Die Kneipp-Therapie, benannt nach dem deutschen Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897), ist ein ganzheitliches Naturheilverfahren, das im 19. Jahrhundert entwickelt wurde. Sie basiert auf fünf Säulen, die Körper, Geist und Seele in Einklang bringen sollen. Die Kneipp-Kur kann zur Prävention oder auch zur Behandlung angewendet werden.
Die fünf Säulen der Kneipp-Therapie
Die Kneipp-Therapie umfasst fünf Säulen:
Wasser (Hydrotherapie): Die Hydrotherapie arbeitet mit der Heilkraft des Wassers in Form von Warm-Kalt-Wechselgüssen, Bädern, Wassertreten oder Wickeln. Das stärkt unter anderem die Abwehrkräfte. Die Wassertherapie ist die bekannteste Anwendung der fünf Säulen der Kneipp-Medizin. Die Kneipp’schen Güsse, Wickel und Bäder sind ein wirklich einfaches und natürliches Mittel, um Gutes für die eigene Gesundheit zu tun. Es gibt um die 120 Wasseranwendungen in der Kneipp’schen Wassertherapie.
- Wassertreten: Beim Kneippschen Wassertreten watet man in einem Becken durch etwa kniehohes kaltes Wasser. Das Becken hat oft ein Geländer zum Festhalten am Rand oder in der Mitte. Diese Anwendung der Kneipp-Kur kann man auch zu Hause machen. Füllen Sie fürs Kneippen zu Hause Ihre Badewanne bis Kniehöhe mit kaltem Wasser und treten Sie dann auf der Stelle. Heben Sie den jeweiligen Fuß bei jedem Schritt aus dem Wasser, um einen kurzen Temperaturwechsel zu erzeugen, so als staksten Sie wie ein Storch. Sobald der Kältereiz zu stark wird, hören Sie auf und streifen das Wasser mit den Händen von den Beinen. Danach ziehen Sie Socken und Schuhe über die noch etwas feuchten Füße und gehen entweder einige Schritte im Trockenen oder machen Fußgymnastik, um ein Wärmegefühl zu erzeugen. Regelmäßiges Wassertreten soll auch dazu führen, dass wir abends besser in den Schlaf finden. Beginnen Sie zuerst mit dem rechten (herzfernen) Bein. Gut zu wissen: Ist Ihnen der Kältereiz zu stark, beenden Sie das Wassertreten.
- Wechselgüsse: Möglich sind Wechselgüsse gezielt an einer bestimmten Körperstelle wie den Armen oder Beinen oder am gesamten Körper. Das Wasser kann unter anderem von einem Schlauch kommen. Der Vorgang ist immer ähnlich: Der Guss beginnt mit warmem Wasser von etwa 34 bis 38 Grad Celsius und dauert ungefähr eine Minute lang. Der zweite Guss erfolgt mit kaltem Wasser (etwa acht bis zwölf Grad), etwa fünf bis zehn Sekunden lang. Er beginnt an der Stelle, die am weitesten entfernt vom Herz liegt, beispielsweise am Handrücken bei einem Armguss oder dem Fuß bei Bein- oder Ganzkörpergüssen. Der Grund dafür ist, dass sich so der Körper langsam an den Kältereiz gewöhnen kann. Das soll verhindern, dass sich Blut in den Gefäßen rückstaut, die sich unter Kälte zusammenziehen. Die Gusswechsel erfolgen für gewöhnlich zweimal hintereinander, das Ende der Behandlung bildet immer ein kalter Guss. Ein Tipp, um beim Kontakt mit dem kalten Wasser nicht wie ein Fisch nach Luft zu schnappen: vorher einatmen und langsam ausatmen, während der Wasserstrahl auf Ihre Haut trifft.
- Kniegüsse: Regelmäßige Kniegüsse regen die Durchblutung der Beine an, trainieren die Gefäße und sollten insbesondere bei Durchblutungsstörungen und Stauungen in den Beinen, bei Hypotonie, Migräne und Kopfschmerzen Anwendung finden.
- Armbäder: Sie fühlen sich müde und abgespannt? Dann könnte ein erfrischendes, kaltes Armbad nach Kneipp genau das Richtige für Sie sein. Kneipp’sche Armbäder gelten bei Abgeschlagenheit als wahre Muntermacher. Und sie dienen zudem - vorausgesetzt sie werden regelmäßig durchgeführt - auch der Stärkung unserer Abwehrkräfte. Zudem regen sie die Blutzirkulation in den Armen, die Durchblutung des Herzmuskels und den Stoffwechsel an. Auch Schmerzen im Bereich der Ellenbögen können gelindert werden. Achten Sie während des Armbades auch auf Ihre Atmung. Sie sollte ruhig und tief sein.
- Gesichtsgüsse: Ein Kneipp’scher Gesichtsguss lässt sich wunderbar in die tägliche Pflegeroutine integrieren. Auch als eine Art “Schönheitsguss” bezeichnet, sorgen regelmäßige Gesichtsgüsse für strahlende und straffere Haut. Er lindert aber auch Kopfschmerzen und hilft, wenn wir uns erschöpft und müde fühlen. Im Sommer, wenn uns hohe Temperaturen zu schaffen machen, ist so ein Gesichtsguss zwischendurch eine erfrischende Abwechslung - für den ganzen Körper.
Ernährung: Kneipp betrachtete eine ausgewogene Vollwerternährung als Grundlage für eine gute Gesundheit. Eine ausgewogene Ernährung, mit vielen Vollkornprodukten, ausreichend Obst und Gemüse, ist ein zentraler Bereich in der Philosophie von Kneipp und stellt die Basis für ein gesundes Leben dar. Ihm war es wichtig, von vielen Geboten und Verboten in Sachen Ernährung abzusehen. Es ging Kneipp vielmehr darum, dass einfache, unverarbeitete und nahrhafte (regionale) Lebensmittel verzehrt werden. Rohkost ist dabei möglichst vorzuziehen.
Heilpflanzen (Phytotherapie): Dieser Teil der Kneipp-Kur nennt sich auch Phytotherapie und umfasst die Behandlung mit Heilpflanzen in Form von Tees, als Badezusatz, zu Saft gepresst oder in Form von Heusäcken. Sie sollen Krankheiten vorbeugen. Für Kneipp ist gegen so gut wie jedes Leiden ein Kraut gewachsen. Das spiegelt sich auch in seiner Gesundheitslehre wider. Lange studierte er als Priester in Selbstversuchen um die 40 heimische Pflanzen auf ihre heilenden Effekte. Nach erfolgversprechenden Ergebnissen ergänzte Kneipp seine Wasseranwendungen mit der Phytotherapie. Innerlich sollen Arzneipflanzen im Körper ungesunde Stoffe auflösen, ausleiten und damit den Organismus kräftigen.
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Bewegung: Ohne kräftige Muskeln und eine gewisse Kondition ist kein Wohlbefinden möglich - so ließe sich wohl die Kneipp-Säule Bewegung zusammenfassen. Entsprechend gehören Gymnastik und sanfter Ausdauersport zu einer Kneipp-Kur dazu. Bewegung und Gesundheit gehörten schon für Kneipp fest zusammen. Sport und Bewegung bauen Stress ab und können Krankheiten vorbeugen. Leichte Sportarten und regelmäßige Bewegung im Alltag sollten möglichst an frischer Luft ausgeführt werden und der Verzicht auf einengende Kleidung beim Sport sorgt außerdem für körperliches Wohlbefinden.
Balance: Gesund bleibt nur, wer im Einklang mit der Natur und sich selbst lebt, wer im Gleichgewicht und achtsam ist. Sprich: Wenn „innere Ordnung“ herrscht. Deshalb arbeiten Kneipp-Therapien mit Entspannungsmethoden wie Yoga oder Autogenem Training. Ausreichend Pausen einlegen, zwischendurch innehalten und durchatmen, etwas entspannen und zur Ruhe kommen, ist im stressigen Alltag mit all seinen Herausforderungen nicht leicht umzusetzen. Wer mehr Achtsamkeit in seinem Leben praktiziert, sich regelmäßig die kleine Auszeit zum Abschalten nimmt, tief entspannt und mit all seinen Sinnen das Leben feiert, wird auch einen harmonischen Lebensrhythmus finden.
Wie funktioniert eine Kneipp-Kur?
Eine Kneipp-Kur dauert normalerweise mindestens zwei Wochen. Besser sind sogar drei Wochen. Sie findet in speziell dafür ausgelegten Kurzentren oder Kliniken statt - stationär oder ambulant. Vor Ort werden die fünf Säulen der Kneipp-Kur individuell auf den jeweiligen Menschen und dessen gesundheitlichen Probleme abgestimmt.
Die Kneipp-Kur arbeitet mit einem Wechsel von Aktivität und Ruhe. Dies manifestiert sich in Gymnastik und Ausdauersport wie Schwimmen, Wandern oder Radfahren. Außerdem wird der Körper einem Wechsel von Wärme und Kälte ausgesetzt. Das kommt hauptsächlich über die Wasseranwendungen der Hydrotherapie zum Tragen. Möglich sind hier Bäder sowie feuchte Wickel für Bauch, Brust, Beine oder Waden. Auch Wassertreten und Wechselgüsse sind Teil davon.
Wirkung der Kneipp-Kur
Übersichtsstudien weisen darauf hin, dass eine Kneippkur den gesundheitlichen Zustand bei verschiedenen Beschwerden verbessern kann. Allerdings sind die eingeflossenen Untersuchungen nicht durchweg von starker Aussagekraft. So wirkt die Wassertherapie beispielsweise durchblutungsfördernd und kreislaufanregend, sie kräftigt die Venen und stärkt das Immunsystem. Die Entspannungstechniken sollen bei Schlafstörungen und Erschöpfungszuständen helfen. Bewegung und gesunde Ernährung unterstützen ebenfalls das Immunsystem und verbessern das allgemeine Wohlbefinden. Zudem könnten sie, dauerhaft umgesetzt, Übergewicht vermeiden oder reduzieren helfen - und entsprechend auch damit in Verbindung stehende Beschwerden wie Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus Typ 2), Bluthochdruck oder Herz-Kreislauferkrankungen. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Kneipp-Therapie ein wissenschaftlich begründbares ganzheitliches Therapiekonzept ist.
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Die Sauna ist eine Kombination von starken Heiß- und Kaltreizen. Die Temperatur des Körperkerns wird erhöht, so dass sich die Stoffwechselvorgänge beschleunigen. Die Hauttemperatur steigt und mit dem Schweiß werden vor allem Stoffwechselprodukte (u. a. Harnstoff und Milchsäure) ausgeschieden. Auch wirkt die Sauna ausgleichend auf den Blutdruck - ein erhöhter Blutdruck sinkt, Probleme bei niedrigem Blutdruck hingegen vermindern sich bei richtigem Gebrauch. Daneben erweitern sich die Bronchien, das vegetative System wird stabilisiert, so dass sich auch Aggressionen oder Ängste abbauen können („In der Sauna verraucht der Zorn“ - so ein finnisches Sprichwort). Über das intensive Gefäßtraining wirkt die Sauna auch abhärtend.
Anwendungsgebiete der Kneipp-Kur
Konkret kann eine Kneipp-Kur Studien zufolge bei verschiedenen Beschwerde- und Krankheitsbildern sinnvoll sein. Insbesondere für die Wasseranwendungen lassen sich Effekte nachweisen bei:
- chronisch-venöser Insuffizienz
- Bluthochdruck (Hypertonie)
- leichter Herzinsuffizienz
- menopausalen Beschwerden
- Schlafstörungen
- chronisch-obstruktiver Lungenerkrankung (Kaltgüsse)
- Infektionen der Atemwege bei Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren
Weniger gesichert ist die Studienlage für:
- Infektionen und Infektanfälligkeit bei Erwachsenen
- Durchblutungsstörungen, Venenleiden (beispielsweise bei chronisch-venöser Insuffizienz)
- degenerative Erkrankungen wie Rheuma oder Arthrose
- Osteoporose (Knochenschwund)
- Migräne
- Stress und Erschöpfungszustände
- Hauterkrankungen (beispielsweise Neurodermitis)
- Asthma und allergischer Schnupfen
- Wechseljahrbeschwerden (menopausale Beschwerden)
Was sollte man beachten?
An sich sind bei einer Kneipp-Kur aber kaum Nebenwirkungen zu befürchten. Heilpflanzen können aber bei Menschen mit entsprechenden Allergien Symptome hervorrufen. Das gilt auch für die Heusäcke, die auf bestimmte Körperstellen aufgelegt werden, um Schmerzen zu lindern. Beachten sollten Sie, dass es bei einer Kneipp-Kur darum geht, sich wohlzufühlen und nicht über seine Grenzen zu gehen. Soll heißen: Wenn Sie frieren, beenden Sie die Anwendung und wärmen Sie sich auf. Steigern Sie Dauer und Intensität der „Bewegungs-Säule“ langsam und gönnen Sie sich Pausen. Tasten Sie sich langsam an Yogaposen heran, erzwingen Sie keine Dehnung, die über den sogenannten „Wohlfühlschmerz“, also ein leichtes Ziehen, hinausgeht. Verzichten Sie vor dem Schlafengehen auf kalte Güsse, da sie den Kreislauf anregen und wach machen. Steigen Sie nur mit warmen Füßen in ein kaltes Wasserbecken, auch bei Ganzkörperanwendungen sollte sich die Haut vor dem kalten Guss warm anfühlen, damit die Wechselgüsse optimal wirken können.
Führen Sie Kneipp-Anwendungen wie Hydro- oder Bewegungstherapien nur aus, wenn Sie fit sind und nicht gerade eine Erkältung ausbrüten oder frieren. Es gibt mögliche Kontraindikationen, wie zum Beispiel ein nicht gut eingestellter Bluthochdruck (Hypertonie) oder andere Herzbeschwerden wie eine Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder instabile Angina pectoris, die Sie aufgrund des Kältereizes beim Wassertreten oder bei Armgüssen vor einer Kneipp-Kur von einem Arzt abklären lassen sollten. Auf einen Gesichtsguss sollten Sie besser verzichten, wenn Sie unter einer akuten Stirn- und Nasennebenhöhlenentzündung, an Nervenentzündungen im Gesichtsbereich oder unter Augenerkrankungen wie grauer oder grüner Star leiden.
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Bevor es mit Wassertreten und Co. losgeht, beachten Sie folgende Hinweise:
- Nicht frieren: Bei Wasseranwendungen mit kaltem Wasser sollten Sie im Vorfeld nicht frieren und sich gründlich aufwärmen.
- Sanftere Reize setzen: Kneippen soll keine Qual sein. Setzen Sie daher nicht auf zu starke Kältereize oder Kälteschocks, sondern auf sanftere.
- Körperregionen aufwärmen: Damit Sie die Erwärmung nach dem Kältereiz vorantreiben können, legen Sie sich ins Bett, ziehen Sie sich warme Kleidung über oder bewegen Sie Ihre Füße, Arme und Beine, z. B.
Sie können ganz nach Ihren individuellen Bedürfnissen entscheiden, wann Sie eine Wasseranwendung nach Kneipp durchführen möchten. Morgenmuffel unter uns profitieren von einem morgendlichen Arm- oder Gesichtsguss zur Erfrischung und zum Wachwerden, Frühaufsteher hingegen benötigen eventuell einen Frischekick am Nachmittag.
Wie lange Sie Wassertreten nach Kneipp durchhalten, ist auch eine individuelle Angelegenheit. Die Anwendungsdauer kann zwischen 30 Sekunden und 3 Minuten variieren, bei Armbädern 30 bis 40 Sekunden. Achten Sie dabei immer auf Ihren Körper, wie dieser auf den Kältereiz reagiert.
Im Winter, wenn im Allgäu Schnee liegt, können Sie auch mit bloßen Füßen durch den Schnee gehen und auf diese Weise Ihr Immunsystem stärken. Auch Sebastian Kneipp empfahl, im Winter barfuß durch Schnee oder Tau zu laufen. Sobald die Füße durchblutet und gerötet sind, heißt es wieder aufwärmen! Und das geht doch wunderbar in einer Sauna. Nach der Anwendung heißt es: Füße wieder aufwärmen! Ziehen Sie warme Strümpfe und Schuhe an und bewegen Sie sich.
Wann sollte man keine Kneipp-Kur machen?
Gesunden Erwachsenen dürfte eine Kneipp-Kur nicht schaden. Es gibt jedoch einige Fälle, in denen Sie auf Wasseranwendung und Kältereiz verzichten sollten, zum Beispiel bei:
- arterieller Verschlusskrankheit
- Herzrhythmusstörungen
- offenen Wunden
- Harnwegsinfektionen, Blasen- oder Nierenkrankheiten
- Unterleibsinfekten
Kneipp-Therapie und Epilepsie
Es ist wichtig zu beachten, dass bei bestimmten Erkrankungen Vorsicht geboten ist. Gegen eine Wärmetherapie sprechen zum Beispiel Erkrankungen wie Entzündungen der inneren Organe, Krebserkrankungen oder Epilepsie. Personen, die an einer Epilepsie leiden, sollten Melatonin nur nach ärztlicher Rücksprache oder Rücksprache in der Apotheke verzehren. Vor einer Kneipp-Kur sollte man sich ärztlich beraten lassen.
Kneipp-Anlagen
Ob in der Natur, in Stadtzentren, Heilbädern, Wellness- und Spa-Einrichtungen, Luxushotels oder Kurparks - typische Kneipp-Anlagen bieten in der Regel Wassertretbecken und Armbecken an. Viele sind eingebettet in Seen (wie zum Beispiel am Hopfensee) oder in fließenden Gewässern. Kneipp-Oasen dienen als kleine Auszeit und Gegenpol zum stressigen Alltag.