Erinnerungspflege bei Menschen mit Demenz: Methoden und Ansätze

Demenz ist eine Erkrankung, die das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen stark beeinflusst. Einhergehend mit dem Verlust kognitiver Fähigkeiten, stellt die Erinnerungspflege eine wichtige Säule in der Betreuung dar. Sie zielt darauf ab, die Lebensqualität zu verbessern, die Identität zu stärken und positive Emotionen zu wecken. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Methoden und Ansätze der Erinnerungspflege, um Angehörigen und Betreuern praktische Hilfestellungen zu geben.

Bedeutung der Erinnerungspflege

Die Erinnerungspflege, auch bekannt als Biografiearbeit oder Reminiszenztherapie, ist mehr als nur ein nostalgischer Rückblick. Sie ist eine bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, bei der das Erinnern selbst im Mittelpunkt steht. Das Wiederentdecken von Erfahrungen, das Ordnen von Gedanken und das Wertschätzen gelebter Zeit sind zentrale Aspekte. Gerade im Alter kann Erinnerungspflege eine kraftvolle Ressource sein, die hilft, die eigene Identität zu bewahren, das Selbstwertgefühl zu stärken und schwierige Lebensphasen besser zu verarbeiten. Für Menschen mit beginnender Demenz kann sie zudem Orientierung geben und das Langzeitgedächtnis aktivieren.

Was Erinnerungspflege leisten kann

  • Stärkung des Selbstwertgefühls
  • Erhalt der persönlichen Identität
  • Förderung der Kommunikation mit Angehörigen
  • Aktivierung des Langzeitgedächtnisses
  • Reduzierung von Ängsten, besonders bei Menschen mit Demenz
  • Steigerung von Lebensfreude und innerer Stabilität

Grundlagen der Erinnerungspflege

Individuelle Bedürfnisse berücksichtigen

Die Erinnerungspflege sollte individuell an die Interessen, Fähigkeiten und die aktuelle Lebenssituation des Demenzerkrankten angepasst werden. Es gibt kein Richtig oder Falsch - jeder Beitrag zählt, jedes Detail hat Bedeutung. Wichtig ist, dass die Beschäftigung Spaß macht und keinen Leistungsdruck erzeugt. Demenzerkrankten fällt es oft schwer, sich selbst Aufgaben vorzunehmen und diese gezielt zu verfolgen.

Das richtige Umfeld schaffen

Chaotische, laute Umgebungen sind ungeeignet, weil sie zu Verwirrung und Stress führen. Ideal sind hingegen Orte, die dem Demenzerkrankten immer schon gefallen haben oder einen biografischen Bezug bieten.

Umgang mit Fehlern

Tolerieren Sie „Fehler“ und schimpfen Sie auf keinen Fall, wenn etwas nicht funktioniert. Demenz lässt sich nicht „wegtrainieren“, und der Erkrankte muss nichts unter Beweis stellen.

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Methoden der Erinnerungspflege

Es gibt viele Wege, sich der eigenen Vergangenheit zu nähern, und jeder Mensch findet seinen ganz persönlichen Zugang. Manche erzählen lieber, andere schreiben oder schauen sich alte Bilder an. Die Wirkung zählt: Erinnerungen werden lebendig, greifbar, manchmal sogar heilsam.

Gespräch über frühere Erlebnisse

Offene Gespräche mit Angehörigen oder Betreuenden über bestimmte Lebensphasen oder prägende Ereignisse können sehr wertvoll sein. Achten Sie darauf, wertschätzend, geduldig und ohne Zeitdruck zu sein. Raum für Pausen, spontane Einfälle und auch für das Schweigen sollte gegeben sein. Besonders hilfreich sind offene Fragen wie „Erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit“, „Was haben Sie früher gerne gemacht?“ oder „Welche Musik hat Sie begleitet?“.

Arbeit mit Gegenständen

Dinge aus der Vergangenheit (Fotos, Alltagsobjekte, Kleidungsstücke) können als „Erinnerungsanker“ genutzt werden. Ein vertrauter Gegenstand, wie das Kaffeeservice von der Mutter oder ein alter Werkzeugkoffer, kann Geschichten in Gang bringen.

Der Erinnerungskoffer

Ein Erinnerungskoffer ist eine Sammlung persönlicher Gegenstände, die mit dem eigenen Leben verbunden sind - greifbare Erinnerungen, die Geschichten erzählen. Er kann helfen, Erlebtes wieder sichtbar zu machen und lädt dazu ein, innezuhalten, nachzudenken und ins Gespräch zu kommen.

Typische Inhalte für einen Erinnerungskoffer:

  • Fotografien: Familienbilder, Urlaubsaufnahmen, Porträts aus der Kindheit
  • Dokumente: Zeugnisse, Ausweise, Briefe, Postkarten
  • Alltagsgegenstände: Werkzeuge, Spielzeug, Geschirr, Kleidungsstücke
  • Musik: CDs, Kassetten oder Notenblätter mit Lieblingsliedern
  • Gerüche: Ein Stück Seife, ein Parfumflakon, getrocknete Kräuter
  • Texte: Tagebücher, Gedichte, handgeschriebene Notizen
  • Symbole: Religiöse Gegenstände, Orden, Vereinsabzeichen

Musik und Hörstücke

Alte Schlager, klassische Musik oder Radiosendungen können intensive Erinnerungen wachrufen. Musikhören ist für viele Menschen mit Demenz ideal, denn bekannte Schlager aus der Jugendzeit stimulieren fröhliche Erinnerungen und können die Stimmung aufhellen. Bekannte Lieder zu singen, dazu zu musizieren oder den Takt zu schlagen funktioniert selbst dann, wenn der Betroffene nicht mehr sprechen kann.

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Fotobetrachtung

Das gemeinsame Anschauen von Fotoalben oder Dias fördert Gespräche und Verbindungen. Stellen Sie als Pflegender oder Angehöriger konkrete Fragen zur Kindheit oder Jugend des Demenzerkrankten, zum Beispiel zu wichtigen historischen Ereignissen aus dieser Zeit. Mehrere kleine Erinnerungsalben sind meist sinnvoller als ein großes, das eher überfordert.

Thematische Erinnerungseinheiten

Gestalten Sie Erinnerungseinheiten zu bestimmten Themen, zum Beispiel „Mein erster Beruf“, „Kindheit in der Stadt“ oder „Feiertage früher und heute“.

Biografiearbeit

Die Biografiearbeit ist eng mit der Erinnerungspflege verbunden. Sie beschreibt die strukturierte Erfassung, Reflexion und Nutzung der Lebensgeschichte eines Menschen zur Förderung seiner Lebensqualität. Sie ermöglicht es, die individuellen Erfahrungen, Werte, Vorlieben und Prägungen eines Menschen zu erfassen und im Pflegealltag zu berücksichtigen.

Was gehört zur Biografie eines Menschen?

  • Ereignisse: Kindheit, erster Schultag, Schulzeit, Konfirmation/Kommunion, Schulabschluss, Verlobung, Hochzeit, erster Arbeitstag
  • Personen: Schulkameraden, Freunde, Bekannte, Ehepartner, Verwandte, Arbeitskollegen, Vereinsmitglieder, Kinder, Enkel
  • Freizeitgestaltung: Hobbies, Vereinstätigkeiten, Urlaub, Ausflugsziele, Wanderungen, Städtereisen, Oper- oder Museumsbesuche, Kinobesuche, Kochen, Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt, Tanzen
  • Beruf: Ausbildung, Studium, ausgeübte Berufe, Arbeitgeber, ausgeübte Tätigkeiten, Karriereentwicklung, welche Verantwortungen wurden übernommen
  • Persönliches: Kleidungsstil, Haustiere, Träume und Wünsche, Allergien, Krankheiten, besondere Talente, Tabuthemen, Vorlieben und Abneigungen (Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsrestaurant, Lieblingsfilme, Lieblingsbücher)

Kreative Tätigkeiten

Kreative Tätigkeiten sind zugleich eine aktive Betätigung und eine sinnliche Erfahrung. Der Umgang mit unterschiedlichen Materialien aus der Natur oder dem Bastelladen kann Demenzerkrankten viel Freude bereiten. Nehmen Sie den Wechsel der Jahreszeiten als Anlass, um passende Dekoration zu basteln. Bringen Sie dafür ein paar Dinge aus der Natur mit (Tannenzapfen, Blumen, Kastanien, usw.).

Vorlesen

Vorlesen kann für Menschen mit Demenz genauso aktivierend sein wie Kopfrechnen für einen gesunden Menschen. Wählen Sie Bücher mit kurzen, einfachen und vor allem positiven Geschichten.

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Bewegung und Sinneserfahrungen

Bewegung regt den Kreislauf an, fördert Sinneserfahrungen und bringt Freude. Spaziergänge und Ausflüge sind immer eine sinnvolle Beschäftigung. Ideal sind Orte, die dem Demenzerkrankten immer schon gefallen haben oder einen biografischen Bezug bieten.

Basale Stimulation

Ziel ist es, den Erkrankten dazu zu bringen, den eigenen Körper wahrzunehmen, denn dies ist wichtige Voraussetzung, um einen Zugang zu Mitmenschen und der Umwelt aufzubauen. In der Basalen Stimulation wird mit sehr einfachen Mitteln gearbeitet. Emphatisch und zur richtigen Zeit angewandt, können sie erstaunliche Effekte verursachen, und vor allem zu mehr Lebensfreude führen.

Beispiele für basale Stimulation:

  • Riechen und Schmecken: Lenken Sie das Bewusstsein der erkrankten Person gezielt auf besondere Gerüche, z.B. mit einer Duftkerze, Gewürzen oder gut riechenden Cremes.
  • Vibratorische Reize: Fördern Sie die Oberflächen- oder Tiefensensibilität mit Geräten wie einem elektrischen Rasierer oder einer elektrischen Zahnbürste.
  • Berühren und Fühlen: Verwenden Sie unterschiedliche Materialien und Texturen, um den Tastsinn anzuregen.

Spiele

Es gibt Spiele, die speziell für Demenzerkrankte entwickelt wurden. Sie sollen gezielt motorische Fähigkeiten trainieren oder den Spaß am Raten und am Gedächtnistraining bei Demenz wecken. Am besten eignen sich dazu Spiele, die von Kindheit an vertraut sind, wie Würfelspiele oder Mensch ärgere Dich nicht. Variieren Sie die Spielregeln lieber, als zu konsequent auf deren Einhaltung zu achten.

Beispiele für geeignete Spiele:

  • Einfache Puzzles mit großen Teilen
  • Gedächtnisspiele mit Bildern statt Text
  • Memory-Spiel mit großen Karten und leicht erkennbaren Motiven

Erinnerungsalben und Familienbücher

Ein Erinnerungsalbum sammelt Fotos und Erinnerungsstücke aus dem Leben einer Person mit Demenz. Es dient der Erinnerungspflege und der Beschäftigung, denn es kann immer wieder Freude bereiten, ein solches Album durchzublättern und sich an Ereignisse aus dem eigenen Leben zu erinnern.

Ein Familienbuch ist ein persönlicher Schatz, der Erlebnisse bewahrt, Generationen verbindet und Familiengeschichte greifbar macht. Es kann handgeschrieben in einem Heft, als bunter Ordner mit eingeklebten Fotos oder digital gestaltet als hochwertiges Fotobuch vorliegen.

Herausforderungen und Lösungsansätze

Sprachliche Barrieren

Bei Menschen mit Demenz lässt bereits in einem frühen Stadium die Sprachfähigkeit nach. Sprechen Sie klar und in kurzen, knappen Sätzen. Halten Sie Blickkontakt und bauen Sie Brücken, indem Sie alles beim Namen nennen.

Umgang mit schwierigen Emotionen

In der Erinnerungspflege können auch schwierige Emotionen aufkommen. Es ist wichtig, diese Gefühle zu validieren und dem Betroffenen das Gefühl zu geben, gehört und verstanden zu werden.

Einbeziehung der Angehörigen

Eine gelungene Erinnerungspflege basiert auf Teamarbeit. Angehörige bringen wertvolles Wissen über die Lebensgeschichte mit - über frühere Berufe, persönliche Vorlieben, familiäre Rituale oder emotionale Schlüsselereignisse. Ein regelmäßiger Austausch über Beobachtungen, Erfahrungen und biografische Details hilft, das Pflegeverständnis zu vertiefen und auf Veränderungen einfühlsam zu reagieren.

Technische Unterstützung

Seit geraumer Zeit werden vom technischen Wandel ermöglichte Veränderungen in der Pflege erprobt und eingeführt. Spezielle Demenz-Tablets, die auf die Beschäftigung und Aktivierung von Demenzerkrankten ausgerichtet sind, können eine sinnvolle Ergänzung darstellen.

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