Körperliche Anstrengung und Hirntumor: Ein Weg zu mehr Lebensqualität

Die Diagnose Hirntumor stellt das Leben vieler Menschen auf den Kopf. Neben den medizinischen Behandlungen spielt die Lebensqualität eine zentrale Rolle. Lange Zeit wurde körperliche Anstrengung bei Krebserkrankungen als gefährlich angesehen. Doch aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass Sport und Bewegung positive Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf und das Wohlbefinden von Hirntumorpatienten haben können.

Die Geschichte einer verkannten Erkenntnis

Bereits vor über 80 Jahren gab es Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität das Tumorwachstum verlangsamen könnte. Diese Erkenntnis geriet jedoch in Vergessenheit, und Bewegung wurde bei Krebserkrankungen lange Zeit sogar als schädlich betrachtet. Aus Sorge, dass körperliche Anstrengung einen geschwächten Patienten überlasten könnte, wurde Schwerkranken Schonung verordnet, in der Annahme, der Körper benötige alle Energie zur Krankheitsbekämpfung.

Fred Lebow, der Gründer des New York City Marathons, durchbrach dieses Dogma. Schwer an einem Hirntumor erkrankt, lief er 1992, unterstützt von Grete Waitz, seinen Marathon. Die Bewegungsonkologie steckte damals in den Kinderschuhen und hat erst in den letzten zehn Jahren an Fahrt aufgenommen. Im Jahr 2012 wurden weniger als 500 Forschungsartikel veröffentlicht, die die Begriffe „Bewegung“ und „Krebs“ in ihrer Zusammenfassung erwähnten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Vorteile von Bewegung

Die Vorteile von Bewegung bei Krebs gelten heute als wissenschaftlich abgesichert. Körperliche Aktivität kann die Nebenwirkungen einer Chemo- oder antihormonellen Therapie reduzieren, die Leistungsfähigkeit steigern und das Selbstbewusstsein stärken, was die Lebensqualität enorm verbessert.

Darüber hinaus hat körperliche Aktivität direkte Einflüsse auf die Entstehung von Krebs, den Verlauf einer Krebserkrankung und das Rückfallrisiko. Sie leistet somit einen Beitrag zur Vorbeugung von Krebs. Studien zeigten, dass erhöhte Bewegung das Krebsrisiko deutlich senken kann. Auch bislang eher inaktive Patienten können von einer Änderung ihres Lebensstils profitieren: Körperliche Aktivität nach einer Tumorerkrankung reduziert nachweislich die Gefahr eines Rückfalls und erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine dauerhafte Heilung.

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Sport kann auch die Nebenwirkungen der Therapie und der Krebserkrankung verringern. Besonders gut erforscht ist dies bisher für Brust-, Darm- und Prostatakrebs. Die biologischen Mechanismen, die erklären, warum Sport einen direkten Einfluss auf Krebs hat, sind noch weitestgehend unbekannt. Da körperliche Aktivität allerdings fast alle Organsysteme anregt und auch das Gehirn beeinflusst, wirkt sich dies auch auf die der Krebsentstehung zugrunde liegenden Faktoren aus. So wird die Durchblutung des gesamten Körpers gefördert und das Immunsystem gestärkt, was wiederum den Krebszellen das Überleben erschwert.

Individuelle Erfahrungen und Sportarten

Viele Betroffene berichten von positiven Erfahrungen mit Sport nach ihrer Hirntumordiagnose. Die Wahl der Sportart ist dabei sehr individuell und hängt von den persönlichen Vorlieben, körperlichen Möglichkeiten und eventuellen Einschränkungen ab.

Einige Beispiele für Sportarten, die von Betroffenen ausgeübt werden:

  • Ausdauersportarten: Joggen, Walken, Wandern, Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking
  • Kraftsport: Training mit Geräten, Hanteln oder dem eigenen Körpergewicht
  • Weitere Sportarten: Reiten, Tanzen, Fußball, Skifahren, E-Bike fahren

Es ist wichtig, dass die sportliche Aktivität Freude bereitet und nicht zu einer Überlastung führt. Viele Betroffene berichten, dass sie ihren Sport an ihre Tagesform anpassen müssen.

Die Rolle der Bewegungsonkologie und personalisierte Trainingsprogramme

Die Bewegungsonkologie hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Es gibt zunehmend spezialisierte Angebote für Krebspatienten, die von Sportwissenschaftlern und Therapeuten betreut werden. Ein Beispiel hierfür ist das UKM-Hirntumorzentrum in Münster, das ein "Persönliches Trainingsprogramm" anbietet.

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Unter professioneller Anleitung können Hirntumorpatienten Kraft, Ausdauer und Koordination trainieren und dürfen dabei kontrolliert bis an ihre Leistungsgrenzen gehen. Dabei lernen die Patienten, ihrem Körper wieder zu vertrauen, ihre Leistungsfähigkeit besser einzuschätzen und gewinnen so an Selbstvertrauen.

Worauf sollte man achten?

Trotz der positiven Effekte von Sport bei Hirntumoren gibt es einige Aspekte, die beachtet werden sollten:

  • Ärztliche Beratung: Vor Beginn einer sportlichen Aktivität sollte immer ein Arzt konsultiert werden, um mögliche Risiken abzuklären und ein individuelles Trainingsprogramm zu erstellen.
  • Überlastung vermeiden: Es ist wichtig, sich nicht zu überlasten und die sportliche Aktivität an die eigene Leistungsfähigkeit anzupassen.
  • Symptome beachten: Bei Auftreten von Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder epileptischen Anfällen sollte die sportliche Aktivität sofort unterbrochen und ein Arzt konsultiert werden.
  • Individuelle Einschränkungen: Bestimmte Sportarten sind möglicherweise aufgrund von motorischen Einschränkungen, Gleichgewichtsstörungen oder anderen Beschwerden nicht geeignet.
  • Bestrahlung und Chemotherapie: Während der Bestrahlung oder Chemotherapie kann die Leistungsfähigkeit eingeschränkt sein. In dieser Zeit ist es besonders wichtig, auf den Körper zu hören und die sportliche Aktivität entsprechend anzupassen.

Einige Betroffene berichten, dass sie während der Strahlentherapie keinen Sport machen konnten, da es ihnen zu schlecht ging. Andere konnten leichte Aktivitäten wie Spaziergänge durchführen. Nach Beendigung der Therapie konnten sich viele Betroffene langsam aber regelmäßig wieder zur Bewegung motivieren, was ihren physischen und psychischen Zustand enorm verbesserte.

Sport und Hirndruck

Einige Betroffene berichten, dass bei körperlicher Überanstrengung der Hirndruck steigt. Dies kann zu Symptomen wie Übelkeit und Kopfschmerzen führen. Die Ärzte empfehlen daher, Überanstrengung zu vermeiden, da Narbengewebe und Ödeme leicht anschwellen könnten und dann die Raumforderung drückt.

Es ist wichtig, auf die Signale des Körpers zu achten und die sportliche Aktivität entsprechend anzupassen.

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Studien und Forschung

Während Sport in vielen Bereichen der Onkologie in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, fehlten für Hirntumorpatienten wissenschaftliche Daten zu dessen Auswirkungen allerdings bis heute weitestgehend.

In der Studie „Mobil mit Hirntumor (MMH_01)“ soll der Beitrag intensiven Trainings auf die Lebensqualität von Patienten mit einem Glioblastom, einem bösartigen Hirntumor, jetzt wissenschaftlich untersucht werden. Statt sich zu schonen, sollen die Teilnehmer nach erfolgter Operation körperlich aktiv werden. Hierfür erhalten sie über vier Monate zweimal wöchentlich ein individuelles Einzeltraining. Alle acht Wochen erfolgt eine ausführliche Leistungsdiagnostik, um die körperliche Fitness zu beurteilen. Zusätzlich werden Fragebögen zur Lebensqualität erhoben, um Effekte auf Stimmung und Selbstwertgefühl zu messen.

Initiativen und Unterstützung

Es gibt verschiedene Initiativen und Organisationen, die Hirntumorpatienten bei der Rückkehr in den Alltag unterstützen. Dazu gehören:

  • Förderverein ZNS: Das gemeinsame Ziel aller Mitglieder des Fördervereins ZNS ist, den Patienten den Umgang mit der Erkrankung leichter zu machen und die Patienten bei der Rückkehr in den Alltag zu unterstützen.
  • Deutsche Krebshilfe: Die Deutsche Krebshilfe bietet Informationen und Unterstützung für Krebspatienten und ihre Angehörigen.
  • Bayerische Krebsgesellschaft: Die Bayerische Krebsgesellschaft bietet ebenfalls Informationen und Unterstützung für Krebspatienten und ihre Angehörigen.
  • OnkoAktiv: Initiativen wie OnkoAktiv setzen sich für ein individualisiertes, gut erreichbares und patientengerechtes Netz an Sportangeboten ein.

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