Stricken und Häkeln sind mehr als nur entspannende Hobbys. Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass sie eine Vielzahl von kognitiven, emotionalen und physischen Vorteilen bieten. Dieser Artikel beleuchtet die Ergebnisse dieser Studien und untersucht, warum Stricken und Häkeln als "aktive Meditation" betrachtet werden können, die das Gehirn und das allgemeine Wohlbefinden fördert.
Entspannung und Stressabbau
Der Griff zu den Nadeln kann nach einem langen Arbeitstag oder einfach zwischendurch entspannend wirken. Die gleichmäßigen, sich stetig wiederholenden Bewegungsabläufe beruhigen. Die Gedanken können schweifen, während die Bewegung der Hände allein aus dem Bewegungsgedächtnis heraus gesteuert wird. Es ermöglicht, gedanklich abzuschalten und sich vom Alltagsstress abzulenken.
Stricken ist nichts für Eilige, denn es dauert, bis ein Pullover oder ein großes Tuch fertig sind. Einer Studie des Mediziners Dr. Herbert Benson von der Harvard Medical School zufolge kann Stricken ähnliche Entspannungszustände hervorrufen wie Yoga oder Meditation. Begründet ist dies in der gleichmäßigen, sich wiederholenden Bewegung der Finger und der Konzentration auf die Handarbeit. Es empfiehlt sich, immer auch ein Projekt auf den Nadeln zu haben, das sich „gedankenlos“ stricken lässt!
Die neuseeländische Zeitschrift „Listener“ berichtet von einer Umfrage, bei der 73 Prozent der 3.500 befragten Personen angaben, sich deutlich weniger gestresst zu fühlen, wenn sie mindestens dreimal die Woche zu den Stricknadeln griffen. Die Beschäftigung mit einer Handarbeit wie dem Stricken kann außerdem verhindern, dass das Karussell quälender Gedanken sich zu schnell dreht. Das ist das einfache Prinzip der Ablenkung und der Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe. Die „Kampf- oder Fluchtreaktion“, die Alarmreaktion des Nervensystems, wird ruhiggestellt, Emotionen werden reguliert. Das völlige Aufgehen in einer Beschäftigung, der so genannte Flow, dämpft die Stresshormone.
Gedächtnis und Kognitive Funktion
Der Forscher Dr. Yonas Geda von der Mayo Clinic in Rochester hat im Jahr 2011 eine Studie veröffentlich, wonach Menschen, die handarbeiten, weniger Probleme mit dem Gedächtnis haben. Das Risiko für pathologischen Gedächtnisverlust (also einer Alzheimer-Vorstufe) war bei den im Rahmen der Studie untersuchten 1.300 Senioren um 40 Prozent geringer, wenn diese sich mit handwerklichen Tätigkeiten wie z.B. dem Stricken beschäftigten.
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Hirnforscher vermuten, dass Stricken die Plastizität der Nervenbahnen im Gehirn fördern kann; diese wachsen und verbinden sich dann. Dies hilft offenbar, die kognitive Gesundheit zu erhalten. Durch die gleichzeitige und rhythmische Bewegung beider Hände werden außerdem die rechte und die linke Gehirnhälfte besser miteinander verknüpft als bei vielen anderen Tätigkeiten, bei denen jeweils nur die eine oder die andere Gehirnhälfte stärker angesprochen wird.
Eine Studie der Universität Cardiff konnte zeigen, dass Stricken zwar nicht das Einprägen neuer Vokabeln verbesserte, wohl aber deren Abruf aus dem Gedächtnis. So konnten sich Probanden während des Strickens an deutlich mehr gelernte Wörter erinnern als ohne die begleitende motorische Tätigkeit. Die Vermutung der Wissenschaftler: Der Effekt ist sogar von Dauer. Wer beim Vokabelabfragen zu Hause nebenbei stricke, könne mehr Begriffe im Langzeitgedächtnis speichern und noch lange Zeit später wiedergeben. Der Grund: Durch die rhythmischen, beidseitigen Handbewegungen werden die Gehirnhälften besser miteinander verknüpft - das hält den Geist fit.
Feinmotorik und Therapie
Beim Stricken sind die Hände ständig in Bewegung. Je nach dem, was für ein Muster man gerade strickt, sind diese Bewegungen mal einfacher, mal komplexer - klar, denn glatt rechts mit einem Faden strickt es sich einfacher als z.B. Zöpfe, bei denen zusätzlich mit einer Zopfnadel gearbeitet wird oder beim Fair-Isle-Stricken mit gleich mehreren Farben und Fäden. Die Motorik, also die vom Gehirn aus gesteuerte Bewegung, wird aber in jedem Fall trainiert.
In der Therapie kann man sich dies zu Nutze machen, um Menschen mit Krankheiten wie Parkinson zu unterstützen, ihre Motorik zu verbessern. Stricken kann helfen, die Feinmotorik zu verbessern und lenkt zudem von anderen schmerzhaften Symptomen ab.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Die entspannenden Effekte des Strickens können über den banalen Alltagsstress hinausgehen. Auch Angstzustände und sogar Depressionen können mit Hilfe des Strickens gemildert werden. Beim Stricken wird der Parasympathikus stimuliert. Das ist der Teil des Gehirns, der für Ruhe, Verdauung und Entspannung zuständig ist. Er wird auch als „Ruhenerv“ oder „Erholungsnerv“ bezeichnet. Stricken kann somit Stressreaktionen vorbeugen.
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Handarbeiten wie Stricken und Häkeln werden sogar in Krankenhäusern, Schulen, selbst Gefängnissen als therapeutische Tätigkeit angewendet. Gerade bei Menschen, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, kann Handarbeit sie zurück ins Leben holen, sodass sie trotz ihrer Leiden Schönes gestalten können.
Drei von vier Magersucht-Patientinnen gaben in einer kleinen, kanadischen Studie aus dem Jahr 2009 an, dass Stricken ihre Ängste stark verringerte und sie beruhigte.
Vorbeugung von Arthrose und Schmerzlinderung
Wenn man sein Gehirn nicht benutzt, rostet es irgendwann ein. Nicht viel anders verhält es sich mit den Gelenken, sie müssen in Bewegung gehalten werden, damit sie gesund und geschmeidig bleiben. Dr. Alton Barron, Orthopäde und Präsident der New Yorker Gesellschaft für Hand-Chirurgie, zufolge kann Stricken Arthrose und Sehnenscheidenentzündung vorbeugen: Der sanfte Umgang mit den Fingern baut den Knorpel auf und macht ihn stärker, anstatt ihn abzunutzen.
Wenn man schon unter Arthrose oder der entzündlichen Arthritis leidet, empfiehlt er, vor dem Stricken die Hände in warmem Wasser zu entspannen und mit nicht zu dünnen Nadeln zu stricken. Betroffene PatientInnen berichten, dass die Wahl der richtigen Stricknadeln bei Gelenkproblemen viel ausmache. Demnach kann es z.B. hilfreich sein, leichtere Bambus- oder Holznadeln zu verwenden und grundsätzlich Rundstricknadeln, bei denen das Gewicht des Gestrickten eher auf dem Schoß ruht anstatt wie bei langen Nadeln auf den Handgelenken.
Wenn wir beim Stricken ganz und gar „abtauchen“ und die Welt um uns herum vergessen, kann das auch zur Schmerztherapie eingesetzt werden. Die Glückshormone, die beim Stricken ausgeschüttet werden, tragen dazu bei, dass das Schmerzempfinden gedrosselt wird. Die Physiotherapeutin Betsan Corkhill führte eine Studie mit 60 Schmerzpatienten durch. Diese legten beim Stricken den Fokus nicht mehr auf ihre Beschwerden und wurden abgelenkt. Diese verminderte Wahrnehmung von Schmerzsignalen ist auch nach dem Stricken wirksam, da das Schmerzgedächtnis beeinflusst werden kann.
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Ablenkung von Süchten
Man kann wohl nicht so weit gehen, Stricken als Sucht-Therapie einzusetzen. Aber ein bisschen ist da schon was dran… Denn wenn man sein Strickzeug in der Hand hat und die Finger beschäftigt sind, greift man möglicherweise weniger oft zur Schokolade, der Chipstüte, der Zigarette, dem Smartphone, dem Rotweinglas… Stricken und Alkohol sind sowieso so eine Kombination - auch leicht beschwipst lassen Feinmotorik und Konzentration nach. Das empfiehlt sich nicht, wenn man gerade an einem komplizierten Muster strickt oder viel zählen muss!
Kreativität und soziale Kontakte
Nach soviel wissenschaftlichen Betrachtungen der Strickerei und ihrer positiven Auswirkungen wollen wir aber eines nicht vergessen - Stricken macht glücklich, oder? Man kann sich genau aussuchen, was man stricken möchte: Jacke, Pullover, Schal oder Mütze, oder lieber doch ein Paar Socken? Form, Farbe, Größe? Was für ein Garn? Ein einfaches Baumwollgarn, zarte Merinowolle, etwas robustere Schurwolle vom Lamm oder darf’s was Edleres sein wie z.B. Kaschmir? Man legt Wert auf Nachhaltigkeit? Als StrickerIn hat man es in der Hand, denn im Gegensatz zu Konfektionsware kann man bei einem Handstrickgarn immer eines aussuchen, bei dem es gut um Umweltschutz und Tierwohl steht.
Ein selbstgestricktes Kleidungsstück weiß man in aller Regel so viel mehr zu schätzen als eines, dass man „nur“ fertig im Laden gekauft hat. Es macht einem meist viel Freude, und man trägt es lange. Gut gegen etwaige Ex-und-Hopp-Tendenzen! Die Kreativität wird angesprochen - denn selbst, wenn man „nur“ nach Anleitung strickt, wird man sich doch immer Gedanken über Garn und Farbe(n) machen. Und je länger man strickt, desto häufiger wird man vermutlich Anleitungen an den persönlichen Geschmack anpassen.
Stricken macht stolz - hört sich doof an? Aber warum sollen wir denn nicht stolz sein dürfen auf etwas, dass wir mit unseren Händen geschaffen haben. Und schließlich kann nicht jeder stricken - es ist also gar nicht so selbstverständlich! Auch wenn Stricken die ideale Beschäftigung für immer und überall ist und man es wunderbar ganz für sich allein tun kann: Stricken fördert wie jedes Hobby soziale Kontakte. Ein gemeinsames Hobby verbindet, bietet Gesprächsstoff. Vielleicht hat man Glück und es gibt Strickgruppen oder Stricktreffen in der Nähe? Aber auch das Internet bietet mit Plattformen wie Ravelry viele Möglichkeiten, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Und schon oft sind aus solchen virtuellen Freundschaften „echte“ geworden. Ein schönes Hobby macht glücklich. Stricken macht glücklich! Handarbeiten fördern die Vernetzung neuronaler Zellen im Gehirn.
Stricken als "aktive Meditation"
Für manche mag Häkeln und Stricken Großmutters Lieblingsbeschäftigung sein. Das belegen wissenschaftliche Studien - und viele handarbeitenden Menschen. Die Tätigkeit mit dem Garn wirkt wie Meditation. Das Häkeln und Stricken sind “aktive Meditation”. Eine gleichmäßige Handarbeit, auf die sich die Arbeitenden fokussieren. Häkeln wird von Psychologen und auch innerhalb vieler Medienartikel als “das neue Yoga” bezeichnet. Die Handarbeit linderte in 74% der Fälle die Intensität ihrer Ängste und negativen Gedanken und beruhigte. Stricken hält die Hände beschäftigt und den Geist fokussiert.
Die Rolle der "Oma-Hobbys"
Vögel beobachten, häkeln oder stricken: Laut Herbert Benson, einem Pionier der Mind-Body-Medizin, kann sich Stricken äußerst positiv auf unseren Stresslevel und Blutdruck auswirken. "Oma-Hobbys können eine unterstützende Ressource der Entspannung und psychischen Zufriedenheit sein. Es geht dabei darum, die Achtsamkeit zu fördern. Kleine regelmäßige Auszeiten, zum Beispiel 15 bis 30 Minuten mehrmals die Woche, reichen, um entspannende Effekte zu spüren. Wichtig ist, sein eigenes individuell erfüllendes Hobby zu finden, dieses in eine Routine einzubauen und sich voll und ganz auf die Tätigkeit einzulassen.
In einer Zeit, in der viele von uns unter Stress, Reizüberflutung und digitaler Dauerverfügbarkeit leiden, schaffen Hobbys wie Handarbeiten oder Malen bewusste Momente der Entschleunigung. "Oma-Hobbys" machen nicht nur Spaß - wer ihnen regelmäßig nachgeht, kann auch seine Resilienz, die Fähigkeit, mit Stress und Herausforderungen umzugehen, stärken. Sie helfen dabei, ganz im Hier und Jetzt anzukommen - fernab von Sorgen über Vergangenes oder Zukünftiges. Neben der entspannenden Wirkung spielt auch das Gefühl, mit den eigenen Händen etwas Greifbares zu erschaffen, eine wichtige Rolle für unser emotionales Wohlbefinden. Ein selbstgestrickter Pullover, ein frisch gebackenes Brot oder ein blühender Balkon sind sichtbare Erfolge - sie stärken das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit.
Wer sich regelmäßig solche - und seien es noch so kleine - Ziele setzt, erlebt häufiger Momente von Sinnhaftigkeit und Stolz. "Oma-Hobbys" tun auch dem Gehirn gut. Studien zeigen: Das Erlernen neuer Fähigkeiten - sei es ein Häkelmuster oder das Anlegen eines Beets - fördert die geistige Flexibilität. Neue Denkwege werden angeregt, die Konzentration und Aufmerksamkeitsspanne steigen, das Risiko für geistigen Abbau im Alter sinkt.
Besonders spannend: Die gleichmäßigen, rhythmischen Hand- und Augenbewegungen beim Stricken oder Häkeln weisen bemerkenswerte Parallelen zu einer Methode aus der Traumatherapie auf. Bei EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) helfen sogenannte bilaterale Reize - also Reize, die beide Gehirnhälften aktivieren - dabei, belastende Erfahrungen zu verarbeiten. Ähnlich wie bei dieser Therapieform wirkt auch das Stricken oder Häkeln beruhigend und fast meditativ. Laut Frau Anders kann dadurch - wenn auch nicht so gezielt wie bei der EMDR - ein Zustand der Tiefenentspannung erreicht werden, der Zugang zu tieferen Sphären der Psyche ermöglicht.