Emotionen spielen eine entscheidende Rolle in unserem Leben. Sie beeinflussen unsere Denkprozesse, Entscheidungen und Handlungen. Lange Zeit wurden Gefühle in der Philosophie und Wissenschaft weniger beachtet als Verstand und Vernunft. Doch die Neurowissenschaften haben gezeigt, dass Emotionen für Denk- und Entscheidungsprozesse unerlässlich sind. Wissen und logisches Denken allein reichen nicht aus, um gute Entscheidungen zu treffen.
Fortschritte in der neurowissenschaftlichen Forschung
Die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) hat neue Einblicke in die Arbeitsweise des Gehirns ermöglicht. Dieses bildgebende Verfahren erlaubt es, Hirnaktivitäten bei verschiedenen Prozessen zu beobachten. Wissenschaftler nutzen fMRT, um die Regulation von Emotionen zu untersuchen und zu verstehen, wie Emotionen und Kognition zusammenwirken.
Das Forschungsprojekt „animal emotionale“
Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojekts „animal emotionale“ wird die Rolle von Emotionen als Bindeglied zwischen Erkennen und Handeln aus philosophischer und neurowissenschaftlicher Sicht untersucht. Die zentrale Annahme ist, dass Emotion und Kognition sich gegenseitig bedingen und ein affektiver Weltbezug für höhere kognitive Leistungen notwendig ist.
An der Universität Osnabrück wird der philosophische Ansatz im Projekt „Emotion und Weltbezug“ thematisiert. An der Universitätsklinik Bonn untersucht das Teilprojekt „Emotionale Selbstregulation und kognitive Kontrolle“, wie emotionale Zustände durch kognitive Prozesse beeinflusst werden können.
fMRT-Studien zur emotionalen Selbstregulation
In Bonn werden fMRT-Studien durchgeführt, um die Faktoren der emotionalen Selbstregulation zu erforschen. Dabei wird untersucht, wann emotionale Selbstregulation hilfreich ist und wie die Art der Regulation das Emotionserleben beeinflusst. Für diese Studien stehen leistungsstarke MR-Tomografen zur Verfügung.
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Die Studien umfassen in der Regel 20 bis 40 Teilnehmer, bei genetischen Untersuchungen auch bis zu 80 Probanden. Diplom-Psychologin Dina Maria Schardt erforscht die neuronalen Grundlagen sowie die behavioralen und psychophysiologischen Korrelate der Regulation negativer Emotionen. Dabei werden auch Interaktionen mit genetischer Disposition und Geschlecht berücksichtigt.
Ein typischer Versuchsablauf beinhaltet, dass Probanden in der Röhre Bilder mit unterschiedlichen Motiven betrachten, während ihre Hirnaktivität gemessen wird. Die Anweisung „Gefühle unterdrücken“ oder „Gefühle zulassen“ wird vor jedem Bild eingeblendet. Zusätzlich wird die elektrodermale Aktivität gemessen, um das emotionalbedingte Stressempfinden zu erfassen.
Fokus auf Amygdala und präfrontalen Kortex
Die Untersuchungen konzentrieren sich vor allem auf die Amygdala und den präfrontalen Kortex. Die Amygdala ist eine zentrale Struktur für die Emotionsverarbeitung, während der präfrontale Kortex für exekutive Kontrollfunktionen zuständig ist. Die funktionelle Verbindung dieser beiden Hirnareale wird während emotionsregulatorischer Prozesse genauer untersucht.
Das Forschungsprojekt wird von der VW-Stiftung im Rahmen des Programms „Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften“ gefördert. Ein weiteres Teilprojekt befasst sich mit „Emotionen und soziale Interaktion in einer Neurobiologie der Moral“ und untersucht den Beitrag emotionaler und sozialer Faktoren zu moralischen Entscheidungen.
Magnetresonanztomografie: Einblick in die Hirnaktivität
Die Magnetresonanztomografie (MRT) nutzt ein starkes Magnetfeld, um Atomkerne im Körper auszurichten. Durch Radiowellenimpulse werden die Kerne zum Rotieren gebracht, wodurch elektromagnetische Signale entstehen, die gemessen werden können. Der Computer errechnet aus diesen Signalen ein dreidimensionales Bild des Gehirns.
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Die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) erweitert die MRT um die Möglichkeit, Stoffwechselvorgänge und Hirnaktivitäten sichtbar zu machen. Durch die Messung des lokalen Sauerstoffverbrauchs lässt sich errechnen, welche Hirnregionen besonders aktiv sind. Die farbigen Bereiche in einer fMRT-Aufnahme markieren einen erhöhten Stoffwechsel und somit eine Hirnaktivität.
Emotionen und Gedächtnis
Emotionen beeinflussen die Gedächtnisbildung und den Abruf von Erinnerungen. Emotionale Erlebnisse werden generell länger erinnert und subjektiv als lebendiger wahrgenommen. Allerdings können sie auch unschärfer sein. Sehr starke emotionale Erregung, wie Stress, kann den Gedächtnisabruf beeinträchtigen.
Verschiedene Hormone und Neurotransmitter, wie Katecholamine, aktivieren Hirnregionen wie die Amygdala, die eine zentrale Rolle bei der Emotionsverarbeitung und dem Einfluss von Emotionen auf Gedächtnisprozesse spielt. Auch die Insula und Regionen der Basalganglien sind an der Emotionsverarbeitung beteiligt. Diese Regionen können gedächtnisrelevante Hirnregionen, wie den Hippocampus, modulieren.
Negative Erfahrungen werden tendenziell stärker erinnert als positive. Ob Erinnerungen überhaupt verschwinden, ist jedoch umstritten. Emotionale Zustände lassen sich durch Musik, Filmausschnitte oder das bewusste Hineindenken in vergangene Momente herbeiführen. Das Zusammenspiel von Stimmung und Abrufsituation spielt eine wichtige Rolle. Das Phänomen des „moodcongruent memory“ besagt, dass die Erinnerungsleistung verbessert wird, wenn Lern- und Abrufsituation in derselben emotionalen Verfassung stattfinden.
Neurozentriertes Training: Mit dem Gehirn den Körper fit machen
Bewegung entsteht im Gehirn und wird von dort gesteuert. Neurozentriertes Training setzt darauf, den Körper durch das Gehirn fit zu machen. Wenn das Gehirn nicht optimal lenkt oder es ihm an Informationen mangelt, kann Bewegung suboptimal oder einseitig und schmerzhaft werden.
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Emotionale Erstarrung: Ein Schutzmechanismus des Gehirns
Das Gehirn schützt uns vor Überforderung, indem es Emotionen betäubt. Emotionale Erstarrung ist ein Zustand, in dem Fühlen, Denken und Handeln voneinander abgekoppelt scheinen. Betroffene nehmen die Umgebung wahr, jedoch ohne emotionale Resonanz.
Die Psychologie spricht von einer akuten Dissoziation, bei der das Bewusstsein sich schützend abspaltet, um vor seelischer Überwältigung zu bewahren. Dies ist ein tiefgreifender Abwehrmechanismus, der mit der Freeze-Reaktion in der Natur vergleichbar ist. Begleitet wird dieser Zustand oft von körperlichen Symptomen wie flacher Atmung, starrem Blick und gefühlloser Haut.
Neurobiologisch ist das emotionale Erstarren die Folge einer extremen Stressreaktion, bei der das autonome Nervensystem die Kontrolle übernimmt. Die Amygdala spielt eine zentrale Rolle bei der Regulierung von Angst und Wut. Gleichzeitig verändert sich die Aktivität im präfrontalen Kortex.
Vorübergehend kann emotionale Erstarrung sinnvoll sein, um nicht sofort zu zerbrechen. Problematisch wird es, wenn sich die Starre festbeißt und der innere Ausnahmezustand nicht mehr weichen will. Chronische Dissoziation kann zu einem brüchigen Selbstgefühl, Depressionen und Angststörungen führen.
Um die Gefühle wiederzufinden, können körperorientierte Therapien wie Somatic Experiencing, traumasensibles Yoga oder achtsamkeitsbasierte Körperarbeit helfen. Auch EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) kann bei der Verarbeitung traumatischer Erinnerungen wirksam sein. Das Aussprechen und Benennen des Unfassbaren kann ebenfalls helfen.
Die Macht der Emotionen: Angst, Wut und Lust
Unsere Gefühle bestimmen unser Leben und beeinflussen unsere täglichen Entscheidungen und Handlungen. Laut Neuropsychologe Dr. Theo Tsaousides sind Emotionen wie ein innerer Kompass, der uns zu den Dingen leitet, die uns wichtig sind, und uns warnt, wenn etwas nicht stimmt.
Drei bestimmte Emotionen können unser Gehirn vollständig überwältigen: Angst, Wut und Lust. Sie verengen unseren Fokus, erzeugen inneren Druck und lenken uns von wichtigen Prioritäten ab. Es ist wichtig zu betonen, dass es keine „schlechten“ Gefühle gibt. Emotionen sind Boten, keine Feinde.
- Angst: Wenn wir auf etwas Beängstigendes stoßen, registriert unser Gehirn es als Bedrohung. Unsere Aufmerksamkeit wird schmaler, die Körpersysteme bereiten sich auf Verteidigung vor, und langfristiges Denken wird ausgeschaltet.
- Wut: Wut übermannt uns, wenn wir uns verletzt fühlen. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf die Beleidigung und die dafür verantwortliche Person. Rationales, reflektiertes Denken fehlt.
- Lust: Lust kann unser Gehirn vollkommen überwältigen. Es geht um Fixierung, Belohnung und Verlangen. Unkontrollierte Lust kann zu zwanghaften Verhaltensweisen, Ablenkung und fehlender Verbindung führen.
Wir können uns in emotionaler Regulierung üben und einen gesunden Umgang mit schwierigen Emotionen finden. Die „LAPS-Strategie“ (Label, Allow, Pause, Shift) kann dabei helfen:
- Benennen Sie die starke Emotion, die Sie gerade fühlen.
- Erlauben Sie sich, zu fühlen, was Sie gerade fühlen.
- Halten Sie bewusst inne und reagieren Sie nicht sofort.
- Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf etwas, das Sie beruhigt und ablenkt.
Wir sollten nicht versuchen, Gefühle wegzuschieben oder zu ignorieren, sondern sie bewusst annehmen und untersuchen, ohne zu werten.
Gemischte Gefühle: Komplexe emotionale Zustände
Gemischte Gefühle, wie das gleichzeitige Erleben von Freude und Trauer, sind komplexe emotionale Zustände, die uns im Alltag oft begegnen. Eine solche emotionale Ambivalenz zeigt, dass unser Gehirn fähig ist, komplexe und scheinbar widersprüchliche Emotionen gleichzeitig zu verarbeiten.
Eine Studie der University of Southern California hat gezeigt, dass gemischte Gefühle stabile und spezifische Muster der Aktivität in bestimmten Hirnregionen erzeugen. Diese Bereiche sitzen im unteren Vorderhirn, das nicht nur für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist, sondern auch beeinflusst, wie wir uns an emotionale Ereignisse erinnern.
Gemischte Gefühle können durch verschiedene Situationen ausgelöst werden und sind oft sehr persönlich und subjektiv. Sie können gleichzeitig positive und negative Aspekte enthalten, was sie besonders komplex macht.
Das Human Affectome Projekt: Ein umfassendes Modell für Emotionen und Gefühle
Das Human Affectome Projekt hat ein umfassendes und integriertes Modell für Emotionen und Gefühle vorgestellt, das als gemeinsames Konzept für die Affektforschung dienen soll. Dieses Projekt zielt darauf ab, das wissenschaftliche Verständnis darüber zu verbessern, wie unsere Gefühle, Emotionen und Stimmungen mit menschlichem Verhalten zusammenhängen und es beeinflussen.
Mittels eines computerlinguistischen Ansatzes wurden Daten aus mehr als 4,5 Millionen Büchern durchsucht, um mehr als 3600 Wörter in der englischen Sprache zu identifizieren, die Empfindungen, Emotionen und Stimmungen beschreiben. Anschließend überprüften Forscherteams aus neurowissenschaftlicher Sicht einen Großteil dessen, was derzeit über Gefühle, Emotionen und Stimmungen bekannt ist.
Die Arbeitsgruppe von Matthias Schroeter beteiligte sich maßgeblich an drei Teilprojekten, die anhand von Big Data die Hirnregionen identifizierten, die mit verschiedenen Gefühlen verbunden sind. Das erste Projekt befasste sich mit antizipatorischen Gefühlen, das zweite mit selbst-referentiellen Gefühlen und das dritte mit den Grundlagen von sozialen Gefühlen.
Die Ergebnisse des Human Affectome Projekts tragen nicht nur zur Grundlagenforschung bei, sondern haben auch weitreichende Konsequenzen für das Verständnis und die Behandlung von Krankheiten wie Schizophrenie, Angststörungen, Depression oder Demenz.
Soziale Beziehungen und das Gehirn
Das Gehirn reagiert auf äußere Reize, einschließlich sozialer Interaktionen. Positive soziale Interaktionen aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn und wir fühlen uns wohl. Die Anzahl regelmäßiger Kontakte zu Freunden und Bekannten beeinflusst die Struktur und die Aktivität des Frontalhirns.
Freunde verbinden nicht nur ähnliche Interessen, sondern auch ähnliche Hirnaktivitäten. Kernspinuntersuchungen haben gezeigt, dass die Gehirne von befreundeten Menschen im wahrsten Sinne des Wortes auf einer Wellenlänge liegen.
Einsamkeit löst im Gehirn denselben Schmerz aus wie körperliche Verletzungen. Soziale Kontakte und Unterstützung können emotionsregulierend und schmerzlindernd wirken. Dieser positive Effekt wird über Opioide und Dopamin im Körper vermittelt.
Mobbing setzt das Gehirn unter Stress und kann langfristig zu Angststörungen und Depressionen führen.
Emotionen und Bewusstsein
Emotionen werden im limbischen System generiert, das nicht dem Bewusstsein untersteht. Erst das Hinzuschalten der Hirnrinde macht Gefühle bewusst. Neurowissenschaftler unterscheiden zwischen Emotionen (körperliche Reaktion auf einen Reiz) und Gefühlen (Verarbeitung der Körperreaktionen durch das Gehirn).
Angst, Ärger, Glück und Trauer aktivieren unterschiedliche Hirnareale. Die Muster sind bei Frauen und Männern nahezu gleich.
Der präfrontale Cortex (PFC) verarbeitet Emotionen, indem er sie in das Gesamtbild integriert und Schlüsse für die beste Handlung zieht. Er ist die Hirnregion, in der emotionale Reize aus dem limbischen System in bewusste Gefühle umgewandelt werden.
Die Macht der Gefühle über unser Verhalten
Gefühle haben eine große Macht über unser Verhalten. Sie beeinflussen, wie aufmerksam wir sind und wie gut wir Aufgaben lösen. Sogar die Blickrichtung kann Gefühle verändern. Reize, die so kurz sind, dass wir sie gar nicht bewusst wahrnehmen, können dennoch unsere Gefühle und Stimmungen beeinflussen.
Gefühle sind oft schön, manchmal quälend, hin und wieder lästig. Und sie haben eine große Macht über unser Verhalten.
Die Rolle der Gehirnhälften bei Emotionen
Treffen wir zum ersten Mal einen anderen Menschen, so finden wir ihn/sie nett, sympathisch oder auch nicht. Wir reagieren emotional. Die linke Gehirnhälfte (rationale Ebene) und die rechte Gehirnhälfte (emotionale Ebene) spielen dabei unterschiedliche Rollen.
Der Profi versucht, positive „somatische Marker“ in Form positiver Bilder zu setzen, die ein Wohlgefühl auslösen. Wenn möglich, setzt oder stellt sich der Kommunikationsprofi immer im direkten Gespräch so hin, dass er dem Gegenüber idealerwiese ins linke Ohr spricht, um noch optimaler die rechte Gehirnhälfte anzusprechen.