MS Spastik und Beckenbodenmuskulatur: Diagnose und Behandlung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von Symptomen verursachen kann. Eines der häufigsten und oft beeinträchtigendsten Symptome ist die Spastik, eine erhöhte Muskelspannung, die zu schmerzhaften Verkrampfungen (Spasmen) führen kann. Diese Spastik kann den Alltag und das Wohlbefinden von MS-Betroffenen erheblich beeinträchtigen.

Was ist Spastik?

Spastik, auch Spastizität genannt, bezeichnet eine übermäßig starke Ruhespannung einzelner Muskeln oder Muskelgruppen. Diese erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur wird durch eine Schädigung von Fasern oder Nervenzellen im Rückenmark oder im Gehirn verursacht. Die Ausprägung der Spastik ist sehr unterschiedlich und reicht von einer Beeinträchtigung der Muskelkraft und Feinmotorik bis hin zur kompletten Lähmung.

Arten von Spastik

Bei Spastizität werden drei Hauptarten unterschieden:

  • Beugespastik: Hier kommt es infolge der Muskelhypertonie zu einer anhaltenden Kontraktion oder unkontrollierten Muskelaktivität der Flexoren, was zu abrupten Beugungen in den Hüft-, Knie-, Hand- und Ellenbogengelenken führen kann.
  • Streckspastik: Streckspasmen sind Folge einer plötzlichen Tonuserhöhung in den Extensoren und können spontan oder nach Haltungsänderungen auftreten, häufig die Hüftstrecker betreffend.
  • Adduktorenspastik: Bei Adduktorenspasmen sind die Adduktorenmuskeln betroffen, wodurch die Extremitäten eng an die Körpermitte gezogen werden, was beispielsweise im Liegen dazu führen kann, dass die Knie aneinander reiben.

Darüber hinaus gibt es Misch- bzw. Übergangsformen, bei denen MS-Patienten Anzeichen einer Beugespastik (z. B. beim Aufstehen) oder Streckspastik (speziell im Liegen) zeigen können.

Ursachen und Auslöser von Spastik bei MS

Eine häufige Folge der Encephalomyelitis disseminata, wie die Erkrankung auch bezeichnet wird, sind Spasmen. Durch die Spastik werden zahlreiche Körperfunktionen beeinträchtigt und einige Erkrankungen erst ausgelöst. Die Spastik betrifft bevorzugt Muskeln, die der Schwerkraft entgegenwirken. In den oberen Extremitäten ist sie in den Flexoren ausgeprägter als in den Extensoren; in den unteren Extremitäten mehr in den Extensoren und Adduktoren als in den Flexoren.

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Es gibt eine Reihe von Faktoren, die eine Spastik auslösen und verstärken können. Hierzu zählen beispielsweise eine volle Blase, Verdauungsstörungen, Schmerzen oder ein falsch angepasster Rollstuhl. Kennt man die Auslöser, lassen sich die Auswirkungen der Spastik besser kontrollieren. Die spastikverstärkenden Faktoren sind individuell verschieden. Zuweilen ist trotz ausführlicher Anamnese kein eindeutiger Grund feststellbar.

Typische Trigger sind:

  • Emotionale Anspannung wie Angst, Wut, Stress, Verzweiflung oder Trauer
  • Schmerzen
  • Entzündungen/Infekte (Erkältung, Harnwegsinfekt)
  • Erhöhte Körpertemperatur, Fieber
  • Kälte
  • Stuhl- und Harndrang
  • Verdauungsstörungen
  • Zu enge Kleidung oder Schuhe
  • Abrupte Bewegungsänderungen
  • Immobilität
  • Schlechte Körperhaltung, zum Beispiel durch falsch angepasste Hilfsmittel (Orthesen, Rollstuhl)
  • Thrombosen, Frakturen und Dekubitalulzera

Symptome und Begleiterscheinungen der Spastik

Die Symptome der MS-induzierten Spastik können bei jedem Patienten unterschiedlich sein. Je nach Erkrankungsdauer und -verlauf kann die Spastik simultan oder sequentiell in verschiedenen Erscheinungsformen auftreten, wie z.B. Tonuserhöhungen bei aktiven Bewegungen oder passiver Dehnung, anhaltende Tonuserhöhungen oder transiente Muskelspasmen.

Die häufigsten Probleme bei MS-induzierter Spastik sind:

  • Hypertoner Muskeltonus
  • Spontane Muskelaktivität
  • Gesteigerte Muskeleigenreflexe

Daraus kann sich folgende Begleitsymptomatik entwickeln:

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  • Steifheit von Muskeln und Gelenken
  • Muskelschmerzen, Gelenkschmerzen
  • Leichte Muskelverspannungen bis zu unkontrollierbaren, schmerzhaften Muskelbewegungen (vor allem während einer Aktivität)
  • Muskelschwäche, isoliert oder generalisiert
  • Haltungsanomalien (spastische Dystonie), Gangschwierigkeiten
  • Verschlechterung der aktiven und passiven Beweglichkeit, inklusive Beeinträchtigungen von Sprache, Mimik und Sehen
  • Verlust der Geschicklichkeit und Einschränkungen der selektiven Bewegungskontrolle
  • Spastische Hyperreflexie
  • Zentrale Paresen
  • Spinale Automatismen
  • Pyramidenbahnzeichen, zum Beispiel Babinski-Phänomen
  • Kontrakturen mit Veränderungen in Muskel, Gelenken, Sehnen und Bändern
  • Miktionsstörungen, imperativer Harndrang
  • Sexuelle Dysfunktion
  • Schlafstörungen
  • Müdigkeit, rasche Erschöpfung, Kraftlosigkeit
  • Konzentrationsstörungen bis Gedächtnisverlust

Die aufgeführten Symptome gehören zum Bild des spastischen Syndroms und sind beispielhaft zu verstehen. Sie müssen nicht zwingend in ihrer Gesamtheit auftreten.

Spastik des Beckenbodens

Grundsätzlich kann aber jeder Bereich betroffen sein, inklusive Beckenboden-, Rücken-, Gesichts- und Rachenmuskulatur. Viele Menschen mit Multipler Sklerose bemerken irgendwann im Laufe ihrer Erkrankung, dass die Blase oder der Darm nicht mehr richtig funktioniert. Werden bei MS entsprechende Nervenzellen in den Zentren des ZNS angegriffen oder zerstört, können neurogene Blasenfunktionsstörungen oder Störungen im Darm entstehen.

Blasenfunktionsstörungen

Am häufigsten zeigt sich die „überaktive“ Blase (30 bis 90 %). Normalerweise verspürt ein Mensch erst ab einer Füllmenge von 200 ml den Drang, die Blase zu entleeren. Eine Beeinträchtigung der Nerven kann dazu führen, dass die Blase sich bereits bei kleinsten Urinmengen übermäßig anspannt und verkrampft. Bereits durch eine geringe Menge Urin wird so ein sehr starker Harndrang ausgelöst. Betroffene müssen dann häufiger nachts zur Toilette, scheiden jedoch immer nur kleine Mengen Urin aus. Ist der Blasenschließmuskel betroffen, entleert sich die Blase unwillkürlich. Eine gestörte Blasenentleerung ist seltener (5 bis 20 %). Durch eine verminderte Kontraktion der Blase kann es dabei zu einer verzögerten und inkompletten Entleerung der Blase kommen. Wird die Blase schließlich zu voll, kann sie „überlaufen“. Bereits ein leichter Husten verursacht dann möglicherweise einen unkontrollierten Urinverlust (Inkontinenz). Durch die ständige Überdehnung der Blase nehmen Harndrang, Inkontinenz oder Harnverhalt immer weiter zu. Durch die Entleerungsstörung der Blase bei MS bleibt unter Umständen Restharn zurück.

Darmfunktionsstörungen

Darmprobleme bei MS können z. B. als Verstopfung auftreten. Dann ist der Darm weniger angeregt, er transportiert den Stuhl langsamer weiter und der Stuhl dickt ein. Auch kann über diesen Vorgang eine MS Blähungen verursachen. Ist durch die Multiple Sklerose der Darm zu stark angeregt, bewegt er sich schneller, der Stuhl wird zügiger weitertransportiert und Durchfall kann entstehen. Die Hinweise mehren sich, dass zwischen MS und Darmbakterien ein Zusammenhang bestehen kann. Die Bakterien-Mischung im Darm heißt Mikrobiom oder Darmflora. Dass Darmflora und Immunsystem generell zusammenhängen, gilt als sehr wahrscheinlich. Allerdings befindet sich die Forschung speziell bei der Frage vom Verhältnis Mikrobiom - Multiple Sklerose noch sehr am Anfang.

Umgang mit Blasen- und Darmstörungen

Störungen der Funktion von Blase und Darm bei MS sind für viele Betroffene nicht nur ein hygienisches Problem, sondern auch mit starken Schamgefühlen verbunden. Wer Probleme mit der Blasenentleerung oder der Darmfunktion bei sich entdeckt, sollte sich daher vertrauensvoll an einen Arzt oder seine MS-Schwester wenden. Mit der MS-Schwester können Patienten nicht nur über ihre Gedanken und Sorgen im Umgang mit diesen schambesetzten Themen sprechen. Eine qualifizierte Beratung und Behandlung durch Experten auf diesem Gebiet unterstützen dabei, die Lebensqualität und Selbstständigkeit zu erhalten.

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Viele Menschen versuchen ihrem Problem damit zu begegnen, dass sie nur noch sehr wenig trinken. Genau das Gegenteil wäre jedoch richtig! Wenn Sie zu wenig trinken, können sich Blasen- und Nierensteine entwickeln. Wenn Sie unter Verstopfung leiden, hilft es, wenn Sie mindestens 1,5 Liter Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen und sich ballaststoffreich ernähren, beispielsweise mit Vollkornprodukten, Obst und Gemüse.

Diagnose von Spastik

Die Diagnose der Spastik erfolgt in der Regel durch eine neurologische Untersuchung. Dabei beurteilt der Arzt den Muskeltonus, die Reflexe und die Beweglichkeit des Patienten. Zusätzlich können weitere Untersuchungen wie Elektromyographie (EMG) oder Magnetresonanztomographie (MRT) durchgeführt werden, um die Ursache der Spastik zu ermitteln und andere Erkrankungen auszuschließen. Die Neurografie des N. spielt eine nachgeordnete Rolle.

Behandlung von Spastik

Spastik, wie sie auch bei Multipler Sklerose auftritt, lässt sich gut behandeln. Es gibt eine Vielzahl von Techniken mit denen Physiotherapeutinnen eine erhöhte Muskelspannung behandeln können, sodass der Spannungszustand der Muskeln gesenkt wird und die Bewegungsfähigkeit von Patientinnen erhalten bleibt oder gar zunimmt. Zusätzlich zur Physiotherapie können auch Medikamente eingesetzt werden, um die Muskelspannung zu senken.

Physiotherapie

Physiotherapie ist ein wichtiger Teil der Spastik-Therapie. Denn die Physiotherapie ist der Meister der Bewegung. Durch Spastik, die ja manchmal lange nicht erkannt wird, können Fehlhaltungen und Bewegungsmuster entstehen, die z. B. Beine oder den Rücken überlasten. Fehlhaltungen ergeben sich dadurch, dass der Körper versucht, eine vielleicht kaum merkliche Spastik über kleine Bewegungen oder angepasste Haltungen auszugleichen, d. h. zu kompensieren. Das ist an sich sehr klug vom Körper und für eine kurze Zeit auch nicht schlimm. Physiotherapeut*innen schauen sich das Gangbild an und geben Tipps, wie sich einzelne Bewegungsabläufe so verbessern lassen, damit Folgeschäden unwahrscheinlicher werden. Sie geben zudem Tipps für eine natürliche Bewegung oder erstellen über einen körperlichen Test Trainingsprogramme. Auch zeigen sie, wie sich z. B. der Beckenboden bei Störungen der Blase stärken lässt.

Medikamentöse Therapie

Die Herausforderung bei der medikamentösen Behandlung einer Spastik besteht darin, die richtige Dosierung zu finden. Wird das Medikament zu sparsam eingesetzt, ist die Wirkung nicht ausreichend, wird zu viel von einem Wirkstoff verabreicht, kann das dazu führen, dass das Körperteil, das von der Spastik betroffen ist, schwach wird. Es gibt Medikamente, die das spastische Zusammenziehen der Blase abmildern, andere wirken sich entspannend auf den Schließmuskel aus. Falls die Blasenprobleme bei Dir zu einem akuten Harnwegsinfekt führt, helfen Antibiotika. Für den Darm werden wasserspeichernde Abführmittel genutzt. Mittels Osmose ziehen sie Wasser in den Dickdarm zurück, damit Dein Stuhlgang nicht hart wird, sondern schön weich bleibt und dadurch einfacher ausgeschieden werden kann. Außerdem regt eine größere Stuhlmenge, durch das mehr an Wasser, die Darmtätigkeit besser an. Darüber hinaus gibt es Medikamente, die den Transport anregen. Falls der äußere Schließmuskel massiv von einer Spastik betroffen ist und Schmerzen verursacht, kann eine Injektion für Abhilfe sorgen. Und falls das entgegengesetzte Problem auftritt, also ungewollter Stuhlabgang kannst Du medizinische Kohletabletten nutzen.

Cannabis darf in der Symptomatischen MS-Therapie auf Rezept verordnet werden. Für Betroffene sind Spastik & Schmerzen eine häufig unangenehme MS-Symptomatik. Die Behandlung der Schmerzen ist individuell auf den Betroffenen und in Absprache mit den behandelnden Neurologen und Physiotherapeuten abzustimmen.

Eigeninitiative und Selbsthilfe

Um die Spastik zu lindern, sollten Betroffene sich aber nicht allein auf Ärztinnen und Physiotherapeutinnen verlassen. Eigeninitiative hilft, um die Symptome der Erkrankung zu lindern und das Wohlbefinden zu steigern. Regelmäßiges Training, etwa auf dem Laufband oder durch Fahrrad fahren, sorgt dafür, dass die Muskeln bewegt und der Spannungszustand der Muskeln gesenkt wird. Dehnungsübungen tragen zusätzlich dazu bei, die Muskulatur zu lockern und zu entspannen.

Du kannst mit Deinem Verhalten viel dazu beitragen, Blase und Darm in ihrer Tätigkeit zu unterstützen. Trink ausreichend Wasser oder Tee, am besten ungesüßt und nicht zu stark, damit Dein Körper wirklich viel Flüssigkeit davon erhält. Kaffee oder andere intensive koffeinhaltige Getränke bitte nur in Maßen genießen. Reduziere möglichst Deinen Alkoholgenuss. Alkohol betäubt eher die Sinne und auch den Körper und ist bei MS besser nur selten und in geringen Mengen zu genießen. Iss möglichst ballaststoffreich und ausgewogen. Also viel Gemüse, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Obst. Fermentierte Speisen sind ebenfalls gut für eine gesunde Darmflora und einen aktiven Darm. Dazu gehören Joghurt, Buttermilch, Essig für den frischen Salat oder Sauerkraut. Fleisch und Wurst nur in geringen Mengen. Eher salzarm, und Fett nur in Maßen. Generell tut Abwechslung auf dem Teller gut. Dann erhältst Du alle Inhaltsstoffe, die Dein Körper braucht. Falls Du Probleme mit Restharn hast, sind Cranberrysaft oder Preiselbeersaft gut, um das Bakterienwachstum in Deiner Blase zu hemmen. Unterdrücke Deinen Harndrang nicht, indem Du die Beine übereinanderschlägst. Was in seltenen Fällen vielleicht mal nötig ist, kann auf Dauer eine bestehende Spastik weiter verstärken. Gehe lieber vorbeugend oder in regelmäßigen Abständen auf Toilette. Versuche, das richtige Maß zu finden, indem Du Deine Blase nicht auf immer geringere Füllmengen trainierst, aber auch nicht verkrampfst. Tägliche Beckenbodenübungen helfen Deinen Muskeln wieder stark zu werden und der Symptomatik entgegenzuwirken.

Hilfsmittel und Anpassungen

Es gibt ein großes Portfolio an Hilfsmitteln, die Dir dabei helfen möglichst entspannt am normalen Leben teilzunehmen ohne Rücksicht auf Deine MS-Symptome nehmen zu müssen. Dazu zählen Inkontinenzhilfen, die Urin und Kot auffangen. Für Frauen sind es spezielle Einlagen und Tampons und für Männer eine Art Kondom. Beim Darm ist es für beide Geschlechter eine Art Tampon. Selbst Schwimmen ist damit weiter möglich. Und Schwimmen oder Aquasport zählt zu den Sportarten, die bei MS besonders gut sind. Falls Du Probleme mit dem Entleeren Deiner Blase hast, kannst Du lernen, Dich selbst zu katheterisieren. Dafür brauchst Du allerdings eine gute Feinmotorik, um Dich nicht versehentlich zu verletzen. Eine Stufe weiter gibt es die Dauerharnableitung oder einen Blasenschrittmacher. Für die Darmentleerung gibt es Klistiere und andere Hilfsmittel, die kontrolliert den Darm spülen, um ihn anschließend zu entleeren. Bitte unternimm hier keine Selbstversuche, sondern lass Dir die Technik und Gerätschaften von einer Fachkraft erklären.

Du solltest außerdem den Euro-WC-Schlüssel beim CBF Darmstadt beantragen, wenn Du Dich innerhalb Deutschlands oder Europas bewegst. Er verschafft Dir Zugang zu über 12.000 öffentliche Behinderten-WCs an. Das kann eine enorme Erleichterung beim Reisen sein. Denn oft sind die Schlangen fürs WC an Bahnhöfen oder in Innenstädten lang. Du benötigst dafür nur eine Bestätigung von Deinem Neurologen, dass Du eine Inkontinenz hast.

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