Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS): Verbindung zwischen Ohr und Gehirn

Die auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) ist eine komplexe Thematik, die das Zusammenspiel zwischen Ohr und Gehirn betrifft. Es handelt sich dabei um eine Beeinträchtigung der auditiven Verarbeitung, bei der das Gehörte zwischen Innenohr und Gehirn nicht richtig weitergeleitet wird. Obwohl das Ohr als solches intakt ist, können Betroffene Schwierigkeiten haben, akustische Informationen korrekt zu verarbeiten und zu interpretieren. Diese Störung kann sich in vielfältigen Symptomen äußern und sowohl Kinder als auch Erwachsene betreffen.

Was ist eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung?

Eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) liegt vor, wenn das Gehörte zwischen Innenohr und Gehirn nicht richtig weitergeleitet und verarbeitet wird. Das bedeutet, dass die Verarbeitung von Schallereignissen durch das Gehirn beeinträchtigt ist. Der Hörnerv gibt die im Schallreiz enthaltene Information zwar kodiert an das Gehirn weiter, aber spezialisierte Nervennetze führen dort keine adäquate Schallanalyse durch. Die notwendigen neuronalen Netze müssen sich im Kleinkindesalter bilden und funktionell reifen. Dazu ist die Wahrnehmung von Schallreizen unabdingbar. Ist die Funktion des Innenohrs gestört, läuft die Reifung des zentralen Hörsystems nicht ab.

Symptome einer AVWS

Die Symptome einer AVWS können vielfältig sein und variieren je nach Alter und individuellem Schweregrad der Störung. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Schwierigkeiten beim Verstehen gesprochener Sprache: Besonders in lauten Umgebungen oder wenn mehrere Personen gleichzeitig sprechen.
  • Probleme bei der Lautunterscheidung: Ähnlich klingende Laute oder Wörter können schwer auseinandergehalten werden.
  • Verzögerte Sprachentwicklung: Oft zeigen Kinder mit AVWS eine verzögerte Entwicklung im Spracherwerb.
  • Schwierigkeiten bei der auditiven Merkfähigkeit: Gehörte Informationen können schlecht erinnert oder in der richtigen Reihenfolge wiedergegeben werden.
  • Probleme mit der auditiven Aufmerksamkeit: Schwierigkeiten, sich auf eine Hörquelle zu konzentrieren, besonders bei Hintergrundgeräuschen.
  • Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben: Da auditive Fähigkeiten eng mit dem Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten verbunden sind, können Kinder mit AVWS auch in diesen Bereichen Defizite aufweisen.
  • Schwierigkeiten bei der Richtungshörigkeit: Probleme, die Richtung zu bestimmen, aus der ein Geräusch kommt.
  • Probleme mit der auditiven Diskrimination: Schwierigkeiten, Unterschiede zwischen Klängen in Tonhöhe, Lautstärke und Klangfarbe zu erkennen.
  • Überempfindlichkeit gegenüber Lärm: Betroffene sind sehr lautstärkeempfindlich bei Umgebungslärm.
  • Schlechte Konzentrationsfähigkeit bei Lärm: Bei Lärm können sie sich sehr schlecht konzentrieren.
  • Schlechtes Behalten von Gehörtem: Sie können sich Gehörtes schlecht merken (besonders auffällig bei Reimen).
  • Aussprachefehler: Kinder mit AVWS können auffällige Aussprachefehler machen, Silben vertauschen, Wortteile weglassen oder sehr undeutlich sprechen.
  • Schwierigkeiten beim Schreibenlernen: Kinder mit AVWS haben beim Erlernen des Schreibens Schwierigkeiten, Laute korrekt in Schrift umzusetzen, sie erkennen Laute nicht und können sie schlecht auseinanderhalten.

Diese Symptome können sich negativ auf die Schulleistung, die soziale Interaktion und das Selbstwertgefühl der Betroffenen auswirken.

Ursachen einer AVWS

Die Ursachen für eine AVWS sind vielfältig und oft nicht eindeutig zu bestimmen. Es gibt verschiedene Theorien und Ansätze, die zur Erklärung der Entstehung einer AVWS herangezogen werden:

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  • Störung im Bereich des Töne verarbeitenden Hirnareals: Eine Ursache liegt immer im Bereich des Töne verarbeitenden Hirnareals. Theorien sind, dass im Gehirn eine Störung in der zeitlichen Verarbeitung des Gehörten oder andere Verarbeitungsstörungen bestehen, die mit der Unterscheidung bestimmter Laute zu tun haben.
  • Genetische Veranlagung: Es gibt Hinweise auf eine genetische Prädisposition für AVWS. In manchen Familien treten gehäuft Fälle von AVWS auf.
  • Mittelohrentzündungen: Inkonsequent behandelte Mittelohrprobleme, insbesondere häufige Paukenergüsse im Kleinkindalter, können die Entwicklung des Gehirns durcheinanderbringen und Wahrnehmungsstörungen provozieren.
  • Sauerstoffmangel während der Geburt: Theorien, ob vielleicht Sauerstoffmangel während der Geburt, ein schlechter Apgar-Index (erster Gesundheitscheck des Neugeborenen gleich nach der Geburt) oder Beatmung nach der Geburt ursächlich sein könnten, sind höchst spekulativ. Eine Eins-zu-eins-Verursachung kann bisher wissenschaftlich nicht nachgewiesen werden.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Ursache einer AVWS oft multifaktoriell ist und verschiedene Faktoren zusammenspielen können.

Diagnose einer AVWS

Die Diagnose einer AVWS ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Schritte umfasst. Zunächst ist es wichtig, das Gehör zu überprüfen, um auszuschließen, dass eine Hörstörung vorliegt. Dies geschieht in der Regel durch einen Hörtest beim HNO-Arzt oder Pädaudiologen.

Wenn das Gehör intakt ist, folgen weitere Tests, um die auditive Verarbeitung und Wahrnehmung zu überprüfen. Diese Tests können Folgendes umfassen:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Beschwerden.
  • Hörtests: Überprüfung der Hörfähigkeit in verschiedenen Frequenzen und Lautstärken.
  • Sprachverständlichkeitstests: Überprüfung des Verständnisses von Sprache in Ruhe und unter Störgeräuschen.
  • Diskriminationstests: Überprüfung der Fähigkeit, ähnliche Laute und Wörter zu unterscheiden.
  • Merkfähigkeitstests: Überprüfung der Fähigkeit, gehörte Informationen zu merken und wiederzugeben.
  • Richtungshörtests: Überprüfung der Fähigkeit, die Richtung einer Schallquelle zu bestimmen.
  • AVWS-Fragebogen: Erfassung von Hör-Situationen im Alltag (insbesondere für Erwachsene).

Die Ergebnisse dieser Tests werden von einem Pädaudiologen oder Phoniater ausgewertet, um festzustellen, ob eine AVWS vorliegt und welcher Art die Störung ist.

AVWS-Diagnostik im Kindesalter

Bei Kindern ist die Diagnose einer AVWS besonders wichtig, da eine frühe Therapie die Entwicklung des Kindes positiv beeinflussen kann. Die Diagnose wird in der Regel von einem Pädaudiologen in Zusammenarbeit mit Logopäden gestellt. Da Kinder oft nicht in der Lage sind, ihre eigenen Defizite einzuschätzen, ist die Beobachtung durch Eltern und Erzieher von großer Bedeutung.

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Behandlung einer AVWS

Obwohl eine AVWS nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Therapieansätze, die den Betroffenen helfen können, mit der Störung umzugehen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Die Behandlung einer AVWS zielt darauf ab, die beeinträchtigten Bereiche der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung zu trainieren und Ersatzstrategien zu entwickeln.

Therapieansätze

  • Logopädie: Die logopädische Therapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung von AVWS. Der Logopäde arbeitet daran, spezifische Fähigkeiten wie phonologische Bewusstheit, auditive Diskrimination und Sprachverständnis zu verbessern. Dies erfolgt durch gezielte Übungen und die Verwendung von Hörtrainingsgeräten. Mit einer sogenannten rezeptiven Sprachtherapie lassen sich Lautunterscheidungsstörungen gut behandeln. Schon nach 20 Therapiestunden kommt es zu einer signifikanten Verbesserung der relevanten medizinstatistischen Werte. Neben Lautunterscheidung kann auch das Heraushören von Buchstaben gut geübt werden oder die Wahrnehmung und Verarbeitung von mehreren gleichzeitigen Sprechern.
  • Hörtraining: Durch gezielte Übungen und den Einsatz von speziellen Geräten können die auditiven Fähigkeiten trainiert und verbessert werden.
  • Ergotherapie: Ergotherapeuten können bei der Verbesserung der sensorischen Integration und der Feinmotorik helfen, was sich positiv auf die auditive Verarbeitung auswirken kann.
  • Pädagogische Maßnahmen: Anpassungen im Schulalltag, wie z.B. der Einsatz von FM-Systemen, die den Lehrer direkt mit dem Hörgerät des Kindes verbinden, oder durch bevorzugte Sitzplätze, um den Hörkontakt zu verbessern, können Kindern mit AVWS helfen, besser am Unterricht teilzunehmen.
  • Tomatis-Therapie: Die Tomatis-Therapie ist ein Hörtraining, das nicht nur das Ohr, sondern auch Sprache, Aufmerksamkeit, Bewegung und Gefühle beeinflusst. Die Therapie nutzt gezielt gefilterte Musik, insbesondere die Mutterstimme und Werke von Mozart, um das zentrale Nervensystem durch neurosensorische Stimulation zu aktivieren.

Ersatzstrategien

Da eine AVWS nicht heilbar ist, ist es wichtig, Ersatzstrategien zu entwickeln, um mit der Störung umzugehen. Dazu gehören:

  • Visuelle Unterstützung: Informationen zusätzlich visuell darstellen, z.B. durch Tafelbilder oder schriftliche Anweisungen.
  • Störgeräusche reduzieren: In lauten Umgebungen für Ruhe sorgen oder Kopfhörer verwenden.
  • Deutliche Sprache: Langsam und deutlich sprechen, Blickkontakt halten und wichtige Informationen wiederholen.
  • Aktives Zuhören: Nachfragen, wenn etwas nicht verstanden wurde, und Zusammenfassungen geben.

AVWS im Schulalltag

Eine AVWS kann sich stark auf den Schulalltag auswirken. Kinder mit AVWS haben oft Schwierigkeiten, dem Unterricht zu folgen, da sie Probleme haben, die Lehrer zu verstehen und sich auf das Gehörte zu konzentrieren. Dies kann zu Frustration, Lernschwierigkeiten und sozialer Isolation führen.

Maßnahmen zur Unterstützung von Kindern mit AVWS in der Schule

  • Aufklärung der Lehrer: Es ist wichtig, die Lehrer über die AVWS des Kindes zu informieren und ihnen zu erklären, welche Schwierigkeiten das Kind hat.
  • Individuelle Förderung: Das Kind sollte individuelle Unterstützung erhalten, z.B. durch zusätzliche Erklärungen, wiederholte Anweisungen und visuelle Hilfen.
  • Sitzplatzwahl: Das Kind sollte einen Sitzplatz in der Nähe des Lehrers und entfernt von Störgeräuschen erhalten.
  • FM-Anlage: Der Einsatz einer FM-Anlage kann helfen, die Stimme des Lehrers direkt an das Ohr des Kindes zu übertragen und Störgeräusche auszublenden.
  • Nachteilsausgleich: In manchen Bundesländern gibt es die Möglichkeit eines Nachteilsausgleichs für Schüler mit AVWS.

AVWS bei Erwachsenen

Auch Erwachsene können von einer AVWS betroffen sein. Oftmals haben sie bereits in der Kindheit Symptome gezeigt, die aber nicht erkannt oder richtig diagnostiziert wurden. Im Erwachsenenalter können sich die Symptome inForm von Schwierigkeiten im Beruf, in sozialen Situationen und in der Partnerschaft äußern.

Symptome bei Erwachsenen

  • Schwierigkeiten beim Verstehen von Gesprächen in lauten Umgebungen.
  • Probleme, Telefonate zu führen.
  • Schwierigkeiten, Anweisungen zu folgen.
  • Vergesslichkeit.
  • Konzentrationsschwierigkeiten.
  • Soziale Isolation.

Behandlung bei Erwachsenen

Die Behandlung einer AVWS bei Erwachsenen ähnelt der bei Kindern. Sie umfasst in der Regel eine Kombination aus Hörtraining, logopädischer Therapie und Ersatzstrategien. Ziel ist es, die auditiven Fähigkeiten zu verbessern und den Betroffenen zu helfen, mit den Schwierigkeiten im Alltag besser umzugehen.

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Abgrenzung zu anderen Störungsbildern

Die Symptome einer AVWS können denen anderer Störungsbilder ähneln, wie z.B. ADHS/ADS, Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) oder Schwerhörigkeit. Daher ist eine sorgfältige Diagnostik wichtig, um die richtige Diagnose zu stellen und eine geeignete Therapie einzuleiten.

AVWS und ADHS/ADS

Eine AVWS kann in Verbindung mit ADHS/ADS (Aufmerksamkeitsstörungen) oder einer LRS (Lese-Rechtschreib-Störung) auftreten. Es besteht jedoch nicht zwingend ein Zusammenhang. In der Diagnostik der AVWS sollte daher zunächst eine Aufmerksamkeitsstörung ausgeschlossen werden. Betroffene Kinder zeigen hier Symptome (z.B. die fehlende Konzentration) auch in Situationen, in denen keine Hörinformation gegeben ist. Bei einer AVWS dagegen ist lediglich die Verarbeitung des Gehörten auffällig. Zudem zeigen Kinder mit AVWS oft keine erhöhte Aktivität, welche für eine Aufmerksamkeitsstörung typisch ist.

AVWS und LRS

Ist im Zuge einer AVWS z.B. das Erkennen und Unterscheiden von Sprachlauten oder auch das Wahrnehmen von Reimen, Silben und Anfangslauten/Endlauten erschwert, so kann dies im ungünstigsten Fall den Erwerb des Schreibens und Lesens beeinträchtigen und zum Auftreten einer LRS führen. Die genannten Fähigkeiten sind eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Umgang mit Schriftsprache im Schulalltag und sollten daher frühzeitig geprüft werden. Es ist daher ratsam abzuklären, ob bei einem Kind mit einer AVWS auch Förderbedarf im Bereich des Lesens und Schreibens besteht.

AVWS und Schwerhörigkeit

Was Schwerhörigkeit betrifft, so sind die meisten von AVWS Betroffenen normalhörig. Aber es kann sehr gut sein, dass ein innenohrschwerhöriges Kind AVWS als zweite Diagnose bekommt. Es gibt ja Läuse und Flöhe, also zwei Erkrankungen, die unabhängig voneinander auftreten können. Auch bei einem Kind mit einer Innenohrschwerhörigkeit und Hörgeräten kann also zusätzlich AVWS diagnostiziert werden. Typischerweise hören die von AVWS betroffenen Kinder aber normal.

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