Eine Untertemperatur, auch Hypothermie genannt, ist ein medizinischer Notfall, der auftritt, wenn die Körpertemperatur unter 35 °C sinkt. In diesem Zustand verliert der Körper schneller Wärme als er produzieren kann. Dies kann schwerwiegende Folgen für Herz, Nervensystem und andere Organe haben.
Ursachen und Risikofaktoren
Zu einer Abweichung der normalen Körpertemperatur nach unten kommt es, wenn der Körper Hitze verliert und gleichzeitig nicht mit der Wärmeproduktion hinterherkommt. Es gibt viele Risikofaktoren, die eine Untertemperatur auslösen können:
- Hohes Alter: Mit dem Alter verliert der Körper die Fähigkeit, Kälte zu regulieren, und das Kälteempfinden nimmt ab.
- Kinder: Kinder verlieren in der Regel schneller Wärme und ignorieren, vor allem beim Spielen, die Kälte. Eine gute Faustregel, um Kinder vor der Kälte zu schützen, ist, ihnen immer eine weitere Schicht anzuziehen, verglichen mit den Schichten, die man als Erwachsener anziehen würde.
- Mentale Probleme: Menschen, die an mentalen Erkrankungen, Alzheimer oder ähnlichen Umständen leiden, können oftmals nicht richtig einschätzen, welche Kleidung angemessen für die Temperaturen ist.
- Alkohol und Drogen: Alkohol gibt den Anschein, dass der Körper sich erwärmt. Durch den Alkohol öffnen sich jedoch die Blutgefäße und es wird eine Menge Wärme über die Haut abgegeben. Unter Alkoholeinfluss versiegt auch die Körperfunktion zu zittern. Bereits ein alkoholisches Getränk kann zu einer Untertemperatur führen. Außerdem reduziert Alkohol die Fähigkeit des Körpers zu Zittern und nimmt dem Körper so eine Methode sich warm zu halten.
- Bestimmte Erkrankungen: Einige Erkrankungen beeinflussen die Eigenschaft des Körpers, Temperaturen zu regulieren. Dazu gehören Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) und Diabetes mellitus.
- Medikamente: Manche Medikamente beeinflussen die Eigenschaft des Körpers, Temperaturen zu regulieren. Dazu gehören Sedativa (Beruhigungsmittel).
Arten des Wärmeverlusts
Es gibt verschiedene Arten, wie der Körper Wärme verliert:
- Direkter Kontakt: Der direkte Kontakt mit etwas enom Kaltem, beispielsweise kaltes Wasser oder ein kalter Boden, führt dazu, dass Hitze abgeleitet wird. Vor allem Wasser ist bekannt dafür, dass die Körperwärme viel schneller abgeleitet wird als durch kalte Luft. Wasser muss nicht einmal besonders kalt sein, um eine Untertemperatur auszulösen.
- Wind: Wind entfernt die Körperwärme, indem die dünne Schicht der warmen Luft um die Haut herum abgetragen wird.
Weitere Risikosituationen
Risikosituationen für eine Unterkühlung sind neben Intoxikationen (typisch z. B. Alkoholintoxikation und Einschlafen im Freien) vor allem Ertrinkungsunfälle bzw. Unfälle in den Wintermonaten (Lawinenverschüttung) oder in der Höhe. Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr der Unterkühlung im Rahmen einer längeren Operation oder Analgosedierung (z. B.
Symptome
Häufig merken Betroffene selbst nicht, dass sie unterkühlt sind, da die Symptome meist langsam beginnen und eines der Symptome Verwirrung ist. Bei einer Untertemperatur reagiert der Körper auf außeneinwirkende Kälte und kühlt ab. Typische Symptome sind:
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- Zittern (wobei Neugeborene und junge Säuglinge kein Kältezittern zeigen können)
- Teilnahmslosigkeit
- Erhöhte Herzfrequenz
- Schweres Atmen
- Schlechte Reflexe
- Niedriger Blutdruck
- Verwirrung
- Bewusstseinsbeeinträchtigung (bei Körpertemperaturen unter 32 °C sistiert das Kältezittern)
Unter Hypothermie tritt eine Bradykardie und Bradypnoe auf. Mit abnehmender Körperkerntemperatur kommt es durch die Kältediurese und Extravasation zur Hypovolämie und zum Herzkreislaufversagen. Mit zunehmender Schwere der Hypothermie (vor allem <28 °C) nimmt die Gefahr von Herzrhythmusstörungen zu.
Was tun bei Verdacht auf Unterkühlung?
Sobald Sie das Gefühl haben, jemand in Ihrem Umfeld ist unterkühlt, sollten Sie die 112 anrufen. Während Sie warten, sollte die Person vorsichtig ins Innere gebracht werden. Schnelle Bewegungen lösen irreguläre Herzschläge aus, die in diesem Fall gefährlich sein können.
Bei einer Untertemperatur sollte man behutsam mit der betroffenen Person umgehen. Massagen oder Reibungen helfen nicht. Sinnvoller ist es, die Person in ein warmes Umfeld zu bringen, den Notarzt zu kontaktieren, nasse Kleidung zu entfernen, einzupacken und die Atmung sowie den Puls überprüfen.
Maßnahmen durch Notfallsanitäter
Je nach Stärke der Untertemperatur werden die Notfallsanitäter verschiedene Maßnahmen verfolgen, um die Körpertemperatur wieder herzustellen. Neben wärmenden Decken hilft es, das Blut zu erwärmen. Hierfür wird Blut entnommen, erwärmt und im Körper zirkuliert. Weitere Methoden sind das Einflößen von warmen intravenösen Flüssigkeiten, wie eine Salzlösung, die das Blut erwärmt. Eine weitere Verwendung von warmer Salzwasserlösung ist mittels der Irrigation. Damit kann man gezielt bestimmte Körperteile erwärmen.
Präklinische Maßnahmen
Präklinisch steht zunächst eine Verhinderung der weiteren Auskühlung im Vordergrund. Dies kann durch Schutz vor Kälte, Nässe und Wind am besten mit Wärmedecken in Kombination mit Isolierfolie erreicht werden. Patienten mit milder Hypothermie in stabilem Allgemeinzustand können zur Steigerung der Körpertemperatur dazu animiert werden, sich aktiv zu bewegen. Patienten mit moderater und schwerer Hypothermie sollen horizontal transportiert werden, um eine Umverteilung (afterdrop) des kalten Blutes aus der Peripherie nach zentral und damit einhergehende Herzrhythmusstörungen bzw. einen Herzstillstand zu verhindern.
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Innerklinische Maßnahmen
Aufgrund des Risikos für Herzrhythmusstörungen und einer Kreislaufinsuffizienz müssen Patienten mit tiefer Hypothermie innerklinisch so schnell wie möglich erwärmt werden, bis ein stabiler Herzkreislauf etabliert ist. Als primäres Ziel kann eine Temperatur von 32 °C dienen.
Für die aktive äußere Erwärmung stehen Warmluftgebläse, Heizstrahler und Wärmematten zur Verfügung. Bei den aktiven inneren Techniken werden non-invasive Maßnahmen (angewärmtes und angefeuchtetes Atemgas, angewärmte Vollelektrolytlösung) von invasiven Maßnahmen (Lavage mit 40-44 °C warmen Kochsalzlösungen des Peritoneums, des Magens, der Harnblase) und den extrakorporalen Techniken unterschieden. In der Regel sollten innere und äußere Erwärmungstechniken kombiniert werden, um die Erwärmungsrate zu maximieren.
Bei einem präklinischen Atem-Kreislaufstillstand unter tiefer Hypothermie (<28 °C Körperkerntemperatur) sollte eine Primärverlegung in ein ECMO-Zentrum erfolgen. Der Vorteil der Erwärmung mittels Extrakorporalkreislauf liegt in der schnellen Erwärmungsrate von bis zu 10 °C pro Stunde auch bei Patienten mit Atem-Kreislaufstillstand, bei welchen aufgrund des reduzierten Blutflusses unter Herzdruckmassage durch alleinige andere Maßnahmen die Körpertemperatur nur sehr langsam ansteigt.
Aufgrund der guten neurologischen Prognose bei Atem-Kreislaufstillstand unter Hypothermie werden Reanimationsmaßnahmen auch nach verzögertem Beginn empfohlen. Sofern kein Transport mit kontinuierlicher Herzdruckmassage und Beatmung durchgeführt werden kann, werden für Patienten mit Körperkerntemperaturen von unter 28 °C intermittierende Reanimations-Maßnahmen (maximal 5 min Pause) empfohlen, da das Gehirn unter tiefer Hypothermie eine höhere Toleranz für eine Hypoxie aufweist.
Nach erfolgreicher Reanimation ist die Einhaltung einer strikten Normothermie für ein Überleben mit gutem neurologischem Outcome entscheidend.
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Komplikationen
Bei einer Unterkühlung kann es durchaus zu Komplikationen kommen. Im schlimmsten Fall endet es tödlich. Die Frostbeule entsteht aufgrund von Störungen der Durchblutung und tritt meist an Händen, Füßen, Ohren oder Nase auf. Es handelt sich nicht um eine Erfrierung, sondern um schmerzende und juckende Schwellungen. Bei einem Gangrän kommt es zu dem Verfall und Absterben von Zellen, aufgrund von Unterbrechungen des Blutkreislaufes.
Wann zum Arzt?
- Falls die Frage nach Medikamenten (z. B. Sedativa) mit "Ja" beantwortet worden ist, ist ein sofortiger Arztbesuch erforderlich!
Prävention
Um eine Untertemperatur vorzubeugen, sollten Sie auf diese Basics achten:
- Kleiden Sie sich angemessen: Hüllen Sie sich ein. Tragen Sie eine Mütze, um Ihren Kopf und besonders die Ohren weiterhin zu wärmen. Achten Sie darauf, dass Sie nicht zu sehr schwitzen. Zwiebellook - tragen Sie mehrere Schichten leichter Kleidung. Die Kleidung ganz außen sollte aus einem dicht gewebtem Material bestehen, das wasserabweisend ist und Sie zusätzlich vor dem Wind schützt. Die inneren Schichten können aus Wolle, Seide oder Polypropylen sein.
- Kennen Sie Ihre Limits in einer kalten Umgebung.
- Tragen Sie mehrere Schichten Kleidung.
- Achten Sie darauf, so schnell wie möglich aus nasser Kleidung zu kommen. Bleiben Sie so trocken wie möglich. Ganz besonders die Hände und Füße sollten trocken bleiben.
- Seien Sie vorsichtig mit Alkohol: Wie oben bereits erwähnt ist Alkoholkonsum gefährlich für die körpereigene Temperaturregulation.
- Sicherheit im Wasser: Tragen Sie eine Rettungsweste. Eine Rettungsweste kann Ihr Leben retten, da Sie weniger Energie fürs Schwimmen aufwenden müssen. Versuchen Sie so schnell wie möglich aus dem Wasser zu gelangen. Schwimmen Sie nur, wenn Sie in der Nähe von einem Boot, einer Person oder ähnlichem sind. Bleiben Sie in Ihrer Kleidung so lang Sie im Wasser sind und machen Sie diese so zu wie möglich. Hilfreich ist es auch, den Kopf zu schützen.
Zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen
- Ist man mit dem Auto unterwegs und es ist kalt, sollte immer jemand anderes wissen, wo Sie sich gerade befinden, was Ihr Ziel ist und wann Sie vorhaben, dort anzukommen.
- Sollte Ihr Auto in den kalten Jahreszeiten mal nicht anspringen, hilft es, ein kleines Notfallpaket bei sich zu haben. In diesem könnten mehrere Decken, Kerzen, Feuerzeuge, eine saubere Flasche, Erste-Hilfe-Set, Essen, Kompass, Abschleppseil, Starthilfekabel sowie Sand oder Katzenstreu sein. Der Sand und das Katzenstreu können helfen, Spuren im Schnee zu verteilen. Während Sie in Ihrem Auto warten, achten Sie darauf, sich einzupacken und sofern das Auto noch anspringt, dieses jede Stunde für etwa 10 min laufen zu lassen, sodass es sich aufwärmt.
Differenzialdiagnose: Hyperthermie
Es ist wichtig, Hypothermie von Hyperthermie (Hitzekrankheit) zu unterscheiden. Hyperthermie ist die Erhöhung der Körpertemperatur über 37,5 °C aufgrund einer unzureichenden Kompensationsmöglichkeit durch die hypothalamische Thermoregulation, wobei in der Regel physische Anstrengung oder hohe Umgebungstemperaturen bzw. deren Kombination die Ursache sind. Anders als beim Fieber ist der Sollwert der Körpertemperatur bei der Hyperthermie normal bis erniedrigt.
Therapeutische Hypothermie in der Medizin
Therapeutische Hypothermie, also die gezielte Kühlung des Körpers, wird in bestimmten medizinischen Situationen eingesetzt, um das Gehirn zu schützen. Dazu gehören:
- Perinatale Asphyxie: Eine Reduktion der Körpertemperatur auf 33,5 °C für 72 Stunden (therapeutische Hypothermie) innerhalb der ersten 6 Lebensstunden reduziert bei Termingeborenen mit moderater und schwerer HIE das Risiko des Versterbens bzw. des Auftretens neurologischer Schäden.
- Atem-Kreislaufstillstand: Nach derzeitiger Datenlage zeigt die therapeutische Hypothermie gegenüber der strikten Normothermie weder nach Atem-Kreislaufstillstand noch nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma einen Vorteil in Bezug auf primäres (Überleben) und sekundäres (neurologisches) Outcome.
Anamnese bei Verdacht auf Hypothermie
Bei Verdacht auf Hypothermie ist eine detaillierte Anamnese wichtig, um die Ursache und den Schweregrad der Unterkühlung zu bestimmen. Folgende Fragen sollten gestellt werden:
- In welcher Umgebung wurde der Betroffene aufgefunden (Freiluft, Wasser, Wohnung, Kältekammer)?
- Wie hoch ist die rektal gemessene Körpertemperatur?
- Trinken Sie Alkohol? Wenn ja, welches Getränk bzw. wie viel pro Tag/Woche?
- Nehmen Sie Drogen? Wenn ja, welche Drogen und wie häufig pro Tag bzw. Woche?
- Nehmen Sie Medikamente ein? Wenn ja, welche? (besonders Sedativa)
- Bestehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
- Gab es in der Vergangenheit schwere Infektionen?
- Liegen neurologische Erkrankungen vor?
- Gibt es in Ihrer Familie genetisch bedingte endokrine Erkrankungen, z. B. Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), evtl. Diabetes mellitus?
- Leben Sie allein oder haben Sie soziale Unterstützung?
- Liegen Schmerzen vor (z. B. in den Extremitäten bei Kälteschäden)? Wenn ja, wo genau und wie würden Sie diese beschreiben (z. B. stechend, brennend)?
- Bestehen Zeichen einer Unterzuckerung (Hypoglykämie): z. B. Schwitzen, Zittern, Heißhunger?
- Kälte-induzierte Hautveränderungen (z. B. Schwellungen oder Hinweise auf Flüssigkeitseinlagerungen (z. B. Blasenbildung))?
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