Die Nerven: Ursachen und musikalische Entwicklung einer deutschsprachigen Band

Die Nerven, bestehend aus Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn, haben sich als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Bands etabliert. Ihr Werk zeichnet sich durch melancholische Hymnen und eine Auseinandersetzung mit Orientierungslosigkeit aus. Das Album "Fake" markierte einen Wendepunkt, indem es eingängige Popsongs in ihren Stil integrierte.

Entstehung von "Fake" unter erschwerten Bedingungen

Die Entstehung von "Fake" war von Herausforderungen geprägt. Die Bandmitglieder lebten in unterschiedlichen Städten, was die gewohnten Songwriting-Methoden erschwerte. Die Band stand kurz vor der Auflösung. Umso bemerkenswerter ist es, dass sie eine neue Leichtigkeit in ihrer Musik fanden, indem sie ihre Leidenschaft für Popsongs entdeckten.

Max Rieger beschreibt die Schwierigkeiten beim Schreiben und Aufnehmen des Albums: "Zum ersten Mal konnten wir nicht mehr auf die Routine zurückgreifen, die wir uns in den vergangenen Jahren erarbeitet hatten. Das lag daran, dass wir inzwischen alle in unterschiedlichen Städten wohnen." Die räumliche Distanz führte dazu, dass die Songs in "Zwischenräumen" entstanden.

Trotz der erschwerten Bedingungen hatten Die Nerven den Anspruch, dass jeder Song auf "Fake" eigenständig und unabhängig vom Albumkontext funktionieren sollte. Diese Idee erwies sich als aufreibend, da die Bandmitglieder Spannungen, die sich normalerweise in ihren Ideen entluden, künstlich erzeugen mussten.

Veränderung im Songwriting-Prozess

Die Art des Songwritings veränderte sich im Vergleich zu früheren Alben wie "FUN" oder "Out". Während die Band für "Out" eine Woche auf einem Bauernhof in Bayern verbrachte, um zu jammen und mitzuschneiden, war "Fake" bereits in der Entstehungsphase detaillierter ausgearbeitet. Julian Knoth betont die intensive Arbeit an den Songs und deren Arrangements als den größten Unterschied zu ihrer bisherigen Arbeitsweise.

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Um die Herausforderungen zu meistern, arbeiteten Die Nerven in Blöcken und trafen sich zu "Bootcamps", um ihre Gedankenflüsse auf die Band zu konzentrieren. Sie werteten ihre Ideen aus, verwarfen sie aber auch wieder, um sich die Möglichkeit offen zu halten, Dinge zu überarbeiten.

Max Rieger betont, dass die Kunst darin liegt, sich bewusst mit bestimmten Dingen auseinanderzusetzen oder eben nicht. Er stellte fest, dass es wichtig ist, Projekte zeitweise liegen zu lassen, um neue Einflüsse zu sammeln und einen neuen Blickwinkel zu gewinnen. Die Nerven waren für ihn nicht mehr dieses "unantastbare, freischwebende Konstrukt", sondern mussten sich an anderen Dingen messen lassen.

Die Bedeutung von "Fake" als Albumtitel

Der Begriff "Fake" ist allgegenwärtig und kennzeichnet eine Dichotomie zwischen Fakt und Unwahrheit. Die Nerven wählten diesen Titel, weil er eine subjektive Ungewissheit beinhaltet. Es gibt keine objektive Wahrheit, und Lügen und Halbwahrheiten sind allgegenwärtig.

Julian Knoth verweist auf die Selbstinszenierungen der Menschen auf Instagram, die nicht das echte Leben abbilden, sondern eine anstrengende Inszenierung darstellen. Max Rieger ergänzt, dass es sich um "absolute Arbeit" handelt und die wenigsten Menschen ein so interessantes Leben führen, wie es ihre Inszenierung auf Instagram vermuten lässt.

"Fake" als Konzeptalbum?

Obwohl "Fake" kein Konzeptalbum im klassischen Sinne ist, da es keine durchgehende Geschichte erzählt, ist es eine schlüssige Ansammlung von Songs, die sich aufeinander beziehen und zusammen etwas Größeres ergeben. Julian Knoth betont, dass ein Album etwas braucht, das die Songs zusammenhält, und somit ein Konzept hat, das mehr oder weniger ausgeprägt sein kann.

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Die Nerven wollten das Album bewusst vielschichtig halten, wobei sich das Subtile, das in den Songs zu erkennen ist, von selbst ergab. Es gab keine Prämisse, ein Album über "Fake" und "Realness" zu machen, sondern es ist vielmehr ein Zeitdokument, das die Stimmung der Band festhält, während sie mit solchen Themen in Berührung kommen.

Abkehr vom ursprünglichen Sound

Die Nerven haben sich mit "Fake" von ihrem ursprünglichen Sound entfernt, was aus dem Wunsch nach einer Neuprofilierung resultierte. Sie wollten nicht länger als Punkband abgestempelt oder mit Sonic Youth verglichen werden.

Max Rieger erklärt, dass sie an das Songwriting mit einer bestimmten Intention herangegangen sind: "Wie schafft man es, eine Idee mit einem anderen Background für die Hörer nachvollziehbar darzustellen?" Er war frustriert, immer mit denselben Referenzen verknüpft zu werden, und wollte, dass die Musik ohne diesen Unterbau funktioniert.

Julian Knoth ergänzt, dass es auch okay ist, wenn Menschen Die Nerven einfach nur gut finden, ohne sie mit anderen Bands in Verbindung zu bringen. Er sieht Kategorisierungen wie "Das gab es schon!" oder "Das klingt doch wie …" sehr kritisch und betont, dass Musik einfach Musik ist.

Popsongs als neue Facette

Die Nerven haben mit "Fake" eine neue Facette ihres Schaffens gezeigt, indem sie Popsongs in ihren Stil integriert haben. Max Rieger betont, dass Popsongs kein Verbrechen sind und dass ihr Songwriting unabhängig von ihrem Hintergrund stattfindet. Sie wollten als Band bestimmte Facetten von sich zeigen, und dieses Mal waren es eben Popsongs.

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Julian Knoth erklärt, dass sie diese Seite schon immer in sich trugen, aber nicht in den Vordergrund stellten. Es gehe darum, deutlich zu machen, was man will.

Das selbstbetitelte "schwarze Album"

Im Oktober 2022 veröffentlichten Die Nerven ihr fünftes Studioalbum, das selbstbetitelte "Die Nerven". Das Album wird als ihr bisher wichtigstes Werk beschrieben und zeichnet sich durch Ehrlichkeit, Wut und Angst aus.

Das Cover zeigt einen schwarzen Schäferhund auf schwarzem Hintergrund. Die Wahl des Albumtitels und des Covers unterstreicht die Essenz der Band und ihre musikalische Entwicklung.

Die Songs auf "Die Nerven" sind ungeschliffen und die Gegensätze finden zu einer eigenen Form der Verschmelzung. Die Band hat zu einem neuen Dialog gefunden, bei dem die Egos nicht gegeneinander wirken, sondern sich gegenseitig ergänzen. Aus drei Egos ist ein gemeinsames Ego geworden: Die Nerven.

Das Ungeschliffene, das in seiner Brachialität noch immer von Punk getrieben wird, verbindet sich mit dem Pop. Die Nerven spielen auf einem neuen Niveau zusammen und dienen nur noch dem Song.

Entstehungsprozess von "Die Nerven"

Für die Entstehung von "Die Nerven" nahmen sich die Bandmitglieder zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Raum, in dem sie regelmäßig proben konnten. Kevin Kuhn betont jedoch, dass es sich nicht um Proben im herkömmlichen Sinne handelte, sondern um Songwriting-Sessions.

Die erste Session fand Ende Januar 2019 statt, bei der die Band für eine Tour probte und erste Riffs und Ideen sammelte. Sie hatten einen Raum in Berlin Marzahn, den Max Rieger auch als Studio nutzte. Dort fanden 3- bis 4-tägige Sessions statt, bei denen viele Skizzen entstanden.

Die ersten Songs waren nicht so rockig wie die Platte letztendlich geworden ist, sondern experimentierten mit funky und disco-esken Elementen. Im Laufe der Zeit änderte sich dies jedoch.

Auswahl des Materials

Die Nerven trafen erstmals eine Auswahl aus dem Material, das im Songwriting-Prozess entstanden ist. Kevin Kuhn erklärt, dass einige Songs "on hold" sind und möglicherweise noch einmal aufgegriffen werden. Insgesamt entstanden in den anderthalb Jahren etwa 35 Songs oder Skizzen, denen ein Titel gegeben wurde.

Ins Studio gingen Die Nerven mit insgesamt sechzehn eigenen Songs und einer Coverversion von Gigi D’Agostino. Gesänge, Overdubbs und die fertige Produktion wurden jedoch nur für die zehn Albumsongs gemacht. Wenn die restlichen Songs veröffentlicht werden, würden sie wahrscheinlich noch einmal neu aufgenommen und anders arrangiert.

Kevin Kuhn betont, dass es von den ersten vier Platten nicht so viel Outtake-Material gibt, da die Band immer nach dem Motto handelte: "Wenn das eh nicht auf das Album kommt, warum überhaupt noch weitermachen?" Dieses Mal war es jedoch wichtig, sich auszutoben.

Verzögerung der Veröffentlichung

Die Aufnahmen für "Die Nerven" waren bereits im Juli 2020 abgeschlossen, jedoch dauerte es über zwei Jahre, bis das Album veröffentlicht wurde. Kevin Kuhn erklärt, dass die Band die Platte erst herausbringen wollte, wenn sie auch dazu touren kann. Aufgrund der Pandemie verzögerte sich die Veröffentlichung jedoch.

Musikalische Entwicklung

Kevin Kuhn sieht das "schwarze Album" als natürliche Neuentwicklung und nicht als riesigen Neuanfang. Die Platte wurde geschrieben, während Die Nerven mit "Fake" auf Tour waren.

Musikalisch intensiviert das "schwarze Album" die Komprimierung des Die Nerven-Sounds in leichter greifbare Häppchen. Dies ist auf die bewusste Neuordnung des Entstehungsprozesses zurückzuführen, der bereits in den Anfängen im Frühjahr 2019 ansetzt.

Im Gegensatz zu den Arbeiten an "Fun", "Out" und "Fake" produzierte nicht Ralv Milberg, sondern ein breites Team mit klar verteilten Rollen. Studiobetreiber Ingo Kraus engineert, Rieger produziert und mixt, und Moses Schneider leiht sein Ohr zum Einordnen, Sortieren und Auswählen der vielen Instrumental- sowie Gesangstakes.

Wie schon beim Vorgänger bilden ohne Klick aufgezeichnete Live-Mitschnitte die Grundkonstrukte der Songs. Die Band diskutierte leidenschaftlich über Mixe, Arrangements und Takes, stritt aber nicht. Kevin Kuhn betont, dass es sich um eine "gemeinschaftliche Arbeit" auf "Augenhöhe" handelte.

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