Hypersexualität, oft umgangssprachlich als Sexsucht bezeichnet, ist ein komplexes Thema, das sowohl biologische, psychologische als auch soziale Ursachen haben kann. In diesem Artikel werden wir die verschiedenen Aspekte der Hypersexualität, einschließlich möglicher Ursachen wie Serotoninmangel, sowie Behandlungsansätze und Hilfsangebote untersuchen.
Einführung
Hypersexualität ist eine Verhaltensstörung, bei der Betroffene ein zwanghaftes Bedürfnis nach sexuellen Aktivitäten entwickeln. Dies kann zu Problemen in Beziehungen, im Beruf und in der eigenen Gesundheit führen. Es ist wichtig zu verstehen, dass Hypersexualität nicht einfach nur eine erhöhte Libido ist, sondern eine unkontrollierte Abhängigkeit, die oft mit großem Leiden verbunden ist.
Ursachen von Hypersexualität
Die Ursachen für Hypersexualität sind vielfältig und komplex. Es gibt keine einzelne Ursache, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die zur Entwicklung dieser Störung beitragen können.
Psychologische Faktoren
Traumatische Erlebnisse in der Kindheit, wie sexueller Missbrauch oder Vernachlässigung, können die Entwicklung von Hypersexualität begünstigen. Ein geringes Selbstwertgefühl kann ebenfalls dazu führen, dass Betroffene Sexualität nutzen, um emotionale Leere oder Unsicherheiten zu kompensieren. Zudem treten Hypersexualität und psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen oder bipolare Störungen häufig gemeinsam auf.
Einige Betroffene berichten von dysfunktionalen Familienverhältnissen in ihrer Kindheit. Diese Familien sind oft von Kälte, Ablehnung, Überforderung, Unberechenbarkeit, Verwöhnung, Leere und Sucht geprägt. Es fehlt oft die Freude der Eltern an ihren Kindern und die Fähigkeit, das Kind altersgemäß zu umsorgen und zu fördern.
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Biologische Faktoren
Hormonelle Ungleichgewichte, wie hohe Testosteronspiegel oder Störungen im Serotonin-Haushalt, können Hypersexualität begünstigen. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Stimmung, Impulskontrolle und sexuellem Verhalten spielt. Ein Mangel an Serotonin kann zu einer Enthemmung des sexuellen Verhaltens und zu einer erhöhten Impulsivität führen.
Soziale Faktoren
Auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen können Süchte fördern. Der ständige Zugang zu Pornografie und die Darstellung von Sexualität in den Medien können unrealistische Erwartungen an das sexuelle Verhalten wecken und zu einer Überbewertung von Sexualität führen.
Medikamente und Substanzen
Häufig tritt Hypersexualität zusammen mit einer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit auf. Zudem können bestimmte Medikamente die Entstehung einer Sexsucht begünstigen.
Serotonin und Hypersexualität
Serotonin spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulierung des sexuellen Verhaltens. Ein Ungleichgewicht im Serotonin-Haushalt kann zu verschiedenen sexuellen Funktionsstörungen führen, einschließlich Hypersexualität.
Die Rolle von Serotonin
Serotonin wirkt als Neurotransmitter im Gehirn und beeinflusst verschiedene Funktionen, darunter Stimmung, Schlaf, Appetit und sexuelles Verlangen. Es hilft, Impulse zu kontrollieren und das sexuelle Verhalten zu regulieren. Ein Mangel an Serotonin kann zu einer Enthemmung des sexuellen Verhaltens und zu einer erhöhten Impulsivität führen.
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Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
In schweren Fällen von Sexsucht werden manchmal Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) verordnet. Diese Medikamente erhöhen die Serotoninkonzentration im Gehirn und können helfen, die Impulskontrolle zu verbessern und die psychischen Entzugserscheinungen zu lindern.
Nymphomanie
Nymphomanie ist ein veralteter Begriff für Hypersexualität bei Frauen. Heute wird der Begriff nicht mehr verwendet, da er stigmatisierend ist und keine wissenschaftliche Grundlage hat. Stattdessen wird der Begriff Hypersexualität verwendet, um sowohl Männer als auch Frauen mit einem zwanghaften sexuellen Verlangen zu beschreiben.
Diagnose von Hypersexualität
Die Diagnose "Hypersexualität" erfolgt durch spezialisierte Ärzte, Psychologen oder Psychotherapeuten.
Diagnoseverfahren
Zunächst wird eine umfassende Anamnese durchgeführt, bei der die sexuelle Vorgeschichte und aktuelle Probleme abgefragt werden. Auch eine Befragung des Partners oder von Angehörigen kann mit Zustimmung des Betroffenen hilfreich sein, um die Diagnose zu stellen.
Kriterien für die Diagnose
Sexsucht wird diagnostiziert, wenn ein zwanghaftes Verhalten vorliegt, also wenn Betroffene einen unkontrollierten Drang nach sexuellen Aktivitäten verspüren. Außerdem sollte das Verhalten negative Auswirkungen auf Beziehungen, Beruf oder Gesundheit haben. Betroffene scheitern oft an Versuchen, ihr Verhalten zu kontrollieren, und nutzen Sexualität häufig als Flucht vor Stress, Einsamkeit oder Angst. Die Symptome müssen über mindestens sechs Monate bestehen und das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen, um als Hypersexualität diagnostiziert zu werden.
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Ein einfaches Kriterium: Sobald Sexualität mehr Leid verursacht als Freude, kann eine krankhafte Abhängigkeit vorliegen.
Weitere Merkmale, die auf eine Hypersexualität hinweisen können:
- Häufig wechselnde Sexualpartner
- Vernachlässigung der eigenen Gesundheit und anderer Bedürfnisse
- Keine oder wenig Befriedigung durch sexuelle Handlungen
- Übermäßige, sehr häufige Masturbation
- Starker Konsum von pornografischen Inhalten
- Häufige Vorliebe für anonymen Sex, wie in Swingerclubs oder Bordellen
Folgen einer Sexsucht
Hypersexualität kann weitreichende Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche haben:
Psychische Folgen
Viele Betroffene leiden unter Depressionen und Schamgefühlen, verbunden mit Schuldgefühlen gegenüber ihren Partnern oder ihrer Familie. Die ständige Angst vor der Entdeckung oder negativen Konsequenzen kann zudem zu Angststörungen führen.
Soziale Folgen
Hypersexualität führt häufig zu Konflikten in Beziehungen und kann in einigen Fällen sogar zu einer Art Beziehungsunfähigkeit führen. Das Vertrauen in Partnerschaften wird zerstört, und Betroffene ziehen sich aus Scham oft sozial zurück.
Gesundheitliche Folgen
Durch ungeschützten Geschlechtsverkehr besteht ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Krankheiten.
Berufliche Folgen
Betroffene haben oft Konzentrationsprobleme am Arbeitsplatz, was ihre Leistung beeinträchtigt. Zudem kann unangemessenes Verhalten, wie der Konsum von pornografischen Inhalten am Arbeitsplatz, disziplinarische Konsequenzen nach sich ziehen. Der Verlust einer Arbeitsstelle kann Betroffene in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten bringen.
Therapie von Hypersexualität
Die Behandlung von Hypersexualität erfolgt meist in Form einer Psychotherapie.
Psychotherapie
- Kognitive Verhaltenstherapie: Hilft, destruktive Denkmuster zu erkennen und durch gesündere zu ersetzen.
- Traumatherapie: Kann zugrunde liegende Traumata aufarbeiten und helfen, deren Einfluss auf das Verhalten zu mindern.
- Gruppentherapie: Bietet Betroffenen soziale Unterstützung und die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen.
- Paartherapie: Kann helfen, die Kommunikation zu diesem Thema zwischen beiden Parteien zu unterstützen.
Medikamentöse Behandlung
Zusätzlich kommen in bestimmten Fällen Medikamente wie Antidepressiva oder hormonelle Behandlungen zum Einsatz, um die Impulskontrolle der Betroffenen zu verbessern.
Weitere Therapieansätze
- Achtsamkeitstechniken wie Meditation, Yoga und Stressmanagement ergänzen die Therapie.
- Psychoedukation, bei der Patienten und Patientinnen mehr über die Erkrankung lernen und darüber, welche Verhaltensweisen bei der Bewältigung helfen.
Hilfsangebote
Es gibt zahlreiche Anlaufstellen und Organisationen, die Unterstützung bieten.
- Selbsthilfegruppen wie die "Anonymen Sexaholiker" oder "Sexsucht/Anonyme Sexsüchtige" bieten Betroffenen die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.
- Beratungsstellen wie das Weiße Kreuz vermitteln geeignete Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen zur Behandlung.
- Für Angehörige von Sexsüchtigen gibt es spezielle Unterstützungsgruppen wie S-ANON.
Bewältigungsstrategien
Neben professioneller Hilfe können Betroffene auch selbst aktiv werden, um ihre Hypersexualität zu bewältigen.
Emotionsregulierung
- Situationsselektion: Gezieltes Auswählen von Situationen, um Emotionen zu vermeiden oder hervorzurufen.
- Aufmerksamkeitslenkung: Ablenkung durch Sport oder Hobbys.
- Reaktionsveränderung: Bewusstes Beeinflussen von Verhalten, Erleben oder körperlichen Reaktionen.
Weitere Tipps
- Regelmäßige Bewegung und Sport
- Gesunde Ernährung
- Entspannungstechniken
- Vermeidung von Alkohol und Drogen