Cannabis und neurologische Schäden: Eine Untersuchung der Forschungslage

Die Frage, ob Cannabiskonsum neurologische Schäden verursacht, ist Gegenstand intensiver Forschung und Debatte. Während medizinisches Cannabis zunehmend an Akzeptanz gewinnt, sind die langfristigen Auswirkungen von Cannabis, insbesondere auf das sich entwickelnde Gehirn von Jugendlichen, noch nicht vollständig geklärt. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Forschungslage zu diesem Thema, wobei sowohl die potenziellen Risiken als auch die möglichen therapeutischen Anwendungen von Cannabis berücksichtigt werden.

Medizinisches Cannabis und seine Auswirkungen auf das Gehirn

Medizinisches Cannabis wird zunehmend zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt, darunter Angststörungen, Depressionen, Schmerzen und Schlaflosigkeit. Eine aktuelle Kohortenstudie aus den USA untersuchte die langfristigen Auswirkungen der Therapie mit medizinischem Cannabis auf das Gehirn. Die Studie umfasste 57 Teilnehmer im Alter zwischen 18 und 65 Jahren, die wegen einer der genannten Erkrankungen mit medizinischem Cannabis behandelt wurden, sowie eine Kontrollgruppe von 32 gesunden Personen. Die Analyse ergab keine signifikanten Veränderungen in der Hirnaktivierung, beispielsweise in Bezug auf das Arbeitsgedächtnis, das Belohnungssystem oder die inhibitorische Kontrolle. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Therapie mit medizinischem Cannabis auf längere Sicht keine negativen Folgen für das Gehirn haben könnte. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass weitere Studien erforderlich sind, um diese Ergebnisse zu bestätigen und die langfristigen Auswirkungen der Therapie mit medizinischem Cannabis auf das Gehirn umfassend zu untersuchen.

Cannabiskonsum als Rauschmittel und seine Auswirkungen auf die Hirnaktivität

Im Gegensatz zur medizinischen Anwendung von Cannabis hat der Konsum von Cannabis als Rauschmittel möglicherweise dauerhafte Auswirkungen auf die Hirnaktivität, insbesondere bei jungen Erwachsenen. Eine umfangreiche Studie an 1003 jungen Erwachsenen in den USA untersuchte die Auswirkungen des Cannabiskonsums auf die Hirnaktivität während der Ausführung verschiedener Aufgaben. Die Teilnehmer führten sieben Aufgaben aus, während ihre Hirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) überwacht wurde. Die Ergebnisse zeigten, dass häufige Cannabiskonsumenten bei Aufgaben, die das Arbeitsgedächtnis beanspruchten, im Durchschnitt eine geringere Hirnaktivierung aufwiesen. Darüber hinaus schnitten Personen, die in den Tagen vor dem Experiment Cannabis konsumiert hatten, bei diesem Test messbar schlechter ab. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass bei den anderen sechs Aufgaben keine signifikanten Effekte festgestellt wurden.

Die Ergebnisse dieser Studie sind komplex undInterpretationsbedürftig. Während Personen mit positivem Urintest und langjährigem Cannabiskonsum eine statistisch signifikant geringere Hirnaktivität bei Aufgaben für das Arbeitsgedächtnis zeigten, schnitten nur diejenigen, die in den letzten Tagen Cannabis geraucht hatten, signifikant schlechter bei der Übung selbst ab. Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass die Hirnaktivität in diesem Test mit Faktoren wie Intelligenz und Bildungserfolg der Versuchspersonen verbunden ist, was darauf hindeutet, dass die geringere Aktivität bei langjährigen Nutzern ebenfalls Auswirkungen auf die geistige Leistungsfähigkeit haben könnte.

Die Auswirkungen von geringem Cannabiskonsum bei Jugendlichen

Besondere Besorgnis gilt den Auswirkungen von Cannabiskonsum auf das sich entwickelnde Gehirn von Jugendlichen. Eine Studie von Forschern aus Vermont untersuchte die Auswirkungen von geringem Cannabiskonsum bei 14-Jährigen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bereits ein geringer Konsum Folgen für das jugendliche Gehirn haben kann, insbesondere für die kognitiven Fähigkeiten. Die Studie ergab, dass bei Jugendlichen, die nur ein- bis zweimal Cannabis konsumiert hatten, in einigen Hirnarealen die graue Substanz an Volumen zunahm. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass das jugendliche Gehirn besonders anfällig für die toxischen Schäden von Cannabis-Substanzen sein könnte. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Frage, ob diese Schäden dauerhaft sind, kontrovers diskutiert wird. Während einige Experten davon ausgehen, dass die kognitiven Störungen bleiben, gibt es auch die Möglichkeit, dass sie reversibel sind.

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Die Rolle des Endocannabinoid-Systems

Cannabinoide wie Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) beeinflussen das Gehirn durch ihre Interaktion mit dem Endocannabinoid-System (ECS). Das ECS ist ein komplexes Netzwerk von Rezeptoren, Enzymen und Endocannabinoiden, die eine wichtige Rolle bei der Regulierung verschiedener physiologischer Prozesse spielen, darunter Stimmung, Appetit, Schmerzempfindung und Gedächtnis.

THC bindet hauptsächlich an CB1-Rezeptoren, die sich vor allem im Gehirn und Nervensystem befinden. Durch die Aktivierung der CB1-Rezeptoren beeinflusst THC die Freisetzung von Neurotransmittern wie Dopamin, GABA und Glutamat. Dies kann zu einer Vielzahl von Wirkungen führen, darunter Entspannung, Euphorie, veränderte Sinneswahrnehmung, kognitive Einschränkungen, Gedächtnisprobleme und Motivationsverlust.

CBD hingegen interagiert nicht direkt mit CB1-Rezeptoren, sondern moduliert deren Aktivität. Studien zeigen, dass CBD angstlösend, antipsychotisch und entzündungshemmend wirken kann, ohne die berauschenden Effekte von THC. Aktuelle Studien legen nahe, dass CBD im Gegensatz zu THC keine negativen Auswirkungen auf die Gehirnstruktur oder kognitive Leistungsfähigkeit hat. Im Gegenteil: Forscher vermuten, dass CBD das Nervensystem stabilisiert und möglicherweise neuroprotektive Eigenschaften besitzt.

Langzeitfolgen des Cannabiskonsums auf das Gehirn

Die Langzeitfolgen des Cannabiskonsums auf das Gehirn sind Gegenstand kontroverser Diskussionen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Einige Studien legen nahe, dass übermäßiger Cannabiskonsum zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen kann, wie beispielsweise veränderte Konnektivität und verringertes Volumen bestimmter Hirnregionen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass vor allem regelmäßiger und übermäßiger Cannabiskonsum, insbesondere in jungen Jahren, schädlich sein kann.

Eine Studie von Matthew Smith von der Feinberg School of Medicine in Chicago und seinen Mitarbeitern untersuchte die Leistungen des Arbeitsgedächtnisses von Cannabiskonsumenten, Patienten mit Schizophrenie und gesunden Personen. Die Forscher verwendeten einen bestimmten Algorithmus (large-deformation high dimensional brain mapping, HDBM-LD), der bei den Cannabiskonsumenten tatsächlich in einigen subkortikalen Zonen Veränderungen aufzeigte. Gemeint sind Striatum, Globus pallidus und Thalamus, die für das Arbeitsgedächtnis benötigt werden. Striatum und Thalamus waren bei den Konsumenten im HDBM-LD verkleinert. Dies könnte laut Smith auf den Untergang von Neuronen hinweisen. Die Auswirkungen waren besonders ausgeprägt bei Jugendlichen, die sehr früh mit dem Cannabis-Konsum begonnen hatten, für Smith ein Zeichen für einen kausalen Zusammenhang zwischen Droge und Hirnveränderung. Die Hirnveränderungen waren auch bei Personen mit „cannabis use disorder“ (der neuen DSM-V-Entität für die Cannabisabhängigkeit) vorhanden, die seit zwei Jahren kein Cannabis mehr geraucht hatten. Smith sieht darin einen Hinweis auf bleibende Schäden durch den Cannabis-Konsum.

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Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Ursache und Wirkung hier schwer voneinander zu trennen sind. Es ist durchaus möglich, dass Menschen mit einer beginnenden Schizophrenie sich eher als andere Jugendliche der Droge zuwenden. Was zuerst kam, die Krankheit oder die Droge, lässt sich durch Querschnittsstudien wie der aktuellen nicht klären. Notwendig wären Langzeitstudien an Jugendlichen, die aufwendig sind und bisher nicht durchgeführt wurden.

Cannabis und die Entwicklung des jugendlichen Gehirns

Das jugendliche Gehirn durchläuft eine entscheidende Umbauphase, in der es besonders anfällig für die Auswirkungen von Cannabiskonsum ist. Nach einer Studie am Max-Planck-Institut für Hirnforschung wird das Gehirn vor allem zwischen 15 und 17 Jahren radikal renoviert. Hirnstrommessungen mittel Elektroenzephalogramm (EEG) ergaben, dass sich die Hirnaktivität in diesem Altersbereich sowohl von Erwachsenen als auch von jüngeren Jugendlichen deutlich unterscheidet. Das Gehirn scheint sich völlig neu zu organisieren, mit einer vorübergehenden Phase der Destabilisierung. Aus anderen Studien ist bekannt, dass sich Nervenbahnen in der so genannten weißen Substanz des Gehirns in der Pubertät erst noch ausbilden. Bei diesem Umbau spielt das so genannte Endocannabinoid-System eine wichtige Rolle. Wenn ein Jugendlicher kifft, wird das Gehirn jedoch regelrecht mit Cannabinoiden geflutet, was möglicherweise die normale Hirnentwicklung stört.

Hinweise auf eine möglicherweise gestörte Hirnentwicklung liefert eine Studie der Universität Köln. Eine Arbeitsgruppe um Studienleiter Jörg Daumann hat Cannabiskonsumierende für ihre Untersuchung in zwei Gruppen aufgeteilt: Personen, die vor dem 16. Lebensjahr mit dem Cannabiskonsum begonnen haben und solche, die erst mit 17 Jahren oder später eingestiegen sind. Die Auswertung der Hirnaktivitätsmuster ergab, dass bei der Gruppe der Früheinsteiger bestimmte Areale des Gehirns deutlich stärker aktiviert waren als bei Personen, die erst mit 17 Jahren oder später erstmals Cannabis konsumiert hatten.

Ebenfalls noch nicht endgültig, aber dennoch beunruhigend sind die Ergebnisse eines US-amerikanischen Forschungsteams um Studienleiterin Manzar Ashtari. Mit Hilfe der Diffusions-Tensor-Bildgebung untersuchten Ashtari und ihr Team die Struktur der weißen Substanz bei einer Gruppe von 14 Jugendlichen mit starkem Cannabiskonsum. Den Ergebnissen zufolge wiesen bestimmte Bereiche der weißen Substanz strukturelle Veränderungen bei den Cannabiskonsumenten auf. So war ein wichtiger Reifungsprozess, die so genannte Myelinisierung, in bestimmten Regionen nicht oder nur unzureichend fortgeschritten.

Erholung und langfristige Auswirkungen

Die Frage, ob sich die Auswirkungen des Cannabiskonsums auf das Gehirn umkehren lassen, ist Gegenstand weiterer Forschung. Einige Studien deuten darauf hin, dass sich die kognitiven Leistungen nach einer Abstinenzphase wieder normalisieren können. In einer 2001 veröffentlichten Untersuchung konnten Harrison Pope und sein Team zeigen, dass sich die kognitiven Leistungen auch nach jahrelangem Kiffen spätestens nach einem Monat Abstinenz wieder auf einem normalen Niveau bewegen. In einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2003 kommt ein Forschungsteam ebenfalls zu dem Schluss, dass sich kaum Hinweise auf dauerhafte Beeinträchtigungen der Hirnleistungen zeigen, wenn Konsumierende dem Joint nur lang genug abschwören.

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Was für Erwachsene gilt, muss aber nicht automatisch auch auf Jugendliche zutreffen. Beispielsweise hat die US-amerikanische Forscherin Krista Medina 16- bis 18-jährige Jugendliche, die seit durchschnittlich drei Jahren regelmäßig kifften, nach einer einmonatigen Abstinenzphase untersucht. Anders als in der Pope-Studie ließen sich nach diesem Zeitraum noch signifikante Defizite in der Aufmerksamkeit und dem Gedächtnis nachweisen.

Medizinische Anwendungen von Cannabis

Trotz der potenziellen Risiken des Cannabiskonsums gibt es auch vielversprechende medizinische Anwendungen für Cannabis und seine Inhaltsstoffe. THC wird seit den Siebzigerjahren zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie eingesetzt. Solider ist die Datenlage für THC bei chronischen Schmerzzuständen. Laut einem Positionspapier der Österreichischen Schmerzgesellschaft gibt es folgende Indikationen: Tumorschmerztherapie (als Add-on zu Opioiden, nicht aber als Ersatz), MS mit spastikassoziierten Schmerzen (als Add-on zu Muskelrelaxanzien) sowie chronische nozizeptive und neuropathische Schmerzen (als Add-on in der zweiten oder dritten Linie).

Für CBD werden einige Indikationen genannt. Dazu gehören Schizophrenie (bei akuten Formen, aber auch als Zusatztherapie bei behandlungsrefraktärer Schizophrenie) und Angsterkrankungen. Mit Abstand am besten ist die Datenlage für Cannabis-Präparate jedoch in der Neurologie. So gibt es gute Evidenz für eine signifikante Wirkung von CBD- oder auch Mischpräparaten bei Multipler Sklerose. Dies betrifft sowohl neuropathische Schmerzen als auch Schlafstörungen und Spastizität. Auch für zwei distinkte Formen der Epilepsie bei Kindern, nämlich das Dravet-Syndrom und das Lennox-GastautSyndrom, gibt es solide Daten für die Wirksamkeit von CBD.

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