Organspende bei Babys ohne Gehirn: Ethische und medizinische Aspekte

Einführung

Die Organspende ist ein Thema, das oft mit Hoffnung und der Rettung von Leben verbunden ist. Doch was passiert, wenn es um Babys geht, die ohne oder mit stark unterentwickeltem Gehirn geboren werden? Die Frage der Organspende bei anenzephalen Babys wirft komplexe ethische und medizinische Fragen auf, die in diesem Artikel umfassend beleuchtet werden sollen.

Anenzephalie: Eine seltene und schwerwiegende Erkrankung

Anenzephalie ist eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung, bei der ein Baby ohne oder mit nur unvollständig entwickeltem Gehirn geboren wird. Dies geschieht, wenn sich das Neuralrohr während der Schwangerschaft nicht vollständig schließt. In der 18. Schwangerschaftswoche kann diese Diagnose oft durch einen Ultraschall gestellt werden. Krysta Davis und Abbey Ahern sind zwei Mütter, die diese Diagnose erhielten. Ärzte erklärten ihnen, dass ihr Kind nicht lange überleben würde.

Die Diagnose und ihre Folgen

Die Diagnose Anenzephalie ist für werdende Eltern verheerend. Krysta Davis beschrieb, wie es sich anfühlte, als "wäre alles über ihr zusammengebrochen". Viele Eltern würden in dieser Situation einen Schwangerschaftsabbruch in Betracht ziehen, der in den USA bis zur 24. Schwangerschaftswoche möglich ist.

Die Entscheidung für das Leben und die Organspende

Krysta Davis und Abbey Ahern trafen eine andere Entscheidung: Sie entschieden sich, ihre Babys auszutragen, um ihre Organe zu spenden und so das Leben anderer Kinder zu retten. Dieser Entschluss ist von großer Tragweite und erfordert viel Mut.

Ethische Überlegungen zur Organspende bei anenzephalen Babys

Die Organspende anenzephaler Babys wirft eine Reihe ethischer Fragen auf:

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  • Der Zeitpunkt des Todes: Wann ist ein anenzephales Baby tot? Nach der derzeitigen Regelung in den USA ist die Voraussetzung für eine Organentnahme der vollständige Ausfall aller Hirnfunktionen. Anenzephale Kinder werden zwar ohne Großhirn geboren, das Stammhirn jedoch, das die Atmung und den Kreislauf regelt, ist noch vorhanden. Diese Kinder, die nur eine Lebenserwartung von Stunden oder wenigen Tagen haben, erfüllen somit nicht die Voraussetzungen für den Hirntod.
  • Das Lebensrecht: Haben anenzephale Babys ein Lebensrecht? Der Ethiker George Annas von der Boston University School of Medicine betonte, dass anenzephale Kinder lebende Menschen sind, extrem behindert, aber lebendige Wesen. Peter Singer gesteht den anenzephalen Kindern kein Lebensrecht zu, sie sollen sterben für das Wohl eines anderen: Sie seien nicht lebensfähig und hätten keinerlei Wahrnehmungen, weder Empfindungen noch Gefühle.
  • Die Kommerzialisierung des Körpers: Besteht die Gefahr, dass die Organspende anenzephaler Babys zu einer Kommerzialisierung des Körpers führt?

Die Hirntod-Definition und ihre Grenzen

Die Hirntod-Definition ist ein zentraler Punkt in der Diskussion um die Organspende. Der irreversible Hirnfunktionsausfall wird definiert als Zustand der unumkehrbar erloschenen Gesamtfunktion des Gehirns (Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm). In Deutschland ist dieser Nachweis besonders streng geregelt.

Zweifel an der Hirntod-Diagnostik

Hauke Schneider, Spezialist für die Hirntod-Diagnostik, hält Zweifel an der Hirntod-Diagnostik für unbegründet. Er betont, dass eine entsprechend der Richtlinien durchgeführte Hirntod-Diagnostik den Hirntod nachweisen oder eben auch ausschließen kann.

Die Rolle des Stammhirns

Anenzephale Kinder haben in der Regel ein funktionierendes Stammhirn. Dies wirft die Frage auf, ob sie als hirntot gelten können, solange das Stammhirn noch aktiv ist.

Die Bedeutung der Elternentscheidung

Die Entscheidung, ob die Organe eines anenzephalen Babys gespendet werden sollen, liegt letztendlich bei den Eltern. Es ist wichtig, dass diese Entscheidung auf umfassender Aufklärung und Beratung basiert.

Medizinische Aspekte der Organspende bei anenzephalen Babys

Geeignete Organe für die Spende

Laut Ärzte können die Herzklappen, Nieren, die Leber und vielleicht auch die Bauchspeicheldrüse des ungeborenen Babys gespendet werden.

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Die Herausforderungen der Organentnahme

Die Organentnahme bei anenzephalen Babys ist eine Herausforderung, da die Organe sehr klein und fragil sind. Zudem müssen die Organe so schnell wie möglich nach der Geburt entnommen werden, um ihre Funktionsfähigkeit zu erhalten.

Die Bedeutung von Eurotransplant

Eurotransplant ist eine Stiftung, die die Organspende in acht europäischen Ländern koordiniert. Sobald der Zentrale in Leiden ein verfügbares Transplantat gemeldet wird, ermitteln die Computer in Minutenfrist einen optimal geeigneten Empfänger. Insgesamt 38 Transplantationszentren und 41 Labors, die auf Gewebeuntersuchungen spezialisiert sind, arbeiten mit Eurotransplant zusammen.

Beispiele aus der Praxis

Der Fall von Keri Young

Keri Young erfuhr in der 19. Schwangerschaftswoche, dass ihr ungeborenes Baby an Anenzephalie leidet. Sie entschied sich, das Kind bekommen und die Organe spenden, um anderes Leben zu retten.

Das "Erlanger Baby"

Vor 30 Jahren beschäftigte das „Erlanger Baby“ die Öffentlichkeit: Insgesamt 40 Tage lang wurde der Fötus im Körper seiner hirntoten Mutter am Leben gehalten bis er schließlich am 16. November 1992 verstarb.

Die Rolle der Medizinethik

Der Fall des „Erlanger Jungen“ hat gezeigt, was der Körper einer „älteren“ Schwangeren und auch moderne Medizin zu leisten imstande sind - hier ergeben sich sogar philosophisch-anthropologische Dimensionen, die in der Gesellschaft Faszination für das Menschsein und den Lebenswillen auslösen können. Klinische Ethikkomitees haben sich an vielen Orten gegründet und sorgen für bessere Beratung in der Praxis.

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Aktuelle Entwicklungen und Gesetzeslage

In den USA gibt es Bestrebungen, die Gesetzeslage so zu ändern, dass die Organentnahme bei anenzephalen Babys auch dann erlaubt ist, wenn das Gehirn noch aktiv ist. In Deutschland ist als Voraussetzung für eine Organentnahme der endgültige „Stillstand von Herz, Kreislauf und Atmung“ oder - der auch bei Medizinern umstrittene - Hirntod vorgesehen.

Die Bedeutung der Aufklärung

Es ist wichtig, die Öffentlichkeit über Anenzephalie und die Möglichkeiten der Organspende aufzuklären. Nur so kann eine informierte Entscheidung getroffen werden.

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