Die Darstellung des menschlichen Gehirns, oft in Kombination mit weiblichen Figuren und Fragezeichen, ist ein vielschichtiges Symbol, das unterschiedliche Interpretationen zulässt. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte dieser Bildsprache und versucht, ihre Bedeutung zu entschlüsseln.
Mind Blanking: Wenn der Geist zur Ruhe kommt
Manchmal scheint der Kopf stillzustehen, der Blick geht ins Leere. Dieses Phänomen, bekannt als "Mind Blanking" oder Gedankenausblendung, hat die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich gezogen. Ein belgisches Forschungsteam um den Psychologen Sepehr Mortaheb von der Universität Lüttich untersuchte, was während des Mind Blankings im Gehirn passiert.
Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (MRT) machten die Forschenden das arbeitende Gehirn von Versuchspersonen sichtbar. Dabei spielten sie den Probanden zu zufälligen Zeitpunkten ein kurzes Geräusch vor und baten sie, im Anschluss zu beschreiben, was in ihren Köpfen vorging. Interessanterweise herrschte in den seltensten Fällen komplette Leere.
Mithilfe künstlicher Intelligenz gelang es den Wissenschaftlern, ein spezifisches Muster der Hirnaktivität dem "Mind Blanking" zuzuordnen. Demnach arbeiten währenddessen die verschiedenen Hirnregionen deutlich synchroner als sonst, ein Zustand, den sie als "Ultra-Konnektivität" bezeichnen.
Allerdings gibt es auch Fragezeichen an der Studie. Es ist möglich, dass die Probanden in dem Moment, als sie im Hirnscanner lagen und das Geräusch hörten, schlicht nicht aufmerksam genug waren und aus diesem Grund keine Angaben darüber machen konnten, was in ihren Köpfen vor sich ging. Ähnliche Untersuchungen wurden bereits 2021 von australischen Wissenschaftlern der Monash University in Melbourne durchgeführt. Ob "Mind Blanking" eine automatische Reaktion des Gehirns ist, die den Körper vor einer Überlastung schützt, ist noch nicht abschließend geklärt. Aktuell arbeitet das australische Forschungsteam an einer neuen Studie, die den Zusammenhang zwischen Schlaf- und Aufmerksamkeitsstörungen bei ADHS genauer untersucht.
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Kreativität: Mehr als nur eine Eigenschaft
Die Darstellung des Gehirns in Verbindung mit einer weiblichen Figur und einem Fragezeichen kann auch die Frage nach der Kreativität aufwerfen. Kreativität ist schwer zu definieren. Betrachtet man sie jedoch als Konzept, müssen Aspekte wie Zugänglichkeit und Nutzen für andere Menschen berücksichtigt werden.
Der englische Soziologe und Psychologe Graham Wallas entwickelte 1926 eine Theorie zur Entstehung kreativer Leistungen. Demnach kann eine Person nur kreative Einfälle haben, wenn sie in einem Gebiet gebildet und geübt ist. "Die Inkubationsphase geschieht in Bereichen des Gehirns, die Default Mode Netzwerk (DMN, Ruhezustandsnetzwerk) genannt werden", erklärt Konrad Lehmann, Neurowissenschaftler an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Oft schlägt der Geistesblitz genau dann ein, wenn man mit etwas anderem beschäftigt ist. "Entsteht eine Idee, so ist die Aktivität in der rechten Hälfte des Gehirns erhöht", so Lehmann. "Gefolgt wird diese Aktivität von einer zunehmenden Erregung im linken Stirnlappen, wo die letzte Phase der kreativen Leistung erfolgt."
Kreativität kann genetisch vorbestimmt sein. Psychologen und Neurowissenschaftler begründen die Veranlagung dazu mit dem "Big Five"-Modell der Persönlichkeiten. Menschen, die offen für Abenteuer sind, sind im Durchschnitt auch neugieriger, haben eine blühende Fantasie und hinterfragen vieles. Es wird auch oft behauptet, dass ein gewisser Wahnsinn nicht von der Kreativität wegzudenken ist. "Es gibt Studien, die zeigen, dass Verwandte von psychisch Kranken oft kreativer sind als andere", erklärt Lehmann. Die bipolare Störung, früher als manische Depression bekannt, ist eine psychische Erkrankung, die häufig mit Kreativität assoziiert wird.
Doch auch ohne psychische Erkrankung kann jeder Mensch kreativ werden. Oft helfen schon ein paar Tricks und Techniken auf die Sprünge. Bei einer Schreibblockade kann es helfen, einfach anzufangen. Geübte Hirnregionen beginnen dann, Informationen auszuwählen und zu kritisieren. Eine andere Methode ist, das Problem anzusammeln, zu recherchieren und mehrere Lösungen zu finden. Dann alles stehen und liegen lassen und spazieren oder schlafen gehen. "Man hofft damit, dass die Idee von alleine kommt. Denn so versucht man, das eigene Gehirn zu manipulieren und das Default Mode Netzwerk - Ruhezustandsnetzwerk - zu aktivieren."
Multiple Sklerose und "Black Holes"
Im Zusammenhang mit dem Gehirn und seiner Funktionsweise tauchen auch medizinische Fragestellungen auf. Bei der Multiplen Sklerose (MS) kommt es zu Entzündungen im zentralen Nervensystem, sogenannten Läsionen. Diese Krankheitsherde lassen sich mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) erkennen. Ein typischer MS-Befund in der herkömmlichen MRT sind weiße Flecken, häufig an den Rändern der Hirnkammern.
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Mithilfe einer speziellen MRT-Aufnahmetechnik, der sogenannten T1-Gewichtung, lassen sich Wasseransammlungen im Gehirn dunkel abbilden. Manche Entzündungsherde erscheinen jedoch mittig schwarz und außen hell umrandet. Sie werden als "Black Holes" bezeichnet. Die Schwarzfärbung deutet darauf hin, dass sich in der Mitte eines solchen Entzündungsherdes Liquor angesammelt hat.
Intelligenz: Mehr als nur ein IQ-Wert
Die Darstellung des Gehirns, insbesondere in Verbindung mit einem Fragezeichen, wirft auch die Frage nach der Intelligenz auf. IQ-Tests nehmen für sich in Anspruch, die Intelligenz eines Menschen zu messen. Doch ihre Aussagekraft ist umstritten.
Im Jahr 1904 suchte das französische Schulministerium nach einer Methode, um Kinder zu identifizieren, die besondere Förderung brauchen. Der Psychologe Alfred Binet entwickelte daraufhin Testaufgaben, um das sogenannte Intelligenzalter eines Kindes festzustellen. Nach Binets Tod entwickelte der amerikanische Psychologe Lewis Terman den Test weiter und veröffentlichte 1916 den Stanford-Binet Intelligenztest, in dem erstmals ein Intelligenzquotient (IQ) errechnet wurde.
Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, hält IQ-Tests für ein gutes Mittel, um Intelligenz zu messen. Das Ergebnis taugt für sie als ein Kriterium etwa für Personalentscheidungen. "Sie lassen sich schon dann sinnvoll einsetzen, wenn man das Potenzial eines Menschen erfassen will, aber bisher eben nicht konkrete Maße hat", sagt sie. Statt Wissen abzufragen, testen Intelligenztests, wie gut jemand sich neues Wissen aneignen kann.
Robert Sternberg, Professor an der Cornell University, stimmt zu, dass IQ-Tests etwas messen, das mit Erfolg zusammenzuhängen scheint. Aber es sei nicht unbedingt die Art von Erfolg, die der Gesellschaft oder der Menschheit nützt: "Sind Sie kreativ? Haben Sie gesunden Menschenverstand? Sind Sie fleißig? Sind Sie sorgfältig? Sind Sie gewissenhaft? Sind Sie strebsam? Es gibt viele, viele Dinge, die IQ-Tests nicht messen."
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James Kaufman von der Universität von Connecticut würde sich wünschen, dass vor allem die Kreativität einen höheren Stellenwert bekäme. Er schlägt vor, kreative Fähigkeiten durch Aufgaben zu testen, die zum Beispiel die Anzahl der Anwendungen für eine leere Wasserflasche abfragen oder die Probanden etwas Kreatives machen lassen: ein Bild malen, eine Geschichte schreiben, ein wissenschaftliches Experiment entwerfen oder eine Melodie komponieren.
Robert Sternberg entwickelte den Kreativitätstest an der Tufts University. Er nennt sein Konzept Erfolgsintelligenz ("successful intelligence"). Kreativität ist dabei nur ein Teilaspekt von mehreren: "Kreative Fähigkeiten, um Ideen zu entwickeln, analytische Fähigkeiten, um zu beurteilen, ob die Ideen gut sind, und praktische Fähigkeiten, um die Ideen einzusetzen und andere davon zu überzeugen."
Ein Kritikpunkt an klassischen IQ-Tests ist, dass sie bestimmte Bevölkerungsgruppen benachteiligen. Sogar ganze Nationen schneiden deutlich schlechter ab als andere. Eine Theorie besagt, dass je wärmer das Klima, desto geringer der IQ. Menschen, die in kälteren Klimazonen leben, müssen wegen des Winters mit weniger Ressourcen auskommen und größere Probleme lösen. Deshalb besteht dort ein größerer Evolutionsdruck für Intelligenz. Der Biologe Joseph Graves bestreitet jedoch, dass Überleben im Winter schwieriger ist als in den Tropen.
Graves betont, dass Intelligenz von den Genen abhängt und vererbbar ist. "Absolut, Intelligenz ist vererbbar. Sie basiert auf Genen. Je nach Studie wird die Erblichkeit als 0,4 bis 0,5 eingeschätzt. Das heißt, Intelligenz hängt zur Hälfte von den Genen ab, zur anderen Hälfte von der Umwelt."
Es gibt Belege, die den Umwelteinfluss auf die Kognition auf der ganzen Welt zeigen. Am naheliegendsten ist die direkte Umwelt eines Kindes, das Elternhaus, die Kita, die Schule. Denn Intelligenz müsse sich entwickeln, betont Elsbeth Stern. Man brauche eine Umwelt, die einen geistig fordert. Wer bildungsfern aufwächst, hat schlechtere Chancen in IQ-Tests. Das hilft auch zu erklären, weshalb IQ-Tests in vielen Entwicklungsländern schlechter ausfallen: Schule hat dort oft einen anderen Stellenwert. Andere Fähigkeiten zählen dafür mehr - wie in jeder Umgebung angepasste Fähigkeiten gefragt sind.
Robert Sternberg hat das etwa in Kenia untersucht und kommt zu dem Schluss: Würden die Kenianer die Tests entwerfen, sähen viele von uns ziemlich dumm aus. "Überlegen Sie mal, wie gut Sie in einem Eisfischer-Dorf in Alaska zurechtkommen würden oder in einer Gang-Kultur, ob in Ihrem eigenen Land oder in Mittelamerika, in Honduras oder wo auch immer. Sie müssen Fähigkeiten entwickeln je nach Umgebung. Das gilt auch für die Einwanderer in Deutschland, die aus anderen Umgebungen gekommen sind als der in Deutschland." Schließlich ist auch Gesundheit ein wichtiger Umweltfaktor, einschließlich Ernährung und Exposition gegenüber Umweltgiften.