Polyneuropathie, oft als Leiden der vielen Nerven bezeichnet, ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der mehrere Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks geschädigt sind. Dies führt zu Reizleitungsstörungen und kann sensible, motorische oder vegetative Nerven betreffen. Die Ursachen sind vielfältig, von Diabetes mellitus und Alkoholmissbrauch bis hin zu Mangelzuständen, Infektionen und Autoimmunerkrankungen. Die Symptome variieren je nach betroffenem Nerventyp und reichen von Empfindungsstörungen und Schmerzen bis hin zu Muskelschwäche und Funktionsstörungen innerer Organe.
Die konventionelle Behandlung konzentriert sich oft auf die Linderung der Symptome mit Medikamenten wie Antidepressiva, Opioiden und Antiepileptika. Heilpraktiker bieten jedoch einen ganzheitlichen Ansatz, der darauf abzielt, die Ursachen der Polyneuropathie zu identifizieren und zu behandeln, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die komplementärmedizinischen Verfahren, die von Heilpraktikern zur Behandlung von Polyneuropathie eingesetzt werden.
Ganzheitlicher Ansatz in der Heilpraktiker-Behandlung
Einem ganzheitlichen Ansatz folgend, nehmen sich Heilpraktiker Zeit, das gesamte Krankheitsgeschehen im Kontext der allgemeinen Konstitution und Persönlichkeit des Patienten zu erfassen und einzuordnen. Ziel ist es, geeignete individuelle Therapien zur Linderung der Symptome sowie mögliche auslösende Faktoren zu finden und so möglichst auch ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Mit einer Therapie sollte so früh wie möglich begonnen werden, da sich bereits stärker geschädigte Nerven i.d.R. nicht mehr vollständig erholen.
Komplementärmedizinische Verfahren
Im Folgenden werden die häufigsten komplementärmedizinischen Verfahren vorgestellt, die bei Neuralgie gezielt zum Einsatz kommen. Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jede Behandlung für jeden Patienten gleich gut geeignet ist. Patienten sind angehalten, die einzelnen Verfahren für sich zu bewerten und zwei oder drei davon für eine längerfristige Anwendung in Eigenregie im häuslichen Umfeld auszuwählen.
Allgemeinmaßnahmen
Als Allgemeinmaßnahmen sollte natürlich immer auch an eine vollwertige Ernährung sowie an Bewegungs- und Entspannungstherapien gedacht werden. Diese Maßnahmen können dazu beitragen, die allgemeine Gesundheit zu verbessern und die Symptome der Polyneuropathie zu lindern.
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Physiotherapie
Der klassischen Physiotherapie kommt generell eine wichtige Rolle in der Behandlung von Neuralgien zu. Durch Mobilisierung und Muskelaufbau werden Schwächen in der Muskulatur und Instabilitäten kompensiert. Über sensomotorische-funktionelle Einzelbehandlungen kann die Oberflächen- und Tiefensensibilität günstig moduliert werden. Hierdurch können auch Schmerzverarbeitung sowie Schmerztrigger positiv beeinflusst werden.
Hydro- und Thermotherapie
Hydrothermotherapeutisch werden kalte oder wechselwarme Güsse zur Linderung der Symptomatik verordnet, die sich auch im häuslichen Umfeld leicht fortführen lassen. Vorsicht ist natürlich bei eventuell gestörter Thermosensibilität geboten. Wenn es nicht innerhalb von 30-45 Minuten nach der Anwendung zu einer vollständigen Wiedererwärmung kommt, ist der Reiz individuell zu stark gewählt.
Als sehr wohltuend werden von den Patient*innen in der Regel auch die sogenannten CO2-Bäder empfunden. Auch diese sind im häuslichen Umfeld leicht umzusetzen, entsprechende Badezusätze in Tabletten- oder Pulverform können günstig erworben werden. Der CO2-Kontakt führt zu einer peripheren Stimulation des Gewebes mit Gefäßerweiterung und verbesserter Hautdurchblutung mit einer milden Kreislaufanregung.
Weitere Optionen umfassen Trockenbürsten, Igelball-Massagen, Sandbäder, Klopfungen, tägliches Wassertreten nach Kneipp, kalte Unterschenkelgüsse, ansteigende Teilbäder, Vollbäder mit Fichtennadeln oder Heublumen und Lehmpackungen. Bei der Anwendung von Wärme- und Kälteanwendungen ist Vorsicht geboten, um Gewebeschäden oder Erfrierungen zu vermeiden.
Elektrotherapie
Ein großes therapeutisches Spektrum umfasst die Elektrotherapie. Bei Neuralgien kommen hier neben 2- und 4-Zellenbädern gerade auch die transkutane elektrische Nervenstimulation, die sogenannte TENS-Behandlung in Betracht. Diese kann im Rahmen des stationären Aufenthalts auf ihre individuelle Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet werden und bei Erfolg dann auch für den häuslichen Gebrauch rezeptiert werden. Die Applikation des Stromreizes mittels sogenannter Stimulationshandschuhe und/oder -socken hat sich v. a. bei der Polyneuropathie der Hände und Füße sehr bewährt.
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Ätherische Öle
Zur äußeren Anwendung können ätherische Öle kommen, die auch zur Langzeittherapie geeignet sind. In Frage kommen dabei ganz verschiedene Öle, wie z.B. Fichtennadel-, Kiefernadel-, Minz-, Pfefferminz-, oder Rosmarinöl. Die ätherischen Öle wirken über eine Anregung der Kälterezeptoren der Haut kühlend. Somit wird die Schmerzweiterleitung vermindert, was wiederum zu dem lokal anästhesierenden Effekt führt. In höheren Konzentrationen wirken sie aber eher reizend und hyperämisierend. Ätherische Öle stehen in alkoholischen oder wässrig-alkoholischen Lösungen für Umschläge, für Einreibungen oder auch als Salbenzubereitungen zur Verfügung. Probatorisch können bei PNP der Füße auch abendliche warme Lavendel-Fußbäder (beruhigend, entspannend) oder morgendliche Rosmarin-Fußbäder (anregend, vitalisierend) versucht werden, ebenso kommen Lehmpackungen und Heilerde-Auflagen in Frage.
Johanniskrautöl
Eine besondere Stellung hat das Johanniskrautöl (Rotöl, Hypericum). Mit seinem traditionell starken Bezug zu Nervenerkrankungen werden warme Johanniskrautölauflagen appliziert (einmal täglich für ca 20 Minuten), diese können auch gut im Gesichtsbereich aufgelegt werden, z.B. bei Trigeminusneuralgie oder atypischem Gesichtsschmerz.
Capsaicin
Längst etabliert in der Behandlung von Neuralgien ist der Wirkstoff Capsaicin aus Cayennepfefferfrüchten (=Spanischer Pfeffer bzw. Roter Pfeffer). Es handelt es sich um einen antiphlogistisch wirkenden Hautreizstoff, der von der EU-Arzneimittelkommission zur Behandlung von peripheren neuropathischen Schmerzen als Monopräparat oder in Kombination mit anderen Arzneistoffen zugelassen ist. Bei Patienten, die an Diabetes mellitus leiden, fehlt zwar die offizielle Zulassung, was aber nur an der mangelhaften Studienlage liegt, ein leider noch zu häufiges Problem der Komplementärmedizin. Capsaicin wirkt lokal hyperämisierend und analgetisch, antiphlogistisch, cortisonähnlich und juckreizlindernd. Es besteht ein sogenannter Counter-irritant-Effekt, d. h. es kommt durch die Reizung zu einer fast vollständigen Ausschüttung von Substanz P, dann zu einer Hemmung des Transports und der Neusynthese von Substanz P, sodass die Schmerzleitung der Nerven quasi unterbrochen wird i. S. einer Desensibilisierung der Nozizeptoren. Eine langfristige niedrigdosierte oder auch eine kurzfristig hochdosierte Behandlung mit Capsaicin führt zu einem sogar histologisch nachweisbaren „Rückzug“ (neurotoxische Wirkung) der für die Schmerzwahrnehmung verantwortlichen Nozizeptoren. Hierdurch wird der langfristige schmerzlindernde Effekt erklärt. Der Wirkstoff kann in Form von Salben oder Wärmepflastern aufgetragen werden, Vorsicht ist allerdings geboten bei bekannten Allergien gegen Paprika oder Cayennepfeffer. Bei Dosierungen über 0,075 % Capsaicin sowie bei Pflastern und Okklusivverbänden sollte eine Anwendungsdauer von zwei Tagen nicht überschritten werden, da es sonst theoretisch sogar zu irreversiblen Schädigungen sensibler Nerven kommen könnte. Bei Salben oder Cremes mit einem Capsaicingehalt von nicht über 0,075 %, die max. zwei- bis dreimal tägl. auf die Haut aufgetragen werden, ist diese Nebenwirkung nicht zu erwarten. Es liegen u.a. positive Studienergebnisse für Post-Zoster-Neuralgie und sogar auch für diabetische Polyneuropathie vor. Wichtig ist, die Patienten auf ein mögliches, deutliches anfängliches Hautbrennen und Dysästhesien als Nebenwirkung aufmerksam zu machen.
Weiße Senfsamen
Ähnlich wie Capsaicin wirken auch weiße Senfsamen, diese können als Breiumschlag appliziert werden, d. h. drei bis vier Esslöffel Senfmehl mit warmem Wasser zu einer breiartigen Konsistenz verrühren und dann als Umschläge 10-15 Min. auf der Haut belassen mit einer max. Anwendungshäufigkeit von zwei bis viermal täglich. Die Anwendungsdauer sollte aber nicht länger als zwei Wochen betragen, da Benzylsenföle zu Reizungen des Nierenepithels führen können und Haut- und Nervenreizungen hervorrufen können. Bei Nierenerkrankungen ist die Anwendung sogar kontraindiziert.
Orthomolekulare Medizin
Die Neuropathie ist ferner eine Domäne der orthomolekularen Medizin. Im KfN verordnen wir bei dieser Indikation in der Regel hochdosierte neurotrope B Vitamine (B1, B2, B6, B12 und Nicotinamid) über einen Zeitraum von ca. drei Monaten. Hierbei geht es nicht darum, etwaige Mangelzustände auszugleichen, sondern durch die passagere Einnahme von hohen Dosierungen therapeutische Effekte zu erzielen.
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Als neurotropes Antioxidans spielt auch Vitamin E eine wichtige Rolle in der Behandlung von Neuropathien, hier können 100-300 mg/Tag bedenkenlos auch längerfristig, d. h. über Monate, nebenwirkungsfrei substituiert werden. Bei Vitamin C wiederum ist eine Überdosierung kaum möglich, wir empfehlen therapeutisch die Einnahme von ein bis zwei Gramm pro Tag. Vitamin C ist nur für den Menschen und andere Primaten, Meerschweinchen sowie einige Vogel- und Fischarten ein essenzieller Nährstoff. Alle anderen Lebewesen können Vitamin C selbst synthetisieren und steigern die körpereigene Vitamin C Produktion bei Stress oder Krankheit um ein Mehrfaches, sodass eine hochdosierte Vitamin C Substitution beim Menschen in Krankheits- oder Stresssituationen durchaus als sinnvoll erscheint. Ein weiteres bewährtes Antioxidans bei Neuropathien stellt die Alpha-Liponsäure dar, die man durchaus zunächst ein bis zwei Wochen intravenös 600mg pro Tag geben kann, dann dauerhaft täglich 600 mg oral. Die Wirksamkeit der Alpha-Liponsäure bei diabetischer Polyneuropathie ist bereits durch Studien belegt. Wegen ihrer neuroregenerativen Wirkung ist auch auf eine erhöhte Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren zu achten. Die Zieldosis liegt dabei bei etwa zwei bis drei Gramm pro Tag. Dies kann aber leicht mit dem Verzehr von etwa zwei Esslöffel Leinöl pro Tag erreicht werden, z.B. eingearbeitet in das Frühstücksmüsli. Ferner sollte der Selenspiegel in den hochnormalen Bereich angehoben werden. Selen hat allerdings eine relativ geringe therapeutische Breite, ab einer Zufuhr von mehr als 1000 µg täglich über mehrere Monate kommt es zu Überdosierungen mit Kopfschmerzen, Haarausfall, Magen-Darm-Problemen und knoblauchartiger Atemluft. Therapeutisch sollten 50-300 µg täglich substituiert werden, idealerweise jeweils orientiert am individuellen Selenspiegel.
Weitere wichtige Nährstoffe sind Benfotiamin (ein Prodrug von Vitamin B1), Uridinmonophosphat (UMP), Calcium-EAP, Vitamin B12 und Folsäure.
Moderate Ganzkörperhyperthermie
Probatorisch kann bei Neuropathien auch die moderate Ganzkörperhyperthermie (mGKHT) zum Einsatz kommen. Hierbei handelt es sich um einen der stärksten naturheilkundlichen Reize überhaupt. Über die passagere Erhöhung der Körperkerntemperatur in den Fieberbereich bis max. 40,5 °C kommt es zu einer starken Stoffwechselsteigerung, sodass regenerative und regulative Prozesse angestoßen werden. Die mGKHT wirkt erwiesenermaßen u.a. schmerzlindernd, tiefgreifend entspannend auf die Muskulatur, vegetativ ausgleichend und mild antidepressiv.
Segmentale Therapie mit Schröpfen oder Blutegeln
Bei Polyneuropathien der unteren Extremitäten kann durchaus eine segmentale Therapie mit Schröpfen oder Blutegeln im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule erwogen werden. Bei Post-Zoster-Neuralgie im thorakalen Bereich hat sich die frühe Blutegeltherapie als gut wirksam erwiesen.
Neuraltherapie
Neuraltherapeutisch kann an einen Einsatz der Neuraltherapie als Segmenttherapie v. a.
Weitere Therapieansätze
Weitere Therapieansätze umfassen Akupunktur, Entgiftungs- und Ausleitungstherapien, die Beeinflussung des Säure-Basen-Haushalts, Ordnungstherapie, Bewegungstherapie und Krankengymnastik.
Ernährung und Lebensstil
Neben den spezifischen Therapien spielen auch Ernährung und Lebensstil eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Polyneuropathie. Eine vollwertige Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten kann dazu beitragen, den Körper mit den notwendigen Nährstoffen zu versorgen und Entzündungen zu reduzieren. Der Verzicht auf Alkohol und Nikotin ist ebenfalls wichtig, da diese Substanzen die Nerven schädigen können. Regelmäßige Bewegung kann die Durchblutung verbessern und die Muskeln stärken.
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