Multiple Sklerose: Frühe Anzeichen erkennen und verstehen

Multiple Sklerose (MS), oft als die "Krankheit mit den 1.000 Gesichtern" bezeichnet, ist eine Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Die Symptome sind vielfältig und individuell, was die Diagnose erschweren kann. Ein Forschungsteam der Technischen Universität München (TUM) hat jedoch Studienergebnisse veröffentlicht, die nahelegen, dass viele Beschwerden, die Jahre vor der Diagnose auftreten, bereits erste Schübe der Erkrankung sein könnten. Dieser Artikel beleuchtet die frühen Anzeichen der MS, typische Symptome, seltene Erscheinungen und psychische Auswirkungen, um ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Krankheit zu ermöglichen.

Einführung

Die Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem fälschlicherweise die Myelinscheide angreift, die die Nervenfasern umgibt. Diese Schädigung kann zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen. Die Diagnose MS ist oft eine Ausschlussdiagnose, da viele Symptome auch auf andere Erkrankungen hinweisen können. Es ist daher wichtig, die verschiedenen Anzeichen und Symptome der MS zu kennen, um eine frühzeitige Diagnose und Behandlung zu ermöglichen.

Häufige Frühsymptome der MS

Die ersten Anzeichen einer MS können vielfältig sein und sich von Person zu Person unterscheiden. Bei den meisten Betroffenen tritt zu Beginn nur ein einzelnes Symptom auf, während andere von Anfang an mehrere MS-Symptome haben. Zu den häufigsten Frühsymptomen gehören:

  • Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Sehverlust, Schmerzen bei Augenbewegungen infolge einer Entzündung des Sehnervs (Optikusneuritis), Doppelbilder infolge gestörter Koordination der Augenmuskeln. Viele Menschen mit MS geben Sehstörungen als erstes Symptom an. Eine Sehnervenentzündung verursacht verschwommenes Sehen, eingeschränktes Farbensehen, das Sehen von Doppelbildern oder Schmerzen bei Augenbewegungen.
  • Gefühlsstörungen der Haut: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Missempfindungen (z.B. "Ameisenlaufen") in einzelnen Hautarealen, meist an Armen oder Beinen (Extremitäten). Diese beschränken sich meist auf eine Körperhälfte und führen dazu, dass sich beispielsweise Hände und Füße plötzlich taub oder kribbelig anfühlen.
  • Motorische Störungen: Unsicherheit beim Gehen, Koordinationsschwierigkeiten, krampfartige Lähmungen (Spastiken), Krämpfe in den Händen. Betroffene fühlen sich beim Gehen unsicher. Auch Krämpfe in den Händen gehören zu den ersten Anzeichen. Spastische (= krampfartige) Lähmungen und Koordinationsstörungen sind meist ein frühes Symptom der Multiplen Sklerose.
  • Fatigue: Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und eine Art "Unausgeschlafenheit". Ausgeprägte Erschöpfung, anhaltende Müdigkeit und Antriebsschwäche werden als Fatigue bezeichnet.
  • Kopfschmerzen: Kopfschmerzen können ebenfalls ein frühes Anzeichen von MS sein.

Es ist wichtig zu beachten, dass diese Symptome auch andere Ursachen haben können. Wenn jedoch mehrere dieser Symptome gleichzeitig auftreten oder sich verschlimmern, sollte ein Arzt aufgesucht werden, um eine mögliche MS-Erkrankung abzuklären.

Typische Symptome der Multiplen Sklerose

Die typischen Symptome der MS sind vielfältig und individuell verschieden. Manche Betroffene haben eher mit Sehstörungen zu kämpfen, bei anderen ist die motorische Komponente stärker beeinträchtigt. Zu den wichtigsten MS-Symptomen gehören:

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  • Sehstörungen: Wie bereits erwähnt, sind Sehstörungen ein häufiges Symptom der MS. Sie können sich in Form von verschwommenem Sehen, Sehverlust, Schmerzen bei Augenbewegungen oder Doppelbildern äußern.
  • Gefühlsstörungen der Haut: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Missempfindungen können an verschiedenen Körperstellen auftreten und vorübergehend oder dauerhaft sein.
  • Krampfartige, schmerzhafte Lähmungen (Spastiken): Vor allem an den Beinen können Spastiken auftreten, die schmerzhaft sein können.
  • Muskelschwund: Muskelschwund kann eine Folge der eingeschränkten Beweglichkeit sein, die durch die MS ausgelöst wird.
  • Störung der Koordination von Bewegungen (Ataxien): Unsicherheit beim Greifen oder Gangstörungen können auftreten. Gleichgewichtsprobleme und Schwindel können auftreten, wenn bestimmte Gehirnbereiche betroffen sind, die die Koordination und den kontrollierten Bewegungsablauf steuern. Durch eine Änderung der Position, beispielsweise vom Liegen zum Stehen, kann ein schwummeriges Gefühl ausgelöst werden. Auch ein unsicherer Gang und die Neigung in eine Richtung können auftreten.
  • Fatigue: Erhebliche anhaltende Schwäche und schnelle Erschöpfbarkeit sind typische Symptome der MS.
  • Störungen der Blasen- und/oder Darm-Entleerung: Harninkontinenz, Harnverhalt oder Verstopfung können auftreten.
  • Sprachstörungen: "Verwaschene" Sprache kann ein Symptom der MS sein.
  • Schluckstörungen: Schwierigkeiten beim Schlucken können auftreten.
  • Unwillkürliches, rhythmisches Zittern (Tremor): Zittern von Körperteilen bei zielgerichteten, bewussten Bewegungen (Intentionstremor), z.B. Zittern der Hände beim Greifen nach einem Glas, kann auftreten.
  • Unwillkürliches, rhythmisches Augenzittern (Nystagmus): Augenzittern kann ein Symptom der MS sein.
  • Kognitive Störungen: Verminderte Aufmerksamkeit, Konzentrationsprobleme, beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis können auftreten. Eine Multiple Sklerose kann auch die kognitiven Fähigkeiten einschränken - und dazu gehört auch das Gedächtnis. Dass das Gedächtnis nachlässt, kann sogar recht früh im Verlauf der Erkrankung auftreten. Etwa 40-80 Prozent der Menschen mit MS haben Einschränkungen in diesem Bereich. Grund ist auch hier, dass Hirnareale entzündet sind, in denen das Gedächtnis seinen Platz im Gehirn hat.
  • Sexuelle Funktionsstörungen: Ejakulationsprobleme und Impotenz bei Männern, Orgasmusprobleme bei Frauen, nachlassende sexuelle Lust (Libidoverlust) bei allen Geschlechtern können auftreten.
  • Schmerzen: Kopfschmerzen, Nervenschmerzen (etwa in Form von Trigeminusneuralgie), Rückenschmerzen, Muskelschmerzen können auftreten. Schmerzen bei einer MS können durch die neurologische Erkrankung an sich oder durch Folgeschäden (wie Fehlhaltungen) entstehen. Wichtig ist, den Grund für die Beschwerden zu finden.
  • Schwindel: Schwindel kann ein Symptom der MS sein.
  • Eine vorübergehende Erhöhung der Körpertemperatur: Eine vorübergehende Erhöhung der Körpertemperatur, beispielsweise durch Fieber oder heißes Wetter, kann zu einer plötzlichen Verschlechterung von Symptomen führen. Durch die Wärme wird die Funktion der Nerven beeinträchtigt, sodass sich Beschwerden verstärken. Mediziner bezeichnen dies als Uhthoff-Phänomen.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Betroffenen alle diese Symptome entwickeln und dass die Schwere der Symptome von Person zu Person unterschiedlich sein kann.

Seltene Symptome der Multiplen Sklerose

Vor allem im Spätstadium der MS können Symptome auftreten, die nur selten anzutreffen sind:

  • Demenz: In manchen Fällen kann es zu einer Demenz kommen, die auf die Erkrankung zurückzuführen ist.
  • Stuhlinkontinenz: Von einer Stuhlinkontinenz sind nur wenige MS-Erkrankte betroffen. Stattdessen treten Funktionsstörungen auf, die keine vollständige Inkontinenz bedeuten. So kommt es zum Beispiel eher zu Verstopfung.
  • Dranginkontinenz: Manche Erkrankte leiden unter einer Dranginkontinenz. Auch das ist keine vollständige Inkontinenz, weil der Urin kurzfristig zurückgehalten werden kann. Sobald die Patienten den Harndrang bemerken, müssen sie jedoch sofort zur Toilette gehen.
  • Atem- und Schluckbeschwerden: Atem- und Schluckbeschwerden sind ebenfalls selten und treten meist erst bei fortgeschrittener Erkrankung auf.
  • Haarausfall: Mitunter kommt es auch zu Haarausfall. Die Beeinträchtigung der Nerven bei MS verändert das Haarwachstum allerdings nicht. Haarausfall ist eher eine Folge von Stress oder eine Nebenwirkung der MS-Medikamente.
  • Persönlichkeits- und Wesensveränderungen: Ähnlich verhält es sich mit Persönlichkeits- und Wesensveränderungen. Sie sind selten und treten erst im späteren Krankheitsverlauf auf.

Psychische Symptome der Multiplen Sklerose

Zu den psychischen Symptomen gehören Depressionen, Angststörungen, Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen, kognitive Beeinträchtigungen und Wesensveränderungen durch MS:

  • Depressionen: Menschen mit MS leiden häufig unter Depressionen. Die Belastung durch die Krankheit selbst, der Verlust einzelner Körperfunktionen, die sozialen Auswirkungen oder neurologische Veränderungen im Gehirn können sie verursachen.
  • Angststörungen: Angststörungen wie die generalisierte Angststörung, Panikstörungen oder soziale Ängste können bei MS auftreten. Die Unsicherheit über den Verlauf der Krankheit, die Sorge um körperliche Beeinträchtigungen und die Auswirkung der Erkrankung auf das alltägliche Leben können Ängste verstärken.
  • Müdigkeit: Müdigkeit und Schlafstörungen sind ein Teil der Depressionssymptomatik, sie treten aber auch ohne Depressionen auf.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Zu den MS-bedingten kognitiven Einschränkungen gehören zum Beispiel Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten, Problemlösungsdefizite und verlangsamtes Denken. Manche Patienten empfinden dies als emotionale Belastung.
  • Wesensveränderung: Die Wesensveränderungen im Rahmen einer Multiple-Sklerose-Erkrankung umfassen emotionale Labilität und Stimmungsschwankungen. Das Denkmuster und die Denkgeschwindigkeit verändern sich. Eine tatsächliche Wesensveränderung tritt allerdings selten auf.

Es ist wichtig, psychische Symptome ernst zu nehmen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn sie auftreten. Stellen Sie Symptome wie Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit an sich fest, ist eine Psychotherapie ratsam. Psychische Probleme können auch von Medikamenten ausgelöst werden. In diesem Fall sollte eine Umstellung auf eine andere medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden.

MS-Schübe erkennen

Die MS-Symptome treten bei den meisten Menschen in Schüben auf. Ein MS-Schub ist definiert als das Auftreten neuer oder als die Reaktivierung bereits früher aufgetretener neurologischer Funktionsstörungen, von denen Betroffene berichten oder die durch eine medizinische Untersuchung festgestellt werden. Die Störungen müssen für eine Schub-Definition folgende Kriterien erfüllen:

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  • Sie halten mindestens 24 Stunden an.
  • Sie sind mindestens 30 Tage nach Beginn des letzten Schubes aufgetreten.
  • Die Symptome wurden nicht durch eine Veränderung der Körper-Temperatur (Uhthoff-Phänomen), eine Infektion oder andere physische oder organische Ursachen hervorgerufen.

Frühe Anzeichen als erste Schübe?

Die Studie der TUM legt nahe, dass viele Beschwerden, die bisher als Prodromalphase der MS angesehen wurden, bereits erste Schubereignisse sein könnten. Dies bedeutet, dass die Erkrankung möglicherweise schon früher beginnt als bisher angenommen. Die Forscher fanden heraus, dass Personen mit MS in den Jahren vor der Diagnose häufiger wegen Beschwerden ärztlich behandelt wurden, die auf erste Symptome der MS hinweisen. Dies könnte die Möglichkeit eröffnen, die Therapie der MS zu optimieren, da eine frühere Diagnose und Behandlung den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen könnten.

Bedeutung der Früherkennung

Je früher eine MS erkannt wird, desto besser können wir die Erkrankung behandeln. Es ist daher wichtig, auf frühe Symptome zu achten und bei Verdacht einen Arzt aufzusuchen. Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht den Beginn einer geeigneten Therapie, die das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann.

Therapieansätze

Bei Multiple Sklerose gilt, möglichst früh mit einer hochwirksamen Therapie zu beginnen. Moderne Medikamente können das Fortschreiten der MS heute deutlich bremsen und damit Einschränkungen frühzeitig verringern. Entscheidend ist dabei ein früher Start einer hochwirksamen MS-Therapie.

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