Viele Eltern kennen die Situation: Man bereitet eine frische und abwechslungsreiche Mahlzeit zu, doch das Kind reagiert mit Ablehnung und einem lauten "Bäähhhhh!". In solchen Momenten ist es schwer, ruhig zu bleiben. Ernährungsberater bestätigen, dass fast jedes Kind Phasen hat, in denen es schwierig ist, das Richtige auf den Tisch zu bringen. Plötzlich mögen sie keinen Brokkoli mehr und am nächsten Tag auch keine Tomatensauce. Oft bleibt dann nicht viel mehr übrig als Nudeln mit Butter und Salz oder leere Brötchen.
Hochsensible Kinder und ihre feinen Sinne
Für Eltern hochsensibler Kinder kann das Essen eine besondere Herausforderung darstellen. Das Gehirn dieser Kinder reagiert bereits auf sehr feine Reize. Sie benötigen viel geringere nervliche Impulse als durchschnittlich sensible Kinder. So kann es passieren, dass ein Kind eine Wurst als zu scharf empfindet, obwohl ein Erwachsener keinen Schärfegrad feststellen kann. Hochsensible Kinder schmecken feinste Nuancen von scharf, salzig, süß und bitter. Hier scheinen die Vorlieben und Abneigungen unterschiedlich zu sein. Manche mögen Süßes gar nicht, während andere bestimmte Gemüsesorten nur in einer bestimmten Konsistenz akzeptieren.
Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien
Manchmal steckt hinter dem wählerischen Essverhalten auch eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder Allergie. Es ist beeindruckend, wie genau unser Körper weiß, was uns guttut. Wenn ein Kind also bestimmte Lebensmittel ablehnt und gleichzeitig Symptome wie Bauchschmerzen, Hautausschläge oder Konzentrationsschwierigkeiten zeigt, sollte man eine Testung auf Unverträglichkeiten in Betracht ziehen.
Die Bedeutung der Darreichungsform
Einige hochsensible Kinder bevorzugen es, wenn das Essen auf ihrem Teller separiert ist. Es kann zu einem Drama kommen, wenn eine Erbse sich selbstständig macht und zum Kartoffelbrei rüberkullert. Für das Kind ist dies eine grobe Verfehlung, weil so der Geschmack nicht mehr rein ist. Auf der anderen Seite kann es sein, dass einige Nahrungsmittel, wenn sie so vermischt sind, dass ein neuer Geschmack entsteht, plötzlich doch gern gegessen werden. Zum Beispiel Spinat, der in Pfannkuchen eingerührt ist.
Konsistenz als entscheidender Faktor
Auch die Konsistenz spielt eine wichtige Rolle. Brotrinde ist für viele Kinder unangenehm beim Essen und ein häufiger Diskussionspunkt. Aber ist es wirklich schlimmer, die Rinde nicht zu essen, als dem Kind jedes Mal zu suggerieren, dass es falsch ist und eigentlich anders essen sollte als es mag? Die Vorliebe für Konsistenzen kann man sich auch zunutze machen, indem man mit unterschiedlichen Zubereitungsformen experimentiert.
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Umgangsformen der Eltern mit dem Essverhalten
Es gibt verschiedene Varianten, wie Eltern mit dem Essverhalten ihres Kindes umgehen können:
- Zwei (oder mehrere) Gerichte kochen: Dies ist zwar aufwendig, stellt aber sicher, dass für jeden etwas dabei ist.
- Kochen, was alle mögen: Dies schränkt das Angebot ein, kann aber den Familienfrieden wahren.
- Essen, was auf den Tisch kommt: Diese autoritäre Methode kann negative Auswirkungen auf die Psyche des Kindes haben, wenn sie zum Dauerzustand wird. Das Kind lernt dabei, dass seine Bedürfnisse keinen Stellenwert haben.
- Jeder isst das, was er will, dann, wann er mag: Dies kann zwar Stress vermeiden, beeinträchtigt aber die gemeinsame Essenszeit, die eine wichtige Komponente zur Stärkung der Beziehungsbande ist.
Die Rolle der Eltern
Eltern sollten sich bewusst sein, dass ihr eigenes Verhalten und ihre Reaktionen das Essverhalten des Kindes beeinflussen können. Ständige Kritik am Essverhalten kann die Essenssituation zu einem verminten Gebiet machen. Es ist wichtig, liebevoll auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen und ihm in seinen Beurteilungen ernst zu nehmen.
Picky Eater: Wenn Wählerisches Essen zum Problem wird
Kinder mit wählerischem Essverhalten, sogenannte "Picky Eater", lehnen neue Lebensmittel oft aus Prinzip ab. Sie haben einen unausgewogenen und kargen Speiseplan. Bemängelt werden das Aussehen, der Geruch, die Konsistenz oder der Geschmack eines Gerichtes. Manchmal reicht es bereits, wenn Lebensmittel vermischt werden, die in den Augen des Kindes nicht vermischt werden dürfen, um das Essen ungenießbar zu machen.
Selektive Essstörung
In schwerwiegenden Fällen von Picky Eating wird bereits von einer selektiven Essstörung gesprochen. Eine solche liegt etwa vor, wenn Kinder über einen langen Zeitraum hinweg nur vereinzelte Lebensmittel zu sich nehmen, die nur eine bestimmte Temperatur, Konsistenz oder Geschmacksrichtung (süß oder herzhaft) haben dürfen. Die Folge: Wenn sich das Kind über einen längeren Zeitraum unausgewogen und nährstoffarm ernährt, kann dies unter Umständen zu Untergewicht, Energielosigkeit und Müdigkeit führen.
Ursachen für Picky Eating
Picky Eating im Kleinkindalter ist oft eine normale Entwicklung während der Autonomiephase. Manchmal kann jedoch auch eine Lebensmittelunverträglichkeit oder physische und psychische Gründe dahinterstecken. Picky Eater werden auch mit Autismus, Hochsensibilität und ADHS in Verbindung gebracht.
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Tipps für den Umgang mit Picky Eatern
Sofern man sich sicher ist, dass das Kind lediglich wählerisch in puncto Essen ist - und keine der genannten Probleme dahinterstecken - gibt es einige Dinge, die man tun kann, um das Kind spielerisch an weitere Lebensmittel heranzuführen:
- Gutes Vorbild sein: Kinder sind gute Beobachter und nehmen sich ihre Eltern zum Vorbild. Wenn Eltern selbst gerne Gemüse essen und einen ausgewogenen Speiseplan haben, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass auch das Kind offen für neue Lebensmittel ist.
- Kinder mitbestimmen und mitkochen lassen: Insbesondere in der Autonomiephase ist es Kindern wichtig, selbst mitzubestimmen und mitzuhelfen. Gib deinem Kind Mitspracherecht über den wöchentlichen Speiseplan, den Einkauf oder die Zusammensetzung des Essens. Bezieht es im Anschluss in die Zubereitung der Speisen mit ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind das Essen testet, ist somit bereits höher, da es stolz darauf ist, "sein" Gericht selbst zu probieren.
- Keinen Druck aufbauen: Es bringt nichts, sein Kind zu zwingen und Druck aufzubauen, damit es sich Lebensmittel aufzwingt, die es in dem Moment nicht essen möchte.
- Kreativ bei Gerichten werden: Verstecke das Gemüse, indem du es als Omelett oder Püree tarnst. Oder ordne die Lebensmittel farbenfroh und separat auf dem Teller an. Du kannst zudem mit Ausstechformen bestimmte Motive gestalten, denn das Auge isst bekanntlich mit.
- Spiele als Routine einbauen: Verknüpfe spielerische Ansätze mit dem Essen. So kannst du zum Beispiel einen Speisewochenplan erstellen, auf dem jedes Familienmitglied nach dem Probieren eines neuen Lebensmittels einen Stern kleben darf. Wer am Ende der Woche die meisten Sterne zusammen hat, darf zum Beispiel sein Lieblingsgericht auf die Liste für die nächste Woche schreiben.
- Ruhe beim Essen etablieren: Unter Stress lässt es sich nicht allzu gut essen. Auch Handys oder Fernsehen am Esstisch sind eher ungünstig, da sie das Kind vom Essen ablenken.
- Kleine, gesunde Zwischenmahlzeiten einbauen: Achte darauf, dass diese Snacks nicht zu viel Zucker und Fett enthalten. Ein bunter Obst- oder Gemüseteller lockt dein Kind hoffentlich aus der Reserve.
Fütterstörungen: Wenn Essen zur Belastung wird
Eine Fütterstörung liegt vor, wenn Probleme bei der Nahrungsaufnahme länger als einen Monat anhalten, die Fütter- oder Essenszeit länger als 45 Minuten dauert oder die Zeit zwischen den Mahlzeiten weniger als zwei Stunden beträgt. Symptome können Erbrechen, Husten, Verschlucken, Verweigerung von Nahrung oder die Akzeptanz von nur bestimmter Nahrung/Geschmack/Konsistenz sein.
Ursachen für Fütterstörungen
Auslöser können Frühgeburt, Muskelschwäche, Herzschwäche, Behinderungen, Fehlbildungen, schlechte Erfahrungen mit der Nahrungsaufnahme, Bewegungsstörungen, Wahrnehmungsstörungen oder Sensibilitätsstörungen sein.
Wann braucht mein Kind Therapie?
Wenn Probleme bei der Nahrungsaufnahme auffallen, das Kind ca. einen Monat lang nicht richtig isst und/oder trinkt und/oder das Kind alle zwei Stunden oder häufiger isst, sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Essstörungen im Jugendalter
Im Jugendalter können sich schwerwiegende Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Binge Eating entwickeln. Diese sind durch ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper und eine krankhafte Beschäftigung mit Essen und Gewicht gekennzeichnet.
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Magersucht (Anorexie)
Magersucht ist eine psychisch verursachte Essstörung, die durch eine eingeschränkte Nahrungsaufnahme unbehandelt zu starkem Untergewicht führt. Die Betroffenen haben eine verzerrte Körperwahrnehmung und fühlen sich trotz Gewichtsverlust immer noch zu dick.
Bulimie (Ess-Brech-Sucht)
Bei der Bulimie treten Heißhungerattacken auf, bei der viel Nahrung in kürzester Zeit aufgenommen wird. Um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken, erbrechen sich die Betroffenen anschließend oder greifen zu anderen Maßnahmen wie Sport oder Medikamenteneinnahme.
Binge-Eating-Störung
Betroffene nehmen innerhalb kürzester Zeit Unmengen an Nahrung zu sich, verlieren dabei jegliche Form der Kontrolle und des Völlegefühls. Im Gegensatz zur Bulimie kommt es hier zu keiner Gegenregulation.
Ursachen für Essstörungen
Die Entwicklung einer Essstörung entsteht in der Regel nicht durch das Vorhandensein eines einzigen Risikofaktors, sondern die Wissenschaft geht bei den Essstörungen von einer multifaktoriellen Entstehung aus. Das gegenwärtige übertriebene Schlankheitsideal über die sozialen Medien stellt die Kinder und Jugendlichen unserer Gesellschaft vor große Herausforderungen.
Behandlung von Essstörungen
Die Behandlung von Essstörungen erfordert ein multimodales Behandlungskonzept, das medizinisch-internistische Interventionen sowie Psychotherapie beinhaltet. Ziel ist eine schrittweise Normalisierung von Gewicht und Essverhalten.
Die Bedeutung der Familie
Die familiäre Kommunikation und Interaktion spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen. Eltern sollten aufmerksam sein und Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten frühzeitig erkennen.
Tipps für Eltern
- Informationen sammeln: Eltern sollten sich umfassend über das Thema Essstörungen informieren.
- Eigenes Essverhalten reflektieren: Eltern sollten sich bewusst machen, wie ihr eigenes Essverhalten entstanden und gestaltet ist.
- Stress vermeiden: Stress bei den Mahlzeiten sollte vermieden werden.
- Essen nicht als Erziehungsmittel einsetzen: Essen sollte nicht als Belohnung oder Strafe eingesetzt werden.
- Professionelle Hilfe suchen: Wenn der Verdacht auf eine Essstörung besteht, sollte unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.