Einführung
Lew Wygotski, ein einflussreicher russischer Psychologe, entwickelte die soziokulturelle Theorie der kognitiven Entwicklung. Seine Arbeit betont die entscheidende Rolle der sozialen Interaktion und kultureller Faktoren bei der Gestaltung des menschlichen Geistes. Dieser Artikel untersucht Wygotskis Ideen im Kontext der Hirnfunktion und beleuchtet, wie seine Theorie unser Verständnis der Entwicklung höherer mentaler Funktionen beeinflusst hat.
Wygotskis Werk: Ein Überblick
Die gesammelten Werke von Lew S. Wygotski umfassen eine Reihe von sechs Bänden, die ursprünglich zwischen 1982 und 1984 in Moskau von Pedagogika veröffentlicht wurden und die Arbeiten Wygotskis aus den Jahren 1924 bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1934 umfassen. Der vorliegende Band ist der erste dieser Reihe, der auf Englisch erscheint, aber eigentlich Band 2 der russischen Reihe ist. Er enthält eine vollständige Wiedergabe von Denken und Sprechen (das englischen Lesern als Thought and Language bekannt sein mag, dem Titel einer gekürzten, interpretativen Übersetzung von Hanfmann und Vakar im Jahr 1962) und fünf Vorlesungen über Psychologie, die hier zum ersten Mal auf Englisch veröffentlicht werden und im Wesentlichen Wygotskis Systematisierung der psychologischen Theorie und Daten in Bezug auf die Entwicklung von Wahrnehmung, Gedächtnis, Denken, Emotionen, Vorstellungskraft und Willen in der Kindheit umfassen. Die Bände, die noch auf Englisch erscheinen sollen, befassen sich mit: (1) Theorie und Geschichte der Psychologie; (2) Probleme der Entwicklungspsychologie; (3) Kinder- und Jugendpsychologie; (4) "Defektologie" (oder "Sonderpädagogik" in amerikanischer Terminologie); und (5) ein "wissenschaftliches Archiv", das aus einer Kritik von Spinozas Studien über die Leidenschaften und einem wichtigen Essay "Werkzeug und Zeichen" besteht.
In diesem Band werden die Leser in Wygotskis Argument für einen theoretischen und methodologischen Ansatz eingeführt, um "höhere" mentale Funktionen von den grundlegenderen Gehirnprozessen zu unterscheiden, von denen andere Theoretiker glaubten, dass sie im Zentrum des psychologischen Apparats stehen. Die berühmte Sicht des sowjetischen Psychologen auf Entwicklungsfragen als ein kompliziertes Geflecht von Funktionen umfasst Analysen von:
- die Entwicklung von Sprache und Schriftsprache
- die Beherrschung von Aufmerksamkeit und mnemonischen Fähigkeiten
- Selbstkontrolle und die höheren, kultivierteren Verhaltensformen
- das kulturelle Alter, die Persönlichkeit und die Weltanschauung von Kindern.
Extra-kortikale Organisation höherer mentaler Funktionen
Wygotskis Konzept der "extra-kortikalen Organisation höherer mentaler Funktionen", das von Alexander Luria erweitert wurde, erweitert die kulturhistorische Psychologie in Bezug auf das Zusammenspiel von natürlichen und kulturellen Faktoren bei der Entwicklung des menschlichen Geistes. Am Beispiel der Selbstregulation untersuchen die Autoren die Entwicklung dieser Idee von ihren Ursprüngen bis zu den jüngsten Erkenntnissen über die neuropsychologischen Bahnen der Entwicklung exekutiver Funktionen. Empirische Daten aus dem Projekt "Tools of the Mind" werden verwendet, um die Idee zu diskutieren, Interventionen im Klassenzimmer zu nutzen, um die Entwicklung der Selbstregulation in der frühen Kindheit zu untersuchen.
Die Rolle der sozialen Interaktion und Kultur
Wygotski betonte, dass Funktionen in der kulturellen Entwicklung eines Kindes auf zwei Ebenen auftreten: zuerst durch die Zusammenarbeit mit anderen und dann unabhängig. Ein Schlüsselaspekt seiner Theorie ist die "Zone der proximalen Entwicklung" (ZPD), die die Differenz zwischen dem ist, was ein Kind unabhängig tun kann und was es mit Anleitung und Zusammenarbeit mit kompetenteren anderen tun kann.
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Wygotski argumentierte, dass das Lernen die Entwicklung vorantreibt. Durch die Interaktion mit kompetenteren Mitgliedern der Gesellschaft internalisieren Kinder Werkzeuge und Konzepte, die es ihnen ermöglichen, auf einer höheren Ebene zu funktionieren. Diese Internaliserung führt zur Entwicklung höherer mentaler Funktionen wie logischem Denken, Aufmerksamkeit und willentlicher Kontrolle.
Die Bedeutung der Werkzeuge
Wygotski glaubte, dass Werkzeuge, sowohl physische als auch symbolische, eine entscheidende Rolle bei der kognitiven Entwicklung spielen. Physische Werkzeuge wie Hämmer und Computer ermöglichen es uns, unsere physischen Fähigkeiten zu erweitern, während symbolische Werkzeuge wie Sprache, Schrift und mathematische Systeme es uns ermöglichen, unsere mentalen Fähigkeiten zu erweitern.
Sprache ist ein besonders wichtiges Werkzeug, da sie uns ermöglicht, mit anderen zu kommunizieren, unser Denken zu organisieren und unser Wissen zu internalisieren. Wygotski argumentierte, dass Sprache nicht nur ein Werkzeug für die Kommunikation ist, sondern auch ein Werkzeug für das Denken.
Die Gehirn als dynamisches System
Wygotski betrachtete das Gehirn nicht als eine Sammlung isolierter Module, sondern als ein dynamisches System, das sich ständig als Reaktion auf soziale und kulturelle Erfahrungen verändert. Er glaubte, dass höhere mentale Funktionen nicht im Gehirn lokalisiert sind, sondern vielmehr durch die Interaktion verschiedener Gehirnbereiche entstehen.
Diese Sichtweise steht im Gegensatz zu der traditionellen Sichtweise der Lokalisation von Funktionen, die davon ausgeht, dass jede mentale Funktion einem bestimmten Bereich des Gehirns zugeordnet ist. Wygotski argumentierte, dass das Gehirn plastisch ist und dass sich die Organisation des Gehirns als Reaktion auf Erfahrung verändern kann.
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Die Dominante
Wygotski griff die Theorie der Dominante auf, um die dynamische Organisation des Gehirns zu erklären. Die Dominante ist ein physiologisches Konzept, das von Ukhtomsky entwickelt wurde und sich auf ein vorherrschendes Zentrum der Nervenaktivität im Gehirn bezieht, das die Aktivität anderer Zentren beeinflusst und koordiniert.
Wygotski argumentierte, dass die Dominante eine wichtige Rolle bei der Organisation höherer mentaler Funktionen spielt. Er glaubte, dass die Dominante es dem Gehirn ermöglicht, sich auf relevante Informationen zu konzentrieren und irrelevante Informationen zu unterdrücken. Die Dominante ermöglicht es dem Gehirn auch, verschiedene mentale Funktionen zu integrieren und kohärente Verhaltensweisen zu erzeugen.
Implikationen für Bildung und Sonderpädagogik
Wygotskis Theorie hat wichtige Implikationen für Bildung und Sonderpädagogik. Seine Betonung der sozialen Interaktion und der Zone der proximalen Entwicklung hat zu neuen pädagogischen Ansätzen geführt, die darauf abzielen, das Lernen durch Zusammenarbeit und Anleitung zu fördern.
Wygotskis Theorie hat auch wichtige Implikationen für die Sonderpädagogik. Er glaubte, dass Kinder mit Behinderungen nicht als defizitär betrachtet werden sollten, sondern vielmehr als Menschen mit einzigartigen Entwicklungswegen. Wygotski argumentierte, dass die Sonderpädagogik darauf abzielen sollte, Kinder mit Behinderungen bei der Entwicklung ihrer Stärken und der Kompensation ihrer Schwächen zu unterstützen.
Kritik und Weiterentwicklung
Wygotskis Theorie wurde im Laufe der Jahre sowohl gelobt als auch kritisiert. Einige Kritiker argumentieren, dass seine Theorie zu stark die Rolle der sozialen Interaktion und Kultur betont und die Rolle biologischer Faktoren vernachlässigt. Andere Kritiker argumentieren, dass seine Theorie zu vage und schwer zu operationalisieren ist.
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Trotz dieser Kritik bleibt Wygotskis Theorie ein einflussreicher Rahmen für das Verständnis der kognitiven Entwicklung. Seine Ideen wurden von Forschern und Pädagogen auf der ganzen Welt aufgegriffen und weiterentwickelt.