Heinrich Heine, einer der bedeutendsten deutschen Dichter, starb im Jahr 1856 in Paris. Seitdem ranken sich zahlreiche Spekulationen um die Ursache seines Leidens und seines Todes. War es Syphilis, wie lange vermutet wurde, oder doch eine andere Krankheit? Neue Forschungsergebnisse und alte Indizien werfen ein neues Licht auf den Fall Heine und laden zu einer spannenden Spurensuche ein.
Der lange Leidensweg Heinrich Heines
Heines Gesundheitszustand verschlechterte sich ab dem Sommer des Jahres 1832. Er klagte über eine "lahme und schwache Hand". Im Jahr 1838 kamen Sehstörungen hinzu. Heine sah alles doppelt und verschwommen. 1843 wurde fast seine gesamte linke Körperhälfte gefühllos. Im Revolutionsjahr 1848 verschlechterte sich Heines Zustand rapide. Er konnte seine Wohnung nicht mehr verlassen. Die Zeit der "Matratzengruft" hatte begonnen. In den letzten acht Jahren seines Lebens war Heine an sein Bett gefesselt, gelähmt, zeitweise blind und von krampfartigen Schmerzen gequält.
Die Diagnose der Rückenmarksschwindsucht
Heine selbst war überzeugt, an Syphilis erkrankt zu sein. Er sprach von der "Krankheit der glücklichen Männer". Die Ärzte behandelten ihn nach den damaligen Regeln der "romantischen Medizin". Er bekam Opium und Morphium gegen die Schmerzen. Auch Eisenjodid und Jodkali kamen zum Einsatz. Die Diagnose lautete Rückenmarksschwindsucht, eine Spätfolge der Syphilis.
Zweifel an der Syphilis-Theorie
Doch Zweifel an dieser Diagnose kamen auf. Wissenschaftler brachten andere Krankheiten ins Gespräch, darunter Multiple Sklerose, Tuberkulose und sogar eine Bleivergiftung. Rechtsmediziner der Universitäten Düsseldorf und Göttingen untersuchten Haare von Heine und fanden hohe Konzentrationen von Blei. Sie vermuteten, dass Heine an einer Bleivergiftung gestorben sei, möglicherweise sogar ermordet wurde.
Die Bleivergiftungstheorie
Die Rechtsmediziner fanden zwischen 192 und 244 Mikrogramm Blei pro Gramm Haar. Dies sei ein Indiz für eine Bleivergiftung. Sie suchten in Heines Gedichten nach Symptomen einer solchen Vergiftung und wurden fündig. Heine schilderte in seinen Werken Symptome wie Speichelfluss, Darmkoliken, Tremor, Muskelschwäche, Lähmungen, Gewichtsverlust und Atemnot. Die Rechtsmediziner hielten es für wahrscheinlich, dass Heine an einer massiven Bleivergiftung litt.
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Die Frage ist, wie es zu dieser Bleivergiftung kam. Es wurde spekuliert, ob das Trinkwasser in einem bleihaltigen Gefäß aufbewahrt wurde oder ob Heine bleihaltige Pomaden verwendete. Eine Ermordung des Dichters wurde ebenfalls in Betracht gezogen, da Bleiacetat unauffällig in Speisen und Getränke gemischt werden kann.
Allerdings gab es auch Zweifel an der Bleivergiftungstheorie. Es wurde gefragt, ob die untersuchte Locke wirklich von Heine stammte und ob sie aus der Zeit seines Todes stammte.
Die Neurosyphilis-These
Der Berliner Neurologe Roland Schiffter hält die Syphilis-Diagnose für die wahrscheinlichste. Er analysierte Briefe und andere schriftliche Quellen von Heine und kam zu dem Schluss, dass Heine an einer Neurosyphilis in Form einer chronischen Meningitis mit kranialer Polyneuritis und ausgedehnter Polyradikulitis litt. Der chronisch rezidivierende Verlauf mit multiplen schweren Hirnnervenlähmungen, radikulären Neuralgien und Paresen sowie einem inkompletten zervikothorakalen Querschnittssyndrom lasse kaum eine andere Diagnose zu.
Schiffter argumentiert, dass eine tuberkulöse Meningitis oder eine generalisierte Tuberkulose einen solchen Verlauf nicht überleben würde. Auch eine Bleivergiftung, multiple Sklerose oder amyotrophe Lateralsklerose seien als Ursache von Heines Symptomen unwahrscheinlich.
Symptome und Behandlung im Kontext der Zeit
Die Symptome, die Heine beschrieb, begannen mit einer Lähmung der linken Hand und Sehstörungen. Später kamen Empfindungsstörungen, Lähmungen der Beine und Augenlider, Atembeschwerden und Erbrechen hinzu. Schiffter betont, dass der Dichter nicht durchgehend krank war, sondern sich die geschädigten Nerven immer wieder erholten.
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Die Behandlung Heines entsprach den damaligen medizinischen Standards. Opium und Morphium linderten die Schmerzen, während Eisenjodid und Jodkali möglicherweise begrenzt wirksam waren.
Heines Überzeugung und die mögliche Ansteckung
Heine selbst war von einer venerischen Infektion überzeugt. Er deutete in einem Brief an, seine Rückenmarkserkrankung sei die "Krankheit der glücklichen Männer". Schiffter vermutet, dass sich Heine im Januar 1824 in Göttingen mit Syphilis infiziert hat.
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