruch: Stabilisierung des Schambeins mit Platten.
- Bei Hüftpfannenfraktur: Fixierung der Bruchteile mit Schrauben und Platten oder einem Fixateur externe.
- Weitere Maßnahmen:
- Intermittierender Selbstkatheterismus (ISK): Regelmäßige Entleerung der Blase mit einem Einmalkatheter.
- Pflegehilfsmittel: Zum Verbrauch wie Desinfektionsmittel, Bettschutzeinlagen und Handschuhe, insbesondere bei Enuresis.
Spezielle Aspekte bei Kindern
Auch Kinder können von Blasenproblemen betroffen sein, insbesondere vom nächtlichen Bettnässen (Enuresis).
Enuresis (Bettnässen) bei Kindern
- Definition: Unkontrollierter Harnverlust bei Kindern über fünf Jahren, über drei Monate oder länger mindestens zweimal in der Woche.
- Formen:
- Primäre Enuresis: Kind war nie länger als sechs Monate in der Nacht trocken.
- Sekundäre Enuresis: Kind war die letzten sechs Monate oder länger nachts nicht eingenässt, beginnt dann aber wieder regelmäßig nachts ins Bett zu machen.
- Ursachen: Unabgeschlossene Entwicklung der Blasenkontrolle, geringes Blasenvolumen, große Harnmengen in der Nacht, genetische Beteiligung, psychosoziale Faktoren.
- Diagnose: Arzt-Patienten-Gespräch, körperliche Untersuchung, Laboruntersuchungen, Sonografie, urodynamische Untersuchungen, Miktionstagebuch.
- Therapie:
- Urotherapie: Informationen rund um die Blasenfunktion und Blasenkontrolle, verändertes Trinkverhalten, Anpassung der Toilettengänge, Motivation des Kindes.
- Alarm- bzw. Klingeltherapie: Ein Feuchtigkeitssensor erfasst Urin und gibt ein akustisches Signal aus, um das Kind zu wecken.
- Medikamentengabe: Künstlich produziertes ADH (Desmopressin) zur Drosselung der nächtlichen Urinproduktion.
- Wichtig: Geduld und Verständnis, keine Bestrafung oder Beschimpfung des Kindes.
Komplikationen
Bei einem Beckenbruch oder anderen Problemen im Beckenboden können Komplikationen auftreten:
- Massive Blutungen
- Verletzungen von Blase und Harnröhre, Scheide und After
- Schädigung von Nerven (z.B. Nervus obturatorius)
- Impotenz bei Männern mit Schambeinbruch
- Zwerchfellriss
- Venöse Thrombosen
- Posttraumatische Arthrose bei Hüftpfannenfraktur
- Heterotope Ossifikation
- Femurkopfnekrose
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