Gehirngerechter Unterricht: Eine Definition und ihre Bedeutung für effektives Lernen

Die moderne Gehirn- und Lernforschung hat wertvolle Erkenntnisse darüber geliefert, wie Lernen erfolgreich und freudvoll gestaltet werden kann. Gehirngerechtes Lernen bedeutet, Lernprozesse so zu gestalten, dass sie Freude bereiten und als nachhaltiger Teil des Lebens betrachtet werden.

Die Grundlagen des gehirngerechten Lernens

Viele Lerninhalte, insbesondere in Fächern wie Mathematik und Chemie, stoßen in der Schule nicht immer auf Begeisterung. Es ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht zwangsläufig an den Fächern selbst liegt, sondern von verschiedenen Faktoren abhängt. Im Fokus stehen die Voraussetzungen, unter denen Kinder gehirngerecht lernen, was sie beim Lernen suchen und was vermieden werden sollte.

Motivation und Neugier

Sich offen und leidenschaftlich mit einem Thema auseinanderzusetzen und selbstständig lernen zu wollen, ist der erste Schritt zur kindlichen Motivation. Intrinsische Motivation, also der Wunsch, etwas aus eigenem Antrieb zu tun, ist effektiver als extrinsische Motivation, die von außen auferlegt wird. Begeisterung kann jedoch auch von außen angeregt werden und dieselben neuronalen Muster im Belohnungssystem aktivieren wie intrinsische Motivation. Wer selbst begeistert von einer Sache ist, kann die Neugier seines Kindes wecken und so dessen Interesse entfachen.

Neurodidaktik: Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen

Die Neurodidaktik vereint Erkenntnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, um förderliche - gehirngerechte - Lernvoraussetzungen zu schaffen. Dabei geht es nicht nur darum, Kindern Informationen zu vermitteln, sondern auch darum, die Prozesse des Lernens aus Sicht des Gehirns zu verstehen. Der Anwendungsbereich der Neurodidaktik liegt zwar eher in der Schule, dennoch lassen sich viele Erkenntnisse auch im Familienleben anwenden.

Wie Kinder lernen: Ein Blick auf die kindliche Perspektive

Kinder suchen in jungen Jahren Bewegung, Antrieb, Motivation und Sinn in ihrer Umwelt. Lernen ist ein Prozess, der überall und jederzeit stattfindet und verschiedene Fähigkeiten voraussetzt. Gehirngerechtes Lernen soll diese Fähigkeiten aufzeigen und berücksichtigen, was die Forschung über förderliches Lernen herausgefunden hat. Um eigene Interessen zu wahren, braucht es mehr als Druck und Benotung - es braucht Freude an der Sache und Lust am Lernen.

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

Ein Rahmen für gehirngerechtes Lernen

Es gibt kein Patentrezept für erfolgreiches Lernen, da jedes Kind einzigartig ist und jeder Lernweg individuell verläuft. Eltern und Kinder können jedoch gemeinsam eine Lernatmosphäre schaffen, in der Wissen, Freude und Gemeinschaft gefunden werden können.

Neugier als angeborene Eigenschaft

Kinder kommen als „kleine Forscher“ auf die Welt und erkunden aktiv ihre Umwelt. Das Gehirn wird unter verschiedenen Bedingungen vielfältig stimuliert. Details, die Kindern ohne Bedeutungskontext präsentiert werden, werden jedoch schnell vergessen.

Ein Beispiel aus dem Leben: Molas Sommerprojekt

Mola, ein abenteuerlustiger Fünfjähriger, und sein Vater planen ein Sommerprojekt, bei dem sie ein Floß bauen, um einen Fluss nach Piratenschätzen abzusuchen. Dieser Plan führt sie dazu, Treibholz zu suchen, ein Modell zu bauen und schließlich das Floß zu konstruieren. Dabei lernen sie, ohne Vorkenntnisse, sich von A nach B zu tüfteln und haben dabei großen Spaß.

Freiraum für individuelle Entfaltung

Gehirngerechtes Lernen bedeutet vor allem, Schülerinnen und Schülern den Freiraum zu geben, in dem sie sich individuell entfalten können. Dazu ist es wichtig, pädagogische Situationen zu gestalten, in denen sie sowohl selbstständig arbeiten als auch sich mit anderen austauschen können und den fachlichen Input von Fachpädagoginnen und -pädagogen erhalten. Das Lernen und Leben in jahrgangsübergreifenden Gruppen ist ein wichtiger Faktor, um sich von anderen Schülerinnen und Schülern inspirieren und unterstützen zu lassen. Die Einbindung außerschulischer Lernorte und der Austausch mit Expertinnen und Experten stellt ein weiteres wichtiges Element für ein gehirngerechtes Lernen dar.

Kognitive Fähigkeiten im Fokus

Bei Projekten wie dem Floßbau werden kognitive Fähigkeiten trainiert, ohne dass dies bewusst geschieht.

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

Das Arbeitsgedächtnis

Molas Arbeitsgedächtnis ist ständig gefordert, um kurzzeitige Informationen zu speichern und mit diesen zu arbeiten. Er lernt, dass man längere und kürzere Hölzer benötigt, und versucht, diese Informationen zu behalten und abzurufen. Er lernt, sich zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her zu bewegen und sie mit vorherigen abzugleichen.

Selbstkontrolle

Mola lernt auf vielfältige Weise, seine Emotionen und Impulse zu kontrollieren - er übt Selbstkontrolle. Sein Vater erklärt ihm, dass man ohne Vorbereitung nicht zum Ziel kommt und den Schatz am Ende auch nicht findet. Mola lernt, sich zurückzuhalten und Belohnungen aufzuschieben.

Glücksgefühle als Lernbeschleuniger

Molas körpereigene Glücksgefühle wie Dopamin wirken als Beschleuniger seines Lernprozesses. Botenstoffe werden im Gehirn freigesetzt, und Freude und Begeisterung wirken wie Dünger, wenn die ersten Handgriffe gelingen.

Wissen selbst erzeugen

Für Molas Vater ist es wichtig zu verstehen, dass Wissen nicht übertragen werden kann, sondern nur im Gehirn eines jeden Kindes selbst erzeugt wird. Kinder müssen dabei sein, selbst Hand anlegen dürfen, ihrem Entwicklungsstand entsprechen und die Möglichkeit brauchen, ihren Körper und ihren Verstand einzusetzen. Ein Lernprozess ist umso effektiver, je mehr Sinne dabei angesprochen werden.

Vielfältige Lernfelder

Ein kindliches Gehirn lernt ständig und ist kaum zu bremsen in seiner Lernfreude. Wichtig ist es jedoch, Interesse zu wecken und vielfältige Möglichkeiten bereitzustellen, die verschiedene Anreize zulassen. Bereits weit vor Schulbeginn eröffnen sich die ersten Lernfelder für Kinder.

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

Lernen als Spiel

Für Kinder ist Lernen gleichzusetzen mit Spielen. Überall dort, wo sie Begeisterung und Bedeutsamkeit vorfinden, lernen Kinder, ganz ohne dass man sie dazu auffordern müsste.

Die Rolle der Eltern

Vieles von dem, was Eltern gemeinsam mit ihren Kindern tun, trägt immer auch ein Stück Lernfeld in sich, vor allem in den Jahren, in denen Kinder ihre Welt erstmalig erkunden. Wenn Eltern sich einer positiven Lernatmosphäre bewusst sind, können sie ganz natürlich die Interessen und Motivation ihres Kindes beflügeln.

Emotionen und Lernen

Das Gehirn verarbeitet die eintreffenden Reize nach einem bestimmten Muster und lässt dabei auch eine emotionale Bewertung miteinfließen. Informationen reisen zunächst durch das limbische System, wo sie eine emotionale Einfärbung erhalten. Erst danach reisen die Informationen zu unserem Cortex, der für analytisches Denken zuständig ist. Die Art und Weise, wie man Lerninhalte verpackt, ist entscheidend dafür, ob sich Kinder einem Thema zugewandt fühlen oder nicht.

Begeisterung ist ansteckend

Allzu oft entzündet die Flamme eines begeisternden Elternteils die des Kindes - Faszination lässt sich auch auf Kinder übertragen. Kinder haben bereits im Kindergartenalter die Möglichkeit, für die verschiedensten Dinge innerlich zu brennen, wenn sie in ihrer Motivation in ihrem selbstständigen oder gemeinsamen Erkunden unterstützt werden.

Die Bedeutung von Emotionen

Die zentrale Bedeutung unserer Emotionen liegt darin, wie sie unser Verhalten steuern. Ob motiviert oder nicht, hängt mitunter damit zusammen, ob wir negative Erfahrungen mit einem Bereich erlebt haben. In unserem Gehirn sind Belohnungsmaximierung oder Bedrohungsvermeidung als zentrale Systeme verankert.

Emotionale Tönung

Fast alles, was wir erleben, erhält eine emotionale Tönung von unserem Gehirn. Emotionen haben stets die Kraft, einen Teil unseres Lebens einzufärben. Lernen sollte deswegen zu einem Teil mit positiven Emotionen assoziiert werden. Emotionen haben die Aufgabe, unsere Zukunft zu einem gewissen Teil vorherzusagen und uns über potenzielle „Gefahren“ zu alarmieren.

Erfahrungen und Emotionen

Kinder speichern ihre Erfahrungen gemeinsam mit einer Emotion ab und assoziieren sie mit dem, was sie gerade tun. Die Emotionen eines Kindes sind zwar zu einem Teil vererbt, jedoch zum Großteil erlernt. Kinder lernen die Dinge zu vermeiden, bei welchen sie glauben und das Gefühl haben, nichts zu können. Dies hat auch immer mit der Bewertung zu tun, die Kinder dann erhalten, wenn sie sich mit einer Aufgabe beschäftigen.

Lernen unter Druck

Wird unter Angst, Panik, Druck oder fehlendem Vertrauen gelernt, führt dies zu anderen Vernetzungen im Gehirn als Lernen im Zusammenhang mit Freude, Wertschätzung oder Selbstwirksamkeit. Zwar kann lernen unter solchen Voraussetzungen „rasches Lernen“ fördern, jedoch sind die Kosten hoch: Stress, möglicherweise auch dauerhafter negativer Stress, der ständig den Körper durchflutet. Bei langanhaltendem Stress finden Abbauprozesse im Gehirn statt. Es gibt also, auf lange Zeit gesehen, kaum etwas Unbrauchbareres als Druck, ob in der Schule oder im Elternhaus.

Glücksgefühle und Motivation

Wird unter Freude, gelegentlichen Herausforderungen und punktuellen Reibungen gelernt, unterstützt dies die Dopaminausschüttung - Glücksgefühle setzen sich bei Erfolgen frei. Motivation und Neugier sind als angeborene Verhaltenssysteme in jedem Kind verankert; vor allem in vertrauensvollen Umgebungen lernen sie täglich neues hinzu. Die körpereigenen Glücksgefühle unterstützen die Informationsverarbeitung im Gehirn, die Aufmerksamkeitssteuerung, und führen zu besserem Lernen.

Positive Gestaltung des Lernens

Kinder lieben es, wenn Erwachsene Begeisterung in sich tragen, vor allem wenn Eltern mit ihren Kindern lesen, Märchen erzählen, gemeinsam tüfteln oder basteln und mit Aufmerksamkeit und Leidenschaft bei der gemeinsamen Aufgabe sind. Positive Emotionen und positive Einstellungen wie Ermutigungen und Verständnis sind beim Lernen weitaus stärkere Wegweiser als Entmutigung. Positive Rückmeldungen bieten dem kindlichen Gehirn Orientierung (Was mache ich gut? Darauf kann ich aufbauen!). Sicherheit ist Voraussetzung für das Gehirn, um sich seiner Umwelt zu „öffnen“ und fördert die Neugier.

Gehirngerechtes Lernen in der Praxis

Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ, das es uns ermöglicht, zu denken, zu sprechen und all das zu tun, was uns als Menschen ausmacht. Gerade bei Kindern und Jugendlichen befindet sich unser Gehirn noch in der Entwicklung. Gehirngerechtes Lernen greift genau diese Prozesse auf und sorgt dafür, dass wir besser lernen können.

Anpassung an das Gehirn

Gehirngerechtes Lernen bedeutet zunächst, dass wir die Art und Weise, wie wir lernen, unserem Gehirn anpassen. Erkenntnisse aus der Hirnforschung für die Didaktik und das Sprachenlernen bilden die Basis dieser Lernmethode. Vera F. Birkenbihl hat diese Lernmethode mitbegründet und gehirngerechte Lernmethoden und Übungen entwickelt, die ihr dabei halfen, die Kapazitäten des Gehirns besser zu nutzen.

Stimulation mehrerer Gehirnbereiche

Gehirngerechtes Lernen stimuliert mehrere Gehirnbereiche gleichzeitig und sorgt so dafür, dass Informationen besser aufgenommen und gemerkt werden können. Die Basis für diese Lernmethode wurde vom Psychologieprofessor Roger Sperry und seiner Diversifizierung des Gehirns gelegt. Dabei steht der Spaß am Lernen und dem Lernstoff immer im Vordergrund.

Die vier Schritte des gehirngerechten Lernens

Gehirngerechtes Lernen basiert auf vier einfachen Schritten:

  1. Decodierung: Wort für Wort verstehen, also übersetzen.
  2. Aktives Zuhören: Sich den Fremdsprachen-Text vorlesen lassen und aktiv zuhören.
  3. Passives Hören: Den Text in der Fremdsprache im Hintergrund abspielen.
  4. Aktives Sprechen, Lesen und Schreiben: Sich mit den Feinheiten der Sprache auseinandersetzen.

Anwendung in verschiedenen Bereichen

Gehirngerechtes Lernen kann auf viele Bereiche, nicht nur das Sprachenlernen, angewandt werden. Es geht darum, den Lernstoff in kleine Häppchen zu zerlegen, die aufeinander aufbauen und unserem Gehirn so serviert werden, wie wir auf natürliche Weise lernen würden. Wir trainieren unser Gehirn statt es frontal zu überfordern.

Gehirngerecht = Beziehungsstark

Lehrer, die es satt haben, ununterbrochen Krieg gegen ihre Schüler zu führen, erkennen, dass ein Großteil des Problems auf Hausaufgaben, Noten und schulische Vorgehensweisen zurückzuführen ist. Gehirngerecht ist also auch beziehungsstark! Es ist wichtig, den Schülern zu vertrauen und einen Zugang für sie zu finden, damit sie in der Schule gerne lernen.

Selbstgesteuertes Lernen

Insbesondere für das selbstgesteuerte Lernen sind die gehirngerechten Tools wertvoll. Wenn die Kinder und Jugendlichen die Bedingungen kennen, um gehirngerecht lernen zu können, stellen sie direkt einen persönlichen Bezug dazu her. Sie fragen sich: Wie ist das eigentlich bei mir? Wie habe ich bisher in der Schule gelernt? Eigentlich heißt gehirngerecht lernen, lernen zu lernen!

Erfolgreiche Schüler

Arbeiten wir gehirngerecht, wächst die Gruppe der erfolgreichen Schüler! Die Schere zwischen den Erfolgreichen und Erfolglosen wird kleiner, weil es einfach weniger Erfolglose gibt. Klar gibt es keine 100%-Garantie für alle Schüler, denn Lernen hängt auch von Faktoren außerhalb der Schulmauern ab. Der häufig spielerische Charakter der Übungen nimmt Druck raus, sodass sich die Schüler entspannen können. Die positive Atmosphäre wiederum begünstigt erfolgreiches Lernen.

Feedback und Mitgestaltung

Die Schüler fühlen sich ernst genommen und können den Unterricht mitgestalten. Die Lehrer lernen selbst dazu, denn für sie ist die Methode auch neu. So sitzen alle im selben Boot und das Feedback der Schüler ist ehrlich wichtig.

Lernen aus der Sicht der Biologie

Lernen aus der Sicht der Biologie umfasst die Verstärkung oder Schwächung von neuronalen Synapsen und den daraus resultierenden strukturellen Veränderungen in Neuronen bzw. in neuronalen Netzen („Plastizität“). Viele Erkenntnisse sprechen dafür, dass die meisten Lernvorgänge unbewusst ablaufen - man spricht hier vom impliziten oder nicht deklarativen Lernen. Das Gehirn ist hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt - der größte Teil der Hirnaktivität sind somit interne Prozesse.

Neuronale Netze

Neue Erkenntnisse zur Funktionsweise neuronaler Netze lassen darauf schließen, dass das Gehirn aufgrund bestimmter Nervenzellen - den sogenannten Orts- und Gitterzellen - seine Umwelt (Objekte und Personen) in kognitiven Karten oder Bezugsrahmen abspeichert. Damit ermöglicht sich eine Orientierung in der physischen als auch in der sozialen Welt. Die Theorie der „Thousand Brains“ geht davon aus, dass im Gehirn eine Vielzahl solcher Karten existiert und das Gehirn dadurch effizienter und präziser in der Wahrnehmung und Interaktion mit der Welt agieren kann.

Vorhersage von Wahrgenommenem

Unterstützt wird diese Theorie durch das Konzept der Vorhersage von Wahrgenommenem. Diese Ansätze betonen die aktive Rolle des Gehirns bei der Interpretation und Anpassung an seine Umgebung, anstatt nur passiv auf sensorische Inputs wie bspw. Sprache zu reagieren und implizieren die Fähigkeit, bisher unerprobtes Verhalten mental durchzuspielen, ohne alle Möglichkeiten real zu erkunden. Mentale Karten oder Bezugsrahmen ermöglichen - ähnlich wie Landkarten - Abkürzungen oder Zusammenhänge zu erkennen, die nicht real erlebt wurden.

Kortikale Säulen

Das Konstrukt der kortikalen Säulen aus dem Konzept der „Thousand Brains“ vermutet, dass auch abstraktes Denken wie Sprache, Mathematik, Politik usw. in unserem Gehirn gespeichert wird. Die neurodidaktische Umsetzung dieser Erkenntnisse in den Unterricht kann bspw.

Didaktik und Neurodidaktik

Die Didaktik spielt eine zentrale Rolle beim Lernen und Lehren, da sie sich mit den Theorien und Methoden des Lernens und Lehrens befasst. Sie untersucht, wie Bildungsinhalte am besten vermittelt werden können und wie Lernprozesse effektiv gestaltet werden können.

Individuelle Förderung

Die Förderung des individuellen Lernens bildet heute die Grundlage aller didaktischen und neurodidaktischen Konzepte - die Umsetzung im System Schule stellt sich jedoch als schwierig heraus. Das Bildungssystem orientiert sich seit vielen Jahren/Jahrzehnten am Durchschnitt. Individuelle Förderung scheitert oft aus zeitlichen Gründen („dem Takt des Stundenplans“). Die Klassen sind zu groß, die Lehrer sind in der Regel „Einzelkämpfer“ - selten ist es möglich, Lehrer-Teams einzusetzen. Die Diskussion über den Umfang und die inhaltliche Bedeutung der Lerninhalte für das Hier und Jetzt wird immer öfter geführt, aber nicht gelöst.

Unterschiede zwischen Didaktik und Neurodidaktik

Der Unterschied zwischen Didaktik und Neurodidaktik liegt in ihrem Ansatz und Fokus auf das Lernen und Lehren. Während die Didaktik allgemein die Theorie und Praxis des Lernens und Lehrens behandelt, integriert die Neurodidaktik Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, insbesondere der Neurobiologie, um Lernprozesse zu optimieren. Die Neurodidaktik hingegen bemüht sich um einen ganzheitlichen Ansatz, einem gehirngerechten Lernen. Sie unterstreicht die Bedeutung von Faktoren wie Neuroplastizität, Pausen und Schlaf, Aufmerksamkeit, Emotionen, Belohnungssystem, körperlicher Aktivität (Bewegung), dem Konzept der Vorhersage von Wahrgenommenem, multisensorischem Lernen und sozialen Interaktionen für effektives Lernen.

Ein ganzheitlicher Ansatz

Aus diesen Gründen muss auch Unterricht einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen und zu einem „Gesamtkunstwerk“ verschmelzen. Loris Malaguzzi definierte für den Lernprozess 3 Pädagogen und verfolgte damit einen ganzheitlichen Ansatz: der „Erste Pädagoge“ waren für ihn andere Kinder bzw. Mitschülerinnen und Mitschüler, der „Zweite Pädagoge“ die Lehrerinnen und Lehrer und der „Dritte Pädagoge“ der Lernraum.

Der vierte Pädagoge: Digitalisierung und KI

Aufgrund der Bedeutung der Digitalisierung in unserer Gesellschaft und der Welt haben wir dieses Modell um einen „Vierten Pädagogen“ erweitert. Digitalisierung - und in diesem Fall primär die Künstliche Intelligenz - ist eine Querschnittstechnologie und die Schlüssel-Technologie des 21. Jahrhundert - und sie wird es wahrscheinlich auch in aller Zukunft bleiben.

Individuelle Lerninhalte durch KI

Erstmals wird es im Bildungssystem durch Künstliche Intelligenz möglich sein inhaltlich, methodisch und technisch, für jede Schülerin und jeden Schüler individuelle Lerninhalte für jedes Fach, in jedem beliebigen Medium, online oder offline zur Verfügung zu stellen. Jede Schülerin und jeder Schüler werden dafür nur ihre Daten, d.h. ihren Lernstand und ihr bisheriges Wissen, zur Verfügung stellen müssen. Durch entsprechende, individuelle Lernstandserhebungen wird die KI diese Daten auswerten und daraus entsprechende, individuelle Lernarrangements anbieten können. KI-Agenten-Systeme werden noch einen Schritt weiter gehen. Sie werden es ermöglichen, autonom individuelle Lernprozesse zu optimieren und Lehrkräfte - falls sie dann noch benötigt werden - gezielt zu unterstützen.

Eine veränderte Bildungskultur

Neue Impulse will das Herausgeberkollektiv von Pädagogen und Psychologen des Titels "Lernen braucht Vertrauen" den Lehrern, Erziehern und Eltern vermitteln, um bessere Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen zu schaffen. Diese Veränderungen, die vor allem die menschliche Qualität des Lehrens und Lernens beinhalten, könnten die deutsche Bildungskultur beflügeln, wenn nicht gar revolutionieren: "Wenn Bildung gelingen soll, […] muss unsere bildungskulturelle Landschaft […] so verändert werden, dass Schüler und mit ihnen die Eltern und Lehrer mehr Lust am Lernen und an ihrer lebenslangen Eigenentwicklung gewinnen. Das wäre der Kern einer veränderten Bildungskultur. Es geht einmal mehr um die Menschen, die gerade im Bildungsbereich im Mittelpunkt stehen sollten. Zum anderen geht es um die Innovations- und Lernfähigkeit für unsere Zukunft."

Freude und Selbstgestaltung

Freude und motiviertes Lernen stellen sich jedoch nach Meinung des ehemaligen Rektors der Göttinger Leineberg-Grundschule, Karl Gebauer, nur ein, wenn Kinder ihren Lernprozess selbst gestalten können und dabei Erfolgserlebnisse haben. Dazu der Hirnforscher Manfred Spitzer: "Sie [die Kinder] brauchen den roten Faden von Urheberschaft und Resonanz. Der führt zu Motivation, Konzentration und Erfolg. Durch ihn wird erst das dopaminerge System in Gang gesetzt. Wenn die emotionale Komponente in Lernprozessen fehlt, dann kann sich die für spätere Lern-, Gedächtnis- und Erinnerungsprozesse so wichtige neuronale Struktur nicht angemessen ausbilden."

Die Bedeutung des dopaminergen Systems

Auch Gebauer fordert dem dopaminergen System bildungspolitisch endlich die Bedeutung zuzumessen, die ihm zukommen müsste. Noch größere Erfolge könnten Lehrer und Erzieher erzielen, wenn der vielfältige Lernprozess von einer durch Offenheit und gegenseitigem Vertrauen geprägten Atmosphäre unterstützt wird. Solch ein sozial-emotionales Schulklima hat in den skandinavischen PISA-Siegerländer schließlich die überlegenen kognitiven Leistungen hervorgebracht.

Ein gutes Schulklima

Zum guten Schulklima gehört auch die positive Grundhaltung und das Zusammenspiel des gesamten Erziehungspersonals, das übrigens auch einzelnen mit Problemen überlasteten Kollegen im Team unter die Arme greift. Gebauer ermuntert in diesem Sinn seine Kollegen, solche "Selbstentwicklungs-Teams" zu gründen. Fest steht für alle Autoren dieses lesenswerten Bandes, dass eine Gesellschaft, die der Entwicklung des Einzelnen keine oder nur unzureichende Bedeutung beimisst, auf einen wichtigen Erfolgsfaktor verzichtet.

Neurodidaktik als neuer Begriff

Den Weg ebnen für eine neue Pädagogik, das will Rolf Caspary, der Herausgeber des Buches "Lernen und Gehirn". Der Wissenschaftsredakteur des SWR trägt Beiträge von Hirnforschern, Medizinern und Pädagogen zusammen, um den interdisziplinären Dialog zu fördern. Die Jahre der ideologischen Grabenkämpfe seien vorbei; "Neurodidaktik" heiße der neue Begriff, über den sich die Kontrahenten nun nüchtern und pragmatisch auseinandersetzten. Sie wollen überfällige Reformen des deutschen Bildungssystems in Gang bringen.

Die Formbarkeit des Kindergehirns

Der Neurologe Gerald Hüther schreibt dazu: "Kindergehirne sind formbarer - und deshalb auch verformbarer -, als selbst die Hirnforscher noch bis vor wenigen Jahren geglaubt hatten. Keine andere Spezies kommt mit einem derart offenen, lernfähigen und durch eigene Erfahrungen […] gestaltbaren Gehirn zur Welt wie der Mensch." Die Hirnentwicklungen seien von der emotionalen, sozialen und intellektuellen Kompetenz erwachsener Bezugspersonen abhängig. Offenes und freudiges Lernen finde nur in einer Atmosphäre der Verbundenheit und des Vertrauens statt.

Emotionale Atmosphäre beim Lernen

Auch der schon erwähnte Hirnforscher Manfred Spitzer unterstützt diese These, wenn er schreibt: "Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Jugendlichen in der Schule für das Leben lernen, dann muss eines in der Schule stimmen: die emotionale Atmosphäre beim Lernen." Während es Aufgabe der Lehrer ist, Basiswissen in die Praxis umzusetzen, können Hirnforscher zeigen, welche Bedeutung Gefühle für die kognitiven Prozesse haben. Sie wirken quasi als Schleusen, durch die neues Wissen ins Gehirn kommt. Die Schleusen schließen sich, wenn negative Gefühle dominieren, dann wird weniger gut gelernt; offen sind sie bei positiven Gefühlen.

tags: #gehirn #gerechter #unterricht