Unser Herz und unser Gehirn stehen in ständiger Kommunikation miteinander. Diese Interaktion beeinflusst nicht nur unsere körperlichen Funktionen, sondern auch unsere Wahrnehmung, Emotionen und sogar unsere Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen. Die enge Verbindung zwischen Herz und Gehirn, oft als Herz-Hirn-Achse bezeichnet, ist ein faszinierendes Forschungsgebiet, das zunehmend in den Fokus von Medizin und Wissenschaft rückt.
Die bidirektionale Kommunikation zwischen Herz und Gehirn
Die Kommunikation zwischen Herz und Gehirn ist keine Einbahnstraße. Signale fließen in beide Richtungen und beeinflussen sich gegenseitig. In Gefahrensituationen beispielsweise sorgen Signale aus dem Gehirn dafür, dass der Puls steigt. Umgekehrt sendet das Herz Informationen ans Gehirn und beeinflusst darüber unsere Wahrnehmung.
Der Herzzyklus, bestehend aus der systolischen Phase (Zusammenziehen des Herzens und Auspumpen des Blutes) und der diastolischen Phase (Füllen des Herzens mit Blut), verändert auch die Hirnaktivität. Während der ersten Zyklusphase wird ein entscheidender Teil der Hirnaktivität unterdrückt, die sogenannte P300-Komponente. Diese Komponente kennzeichnet normalerweise den Übergang ins Bewusstsein. Wird sie unterbunden, wird die eintreffende Information nicht bewusst wahrgenommen. Das Gehirn scheint also zu erkennen, dass die durch den Puls hervorgerufenen Veränderungen im Körper nicht real als Reaktion auf eine veränderte Umgebung auftreten, sondern lediglich eine Reaktion auf den regelmäßig wiederkehrenden Herzschlag sind. Dadurch stellt es sicher, dass wir uns nicht jedes Mal aufs Neue von unserem Puls stören lassen.
Je stärker das Gehirn einer Person auf den Herzschlag reagiert, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie den äußeren Reiz wahrnimmt. In dieser Zeit scheint sich die Aufmerksamkeit von Signalen, die von außen eintreffen, auf solche zu verschieben, die wir aus dem Inneren erhalten. Eine starke Reaktion des Gehirns auf den Herzschlag bedeutet demnach, dass es sich in einem Zustand befindet, in dem es sich mehr auf Informationen aus dem Körper und den Organen konzentriert.
Die Rolle des autonomen Nervensystems
Das autonome Nervensystem (ANS) spielt eine zentrale Rolle bei der Interaktion zwischen Herz und Gehirn. Es reguliert über Sympathikus und Parasympathikus sowohl die Herzfrequenz als auch die Reaktivität auf Stress. Der Sympathikus aktiviert uns und sorgt für die notwendigen körperlichen Reaktionen auf Angriff und Flucht, während der Parasympathikus uns in die Ruhe bringt.
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Ein chronischer psychosozialer Stress kann das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Systemen stören, was zu einer Überaktivierung des Sympathikus und einer verminderten vagalen Kontrolle führt. Dies kann wiederum das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
Die Amygdala: Ein Schlüsselspieler bei der emotionalen Bewertung und Stressverarbeitung
Die Amygdala, eine Region im Gehirn, die für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist, steht im Fokus der Forschung zur Herz-Hirn-Achse. Studien zeigen, dass eine erhöhte stressbedingte neuronale Aktivität bzw. die Aktivität der Amygdala mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und mit der Mortalität korreliert.
Die Amygdala sendet bei Stress Signale an verschiedene Körperteile, einschließlich des Herz-Kreislauf-Systems. Dies führt zur Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol.
Psychosoziale Risikofaktoren und ihre Auswirkungen auf die Herz-Hirn-Achse
Psychosoziale Risikofaktoren wie chronischer Stress, Depressionen, Angstzustände sowie ein niedriger sozioökonomischer Status und Einsamkeit stehen in Verbindung mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko und einem ungünstigen Verlauf kardialer Erkrankungen.
Wie psychosozialer Stress das Herz beeinflusst:
- Stress und Entzündung: Psychosozialer Stress bewirkt eine Aktivierung des Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Systems (HPA-Achse) und fördert so entzündliche Prozesse.
- Autonome Dysfunktion: Eine reduzierte Herzratenvariabilität (HRV), ein Marker für die vagale Kontrolle des Herzens, ist häufig bei depressiven oder ängstlichen Personen nachweisbar.
- Ungesunde Verhaltensweisen: Psychosoziale Belastungen fördern ungesunde Lebensstile wie Rauchen, übermässigen Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel.
Klinische Bedeutung der Herz-Hirn-Verbindung
Die Erkenntnisse über die Herz-Hirn-Verbindung haben wichtige klinische Implikationen. Sie erklären nicht nur den Zusammenhang von Herz- und Hirnfunktion bei Gesunden, sondern auch bei Erkrankungen dieser Organe.
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Schlaganfall und Herzbeteiligung:
Patient:innen mit einem akuten Schlaganfall erleiden häufig Komplikationen am Herzen, die früh festgestellt und behandelt werden sollten. Etwa 20 Prozent der Schlaganfallpatient:innen haben einen Herzinfarkt vom Typ 1, der umgehend behandelt werden muss. Dabei führt oft die Ruptur einer Gefäßablagerung (Plaque) und eine Gerinnselbildung im Herzkranzgefäß zum Infarkt. Bei weiteren 30 Prozent lag ein Herzinfarkt Typ 2 vor, bei dem keine Thrombusbildung und keine hochgradige Verengung der Blutgefäße zum Infarkt führen. Hier entwickelt sich der Sauerstoffmangel durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen Sauerstoffangebot und Nachfrage am Herzen.
Herzinfarkt und Depressionen:
Nach einem Herzinfarkt lassen sich beispielsweise neben Anpassungsstörungen und Angst bei circa 25% der Betroffenen eine Depression bzw. eine depressive Verstimmung feststellen.
Herzinsuffizienz und Demenzrisiko:
Auch eine Herzinsuffizienz scheint das Demenzrisiko zu erhöhen. Bekannt ist, dass eine Herzinsuffizienz mit systemischen Entzündungsreaktionen einhergeht, die sich auch im Hirn niederschlagen - und wir wissen, dass diese Inflammation auch ein bedeutsamer Faktor bei der Demenzentwicklung ist. Auch kann eine verringerte Durchblutung des Gehirns durch Herzerkrankungen diese Entzündungsprozesse noch verstärken und so zum kognitiven Abbau beitragen.
Therapieansätze und Präventionsmaßnahmen
Um das Risiko von herzbezogenen Erkrankungen zu minimieren, ist ein effektives Stressmanagement entscheidend. Techniken wie regelmässige körperliche Aktivität, Achtsamkeitstraining und Meditation haben sich als wirksam erwiesen, um die Aktivität der Amygdala zu reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden zu fördern.
Eine rhythmisch getaktete Atmung unterstützt dabei den Wechsel von einem gestressten zu einem ausgeglichenen Zustand. Über Atemtechnik und das bewusste Herbeiführen von positiven Emotionen im Bereich des Herzens können wir den kohärenten Zustand trainieren.
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Weitere Präventionsmaßnahmen:
- Ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung und gesunder Ernährung, der auf die Vermeidung von Übergewicht und Erkrankungen wie Bluthochdruck, Hypercholesterinämie und Diabetes abzielt.
- Früherkennung und Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes und erhöhten Blutfettwerten.
Forschungsperspektiven
Die Forschung zur Herz-Hirn-Achse ist ein dynamisches Feld, das ständig neue Erkenntnisse liefert. Zukünftige Studien werden sich darauf konzentrieren, die komplexen Mechanismen der Interaktion zwischen Herz und Gehirn besser zu verstehen und neue Therapieansätze zur Prävention und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neurologischen Erkrankungen zu entwickeln.