Einführung
Das Alles-oder-Nichts-Prinzip ist ein Denkansatz, der in verschiedenen Bereichen der Psychologie eine Rolle spielt. Es beschreibt die Tendenz, Dinge als entweder vollständig gut oder vollständig schlecht zu betrachten, ohne Graustufen oder Zwischenstufen zuzulassen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten dieses Prinzips, von seiner Bedeutung für das Bewusstsein bis hin zu seinen Auswirkungen auf Perfektionismus und psychische Gesundheit.
Das Alles-oder-Nichts-Prinzip im Kontext des Bewusstseins
Eine aktuelle Studie der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) liefert neue Erkenntnisse über die Natur des Bewusstseins. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass visuelles Bewusstsein nicht als rein binäres Phänomen betrachtet werden kann, bei dem man Dinge entweder bewusst wahrnimmt oder eben nicht. Vielmehr zeigen sich auch Zwischenstufen zwischen "gar nichts wahrnehmen" und "alles wahrnehmen".
Um die bewusste Wahrnehmung eines Bildes experimentell zu manipulieren, nutzten die Forscher das Paradigma des "Aufmerksamkeitsblinzelns" (engl. "Attentional Blink"). Hierbei zeigte sich, dass die Versuchspersonen meist die gesamte Antwortskala nutzten, also auch Zwischenstufen eines bewussten Eindrucks berichteten. Während der Aufgabe wurde zudem die Gehirnaktivität der Versuchspersonen mittels Elektroenzephalographie (EEG) erfasst. Hierbei zeigte sich, dass den Antworten systematische Unterschiede in der Gehirnaktivität während der Bildbetrachtung zugrunde lagen. Bereits 150 Millisekunden nach Beginn der Bildpräsentation zeigten sich umso stärkere Gehirnreaktionen, je höher die später berichtete Sichtbarkeit ausfiel.
Die neuen Befunde stellen vorherige dominierende Ansichten zum Bewusstsein im Attentional Blink als ein rein binäres Phänomen in Frage. Diese stellen auch eine wichtige Grundlage für renommierte Theorien zum Bewusstsein (die "Global Neuronal Workspace Theorie" und die "Recurrent Processing Theorie") dar, die die Annahme von einem reinen Alles-oder-Nichts-Zugang zum (berichtbaren) Bewusstsein beinhalten.
Perfektionismus: Ein zweischneidiges Schwert
Der Wunsch, es richtig bzw. gut zu machen, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Viele Lernende neigen zum Perfektionismus, sie wollen z. B. in der Schule oder der Uni Höchstleistungen erbringen. Perfektionismus kann einerseits dabei helfen, Höchstleistungen zu erzielen. Er treibt voran und kann motivierend wirken.
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Professor Michael Schulte-Markwort, Direktor der Kinderpsychiatrie der Uniklinik Hamburg, bestätigt, dass Lernende gerade an weiterführenden Schulen hohen Anforderungen ausgesetzt sind. Das Ziel, gut zu sein, die Eltern und sich selbst stolz zu machen, steht oft im Vordergrund. Dabei spielen die Werte der Eltern in Sachen Leistungsdruck und die die Anerkennung (nur) für Leistung eine entscheidende Rolle: Legen Eltern schon Wert auf Frühförderung, vieles Üben und kontrollieren sie die Hausaufgaben übermäßig oft, so üben sie viel Druck auf ihr Kind aus. Eine Umfrage des LBS-Kinderbarometers (2015) hat ergeben, dass sich ein Drittel der befragten Kinder regelmäßig von der Schule gestresst fühlt. Die Erwartungen von Schule und Eltern führen - bei steigendem Alter - zu immer mehr Anspannung.
Eltern sollten Alarmsignale ihrer Kinder wie Unruhe, Gereiztheit, Kopf- und Bauchschmerzen, Schlafprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten ernst nehmen, so der Landesgeschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in Nordrhein-Westfalen, Friedhelm Güthoff. Auch der unbedingte Wunsch gut zu sein, sich nie mit etwas zufrieden zu geben oder Überausdauer sind Signale für erhöhten Perfektionismus.
Funktionaler vs. Dysfunktionaler Perfektionismus
Beim dysfunktionalen Perfektionisten geht es hingegen um alles oder nichts. Es besteht eine große Angst, zu scheitern und die eigenen, hochgesteckten Erwartungen nicht zu erfüllen. Dieser Typ denkt nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip. Schnell stellen sich dann Selbstzweifel oder Unsicherheit ein, wenn es einmal nicht so „rund“ läuft. Dann machen sich Gedanken à la „Wenn das schiefgeht, wird auch alles andere schiefgehen!“ breit (vgl. Perfektionismus: kann sich auch an Personen richten (vgl. Spitzer, 2009).
Dr. Christine Altstötter-Gleich, Professorin der Psychologie an der Universität Koblenz-Landau und bekannteste deutsche Perfektionismus-Forscherin, erklärt die Zusammenhänge: „Perfektionisten kommen immer aus einem leistungsorientierten Zuhause, in dem das Kind früh mit hohen Standards konfrontiert wird“ (König, 2009).
Denkschablonen des Perfektionismus
Als Perfektionist/in gehen Sie von unrealistischen Standards aus, die unmöglich zu erreichen sind - weder von Ihnen noch von anderen. Anders als hohe Standards, die Leistung und Zufriedenheit fördern, sind perfektionistische Standards meist kontraproduktiv und lebensfeindlich. Wer erwartet, dass sein Kind ständig Top-Noten heimbringt, belastet dadurch die familiären Beziehungen. Wer immer der Beste sein will, findet an vielen Freizeitaktivitäten keinen Spaß. Perfektionismus beginnt beim Denken und äußert sich dann im Verhalten. An beidem können Sie ansetzen, um Ihren Perfektionismus abzubauen.
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Typische Denkschablonen sind:
- Alles oder nichts. „Wenn ich heute nicht zum Sport gehe, kann ich mich gleich abmelden.“
- Positives wird ignoriert. Ihr Chef hat Sie kritisiert, Sie sagen: „Er hält nichts von mir.“
- Negatives Gedankenlesen. „Sie erwähnt das Geschenk gar nicht. Sicher hat es ihr nicht gefallen.“
- Mögliche Unglücke werden überschätzt. „Bestimmt passiert auf dieser Reise wieder irgendeine Katastrophe.“
- Tunnelblick auf Details. „Bevor wir Gäste einladen können, müssen wir in der Toilette das Fensterbrett streichen.“
- Starke Abhängigkeit von der Meinung anderer. „Was werden die anderen Eltern denken, wenn unser Kind mit einem Loch in der Socke erscheint!“
- Schlimmster-Fall-Szenarios. „Wenn ich jetzt krank werde, platzt das ganze Projekt.“
- Inflexibilität. „Wenn wir keine Kinokarten mehr bekommen, ist unser Abend zu zweit verdorben.“
- Eigener Einfluss wird überschätzt. „Wenn ich meine Gesprächstaktik genau plane, werde ich meine Kunden überzeugen.“
- Abwertung anderer. „Wenn ich das dem Azubi überlasse, wird er es vermurksen.“
- Unangemessene Vergleiche. Angesichts einer Wohnzeitschrift: „Nie wird meine Wohnung so toll aussehen.“
- Rückwirkender Vorwurf. „Ich hätte die Probleme vorhersehen sollen.“
Perfektionistisches Denken erkennen und ändern
Am einfachsten gelingt das in Situationen, in denen Sie frustriert, verärgert, traurig oder besorgt sind. Denn nicht die jeweilige Situation ruft bei Ihnen diese Gefühle hervor, sondern Ihre Interpretation der Situation. Notieren Sie Ihre negativen Gefühle in einer Art Tagebuch. Schreiben Sie dazu, in welcher Situation das Gefühl auftrat, wie stark es war (auf einer Skala von 1 bis 10) und durch welche Interpretation es hervorgerufen wurde. Identifizieren Sie möglichst auch die dahinter stehende Denkschablone. Betrachten Sie die betreffende Situation aus einem anderen Blickwinkel. Fragen Sie sich, was für Ihre alte und was für Ihre neue Interpretation spricht. Überlegen Sie, welche Vorteile die alternative Denkweise Ihnen bietet. Wenn Ihnen die neue Sichtweise schwerfällt, wechseln Sie die Perspektive: Wie würden Ihr Partner oder ein alter Freund die Situation sehen?
Lässt der Perfektionist in Ihrem Inneren nicht locker, setzen Sie ihm einen „Es-ist-o. k.“-Satz entgegen. Beispiel: Sie sind wahnsinnig aufgeregt vor einer Rede, die Sie halten müssen. Sagen Sie sich: „Es ist o. k., sich auch einmal zu versprechen.“ Und erinnern Sie sich lieber daran: „Es ist o. k., vorher aufgeregt zu sein“, als zu versuchen, sich die Aufregung auszureden.
Typisches Verhalten und wie man es ändert
Typisches Verhalten von Perfektionisten ist:
- Zu viel des Guten tun.
- Probeläufe.
- Neustart.
- Überorganisieren.
- Angst vor falschen Entscheidungen.
- Aufschieben.
- Kein Ende finden.
- Zu schnell aufgeben.
- Schneckentempo.
- Unfähigkeit zu delegieren.
- Dinge horten.
- Niederlagen vermeiden.
- Andere korrigieren.
Setzen Sie sich Situationen aus, in denen Sie Ihren perfektionistischen Standards nicht genügen. Die Erfahrung, dass dadurch nicht die Welt untergeht oder Sie sogar davon profitieren, dass Sie Ihre Standards senken, wird Ihnen helfen, perfektionistisches Verhalten und Denken zu verändern. Machen Sie eine Liste mit 10 bis 20 Punkten, und ordnen Sie diese nach Schwierigkeitsgrad. Fangen Sie mit den für Sie einfacheren Situationen an, und arbeiten Sie sich langsam vor. Erwarten Sie nicht, dass Sie sich wohl dabei fühlen! Im Gegenteil: Sehen Sie Ihre Bauchkrämpfe und Bedenken als Zeichen, dass Sie Ihre Testsituation gut gewählt haben. Den positiven Effekt werden Sie erst auf Dauer spüren. Aber es wird herrlich entspannend werden!
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Die Bedeutung von Pausen
Nicht in erster Linie Zeitmangel, sondern ihre innere Einstellung und ein ausgeprägter Perfektionismus machen es vielen Menschen schwer, sich kleine oder große Pausen zu gönnen. Verabschieden Sie sich von Ihren pausenfeindlichen Einstellungen!
Seien Sie sozial zu sich
Stehen Sie zu Ihrem Bedürfnis nach Abschalten, Nichtstun, Zeit für sich selbst! Gerade auch, wenn Sie sich als Christ dem Ideal der Nächstenliebe verpflichtet fühlen. Denn dieses Ideal fordert, den anderen wie sich selbst zu lieben. Das heißt: Sie müssen den Bedürfnissen anderer Menschen nicht automatisch Vorrang geben. Das kommt übrigens auch Ihrer Umgebung zugute: Sie sind leistungsfähiger, wenn Sie sich nicht permanent für andere aufopfern. Und Sie erleichtern es anderen, ohne schlechtes Gewissen zu ihren eigenen Bedürfnissen zu stehen.
Übernehmen Sie Verantwortung
Delegieren Sie die Verantwortung für Ihr Wohlergehen nicht an andere, sondern nehmen Sie sie selbst wahr. Gehen Sie nicht davon aus, dass Ihre Umgebung wüsste, wie viel Anstrengung/ Nerven Sie die permanente „Rufbereitschaft“ kostet. Erwarten Sie keine automatische Rücksichtnahme. Sprechen Sie - wenn nötig, diplomatisch - aus, was Sie brauchen.
Planen Sie Ihre Zeit nicht nach Schema AVP
Als Kind haben Sie vermutlich die Erfahrung gemacht, dass Sie das Spielen ganz besonders genießen konnten, wenn keine Hausaufgaben mehr auf Sie warteten. Aber: Auf Erwachsene wartet eigentlich immer Arbeit. „Alles erledigt“ - das ist ein Zustand, den Sie nie mehr erreichen werden. Und gerade deshalb sind Pausen besonders notwendig, denn sonst sind Sie bald erschöpft (bis hin zum Burnout). Planen Sie Pausen von vornherein in Ihren Alltag ein. Gönnen Sie sich spontan eine Pause, wenn Sie eine nötig haben. Und nutzen Sie gute Gelegenheiten, die sich Ihnen jetzt bieten.
Bleiben Sie vielseitig
Setzen Sie in Ihrem Leben nicht alles auf eine Karte. Machen Sie Ihr Lebensglück nicht von Ihrem Arbeitsplatz oder einer Top-Position auf der Karriereleiter abhängig. Übrigens gibt es auch viele Menschen, die ein glückliches und vielseitiges Privatleben führen und trotzdem - oder gerade auch deshalb - beruflich erfolgreich sind. Denn die Lebensfreude, die Ihnen enge Beziehungen schenken, und die Fähigkeiten, die Sie im Privatleben (Umgang mit Menschen, Hobbys etc.) entwickeln, kommen auch Ihrer Arbeit zugute.
Die Angst vor Ambivalenz und der Hang zur Vereinfachung
Das „Alles-oder-nichts-Denken“ ist der Versuch, der Ambivalenz des Lebens zu entkommen. Doch nichts im Leben ist ganz schwarz oder weiß, völlig richtig oder ganz falsch. Menschen, die nur in solchen extremen Positionen denken, fürchten die Vielfalt, weil sie die Orientierung verlieren.
Die Entstehung des extremen Denkstils
Lebensthemen sind Grundüberzeugungen, worum es im Leben vor allem geht. Als Kind können wir nicht einfach drauflos leben. Ein Baby, das hungrig ist, macht auf sich aufmerksam durch unruhiges Verhalten und Töne. Aufmerksame Mütter und Väter lernen, diese Zeichen wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und das Kind zu füttern. Das Baby lernt also, durch nonverbale Zeichen auf sich aufmerksam zu machen. Führt das nicht zum erwünschten Verhalten der Mutter, wird der Säugling die Signalstärke erhöhen. In einer Studie las ich, dass Kinder von drogenabhängigen Müttern sich dagegen auffallend still verhalten, auch wenn sie hungrig sind. Sie haben durch Erfahrung gelernt, dass Schreien und Weinen nichts bringt. Sie heftet es nicht ab oder wirft es weg. Die angemessene Reaktion auf dieses „Guck mal!“ ist ein anerkennender Ein-Wort-Satz („Toll!“) oder ein etwas längerer Satz („Das ist aber ein schönes Bild!“) Danach ist das Kind zufrieden, geht zurück, malt noch etwas oder spielt etwas anderes. Das Selbstwertgefühl von Kindern entwickelt sich u.a.
Hinzu kommt das Element der Konkurrenz. Für das Kleinkind ist das Baby der Maßstab, dass es schon weiter ist. Der Fünftklässler erlebt, dass er in vielem mehr weiß und kann als der Drittklässler. Vor allem in der Entwicklung von Jungen ist der Platz auf einer imaginären Rangreihe oft ein Ansporn. Wer kennt die besten Witze? Bis weit ins Erwachsenenleben gilt dieses olympische Motto des „Höher, schneller, weiter“. Wenn wir unser Selbstbewusstsein vor allem aus der persönlichen Leistungsfähigkeit beziehen, geraten wir irgendwann in die Falle des Beweisen-Müssens. Denn das fortschreitende Altern zeigt uns, dass wir nicht immer mit anderen mithalten können. Hieraus kann sich Angst vor dem weiteren Alterungsprozess entwickeln.
Die Gefahren des Schwarz-Weiß-Denkens
Menschen mit diesem Denkstil denken oft in Extremen und glauben, dass etwas nur gut oder nur schlecht ist, ohne einen Mittelweg zu finden. Solche extremen Ausdrücke sind auch typisch für Menschen, die mit Suizidgedanken kämpfen. Darüber berichten britische Psychologen in einer Feldstudie mit über sechstausend Mitgliedern von Internetforen in der Zeitschrift »Clinical Psychological Science«. Dieser Denkstil ist potenziell gefährlich, weil er polarisiert, extrem wertet und keine Zwischentöne oder alternative Sichtweisen zulässt. Es gibt dann nur Gut und Böse, nur Freund oder Feind, Gewinner oder Verlierer, Erfolg oder Misserfolg.
Dieses Schwarz-Weiß-Denken hilft, die Dinge zu vereinfachen und dadurch besser zu verstehen. Dieser Denkstil ist auch auf politischer, gesellschaftlicher oder kultureller Ebene zu beobachten. Denn er hilft zu spalten, zu distanzieren und zu extremisieren. Arbeitslose werden in die beiden Gruppen „Schmarotzer“ und „Arbeitswillige“ eingeteilt. Während der Corona-Pandemie wurden Branchen beispielsweise als systemrelevant und nicht systemrelevant unterschieden.
Grenzen und ihre Bedeutung
Wir brauchen Grenzen, weil sie für Ordnung sorgen. Wenn wir eine Leistung objektiv überprüfen wollen, brauchen wir Zensuren. Und es muss eine Grenze geben zwischen “bestanden” und “nicht bestanden”. Zwischen „der Bus ist voll“ oder „wir haben noch drei Plätze“. Soweit so gut. Aber wenn wir Grenzen ziehen, spalten wir gleichzeitig. Populisten haben die Gabe, komplexe Sachverhalte gnadenlos zu vereinfachen. Deshalb nutzen sie oft das „Schwarz-Weiß-Denken“. Je einfacher Sie eine Botschaft gestalten, desto schneller fließt sie im Gehirn, d.h. Damit eine Information bei vielen anderen durchdringt, muss sie so einfach und so schwarz-weiß wie möglich sein. Dieses Denken polarisiert, indem es Komplexität leugnet. Ein schwarz-weiß-Denken ist das Gegenteil von einem Sowohl-als-Auch-Denken. Diese Schwarz-Weiß-Malerei zieht in der Regel negative Gefühle nach sich, welche die negativen Gedanken wiederum verstärken.
Ursachen und Auswege
Extreme Denkmuster entstehen oftmals in der Kindheit. Manchmal ist auch ein Trauma in der Kindheit oder im Erwachsenenalter eine Ursache. Auch Mobbing oder Aufwachsen mit einem narzisstischen Elternteil können damit in Verbindung stehen. Doch das Leben spielt sich immer zwischen den Extremen ab. Wo es ganz heiß oder ganz kalt ist, lebt es sich schlecht. Wo ganz viele Menschen leben oder fast gar keine, lebt es sich auch nicht gut. Doch zwischen den Extremen ist die Vielfalt, gibt es in jeder Situation ganz viele Wahlmöglichkeiten. Das überfordert viele Menschen. Sie wollen, dass die Dinge einfach sind. Sie wollen Klarheit. Gut oder böse. Richtig oder falsch. Glücklich oder unglücklich.
Das Alles-oder-Nichts-Prinzip im Coaching
Ich spürte, wie es dem Klienten schwerfiel, einen Wunsch nach Veränderung auszudrücken und er so tat, als wäre in seinem Leben alles in Ordnung. Das Anliegen als Ausdruck eines Wunsches nach Veränderung ist aber enorm wichtig im Coachingprozess. Damit ein Klient die Mühen der Veränderung auf sich nimmt, braucht er eine mehr oder weniger klare Vorstellung, wo er hin will. Doch bei bestimmten Coachingprozessen ist genau dieses Fehlen eines Ziels das eigentliche Problem. Der Klient weiß nicht, was er eigentlich will. Dabei spielt das „Alles-oder-nichts-Denken“ eine wichtige Rolle.
Die HAKOMI-Methode
Mit der HAKOMI-Methode habe ich vor vierzig Jahren einen Weg kennengelernt, wie es geht: Ich kann den Klienten den inneren Konflikt erleben lassen. Und dafür brauche ich ein Experiment, in dem der Klient seine „Selbstorganisation“ genauer kennenlernt. „Selbstorganisation“ bedeutet hier, genau zu wissen, warum ich etwas tue und wie ich es tue. Das darf aber keine rationale Überlegung sein „(„Ich glaube, ich mache das, weil …“), sondern eine erlebte Erfahrung.
Die Rolle schmerzlicher Momente
Es sind oft besonders schmerzliche Momente im Leben, wo wir uns in der seelischen Not für eine psychische Überlebensstrategie entscheiden, die dann zu unserem Lebensthema werden kann, weil sie in dieser Situation funktioniert. So hörte ein bekannter deutscher Politiker als Junge mal von einem Volksschullehrer, dass „aus ihm nie was werden würde“. Daraufhin strengte er sich sehr an, machte das Abitur und wurde ein bekannter Politiker.
Die Bedeutung der Vielfalt
Aber im Leben ist ja ganz selten etwas ganz eindeutig richtig oder falsch. Sie handeln nach einem Prinzip, damit Sie sich nicht mit der Vielfalt auseinandersetzen müssen. Aber das Leben ist Gottseidank nicht so schwarz-weiß wie Ihr Denken. Die Sitzung sei ein schmerzhafter Augenöffner für ihn gewesen. Er habe sein Leben durchforstet nach Situationen, wo er radikal nach dem „Alles-oder-nichts-Prinzip“ entschieden hatte.
Depressionen und das Alles-oder-Nichts-Prinzip
Depressionen versteht nur gänzlich, wer selbst daran leidet oder litt. Geschätzt vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen. Doch die meisten Betroffenen reden nicht darüber, denn die Volkskrankheit will so gar nicht zu unserem Zeitgeist passen: Funktioniere, leiste - aber sei glücklich. Und das scheint leichter zu sein denn je, schließlich stehen uns heute schier unbegrenzte Möglichkeiten offen, um uns und unser Leben zu optimieren.
Die Psycho-Logik der Depression
In einer Studie des Rheingold Instituts im Auftrag des Naturmedizinherstellers Pascoe gingen Psychologen daher der Frage auf den Grund, was in Depressiven wirklich vorgeht - und wie Angehörige, Mediziner und Pharmazeuten besser auf sie reagieren können. Dazu befragten sie 40 Patienten im Alter von 20 bis 60 Jahren, die an depressiven Verstimmungen oder Depressionen litten. Zwischen den geschilderten Erlebnissen der Patienten konnten die Psychologen zahlreiche Gemeinsamkeiten ausmachen, die alle einer inneren Psycho-Logik mit sechs charakteristischen Zügen folgten:
- Die befragten Betroffenen stellten alle sehr hohe Ansprüche an sich selbst und ihr privates und berufliches Leben.
- Dass Anspruch und Wirklichkeit nicht immer eins sind, erlebt jeder mal. Depressive Patienten würden von dieser Diskrepanz aber regelrecht aus der Bahn geworfen. Klappt eine kleine Sache nicht, haben sie das Gefühl, dass sie gar nichts hinkriegen.
- Anstatt sich aktiv mit einem nicht erreichten Anspruch auseinanderzusetzen - durch Wut, Akzeptanz oder dem Verzeihen eigener Fehler - würden sich die Betroffenen wie stillgelegt fühlen. Ihnen sei es unmöglich zu trauern, schreiben die Wissenschaftler.
- Die Stilllegung wird verstärkt, indem unbewusst alle Impulse abgewehrt beziehungsweise "vergleichgültigt" werden. Alle Aufgaben und Reize des Alltags erhalten die gleiche Gültigkeit, die Betroffenen können daher nicht mehr priorisieren, was wichtig ist und was zuerst erledigt werden müsste. Sie denken sich: "Alles oder nichts", was sie selbst vor leichten Alltagsaufgaben kapitulieren lässt.
- "Jetzt reiß dich doch mal zusammen!" Angehörigen erscheint es häufig unverständlich, warum Betroffene so lethargisch sind. Doch der Stillstand ist nur ein äußerlicher. Innerlich läuft die Gedankenmaschine auf Hochtouren. Alles dreht sich nur noch um die eigenen Probleme, das Scheitern, das Nicht-Weiterkommen.
- Sehr häufig würde die Energie der Betroffenen nicht in eine Veränderung investiert, sondern in einer Art Beweisgang: Die Umstände sind so schlimm, dass sie sowieso nichts ändern können.
Was Angehörige und Fachpersonal tun können
Die Ergebnisse der Studie eröffneten einen Blick hinter die Kulissen, sagt Thomas Kirschmeier, Sprecher des Rheingold Instituts. Die herausgestellte Logik, nach der eine Depression funktioniert, könnte Angehörigen und Fachpersonal dabei helfen, künftig besser und schneller auf Betroffene zu reagieren.
Helfen Sie den Betroffenen dabei, Momente zur Besinnung und Selbstreflexion in den Alltag einzubauen. Es sei wichtig, den Betroffenen in seinem Leiden ernstzunehmend und ihm gleichzeitig zu helfen, seine Ansprüche herunterzuschrauben. Helfen Sie dem Betroffenen, einen anderen und offensiveren Umgang mit erlebten Niederlagen zu entwickeln. Ermutigen Sie ihn, sich aktiv zu wehren oder Verluste und Niederlagen nicht einfach hinzunehmen, sondern zu betrauern. Überlegen Sie gemeinsam, ob die Probleme relativiert werden können: Ist das Erlebte wirklich so schlimm? Geht es anderen nicht genau so?
Hilfreich sei es, sich empathisch mit dem Betroffenen mitzudrehen, raten die Wissenschaftler, ihm aber auch dabei zu helfen, den Blick für anderes zu öffnen. Zeigen Sie ihm, was in seinem Leben alles schön ist. Die Depression sorgt dafür, dass gewisse Teile ausgeblendet sind. Der Anspruch, schnell gesund zu werden, erzeugt häufig neue Einschränkungserlebnisse. Erwarten Sie nicht gleich das große Ding. Ein Spaziergang oder ein gemeinsamer Besuch einer Veranstaltung können schon erste kleine Schritte sein. Dinge, die für gesunde Menschen selbstverständlich erscheinen, sind große Aufgaben für die Betroffenen.
Helfen Sie ihm zu überlegen, von welchen Aufgaben oder Ansprüchen er sich kurz- und langfristig verabschieden kann und will. Für die Betroffenen ist es wichtig zu erkennen, dass jede erlebte Beschränkung eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung bietet, während Perfektion sie nur in die Erschöpfung treibt.
Das Alles-oder-Nichts-Gesetz in der Biologie
[engl. all-or-non law], [BIO], das erstmals 1871 von H.P. Bowditch am Herzmuskel beobachtete und 1912 von Adrian aufgestellte Gesetz (besser Regel), das besagt, dass jedes Neuron auf einen Reiz entweder überhaupt nicht (bei unterschwelligen Reizen) oder aber mit der vollen ihm eigenen Impulsgröße reagiert. Verstärkt man den Reiz, bleibt die Impulsgröße gleich, aber es folgen mehr Impulse pro Zeiteinheit. Mit anderen Worten ist die Amplitude einer Erregungswelle von der Reizgröße unabhängig, nicht aber die Frequenz.
Das Alles-oder-Nichts-Gesetz in der Lerntheorie
[KOG], in der Lerntheorie von Guthrie besagt das Gesetz, dass bei kontingentem Auftreten von Reiz und Response entweder die Assoziation zw. beiden in voller Stärke gebildet wird oder gar nicht. Kontinuierliche Zunahme von Lernerfolgen wird nicht als Zunahme von Assoziationsstärken erklärt, sondern als Vermehrung der einzelnen Assoziationen der Response mit Stimuli aus der Reizstichprobe. Ggs.