Leben mit Spastik im Alltag: Herausforderungen und Hilfestellungen

Eine Spastik kann den Alltag erheblich beeinträchtigen. Viele alltägliche Aufgaben können schwierig und mühselig erscheinen oder sogar unmöglich werden. Das Ausmaß der Auswirkungen hängt von der Lokalisation und Ausprägung der Erkrankung ab und ist von Person zu Person unterschiedlich. Dieser Artikel beleuchtet die Herausforderungen, mit denen Menschen mit Spastik konfrontiert sind, und stellt verschiedene Hilfestellungen vor, die ihnen zu mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität verhelfen können.

Was ist Spastik?

Spastik ist eine vorübergehende oder anhaltende überhöhte Muskelspannung (Kontraktion), die nicht kontrolliert werden kann. Es kommt zu Verkrampfungen, die unterschiedlich stark und mit Schmerzen verbunden sein können. Ursachen für Spastik können Schlaganfälle, Verletzungen oder Tumore im Gehirn oder Rückenmark, chronisch-entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Cerebralparese oder andere akute oder chronische Entzündungen im Bereich des Zentralnervensystems sein.

Auswirkungen der Spastik auf den Alltag

Mit einer Spastik können sich Betroffene in vielen Aspekten des alltäglichen Lebens eingeschränkt fühlen. Je nach Lokalisation und Ausmaß der Spastik können die Auswirkungen von leichten Behinderungen bei täglichen Abläufen bis hin zu schweren Einschränkungen im Privat- und Berufsleben reichen.

Körperliche Einschränkungen

  • Bewegungseinschränkung: Die Bewegungen sind oft gestört, und je schneller Betroffene ein Gelenk bewegen, desto steifer wird es (spastische Tonuserhöhung).
  • Fehlhaltungen: Bei zunehmender Verstärkung der Muskelverspannungen können Fehlhaltungen entstehen, wodurch manche Bewegungen nur noch eingeschränkt möglich sind.
  • Schmerzen: Oft kommen bei einer Spastik Schmerzen an betroffenen Muskeln oder Gelenken hinzu.
  • Lähmungen und Erschöpfbarkeit: Auch Lähmungen und eine vorzeitige Erschöpfbarkeit der Muskeln können auftreten.
  • Erhöhtes Verletzungsrisiko: Spastik und einschießende Spasmen beinhalten auch immer ein gewisses Verletzungsrisiko. Betroffene können stürzen oder sich während der unkontrollierbaren Bewegungen an Gegenständen verletzen.

Persönliche und soziale Einschränkungen

  • Abhängigkeit von Hilfe: Es ist möglich, dass die Betroffenen Hilfe bei Tätigkeiten benötigen, die sie bisher selbstständig ausüben konnten, wie z. B. die tägliche Hygiene, das Zubereiten einer Mahlzeit oder das Ankleiden.
  • Berufliche Einschränkungen: Es kann für Betroffene schwierig sein, ihren Beruf überhaupt oder in der gewohnten Art und Weise auszuüben.
  • Psychische Belastung: Aus den körperlichen Einschränkungen können auch psychische und emotionale Probleme resultieren. Die veränderten Lebensumstände nach einem plötzlichen Ereignis sind für Betroffene sehr einschneidend und können zu Depressionen und Verstimmungen führen.
  • Soziale Isolation: Die oben genannten Symptome infolge eines Schlaganfalls tragen maßgeblich dazu bei. Mögliche Folgen für den Alltag sind: Probleme und Konflikte in zwischenmenschlichen Beziehungen verminderte berufliche Leistungsfähigkeit bis zum Arbeitsplatzverlust Verlust der Fahreignung Vermindertes oder kein Interesse an Freizeitaktivitäten Unfähigkeit zur Selbstversorgung

Hilfsmittel und Strategien für ein selbstständiges Leben

Um die Herausforderungen des Alltags besser zu meistern, stehen für viele Bereiche des täglichen Lebens Hilfsmittel zur Verfügung. Der Einsatz dieser Hilfsmittel kann Betroffenen wieder zu mehr Selbstständigkeit verhelfen und die Teilnahme am Familien- und Sozialleben erleichtern.

Hilfsmittel für den Haushalt

  • Kochen und Essen: Verschiedene Hilfsmittel rund um und in der Küche ermöglichen es, wieder kleine Handgriffe selbst durchzuführen. Dazu gehören z. B. Brotschneidebretter, Tellerranderhöhungen, Einhand-Deckelabschrauber, Schneidebretter mit Gemüsehalter, Einhänderbretter und Spezial-Besteck.
  • Körperhygiene und Ankleiden: Auch hier stehen verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, um Betroffenen zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen. Dazu gehören z. B. Bürsten und Badeschwämme mit Halterungen oder Verlängerungsarmen, Knöpfhilfen und Schuhlöffel.
  • Greifen und Aufschließen: Verschiedene Spastik-Hilfsmittel für die Hand können das Greifen erleichtern.
  • Kommunikation: Großtastentelefone und Mausersatzgeräte können die Bedienung von Telefon und Computer erleichtern und so die alltägliche Kommunikation erleichtern.

Orthesen

Orthesen können dazu beitragen, bestimmte Körperregionen zu unterstützen. Auf diese Weise können Bewegungen kontrollierter ausgeführt und damit erleichtert werden. Eine Orthese ist ein medizinisches Hilfsmittel, das industriell oder von einem Orthopädietechniker auf ärztliche Verordnung angefertigt wird.

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Übungen für zu Hause

Um die Beweglichkeit zu verbessern oder eine akute Spastik zu lösen, können verschiedene Übungen auch zu Hause durchgeführt werden. Regelmäßiges Üben kann die Beweglichkeit der spastischen Körperregion verbessern und die Beschwerden der Betroffenen lindern. Zudem wird die Wahrnehmung gestärkt und der Blick für den eigenen Körper geschult. Dabei sollte auch immer auf ausreichend Ruhepausen für den Körper geachtet werden. Die Verbesserung der Bewegungsabläufe erfolgt insbesondere im Rahmen der Physiotherapie und wird von einem spezialisierten Therapeuten begleitet.

Arbeitsleben

Häufig kann sich der Wiedereinstieg in den Job mit einer dauerhaften spastischen Lähmung schwierig gestalten. Sogenannte Caremanager können beim beruflichen Wiedereinstieg Unterstützung leisten. Sie stehen Betroffenen mit unterschiedlichen Einschränkungen zur Seite, wenn es darum geht, nach einem schweren gesundheitlichen Einschnitt den Weg zurück in das Erwerbsleben zu finden. Caremanager sind speziell dafür ausgebildet, Betroffene emotional, körperlich und organisatorisch in ihrem Berufs- und Privatleben zu unterstützen. Für den Fall, dass aufgrund der körperlichen Einschränkungen ein Berufswechsel notwendig ist, können ebenfalls entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden.

Rechtliche und finanzielle Unterstützung

  • Schwerbehindertenausweis: Ist das tägliche Leben durch eine spastische Lähmung dauerhaft eingeschränkt, kann diese als Schwerbehinderung gelten. Mit dem Erhalt eines Schwerbehindertenausweises stehen den Betroffenen auch Nachteilsausgleiche zu.
  • Rente: Sollte der Beruf nicht wieder aufgenommen werden können, steht Betroffenen eine Rente zu. Dabei wird je nach Grad der Arbeitsunfähigkeit entschieden, ob eine Zeitrente oder eine lebenslange Rente ausgezahlt wird.

Therapie der Spastik

Für die Behandlung von Spastik gibt es verschiedene Therapieansätze, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Verfahren umfassen. Die Wahl der Therapie hängt von der Art und dem Ausmaß der Spastik sowie von den individuellen Bedürfnissen des Patienten ab.

Nicht-medikamentöse Therapien

  • Physiotherapie: Günstige Effekte auf Spastik haben systematisches Arm-Basis-Training, häufige Wiederholungen und die Kombination mit muskulärer Elektrostimulation. Besonders wichtig ist die passive Muskelstreckung zusätzlich zur ausgewählten Standardtherapie.
  • Ergotherapie: Hier ist der Ergotherapeut ein kundiger Ansprechpartner.
  • Robotergestützte Therapie: Für die Therapie von Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder der Arm-Hand-Funktion sieht man vielversprechende Verbesserungen bei einer Spastik durch den Einsatz von Robotern.
  • Hilfsmittel: Eine Lähmung ausgleichen und günstige Effekte auf die Muskelspannung und Muskellänge haben Schienen, Splints, Verbände (Casts) und Orthesen. Für die Beine ist das Aufrichten der Betroffenen die beste Mobilisationsform. Durch das Anlegen von Casts kann schrittweise ein eingeschränkter Bewegungsumfang wieder ausgedehnt werden.
  • Elektrostimulation: Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen.
  • Magnetstimulation: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS).
  • Stoßwellentherapie: Stoßwellentherapie kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW).

Medikamentöse Therapien

  • Orale Therapie: Mit Tabletten oder Spray (orale Therapie) werden vermehrte Muskelaktivität bei Spastik behandelt behandelt. Patienten mit einer Spastik beider Beine (Paraspastik) und nicht mobile Patienten mit generalisierter spastischer Tonuserhöhung profitieren in der Regel von einer oralen Therapie. Dantrolen bewirkt Muskelentspannung durch Hemmung der Freisetzung von Kalziumionen im Muskel. Sativex® ist ein Spray für die Mundhöhle und ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen.
  • Botulinumtoxin (BoNT): BoNT wird bei einer Überaktivität von Muskeln angewendet, also auch zur Behandlung einer Spastik. Es lässt Muskeln für eine bestimmte Zeit erschlaffen, indem es die Übertragung vom Nerv auf den Muskel für einige Wochen bis Monate blockiert. Sowohl im Hinblick auf die Nebenwirkungen einer oralen Therapie, als auch im Hinblick auf die Wirksamkeit ist eine BoNT-Behandlung Tabletten und Spray überlegen und mindert zudem Schmerzen, die von der Spastik herrühren.
  • Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Zur Behandlung einer schweren Spastik kann man das Medikament Baclofen auch über ein spezielles Infusionssystem mit einer Pumpe einsetzen. Das Mittel wird dabei direkt in den Nervenwasserraum des Rückenmarks injiziert (intrathekal).

Chirurgische Verfahren

Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in die Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen. Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).

Weitere Tipps für den Alltag

  • Stress reduzieren: Spastik nimmt unter Stress oft zu - deshalb ganz bewusst Pausen einplanen. Vielen hilft es, mit Entspannungsmethoden zur Ruhe zu kommen.
  • Regelmäßige Blasen- und Darmentleerung: Spastik kann als Warnsignal darauf hinweisen, dass Blase und/oder Darm entleert werden müssen. Wer bei diesen Punkten auf feste zeitliche Strukturen achtet, schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe.
  • Sitzposition optimieren: Eine Veränderung der Sitzposition im Rollstuhl kann eine positive Wirkung auf die Spastik haben. Experten empfehlen, sich so zu positionieren, dass Hüfte und Oberschenkel sowie Ober- und Unterschenkel bei leicht nach hinten gekipptem Sitz einen 90-Grad-Winkel bilden.
  • Antispastische Schlafposition: Eine antispastische Schlafposition und das beruhigende Ausstreifen der Extremitäten können zur Entspannung beitragen.
  • Sportliche Aktivität: Regelmäßige sportliche Aktivität wirkt lindernd auf die Spastik. Auch regelmäßiges Dehnen der Muskeln gilt als sehr hilfreich. Wer bereits starke Spastiken hat, kann mit einem Sportgerät für zu Hause („Motomed“) ein sicheres Training gestalten.

Betroffenen-Communities

Tauschen Sie sich mit anderen Betroffenen aus, die mit Spastik leben.

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Unterstützung für Angehörige

Als Angehörige spielen Sie eine wichtige Rolle! Das direkte soziale Umfeld hat einen großen Einfluss auf Betroffene. Einige Schlaganfallbetroffene haben Schwierigkeiten zu sprechen. Als Angehörige können Sie daher bei Arztgesprächen davon berichten, wie die Patientin/der Patient ihren/seinen Alltag bewältigt. Auch wie eingenommene Medikamente vertragen werden oder wie sich die Symptome verändern, fällt nahestehenden Personen häufig auf. Gehen Sie auf Betroffene zu und sprechen Sie sie aktiv an! Viele Menschen haben Schwierigkeiten damit, ihre Ängste oder Hilflosigkeit mitzuteilen. Bieten Sie immer wieder Hilfe an, sprechen Sie Betroffene auf ihre früheren Interessen an (wie Musik, Freizeitaktivitäten). Auch ärztliche und psychotherapeutische Begleitung kann sinnvoll sein. Medikamentöse Therapien helfen gegen Depression, können Schmerzen reduzieren und fördern so die motorische Rehabilitation. Es kann auch eine begleitende Gesprächstherapie notwendig sein. Als Angehörige können Sie frühzeitig beobachten, ob Fehlstellungen von Gelenken oder Fehlbewegungen bei Betroffenen auftreten. Zögern Sie nicht frühzeitig eine ärztliche Beratung in Anspruch zu nehmen. Aber auch Sie als Angehörige/r können Unterstützung erhalten! Wenden Sie sich an die Krankenkasse und professionelle Pflegedienste.

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