Glück ist was für starke Nerven: Die Bedeutung von Resilienz und Wohlbefinden

Die meisten Menschen streben im Leben nach Glück, nach einem Zustand des Wohlbefindens, der sowohl kurzfristige Freuden als auch langfristige Zufriedenheit umfasst. Doch Glück ist nicht nur ein passiver Zustand, sondern erfordert aktive Anstrengung und die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen. Glück ist was für starke Nerven.

Die zwei Seiten des Glücks: Hedonistisch vs. Eudaimonisch

Yale- sowie Stanford-Professorin Dr. Emma Seppälä unterscheidet in ihrem Buch "Sovereign: Reclaim your Freedom, Energy and Power in a Time of Distraction, Uncertainty and Chaos" zwischen zwei Hauptformen des Glücks:

  • Hedonistisches Glück: Diese Form bezieht sich auf kurzfristige Glücksgefühle, die durch angenehme Erfahrungen wie ein Glas Wein, eine Pizza oder den Kauf einer neuen Handtasche ausgelöst werden können. Diese Freuden sind oft intensiv, aber von kurzer Dauer.
  • Eudaimonisches Glück: Diese Form entsteht durch Sinnhaftigkeit, das Gefühl, anderen zu helfen und im Einklang mit den eigenen Werten zu leben. Eudaimonisches Glück ist nachhaltiger und nährt uns, trägt zu einem nachhaltigen Gefühl der Zufriedenheit bei.

Viele Menschen konzentrieren sich hauptsächlich auf das hedonistische Glück, was zu einer "hedonistischen Tretmühle" führen kann, bei der man ständig dem nächsten schönen Gefühl hinterherjagt, ohne langfristige Zufriedenheit zu finden.

Die Bedeutung von Eudaimonischem Glück für Körper und Geist

Eine Studie aus Florida konnte sogar zeigen, dass Menschen, die Glück hauptsächlich auf hedonistische Weise erfahren, hohe Entzündungswerte im Körper aufzeigen - vergleichbar mit Menschen, die chronischen Stress erleben. Wer allerdings eher auf eudaimonisches Glück setzt, also auf Verbindungen, die uns guttun, und ein Gefühl der Sinnhaftigkeit, zeigt niedrigere Entzündungswerte. Eudaimonisches Glück wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit aus. Es tut uns also gut, uns für etwas Größeres einzusetzen und unser Leben nach unseren persönlichen Werten zu gestalten, anstatt nur nach angenehmen Gefühlen zu streben. Das heißt natürlich nicht, dass wir Genuss völlig aus unserem Leben streichen müssen. Natürlich dürfen und sollen wir unser Lieblingsessen genießen, uns auf unseren Urlaub freuen und unser neues Kleid genießen. Aber es geht um die Balance: Ungesund wird es, wenn wir uns auf diese schnellen Hochmomente verlassen, um langfristig glücklich zu sein. Um uns wirklich zufrieden zu fühlen, brauchen wir eudaimonisches Glück.

Glück in Zeiten der Krise: Resilienz und psychische Gesundheit

Die Pandemie vergegenwärtige globale Umweltbedrohungen und zeige, dass man eher nach Wohlbefinden als nach purem Wohlstand streben sollte, erklären die Autoren des World Happiness Report. Studien aus Deutschland weisen darauf hin, dass der psychische Druck im zweiten Lockdown wächst, vor allem bei jungen Menschen. Das Glückslevel sei gesunken, sagt Hilke Brockmann, Soziologie-Professorin an der Jacobs University Bremen. Hintergrund seien Sorgen um die Gesundheit, die Furcht vor Arbeitslosigkeit oder gar Existenzängste.

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In schwierigen Zeiten ist es wichtig, sich auf Positives zu fokussieren und Strategien zu entwickeln, um die psychische Gesundheit zu stärken. Achtsamkeits-Praktiken, Yoga und Outdoor-Sport können helfen, die Stimmung aufzuhellen. Auch die Hinwendung zu anderen Menschen, das Schenken und Teilen, erzeugt positive Gefühle.

Glückshormone und ihre Aktivierung

Aus neurobiologischer Sicht fühlen wir uns dann glücklich, wenn ein belebender Cocktail aus körpereigenen Chemikalien durchs Gehirn strömt. Oxytocin zum Beispiel wird bei Umarmungen und beim Sex ausgeschüttet, bei Frauen auch während der Geburt und beim Stillen.

Glückshormone kann man mit Übungen aktivieren. Van den Boom schlägt vor, sich "noch im Bett morgens früh fünf Dinge zu überlegen, die gut laufen, für die wir dankbar sind, die wir heute reißen werden". Auch eine Minute zu lächeln oder die Arme in Siegerpose gen Zimmerdecke zu recken, hilft ihr zufolge, positive Areale im Gehirn zu trainieren. Positive Gedanken in Form eines Kompliments zu teilen, mache doppelt glücklich, ist die Beraterin und Autorin überzeugt.

Endorphine werden nicht nur in Notsituationen ausgeschüttet, sondern auch bei körperlicher Anstrengung, beim Essen bestimmter Nahrungsmittel, beim Orgasmus und durch Akupunktur. Endorphine können dann ein Wohlgefühl bis hin zur Euphorie hervorrufen (was übrigens auch eine häufige Wirkung von Morphin ist). Doch die Endorphine sind nicht allein dafür verantwortlich: Im Nervensystem sorgen sie dafür, dass bestimmte Zellen den Botenstoff Dopamin ausschütten, der unter anderem die Motivation, die Vorfreude und den Antrieb steigert. Auch Dopamin wird deshalb oft als „Glückshormon“ bezeichnet - und im Gegensatz zu den Endorphinen ist Dopamin tatsächlich ein Hormon.

Typische Trigger, also Auslöser, durch die Endorphin ausgeschüttet wird, sind:

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  • Lachen
  • Verliebtsein
  • Sexualität
  • Ein schmackhaftes Essen
  • Sportliche Aktivität (vor allem Ausdauersport)

Alle Situationen, die für uns angenehm sind, können die Freisetzung von Endorphinen erhöhen und so zu unserem Wohlbefinden beitragen. Für die eine ist es ein entspannendes Bad oder eine Massage, für den anderen das Spielen oder Hören von Musik oder ein geselliges Beisammensein mit Freunden, bei dem es am besten auch noch etwas zu lachen gibt: Das kurbelt die Ausschüttung von Endorphinen so richtig an.

Sport ist der ideale Endorphin-Trigger. Schon ein moderates Training kann uns ein wohltuendes Gefühl vermitteln. Wer Sport treibt, freut sich auch einfach darüber, seinem Körper etwas Gutes zu tun. Und nicht nur dem Körper: Regelmäßiger Sport kann helfen, Stress abzubauen oder die Konzentrationsfähigkeit und den Schlaf zu verbessern. Sport senkt dadurch auch das Risiko für psychische Erkrankungen und kann bei Menschen mit bestehenden psychischen Krankheiten wie Depressionen oder Angstzuständen die Symptome lindern.

Die Wissenschaft des Glücks: Hirnchemie und Genetik

Hirn und Hormone müssen zusammenspielen, um gute Gefühle zu erzeugen. Sigmund Freud definierte das Glück nüchtern als „episodisches Phänomen, das der plötzlichen Befriedigung aufgestauter Bedürfnisse entspringt“. Und die moderne Wissenschaft schließlich will das wunderbarste aller Gefühle gänzlich entmystifizieren: Biochemiker suchen in kleinsten Nervenspalten nach den Molekülen, die uns Glück empfinden lassen, Neurobiologen spüren mit aufwendiger Technik dem Sitz des Glücks im Gehirn nach, Molekularbiologen durchmustern nach allen Regeln ihrer gentechnischen Kunst die Chromosomen, in der Hoffnung, auf jenes Gen zu stoßen, das uns glücklich macht.

Psychophysiologen rechnen das Gefühl zu den primären oder unwillkürlichen Emotionen des Menschen - wie Freude, Trauer, Furcht, Wut, Überraschung und Ekel. Das sind angeborene Reaktionsmuster, die in allen Kulturen gleich ablaufen, wobei eine Emotion etwas völlig anderes ist als eine Stimmung: Während eine Stimmung stunden- oder tagelang anhält, dauern primäre Emotionen nur wenige Sekunden.

Das limbische System entwickelte sich schon bei den frühen Säugetieren vor etwa 150 Millionen Jahren. Alle Hirnregionen sind direkt oder indirekt mit dem limbischen System verschaltet. Der Hypothalamus ist die wichtigste Hormondrüse des Gehirns und Befehlszentrale des vom Willen unabhängigen Nervensystems. Die Hypophyse ist die Brücke zwischen Nerven- und Hormonsystem. Das eigentliche Zentrum der Emotionen im limbischen Systems scheint eine Gruppe von Nervenzellen zu sein, die sich zu einem mandelförmigen Gebilde zusammengeschlossen haben, dem Mandelkern (Amygdala).

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Beim Empfinden spielen Gemütsmoleküle eine bedeutende Rolle, Signalstoffe, die zu den Neurotransmittern gehören. Neurotransmitter sind Substanzen, die chemische Brücken zwischen den Nervenzellen schlagen. Als Glücksboten gelten vor allem die Neurotransmitter Serotonin und Dopamin. Sie bilden zusammen mit Adrenalin und Noradrenalin die Substanzklasse der Monoamine, die alle daran beteiligt sind, für eine gute Stimmung zu sorgen.

Wissenschaftler der Cornell-Universität in Missouri haben in deren Gehirn eine große Zahl von Aufnahmestellen für den Neurotransmitter Dopamin gefunden. Ein erhöhter Dopamin-Spiegel, interpretieren die Forscher ihr Ergebnis, ist verbunden mit einem glücklichen Leben.

Die Fähigkeit eines Menschen, Glück zu empfinden, ist weitgehend ein Fall von Chemie, die Folge von Interaktionen zwischen Hormonen und Nerven im Gehirn - und damit eine Folge der Erbanlagen, die verantwortlich sind dafür, wie viele Hormone ein Organismus produzieren und verarbeiten kann.

Die dunkle Seite des Glücks: Toxische Positivität

Toxische Positivität sieht positives Denken als einzige Lösung für Probleme und führt dazu, dass wir negative Gedanken oder Gefühle verdrängen. Gemeint ist damit die Überzeugung, dass man, egal wie schlimm oder schwierig eine Situation ist, eine positive Einstellung beibehalten sollte. Doch die Haltung, dass nur „gute" Gefühle erlaubt sind und dass eine positive Einstellung alle Probleme lösen kann, ist ein Irrglaube. Denn das Leben läuft nicht immer rund. Wir alle haben neben schönen Erlebnissen auch mit negativen Gefühlen zu leben. Wer sie zulässt und akzeptiert, kann sie besser verarbeiten und konstruktiv nutzen.

Toxische Positivität treibt das positive Denken in ein überzogenes Extrem. Diese Haltung betont nicht nur die Bedeutung des Optimismus, sondern verdrängt und verleugnet menschliche Emotionen, die nicht ausschließlich glücklich oder positiv sind. Damit ist diese Haltung eigentlich unbewusst negativ, nämlich schwierigen Gefühlen oder schmerzlichen Einsichten gegenüber.

Der Versuch, in Zeiten einer Krise optimistisch zu bleiben, ist eine gute Sache. Das bedeutet jedoch nicht, dass negative Gefühle unterdrückt werden sollten. Denn durch Verdrängung kann man zwar das Symptom überdecken, aber nicht das eigentliche Problem. Auch ist eine annehmende, optimistische Haltung kein Garant dafür, ohne Hürden und Rückschläge durch das Leben zu kommen.

So wirkt sich Toxic Positivity auf andere Menschen aus:

  • Fehlende Empathie
  • Schuldgefühle
  • Distanz
  • Oberfläche statt Tiefgang

Ausschließlich positive oder negative Emotionen zuzulassen, ist nicht gesund. Denn über den Tag verteilt durchschreiten wir ganz normal emotionale Täler und erklimmen psychische Höhen. Alle Emotionen seien funktional und hätten einen Zweck, meint Kirkland. Sie sind ein Signal für die Person, die sie erlebt, oder für die Person, der sie mitgeteilt werden. Sie beinhalten also eine wichtige Botschaft, die wahrgenommen werden will. Grundsätzlich, so die Professorin, sei an einer positiven Einstellung nichts auszusetzen. Toxische Positivität allerdings lehnt Emotionen ab, anstatt sie zu bejahen, und könnte aus einem Gefühl des Unbehagens heraus entstehen. „Statt Gefühle - auch negative - zu unterdrücken, sollte man sie annehmen und einen ausgeglichenen Umgang mit ihnen finden.“

Strategien für starke Nerven und mehr Glück im Alltag

Jemand, der starke Nerven hat, lässt sich nicht aus der Fassung bringen und reagiert auch in stressigen oder unvorhergesehenen Situationen ruhig und besonnen. Hier sind einige Strategien, um die Nerven zu stärken und das Glück im Alltag zu fördern:

  1. Regelmäßige Bewegung: Sportarten wie Yoga oder Pilates haben eine besonders entspannende Wirkung und stärken so auch unsere Nerven.
  2. Meditation: Um schwachen Nerven vorzubeugen, empfiehlt es sich außerdem, regelmäßig zu meditieren.
  3. Ausreichend Schlaf: Zu wenig Schlaf führt dazu, dass unser Körper weniger stressresistent ist. Wir sind leichter reizbar und können uns schlechter konzentrieren.
  4. Atemübungen: Kurze Atemübungen sind ein bewährtes Mittel gegen Stress und lassen sich ganz einfach in den Alltag integrieren.
  5. Stärken bewusst machen: Unsicherheit, Ängste und kreisende Gedanken strapazieren unsere Nerven. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder auch seine Stärken und seine eigenen Ressourcen bewusst zu machen?
  6. Effiziente Energienutzung: Wer seine Nerven stark beansprucht, der sollten seine Energie möglichst effizient nutzen. Lieber fünf kleinere, anstatt drei große Mahlzeiten zu sich nehmen.
  7. Ausreichend trinken: Bei einem Flüssigkeitsmangel können wir uns schlechter konzentrieren und haben weniger Energie.
  8. Digitale Auszeit: Die ständige Verfügbarkeit, aber auch die Angst, etwas zu verpassen, wenn nicht, sorgt für ein kontinuierlich hohes Stresslevel und strapaziert unsere Nerven.
  9. Lachen: Beim Lachen werden Endorphine, auch Glückshormone genannt, ausgeschüttet.
  10. Nervennahrung: Haferflocken, Nüsse, dunkle Schokolade und Paprika sind reich an Nährstoffen, die die Nerven stärken.

Die individuelle Glücksformel finden

Glück ist sehr individuell, und ich bin der festen Überzeugung, dass jede und jeder eine eigene Definition von Glück hat - welche sich auch im Laufe des Lebens verändern kann! Eine wirkliche Glücksformel, ein Patentrezept für Wohlbefinden gibt es meiner Ansicht nach daher nicht. Der Schlüssel zum guten Leben liegt darin, zu erkennen, dass wir selbst aktiv etwas dafür tun können. Indem wir uns dafür ganz bewusst Zeit nehmen.

Glücklich sein zu lernen beginnt für mich mit der Verbundenheit zu sich selbst. Sich auf den Weg machen, alle Sinne schärfen, gegenüber sich selbst und der Welt wohlwollend sein. Sich essenzielle Fragen zu stellen: Wie fühle ich mich gerade? Was treibt mich um? Welche Ziele habe ich, und verfolge ich sie gerade? Stehe ich für meine Werte ein?

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