Kann man seinem Gehirn trauen? Eine psychologische Betrachtung der Erinnerung und Meinungsbildung

Die Frage, ob man seinem eigenen Gehirn trauen kann, ist komplex und vielschichtig. Die psychologische Forschung zeigt, dass unsere Erinnerungen und Meinungen nicht immer zuverlässig sind und von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen der Meinungsbildung, kognitive Verzerrungen und die Tücken des Gedächtnisses, um ein umfassendes Bild der menschlichen Wahrnehmung zu zeichnen.

Die Irrationalität der Meinungsbildung

Die Meinungsbildung ist kein rein rationaler Prozess. Psychologische Forschung belegt, dass irrationale Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Woran wir uns erinnern, beeinflusst unsere Sichtweise auf ein Thema maßgeblich. Allerdings erinnern wir uns nicht immer an alle Fakten, sondern nur an das, was in unserem Gehirn gerade verfügbar ist.

Ein weiterer wichtiger Faktor sind die Gefühle, die wir mit einem Thema verbinden. Sie beeinflussen, ob wir uns andere Meinungen überhaupt anhören und welche Haltung wir dazu entwickeln. Positive Gefühle können das Zuhören erleichtern, besonders bei kontroversen Themen.

Auch die Meinung unserer Mitmenschen spielt eine entscheidende Rolle, insbesondere wenn sie einer Gruppe angehören, mit der wir uns identifizieren. Diese Gruppenidentifikation hat einen erheblichen Einfluss auf unsere eigenen Meinungen und darauf, wem wir überhaupt zuhören.

Kognitive Verzerrungen: Stolpersteine des Denkens

Der Prozess der Meinungsbildung ist nur ein Teil der Geschichte. Sogenannte kognitive Verzerrungen (Biases) beeinflussen, wem wir zuhören und Glauben schenken, welche Informationen wir abspeichern und wie wir unser eigenes Wissen einschätzen.

Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?

Ein bekanntes Beispiel ist der Dunning-Kruger-Effekt, der besagt, dass wir unser Wissen oft überschätzen. Ein weiterer wichtiger Bias ist der Bestätigungsfehler. Er besagt, dass unsere Weltsicht beeinflusst, welche Informationen wir ernst nehmen. Was nicht in unser Weltbild passt, wird oft nicht ernsthaft erwogen. Es gibt noch viele weitere kognitive Verzerrungen, die unser Denken und unsere Meinungsbildung beeinflussen, wie beispielsweise den Optimismus-Bias.

Die trügerische Natur der Erinnerung

Die Kriminalpsychologin Julia Shaw erlangte vor einigen Jahren Aufmerksamkeit, als sie Probanden falsche Erinnerungen an Straftaten einpflanzte, die sie als Kinder begangen haben sollen. Shaw nutzte dabei geschickt echte Fakten aus der Kindheit der Probanden, die sie von deren Eltern erfragte. Sie überzeugte sie, sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, diese Straftaten wirklich begangen zu haben. Bei siebzig Prozent der Versuchspersonen wurden die eingepflanzten Erinnerungen zur eigenen Realität.

Diese Ergebnisse lösten in der Fachwelt Skepsis aus. In einer Fachzeitschrift wurde diskutiert, ob ein deutlich geringerer Wert von nicht mal einem Drittel nicht realistischer sei. Dennoch steht fest, dass wir unserer Erinnerung nicht blind vertrauen sollten.

Erinnerungen werden in unserem Gehirn in verschiedenen Schubladen abgelegt. Das Langzeitgedächtnis speichert die Akten unseres Lebens, während das Kurzzeitgedächtnis für die Gegenwart zuständig ist. Allerdings gibt es nicht nur ein Kurzzeitgedächtnis. Die Forschung unterscheidet beispielsweise das ikonische Gedächtnis, das Dinge bis zu einer halben Sekunde festhält, und das Arbeitsgedächtnis mit längerer Speicherdauer ab vier Sekunden. Forschende legen inzwischen nahe, dass auch ein sogenanntes fragiles Gedächtnis existiert, das anfällig für falsche Erinnerungen und Illusionen ist.

Die Macht der Gewohnheit und des Weltwissens

Unsere Erinnerungen im Kurzzeitgedächtnis sind zumindest zum Teil durch Weltwissen geformt, also durch vorherige Erwartungen über wahrscheinliche Ereignisse oder Objekte, die auf lebenslangem Lernen und Entwicklung basieren. Dieses Weltwissen kann als eine Art Effizienz-Upgrade für unser Langzeitgedächtnis betrachtet werden.

Lesen Sie auch: Sicher Autofahren mit Parkinson: Ein Leitfaden für Deutschland

Eine Studie der Amsterdamer Forschungsgruppe von Marte Otten zeigte, dass Probanden sich oft an richtige Buchstaben erinnerten, obwohl ihnen falsch herum dargestellte Buchstaben gezeigt wurden. Die Forschenden schließen daraus, dass das Weltwissen für das Malheur im Kurzzeitgedächtnis verantwortlich ist.

Eine biologische Erklärung könnte die sogenannte Fuzzy-Trace-Theorie (FTT) sein, die besagt, dass unser Gedächtnis aus einem wortwörtlichen Teil und einem Kernteil besteht, in dem die Bedeutung einer Sache gespeichert wird.

Falsche Erinnerungen erkennen und vermeiden

Es ist wichtig, falsche Erinnerungen zu erkennen. Julia Shaw wollte wissen, ob Menschen in der Lage sind, zu erkennen, wann Studierende von echten und wann von falschen Erinnerungen sprechen. Gerade vor Gericht ist das eine ungünstige Gemengelage. Zeugenaussagen sind problematisch, weil sich falsche Erinnerungen einschleichen können. Man ist sich dessen aber nicht bewusst. In einem Prozess können dadurch Unschuldige verurteilt werden.

Achtsamkeit ist ein guter Weg, die Erinnerungen auf den rechten Pfad zu lenken. Amerikanische Neurologen haben entdeckt, wie und wo sich das Gefühl des Vertrauens im Gehirn bemerkbar macht. Betroffen ist vor allem eine Hirnregion mit dem Namen Nukleus Caudatus. Dort werden die Reaktionen des Gegenübers bewertet, woraus entsprechend Vertrauen oder Misstrauen folgt.

Das Unbewusste als Helfer und Manipulator

Das Unbewusste gleicht einem Schwamm, der ständig Sinneseindrücke und Informationen in sich aufsaugt. Es verändert und steuert unser Verhalten. Der Arbeitsspeicher des Unbewussten ist dem des Bewusstseins haushoch überlegen. Treffen wir Entscheidungen, sagen wir, wir hätten aus dem Bauch heraus entschieden. Natürlich ist auch der Kopf beteiligt.

Lesen Sie auch: Corona und das Gehirn: Was wir wissen

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung kann an zahlreichen Beispielen belegen, dass es sich lohnt, auf die Intuitionen zu vertrauen, wenn man über Dinge nachdenkt, über die man wenig weiß oder die schwer vorherzusagen sind.

Henning Plessner, Sozialpsychologe an der Universität Leipzig, hat das enorme Potenzial der unbewussten Lernleistung nachgewiesen. Offenbar ist der Verstand fehleranfällig, er braucht einen unbewussten Berater, schnell, kompetent und immer greifbar. Einen, der nicht auf Einzelheiten Wert legt, sondern das große Ganze sieht.

Mit raffinierten Tests und Hirnscans dringen Forscher in das mystische Schattenreich des Unbewussten vor. Eine Welt ungeahnter Kräfte eröffnet sich ihnen dort. Egal, ob es um die Auswahl einer Marmeladensorte, eines Möbelstücks oder eines Partners geht, stets mischen unbewusste Prozesse mit.

Allerdings kann das Unbewusste auch manipuliert werden. Versuche zeigen, dass es nicht funktioniert, mit unbewussten Befehlen gezielt den Kauf eines bestimmten Produkts zu veranlassen. Was aber wohl klappt, ist, dass man das Gehirn unterschwellig auf eine bestimmte Produktgruppe einstimmt.

Die sieben Sünden des Gedächtnisses

Daniel L. Schacter, Professor der Psychologie, beschreibt in seinem Buch "The seven sins of memory" sieben Unzuverlässigkeiten unseres Gedächtnisses, die unser Erinnerungsvermögen beeinflussen:

  1. Transienz: Das Vergessen über die Zeit.
  2. Geistesabwesenheit: Mangelnde Aufmerksamkeit führt zu Erinnerungslücken.
  3. Blockierung: Das plötzliche Sich-Nicht-Mehr-Erinnern-können.
  4. Persistenz: Erinnerungen tauchen penetrant in unserem Aufmerksamkeitsfeld auf.
  5. Fehlattribution: Erinnerungen werden falsch miteinander verknüpft.
  6. Verzerrung: Unser aktuelles "Hier und Jetzt" verändert unsere Erinnerungsleistung.
  7. Suggestibilität: Die Möglichkeit der Beeinflussung von Fühlen, Denken und Handeln.

tags: #kann #man #seinem #gehirn #trauen