Die Frage, ob eine CD singen und ein Gehirn denken kann, mag zunächst absurd erscheinen. Doch sie führt uns direkt in das faszinierende Feld der Musikpsychologie und Neurobiologie, die sich mit den komplexen Wechselwirkungen zwischen Musik, unserem Gehirn und unseren Emotionen befassen. Dieser Artikel beleuchtet, wie Musik unser Gehirn beeinflusst, wie unser Musikgeschmack entsteht und welche therapeutischen Anwendungen Musik haben kann. Dabei stützen wir uns auf Erkenntnisse aus dem Buch "Kann eine CD singen? Kann ein Gehirn denken?" von Manfred Spitzer sowie auf weitere wissenschaftliche Studien und Erkenntnisse.
Einführung in die Welt der Musikneurowissenschaften
Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, hat sich national und international einen Namen gemacht und maßgeblich an der Entwicklung der Neurowissenschaften an der Universität Ulm mitgewirkt. Neben seiner Tätigkeit als ausgewiesener und publizistisch breit vertretener Wissenschaftler ist Spitzer aktiver Musiker, der in der Verbindung von Neurowissenschaften und der Musikwissenschaft neue inhaltliche Akzente gesetzt hat. Spitzer beginnt seine umfassende Arbeit mit einem historischen Abriss über die Entwicklung der Musik und der Instrumente, von China bis zum westlichen Abendland, von „Engelsharfen“ bis zur „Teufelsgeige“, von der „niederen Kunst“ bis zur „hohen Kunst“.
Was ist Musik? Eine Frage der Definition
Eine der zentralen Fragen Spitzers ist die einfache, ja, banale Frage: „Warum … bereitet uns das Erzeugen und Wahrnehmen von Schwingungen der Luft so großes Vergnügen?“ Seine unterschiedlichen Antworten auf die Frage „Was ist Musik?“ fasst er anthropologisch knapp zusammen: „Musik ist Gestalt in der Zeit“. Im Kapitel vier beschreibt und diskutiert Spitzer die gegensätzlichen Thesen, wonach die verschiedenen Musiken, die Stile und Eigenheiten als gleichberechtigte „kulturelle Produkte“ nebeneinander stehen, andere sehen in der Musik „physikalische und mathematisch beschreibbare Gesetzmäßigkeiten“, die keineswegs beliebig sind, und nach der die abendländisch-westlichen Musik „das Produkt einer zwangsläufigen Entwicklung“ ist. Sie sei keineswegs dem schöpferischen und kulturell gebundenen Geist eines Komponisten entsprungen.
Spitzer bereitet seine Leser auf einen komplizierten Weg vor, der mit viel Mühe und „vielen interessanten Einsichten aus Musik, Mathematik, Physik und Physiologie“ gespickt ist. Auf diesem Weg wandert Spitzer durch die Grundbegriffe der Musikwissenschaft, erläutert - auch für Nichtlateiner - „Intervalle“, den Unterschied zwischen „Oktave“ und „Quinte“, beschreibt den Unterschied zwischen „Melodie“ und „Tonleiter“, die unterschiedlichen Eigenschaften von gesungenen und gespielten Tönen. Die in den folgenden Kapiteln ausgebreiteten Grundlagen der Akustik und des Hörens verlangen vom Leser physikalisch-musikalisches Mitdenken und eine gehörige Portion Anstrengung. Spitzer nennt das Gehirn das „Organ der Musik“ und betont immer wieder, dass Musik hören nicht nur Schallwellen aufnehmen ist, sondern in sehr komplexem Maße die Verarbeitung der Wahrnehmung. Die Ausführungen reichen vom Erleben der Musik schon im Mutterleib bis zur Befähigung zum absoluten Gehör.
Das Gehirn als "Organ der Musik": Wie Musik unsere Wahrnehmung prägt
Spitzer nennt das Gehirn das „Organ der Musik“ und betont immer wieder, dass Musik hören nicht nur Schallwellen aufnehmen ist, sondern in sehr komplexem Maße die Verarbeitung der Wahrnehmung. Die Ausführungen reichen vom Erleben der Musik schon im Mutterleib bis zur Befähigung zum absoluten Gehör. Bei all seinen umfangreichen Darstellungen gewinnt der Leser den Eindruck, dass Spitzer sich Zeit lässt und oft sehr persönlich argumentiert, was dem Text zusätzliche Authentizität verleiht. Viele seiner Beispiele stammen aus dem Alltag und sind lebensnah, wie beispielsweise die „Bierglas“-Methode beim Stimmen eines E-Basses. Die dabei zugemuteten theoretisch-wissenschaftlichen Grundkenntnisse sind beachtlich.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
In den Kapiteln sechs bis acht befasst sich der Musikwissenschaftler ausführlich mit dem Entstehen, den Eigenschaften und den theoretischen Voraussetzungen von Tönen und Tonerzeugung. Dabei wird er zum Teil sehr abstrakt: „… durch Addieren von Sinusschwingungen der Obertonreihe zu einem Grundton Töne unterschiedlicher Klangfarbe erzeugen …“. Geradezu spannend sind seine Ausführungen zu den Möglichkeiten der Tonerzeugung, der Tonwahrnehmung und der Erfindung neuer Töne, auch wenn sie viel Physik und Mathematik voraussetzen. Spitzer liebt überraschende, provokante Formulierungen: „Gäbe es kein Gedächtnis, so gäbe es auch keine Musik. Musik ist eine Struktur in der Zeit“. Ohne Gedächtnis wären wir nicht in der Lage, eine Melodie überhaupt als Melodie zu hören. Wir selbst sind es, unser Gehirn, das aus dem Bündel von Schallwellen, die unser Ohr erreichen, die Geräusche zu Ereignissen formen - darunter besonders: die Ereignisse der Sprache und der Musik. Bei ihrer Wahrnehmung und Entschlüsselung bedienen sich unsere Sinne sowohl physiologischer Bedingungen wie vorheriger Erfahrungen.
Im Hinblick auf die Musik betont Spitzer, „der wichtigste Gesichtspunkt des Gedächtnisses“ sei die Zeit. Das ist auch in Verbindung mit der Ereignisbildung erkennbar, wie er am Beispiel des Feuerwehr-Signals anschaulich darstellt. „Was der Sprache das Wort, ist der Musik das Motiv“. Nach vielen Beispielen kommt Spitzer zu dem nicht mehr überraschenden Ergebnis, dass es Musik nur gibt, „weil es Gedächtnisleistungen gibt“. Allerdings muss er mit dem in den 1990-er Jahren populären „Mozart-Effekt“ aufräumen und alle diejenigen Eltern und Musikpädagogen enttäuschen, die sich von der Mozart-Berieselung ihrer Kinder eine Zunahme der Intelligenz versprechen.
Musik erleben: Subjektivität und individuelle Erfahrungen
In Teil zwei seines Buches geht Spitzer ausführlich auf den subjektiven Charakter des Musik-Erlebens ein, das er vorwiegend psychologisch und mit Bezug zu den ihm zugrunde liegenden neurobiologischen Mechanismen interpretiert. Überraschend und bisweilen amüsant sind die zahlreichen Ergebnisse aus Untersuchungen, die über das Hörvermögen von Säuglingen vor und nach der Geburt berichten. Quasi anekdotisch geht Spitzer auf das Hör-Schicksal bekannter Komponisten ein. Neben der bekannten Schwerhörigkeit von Beethoven zeigt auch die Geschichte Maurice Ravels die Folgen einer Amusie. Einem Freund gegenüber gesteht Ravel, der sich mit dem Entwurf der Oper Jeanne d‘Arc befasste: „Es ist vorbei; ich kann meine Musik nicht mehr schreiben.“ Selbst eigene Stücke kann er weder aus dem Gedächtnis noch vom Blatt spielen. Es ist kaum möglich, den vielen Daten und Beispielen zu folgen, die Spitzer dem Leser präsentiert. Nicht neu, aber eben doch überraschend ist seine Feststellung, dass es auf einem Segelschiff „nicht viel anders zu geht als in einem Sinfonieorchester …“ Sea Shanties sind Lieder, die von Seeleuten zur Arbeit gesungen wurden, um die Aktivität der Gruppe zu koordinieren.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Kapitel Absolutes und relatives Gehör. Was für wenig musikalische Menschen ein völlig unverständliches Rätsel bleibt, ist für die „Begabten“ ihre „natürliche“ Fähigkeit, aus dem Tonbewusstsein heraus einen Ton zu bestimmen oder ihn ohne Instrumentenhilfe zu singen. Mit Bezug auf zum Teil über 100 Jahre alte Untersuchungen folgert Spitzer, „dass das absolute Gehör erlernt ist“. Auch das öffentliche Sprechen und Singen ist eine besondere Leistung. „Auf der Bühne zu stehen und zu singen ist die schwierigste Art, öffentlich zu musizieren“. Beim Lachen und Weinen, Flüstern, Ächzen und Stöhnen leisten unsere Sprachorgane Erstaunliches, die beteiligten Organe treiben einen „unglaublich komplizierten Aufwand“. Mit physikalischen, medizinischen und neurologischen Begriffen und Bildern beschreibt der Autor das komplizierte Zusammenspiel der Organe, die im Kopf, im Hals und Oberkörper an der Klangerzeugung beteiligt sind. „Sprechen gehört zu den Höchstleistungen, die wir täglich vollbringen …“.
Musizieren lernen: Motivation und Gemeinschaft
Wer sich dem Kapitel zwölf Musizieren lernen intensiv zuwendet, mag wegen des Aufwandes vielleicht gar nicht erst mit dem Üben beginnen. Angesichts zahlreicher digitaler Hilfsmittel für den Musikunterricht betont der Autor, dass eine wesentliche Hilfe beim Musizieren lernen die Motivation ist, die wesentlich von der Beziehung zum Lehrer oder Therapeuten getragen wird. Auch der gemeinschaftsbildende Charakter des Musizierens droht angesichts neuer Techniken wie etwa dem Kopfhörer verloren zu gehen. Mit seinen Überlegungen zum Chorsingen und Orchesterspiel, zur Hausmusik und der Königsdisziplin, dem Improvisieren nähert sich Spitzer wieder dem musikalischen Alltag. Die ständig sich wandelnden Musikstile und -vorlieben belegen, dass Kultur und damit auch die Musik als „lebensbedeutsame Inhalte ständigem Wandel unterliegen“.
Lesen Sie auch: Sicher Autofahren mit Parkinson: Ein Leitfaden für Deutschland
Musiktherapie: Die heilende Kraft der Klänge
In seinem letzten Kapitel kommt Psychiater Spitzer auf sein vorrangiges Anliegen zurück, die Musiktherapie. Sie soll dem Menschen helfen, „durch den Einsatz musikbezogener Erfahrungen“ seine Gesundheit zu fördern.
Musik kann unmittelbar starke Gefühle auslösen, Stimmungen und Gedanken rasch verändern und so auch effektiv auf das Immunsystem einwirken. Durch die Auswahl der Musik oder aktives Musikmachen und Singen hat jeder Mensch eine aktive Möglichkeit, seine Stimmungen und so die Abwehrkräfte des Körpers positiv zu beeinflussen und so das Immunsystem zu stärken.
Wirkung der Musikwahrnehmung auf das Immunsystem:
- Musikmachen erfordert eine Koordination von Gehirn und aktiven Bewegungsabläufen.
- Gleichzeitig werden Takt, Rhythmus und Melodie gehört, das Notenblatt gelesen oder auswendig gespielt und die vorhergedachte Melodie im richtigen Rhythmus gespielt.
- Diese komplexe neuronale Vernetzung verlangt volle Konzentration, sodass keine Zeit und Energie bleibt, um sich mit Alltagsproblemen zu beschäftigen.
- Das Hören des Liedes mit Wohlgefallen löst die Ausschüttung von Glückshormonen aus.
Singen wurde von mehreren Studien untersucht. Allein das Mitsingen eines Songs im Radio hebt die Stimmung und hilft, die Hirnfrequenz in Richtung Entspannung (Alpha-Zustand) zu verschieben. Musikwissenschaftler Professor Gunter Kreutz erklärt, dass Singen das Immunsystem anregt, das Stresssystem herunterreguliert und insgesamt eine Vielfalt körperlicher Effekte bewirkt. Zudem verändert sich die Stimmung, und man nimmt andere Menschen freundlicher und entspannter wahr, was eine Rückwirkung auf uns selbst und auf den Körper hat.
Dr. zufolge kann das Singen im Chor eine Reihe von sozialen, emotionalen und psychologischen Vorteilen haben und auch biologische Effekte bewirken.
Der persönliche Musikgeschmack: Eine Frage der Prägung
Bestimmte Songs können wir nicht ertragen, bei anderen geht unser Herz auf. Weshalb ist das so? Nur wenige Studien beschäftigen sich mit diesem Thema. Prof. Dr. Manche Studien deuten darauf hin, dass es einen Zusammenhang zwischen Charakterzügen und bevorzugten Musikrichtungen gibt. Andere Untersuchungen können dies nicht bestätigen. Kleinkinder sind meist noch offen für viele Musikrichtungen, während der Grundschule bereits schränkt sich der Musikgeschmack ein. In der späten Jugend und dem frühen Erwachsenenalter verfestigt sich der Musikgeschmack. Je mehr Musikerlebnisse ein Mensch während seiner Jugend hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass er später offen für viele verschiedene Musikrichtungen ist.
Lesen Sie auch: Corona und das Gehirn: Was wir wissen
Forscher haben immer wieder festgestellt, dass Vorschulkinder bereit sind, sehr viele verschiedene Musikstile zu hören. Im Laufe der Schulzeit schränkt sich der Musikgeschmack immer mehr ein. Das konnte etwa auch der Musikwissenschaftler Christoph Louven von der Universität Osnabrück in einer 2011 veröffentlichten Langzeitstudie feststellen. „Wir haben die Musikpräferenzen von Kindern über die gesamte Grundschulzeit gemessen“, sagt Christoph Louven. Den Kindern wurden Tonbeispiele aus vier Musikrichtungen vorgespielt, Pop, Klassik, Avantgarde und Ethno. Die meisten Kinder hörten in der ersten Klasse noch gern die vier Musikrichtungen. Doch in der vierten Klasse hatten sie dann eine eindeutige Vorliebe für Pop.
Woher kommt diese Verengung? „Ein Punkt ist sicher, dass sich bei den Kindern Vorurteile festsetzen, etwa ‚Klassik ist was für alte Leute’“, glaubt Christoph Louven. „Generell gilt, dass der Einfluss der Peergroup stärker wird, und die einigt sich oft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, die Pop-Musik.“ Die Bezugsgruppe ist also sehr wichtig für den Musikgeschmack, ähnlich wie bei Kleidermoden. „Das hat vor allem mit Lernen zu tun“, sagt Christoph Louven, „die Kinder lernen von ihrem sozialen Umfeld, was gute und was schlechte Musik ist.“ Für den Musikpädagogen ist das eine wichtige Erkenntnis: „Weil das mit Lernen zu tun hat, kann man das auch beeinflussen. Mit kleinen Maßnahmen können wir erreichen, dass Kinder eine größere musikalischer Bandbreite mögen.“
Allerdings ändert sich bei Kindern der Musikgeschmack ständig. Auf einmal hat man einen neuen besten Freund, der anders als der Rest der Klasse auf Hiphop steht, und schon hört man auch selbst nur noch gerappten Gesang. Als Jugendlicher kommt dann noch die Abgrenzung hinzu, vom Elternhaus oder beispielsweise von der Parallelklasse. „Musik hat einen sehr starken gruppenbildenden Effekt“, sagt Christoph Louven. „Außerdem ist sie im Alltag allgegenwärtig, so ist es nicht erstaunlich, dass sich Jugendkulturen sehr stark über die Musik definieren.“
Mit ungefähr 20 Jahren verfestigt sich dann der Musikgeschmack. Dies fanden Forscher um den Ökonomen Morris Holbrook von der Columbia University im Jahr 1989 heraus. Sie spielten 108 Testpersonen aller Altersgruppen verschiedene Musikbeispiele vor. Die Testpersonen sollten dann bewerten, welche Lieder sie mögen. Es stellte sich heraus, dass Menschen vor allem die Songs mochten, die aktuell waren, als sie Teenies oder Anfang 20 waren. Im Durchschnitt war der Hit am beliebtesten, der im Alter von 24 Jahren in den Hitparaden war.
Stille: Die Bedeutung akustischer Auszeiten
Im Alltag stehen wir häufig unter Dauerbeschallung. Erst wenn es richtig ruhig ist, spüren wir, wie gut das tut. Auch Hirnforscher haben den Nutzen akustischer Auszeiten entdeckt.
Dass Lärm auf Dauer krank machen kann, wissen Fachleute schon lange. So belegen zahlreiche Studien den Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Dauerlärm an Flughäfen oder Autobahnen. Unser Gehirn reagiert sehr prompt auf Geräusche, und das sogar im Schlaf, wenn das Bewusstsein pausiert. Ungewohnter oder potenziell belastender Lärm aktiviert die Amygdala - ein Kerngebiet tief im Schläfenlappen, das bei Angst und anderen negativen Emotionen »anspringt«. Über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse wird schließlich das Stresssystem des Körpers eingeschaltet, das große Mengen Kortisol ins Blut schwemmt. Das Hormon signalisiert dem Körper: Achtung, Gefahr droht! Lärm - eine moderne Plage?
Kurzfristig steigert das unsere Leistungsfähigkeit; der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller, und unsere Muskeln spannen sich an. Doch auf Dauer kann dieser Zustand den Organismus schädigen. In einem Bericht von 2001 bezeichnete die WHO die zunehmende Lärmverschmutzung gar als »moderne Plage«.
Wie sehr unser Körper von akustischen Auszeiten profitiert, entdeckten Hirnforscher durch Zufall. Luciano Bernardi und sein Team von der Universität Pavia in Italien wollten herausfinden, welche Arten von Musik unserem Herz-Kreislauf-System guttun. Sie spielten ihren Versuchspersonen Musikstücke in sechs verschiedenen Stilen vor, während sie unter anderem Atmung, Blutdruck und Herzschlag maßen. Mitten in jedem Stück wurde - als Kontrollbedingung - eine zweiminütige Pause eingelegt, während der die Teilnehmer nichts hörten. Alle Musikstücke ließen die drei genannten Messgrößen über die vor Beginn des Experiments erhobenen Werte (Baseline) ansteigen, wobei die schnelle Musik sie besonders in die Höhe trieb. Das Überraschende: Während der kurzen Pausen fielen die Werte oft sogar noch unter die Baseline.
Die Musikstücke hatten offenbar die Wirkung der darauf folgenden Stille verstärkt. Die Versuchspersonen wurden quasi vom aufmerksamen Zuhören erlöst und konnten nun umso mehr entspannen. Ist es also immer ruhig, scheinen wir davon weniger zu profitieren, als wenn Trubel und Ruhephasen sich abwechseln.
Die Rolle der Musik in der kindlichen Entwicklung
Musik hören und Musik machen kann mehr als alle anderen geistigen Tätigkeiten unsere Hirnstrukturen und damit die Leistungsfähigkeit des Hirns beeinflussen. Musik spricht Körper, Seele und Geist ganzheitlich an. Die Hirnstrukturen und die Leistungsfähigkeit des Gehirns wird von allen geistigen Tätigkeiten am Besten von Musik (Hören und Musizieren) beeinflusst. Das Gehirn wird durch den Genuss von Musik ganzheitlich stimuliert. Die Zentren für Lernen, Sprache, Gedächtnis, Kreativität und Emotionen werden aktiviert - das Gehirn wird so umfassend angeregt, wie es keine andere Tätigkeit schafft. Sie kann unser Hirn massiv verändern, vor allem, wenn man selbst musiziert. Die linke und rechte Gehirnhälfte werden gleichzeitig angesprochen und schaffen Verbindungen zwischen sich. Es bilden sich Synapsen in der Großhirnrinde und das Gehirn wird leistungsstärker. Kinder erlernen die Sprache über sprachmelodische Aspekte. Daher unterstützt die Melodik in der Musik auch die Sprachentwicklung.
Durch das Musizieren lernen Kinder auf viele Dinge gleichzeitig zu achten. Sie singen den Text, hören auf die anderen Kinder und/oder Instrumente und machen Bewegungen dazu. Dieses Musizieren fördert das kognitive Denken. Die Kinder lernen genau zuzuhören. Sie lernen sich zu konzentrieren, eine Voraussetzung für das Lernen insgesamt. Durch die Beschäftigung mit den Tonwerten, Pausen und eventuell den Fingersätzen werden mathematische Grundoperationen erlernt. Bei Bewegungsliedern kommt hinzu, dass die Kinder Strukturen und ihre eigene körperliche Koordination kennen lernen. Da Musik auch immer Stimmungen und Gefühle transportiert lernen Kinder diese feinfühlig wahrzunehmen. Sie lernen das Zuhören. Sie lernen aber auch ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken. Sie lernen sich selbst kennen, was für eine Persönlichkeitsentwicklung unbedingt notwendig ist. Wenn Kinder zusammen Musik machen entsteht ein “Wir-Gefühl”. Musik stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe. Sie erleben zusammen Freude, Trauer, Glück und andere Gefühle. Die Kinder lernen zu kooperieren und zu kommunizieren, ein Austausch findet statt. Die Kinder lernen, was es bedeutet ein Team zu sein und gemeinsam Erfolgserlebnisse zu haben. Sie lernen durchzuhalten bis der Erfolg eintritt. Die Kinder lernen sozial miteinander umzugehen, sich einzubringen und zu integrieren. Sie erlernen soziale Kompetenzen, die lebenslang notwendig sind. Musik bietet dem Einzelnen die Möglichkeit, sich selbst kennen zu lernen und sich im Schutz der Gruppe auszuprobieren.