Die basale Stimulation ist ein pflegerisches Konzept, das darauf abzielt, die Wahrnehmung von Menschen mit schweren körperlichen oder geistigen Einschränkungen zu fördern. Ursprünglich in der Sonderpädagogik entwickelt, hat sie sich mittlerweile auch in der Pflege etabliert und bietet vielfältige Möglichkeiten, das Wohlbefinden und die Lebensqualität von Betroffenen zu verbessern.
Ursprung und Entwicklung der basalen Stimulation
Das Konzept der basalen Stimulation wurde in den 1970er Jahren von Andreas Fröhlich für die Sonderpädagogik entwickelt und später durch ihn und Christel Bienstein weiterentwickelt. Seit den 1980er Jahren wird das Konzept auch in der Pflege erwachsener Menschen angewendet. Vor knapp drei Jahrzehnten passte die Pflegewissenschaftlerin Christel Bienstein das ursprünglich aus der Pädagogik stammende Konzept der Basal-Stimulation von Andreas Fröhlich an die Pflege an. Dort hat es sich seither zunehmend als erfolgreiche Behandlungsmethode etabliert.
Ziele der basalen Stimulation
Wie jedes pflegerische Konzept verfolgt auch die basale Stimulation Ziele. Je nach Person und Krankheitsbild sind die Schwerpunkte der basalen Stimulation unterschiedlich zu setzen. Das Hauptziel der Basalen Stimulation ist die Befähigung der Betroffenen, wieder mit der Umwelt in Kontakt zu treten, sich selbst zu erleben und wahrzunehmen. Dabei sind sowohl motorische als auch geistige Aspekte wichtig. Die Zielsetzung der Maßnahme wird stets in einer individuellen Planung festgelegt und an die Bedürfnisse der Betroffenen angepasst.
- Steigerung des Wohlbefindens: Nach den Begründern Fröhlich und Bienstein geht es darum, zu erschließen, was die betroffene Person denkt und fühlt und welche Bedürfnisse sie hat - auch, wenn sie sich nicht verbal äußern kann. Wie ist ihre Mimik? Sehen die Augen entspannt oder wandern sie ängstlich hin und her? Welchen Gesichtsausdruck hat sie? Erscheint die Person unruhig oder ruhig? Nestelt sie nervös am Pullover herum?
- Kommunikation fördern: Die basale Stimulation kann bei Menschen mit Demenz nicht nur die Kommunikation fördern, sondern auch dabei helfen, Ängste zu reduzieren und das Wohlbefinden zu steigern.
- Ängste nehmen und Sicherheit geben: Auch hier kann basale Stimulation durch Berührungen, vertraute Klänge oder auch Gerüche das Wohlbefinden steigern und eine Verbindung zur Außenwelt erhalten, Angst nehmen und Sicherheit geben.
- Förderung der Körperwahrnehmung: Indem Betroffene die eigenen Körperflächen, Körpergrenzen oder auch die Körperschwere wahrnehmen, fördert diese Form der Stimulation ihre Körperwahrnehmung.
Basal-Stimulation zielt auf zehn verschiedene Lebensthemen ab, die je nach Betroffenem mehr oder weniger im Fokus stehen können. Menschen im mittleren oder fortgeschrittenen Lebensalter vermissen oft das Gefühl, das Leben selbst gestalten, Selbstbestimmung erfahren und einen eigenen Rhythmus entwickeln zu können. Vor allem sehr empfindsame und spirituelle Menschen vermissen bei körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung oft den Sinn und die Bedeutung des Lebens.
Anwendungsbereiche der basalen Stimulation
Menschen mit schweren körperlichen oder geistigen Einschränkungen, wie Schlaganfallpatienten, Demenzkranke, Menschen im Koma oder in der Palliativpflege, profitieren von basaler Stimulation.
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- Demenz: Sinnvoll ist die basale Stimulation besonders für Menschen mit mittelschwerer und schwerer Demenz, die nicht mehr oder nur schwer in der Lage sind, verbal zu kommunizieren und sich zu verständigen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass mit Menschen über die Sinne kommuniziert werden kann, auch wenn eine Verständigung über die Sprache nicht mehr möglich ist.
- Palliativpflege: Darüber hinaus kann basale Stimulation auch bei der Begleitung sterbender Menschen im Rahmen der Palliativpflege eingesetzt werden - beispielsweise bei Patienten mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung.
- Schlaganfall: Dr. V. Bin seit kurzem in einem Altenheim angestellt und habe nur wenig Berufserfahrung. Nun würde ich gern wissen ob Basale Stimulation auch nach einem Schlaganfall hilfreich sein kann. Der Bewohner um den es speziell geht, hatte seinen Schlaganfall ca. vor 2 Jahren. Die Extremitäten der linken Körperhälfte sind gelähmt. Kognitive Fähigkeiten sind der Norm entsprechend und Sprachfähigkeiten sind vorhanden, auch wenn die Sprache verwaschen ist. Die Extremitäten der linken Körperhälfte kann der Bewohner wahrnehmen, aber ob in dem selben Maße wie bei der nicht betroffenen Körperhälfte kann ich nicht genau sagen.
Ein weiterer Einsatzbereich, in dem oft eine sehr gute Reizantwort erzielt wird, ist die Betreuung von Frühgeborenen.
Methoden der basalen Stimulation
Basale Stimulation nutzt unterschiedliche Zugangswege, zum Beispiel Musik oder auch den Geruch. Je nach Behandlungsziel kommt die Basale Stimulation auf verschiedenen Wegen zum Einsatz. Die Methoden der basalen Stimulation stützen sich auf das Ansprechen der unterschiedlichen Sinne. Die basale Stimulation sollte dabei individuell auf die Bedürfnisse und Einschränkungen des oder der Betroffenen angepasst werden.
Somatische Stimulation
Bei der somatischen Stimulation (somatisch = körperlich) soll die Haut und der Körper durch Berührungen, Waschungen oder Massagen stimuliert werden. Auch die tägliche Körperpflege ist in gewissem Maße Teil dieser Methode. Dies kann um eine Vibrationskomponente, sofern die Betroffenen dies als angenehm empfinden. Bei der Körperpflege kann zum Beispiel Druck unterschiedlich ausgeübt werden oder unterschiedliche Waschlappen, Schwämme oder ähnliches verwendet werden. Auch durch wechselnde Wassertemperaturen kann der Körper stimuliert werden.
- Ihre Tochter streicht ihr sanft mit einem warmen Waschlappen über die Arme, um ihre Körperwahrnehmung zu fördern. Außerdem legt sie eine sanft vibrierende Matte unter die Beine ihrer Mutter, um sie Schwingungen spüren zu lassen.
- Nutzen Sie einen Igelball, um die Hände und Arme des Betroffenen sanft zu massieren. Achten Sie darauf, wie der Betroffene reagiert, und passen Sie den Druck entsprechend an.
Vestibuläre Stimulation
Vestibuläre Stimulation soll den Gleichgewichtssinn aktivieren. Die vestibuläre Stimulation aktiviert das Gleichgewichtsorgan und kann durch Lageänderungen oder schaukelnde Bewegungen erfolgen. Hierzu können Sie Positionierungen, wie die körperumgrenzende Positionierung, einsetzen. Besonders geeignet ist dafür ein Schaukelstuhl, der Gleichgewichtssinn kann aber auch beispielsweise durch das Wiegen des Körpers im Bett aktiviert werden.
Vibratorische Stimulation
Schwingungen, die durch Vibrationen oder durch sanftes Klopfen erzeugt werden, stimulieren tiefer liegende Körperebenen, wie das Skelett. Für die vibratorische Stimulation können Sie vibrierende Matten oder Geräte einsetzen. Klangschalen sind eine weitere Möglichkeit, sanfte Vibrationen durch Klang zu erzeugen, die beruhigend und entspannend wirken können.
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Orale Stimulation
Diese Stimulation konzentriert sich auf den Mundraum und den Geschmackssinn. fördern die Mundmotorik. Sie können Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen zum Beispiel Lebensmittel mit unterschiedlichen Texturen, wie weiche oder knusprige Lebensmittel, anbieten. Auch vertraute Speisen aus der Kindheit oder Lieblingsgetränke können positive Assoziationen wecken.
- Er hat besonders gern Gulasch mit Klößen gegessen? Dann gehen Sie über die orale, gustatorische Stimulation.
Olfaktorische Stimulation
In der olfaktorischen Stimulation wird der Geruchssinn aktiviert, um Erinnerungen und emotionale Reaktionen zu wecken. Lassen Sie den Betroffenen nacheinander an den Schälchen riechen und beobachten Sie, welche Düfte positive Reaktionen hervorrufen.
Auditive Stimulation
Auditive Stimulation nutzt Geräusche und Musik, um den Hörsinn anzuregen und Erinnerungen sowie Emotionen zu wecken.
- So können Sie vertraute Geräusche vorspielen, wie das Rauschen des Meeres, Vogelgezwitscher oder Alltagsgeräusche wie das Klappern von Geschirr, die der Betroffene früher häufig gehört hat. Begleiten Sie die Geräusche mit einer ruhigen Erklärung oder einer kleinen Geschichte, die an diese Geräusche anknüpft.
- Sie war eine Liebhaberin von klassischer Musik? Dann ist die auditive Stimulation am besten geeignet.
- Dazu summt sie leise eine Melodie, die er aus seiner Jugend kennt.
Visuelle Stimulation
Ein weiterer Sinn, der mit der basalen Stimulation angesprochen werden kann, ist der Sehsinn. Das gelingt mit der sogenannten visuellen Stimulation. Ein konkretes Beispiel wäre, Familienfotos oder Bilder aus früheren Zeiten zu zeigen, die vertraut sind und Erinnerungen wecken können. Auch farbige Lampen, Mobiles oder sich bewegende Lichter können helfen, die visuelle Wahrnehmung zu stimulieren. Für Personen mit eingeschränktem Sehvermögen können starke Farben oder kontrastreiche Bilder hilfreich sein. Sie können auch wechselnde Dekorationen oder Bilder im Pflegeumfeld anbringen, um Abwechslung und visuelle Reize zu schaffen.
Taktile/Haptische Stimulation
Die Taktile/Haptische Stimulation spricht den Tastsinn an. Dem gegenüber gibt es einige Aufbauelemente, die gezielter auf die Persönlichkeit der Betroffenen ausgerichtet werden. Dazu gehört die taktil-haptische Stimulation, bei der verschiedene Oberflächen oder Strukturen in die Hände der Betroffenen gegeben werden. Dafür können Sie Gegenstände mit verschiedenen Texturen nutzen, wie zum Beispiel Massagebälle oder weiche Decken und Kissen. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die betroffene Person dabei zu unterstützen, das eigene Gesicht oder die eigenen Arme zu ertasten - so kann der Körper bewusst wahrgenommen werden.
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Erinnerungsstimulation
Sie können auch Erinnerungen durch sanftes Streicheln wecken, indem Sie ein Lieblingskleidungsstück, das der Betroffene früher oft getragen hat, nehmen. Streichen Sie damit sanft über seine Hände oder Arme, während Sie in einem ruhigen Ton über eine vertraute Situation oder einen schönen Moment sprechen, der mit diesem Gegenstand in Verbindung steht.
Wichtige Hinweise zur Anwendung der basalen Stimulation
- Einverständnis einholen: Dafür ist es jedoch unverzichtbar, dass Sie vor der Anwendung das Einverständnis der betroffenen Person einholen. Fragen Sie freundlich, ob die Person mit der Berührung einverstanden ist, da dies nicht nur ein Zeichen von Respekt ist, sondern auch die Kommunikation und das Vertrauen stärkt.
- Individuelle Vorlieben berücksichtigen: Um die basale Stimulation bestmöglich an die individuellen Bedürfnisse der betroffenen Person anzupassen, sollten persönliche Vorlieben und Erfahrungen berücksichtigt werden. Überlegen Sie: Welche Gerüche oder Geräusche wurden früher besonders geschätzt? Welche Gewohnheiten haben Freude bereitet?
- Empathie und Feinfühligkeit: Nicht jeder Betroffene reagiert auf die Reize gleichermaßen positiv. Bei dieser nonverbalen Kommunikationsform ist es besonders wichtig, empathisch und feinfühlig auf alle Reaktionen des Betroffenen zu achten und die basale Stimulation gegebenenfalls zu verändern, anzupassen oder einzustellen. Beobachten Sie, was dem Betroffenen gefällt und welche Reaktionen angenehm sind.
- Stimulationsform auf Biografie abstimmen: Vor der Anwendung der basalen Stimulation sollten Sie die Stimulationsform auf die jeweilige Biografie des beinträchtigten Menschen abstimmen.
- Überforderung vermeiden: Setzen Sie basale Stimulation in der Pflege eines an Demenz erkrankten Person ein, sollten Sie auch darauf achten, auf die individuellen Vorlieben und Reaktionen der betroffenen Person einzugehen, um Überforderung zu vermeiden.
- Gefühl von Geborgenheit vermitteln: Vermitteln Sie dem an Demenz erkrankten Menschen ein Gefühl von Geborgenheit. Achten Sie auf Blickkontakt, auf die Körpersprache, auf eine freundliche Mimik und auf einen freundlichen, warmen Klang in der Stimme.
- Individuelle Situation berücksichtigen: Voraussetzung ist, dass Sie die individuelle Situation des Betroffenen berücksichtigen und auf seine Fähigkeiten sowie Bedürfnisse eingehen.
Registriert die Pflegekraft bei der Anwendung einer Methode der Basalen Stimulation eine Reaktion des Betroffenen, so erwidert sie diese, etwa durch die Berührung einer gehobenen Hand. Reagiert derjenige abwehrend, so bricht sie den Reiz ab oder verändert ihn, bis sich eine zustimmende Geste oder Mimik und Entspannung einstellt.
Basale Stimulation und Bobath-Therapie
Schwerpunkt bei der Waschung ist es, dass ein permanenter Körperkontakt besteht und auch ein konstanter Druck ausgeübt wird. Von daher fließen bei der Waschung Elemente der basalen Stimulation[1] mit ein.
Schulungen und Kurse zur basalen Stimulation
Im besten Fall lassen Sie sich schulen, um die Methoden richtig anzuwenden. Es gibt für Basale Stimulation Kurse, in denen neben Grundlagen auch Ideen vermittelt werden, wie Sie basale Stimulation in der Praxis anwenden können. Solche Kurse kosten etwa zwischen 50 und 400 Euro. Wenn Sie an einem Kurs für professionelle Pflegekräfte teilnehmen wollten, beispielsweise in einem Kurs zur Basalen Stimulation nach Andreas Fröhlich, dem Begründer der basalen Stimulation, müssen Sie im Vorfeld fragen, ob der jeweilige Kurs auch für Angehörige geöffnet ist. Der Internationale Förderverein Basale Stimulation e.V. Unter Umständen können Sie auch im Rahmen eines Pflegekurses nach § 45 SGB XI in basaler Stimulation geschult werden, beispielsweise in einem speziellen Pflegekurs zum Thema Demenz. Eine ausgebildete Pflegekraft schaut sich dann Ihre Pflegesituation an und berät Sie vor Ort. Wer die Basale Stimulation praktisch anwenden möchte, kann die Methoden durch einen Basiskurs und den anschließenden Aufbaukurs kennenlernen und erste Techniken anwenden. Beide Kurse erstrecken sich nur über wenige Tage. Eine tiefgründigere Weiterbildung zum Praxisbegleiter Basale Stimulation vermittelt über die Dauer eines Jahres in 540 Stunden Unterricht und Eigenstudium alle wichtigen Kenntnisse. Wer die Methode weiter lehren möchte, muss eine einjährige Weiterbildung zum Praxisbegleiter Basale Stimulation absolvieren.
Basale Stimulation für Angehörige
Neben Pflegekräften können nun auch pflegende Angehörige und pflegedürftigen Familienmitglieder von den praktischen Pflegetechniken und Erkenntnissen der Basalen Stimulation nach Prof. Andreas Fröhlich profitieren. Basale Stimulation bietet auch Angehörigen viele Möglichkeiten, das Empfinden und die Wahrnehmung der Betroffenen zu verbessern. Sie können der Pflegekraft berichten, was die gepflegte Person gerne gegessen, welche Musik sie gemocht hat oder ob sie gerne Massagen mochte. Diese und viele weitere wichtige Informationen, helfen dabei, die zur Basal-Stimulation anzuwenden.
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