Die Alzheimer-Krankheit, mit einem Anteil von 60 bis 70 Prozent die häufigste Demenzform, betrifft in Deutschland schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen. Im Stadium der leichten kognitiven Beeinträchtigung machen sich erste Gedächtnisprobleme bemerkbar, wobei die Betroffenen jedoch noch selbstständig sind. Charakteristisch für die Alzheimer-Krankheit sind Ablagerungen von β-Amyloid-(Aβ-)Plaques und Fibrillen aus hyperphosphoryliertem τ-Protein im Gehirn. Die Antikörpertherapie zielt darauf ab, diese Mechanismen zu beeinflussen.
Grundlagen der Antikörpertherapie
Antikörper-Wirkstoffe basieren auf monoklonalen Antikörpern, die meist künstlich hergestellt werden und vielfältig in Medizin, Forschung und Therapie eingesetzt werden können. Diese Wirkstoffe sind an der Endung „-mab“ (für „monoclonal antibody“) erkennbar. Im Kontext der Alzheimer-Therapie wirken Antikörper als eine Art Auslöser für bestimmte Immunprozesse im Gehirn. Sie sind so konstruiert, dass sie an die schädlichen Amyloid-beta-Proteine im Gehirn binden und so den Körper dazu bringen, diese abzubauen. In Hirnscans lässt sich nachweisen, dass die Antikörper die Ansammlung von Amyloid-Proteinen verringern.
Ziel der Antikörpertherapie
Ziel der Antikörpertherapie ist es, den fortschreitenden Abbau intakter Gehirnzellen zu verlangsamen, der unter anderem durch die Amyloid-Beta-Verklumpungen verursacht wird. Dadurch sollen die geistigen Fähigkeiten, wie das Gedächtnis, länger leistungsfähig erhalten bleiben. Im Vergleich zu zuvor erhältlichen Alzheimer-Medikamenten stellt die tatsächliche Verlangsamung der Krankheit einen großen Fortschritt dar.
Zugelassene und entwickelte Antikörper-Wirkstoffe
Einige bekannte Antikörper-Wirkstoffe gegen die Alzheimer-Krankheit sind:
- Bapineuzumab: Erster Alzheimer-Wirkstoff (2003, nicht zugelassen)
- Solanezumab: Entwickelt von Eli Lilly (2004, nicht zugelassen)
- Crenezumab: Entwickelt von Gentech (2008, nicht zugelassen)
- Gantenerumab: Entwickelt von Roche (2010, nicht zugelassen)
- Aducanumab (Aduhelm): Entwickelt von Biogen (2012), kam 2019 in den USA auf den Markt, wurde aber 2024 mangels Wirksamkeit eingestellt.
- Lecanemab (Leqembi): Gemeinsame Entwicklung von Eisai und Biogen, seit April 2025 in der EU zugelassen und seit dem 1. September 2025 in Deutschland verfügbar.
- Donanemab (Kisunla): Entwickelt von Eli Lilly, seit September 2025 in der EU zugelassen.
Lecanemab (Leqembi®)
Mit Lecanemab (Leqembi®) kam im September 2025 ein erster gegen Aβ gerichteter Antikörper auf den Markt, der zu einem Abbau der Plaques bei Patienten mit Alzheimer-Krankheit führt. Die Anwendung kann bei Patienten in der Frühphase der Erkrankung den kognitiven Abbau verlangsamen. Lecanemab verhindert in erster Linie die Neubildung von Plaques und führt nur sekundär zu deren Abbau.
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Mögliche Nebenwirkungen und Überwachung
Infolge des Abbaus der Aβ-Plaques kann es unter Lecanemab zu Ödemen und Blutungen im Gehirn kommen (Amyloid-bedingte Bildgebungsanomalien, ARIA-E beziehungsweise ARIA-H). Deshalb sind vor und während der Anwendung häufige Kontrollen im MRT vorgeschrieben.
Einschätzung der DGPPN zur EMA-Entscheidung
Das zuständige Gremium der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) hat zunächst empfohlen, einen Antrag auf die Behandlung der frühen Alzheimer-Krankheit mit dem Antikörper Lecanemab abzulehnen. Die DGPPN kritisierte diese Entscheidung und sprach sich für eine baldige Zulassung des Antikörpers aus. Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Präsident der DGPPN, bemängelte, dass durch diese Entscheidung Menschen mit Alzheimer in Europa eine wirksame Behandlung vorenthalten werde, was eine erhebliche Benachteiligung im Vergleich zu anderen Regionen der Welt darstelle.
Prof. Dr. Frank Jessen, Vorstandsmitglied der DGPPN, betonte, dass Lecanemab den kognitiven Abbau infolge der Alzheimer-Demenz hochsignifikant verlangsame und sich positiv auf die Lebensqualität und die Belastung der Betroffenen und ihrer Angehörigen auswirke. Er wies darauf hin, dass die Antikörper-Therapie kausal in den Krankheitsverlauf eingreife und sich das allgemeine Befinden der Betroffenen verbessere, was eine enorme Chance darstelle.
Die EMA begründete ihre negative Bewertung mit einem ungünstigen Verhältnis von Nutzen und Risiken, da die Behandlung mit dem Antikörper in Studien unter bestimmten Bedingungen zu einem erhöhten Risiko für zerebrale Blutungen führte. Die DGPPN plädierte stattdessen dafür, dass Betroffene selbst abwägen sollen, ob sie zugunsten einer Verlangsamung der Erkrankung das Risiko von Nebenwirkungen in Kauf nehmen möchten. Frank Jessen schlug vor, Handlungsempfehlungen für Lecanemab zu übernehmen, die präzise Ein- und Ausschlusskriterien, Therapiemonitoring und ein Nebenwirkungsmanagement beschreiben, wie es in den USA bereits erfolgreich praktiziert werde.
Studienergebnisse zu Lecanemab
Lecanemab ist die erste Therapie, die kausal gegen die Alzheimer-Krankheit wirkt. In der Phase-3-Studie CLARITY-AD führte der gegen Amyloid wirkende Antikörper in einem Behandlungszeitraum von 18 Monaten im Vergleich zu einem Placebo zu einer hochsignifikanten Verlangsamung des Fortschreitens des kognitiven Abbaus und der Funktionseinschränkungen um 27 %. Außerdem zeigte Lecanemab in der Studie im Vergleich zu einem Placebo signifikant positive Effekte auf die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten sowie auf die Lebensqualität und Belastung der pflegenden Angehörigen.
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Bei einem Teil der Behandelten traten in Abhängigkeit von der Ausprägung des Apolipoprotein-E-Gens (APOE) vorübergehende ödematöse Veränderungen oder Mikroblutungen auf, die mittels Magnetresonanztomographie (MRT) beobachtet werden müssen. Im Regelfall waren diese Veränderungen symptomlos oder nur leicht symptomatisch.
Aktualisierung zur Zulassung
Die Europäische Arzneimittelagentur empfiehlt nun doch die Zulassung eines neuartigen Alzheimer-Medikaments. Es bremst das Fortschreiten der Krankheit und greift erstmals in den Pathomechanismus der Krankheit ein.
Donanemab (Kisunla®)
Donanemab (Kisunla® 350 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Lilly) verfolgt denselben therapeutischen Ansatz wie Lecanemab und führt wie dieses zu einem Abbau der Aβ-Plaques. Anders als Lecanemab greift Donanemab allerdings nicht an Aβ, sondern an dessen N3-Pyroglutamat (N3pG) an. Dieses ist Bestandteil der Plaques, weshalb die Ablagerungen sich unter Donanemab rasch auflösen.
Anwendungsbedingungen
Angewendet werden darf Donanemab bei Patienten mit der klinischen Diagnose einer MCI und leichter Demenz infolge der Alzheimer-Krankheit, bei denen eine Aβ-Pathologie bestätigt wurde. Mittels eines validierten Gentests muss nachgewiesen sein, dass die Patienten nicht ApoEε4-homozygot sind. Die Anwendung erfolgt nach einer zentralen Registrierung ausschließlich über ein kontrolliertes Zugangsprogramm.
Dosierung und Behandlungsdauer
Donanemab wird alle vier Wochen intravenös gegeben. Die erste Dosis beträgt 350 mg, die zweite 700 mg, die dritte 1050 mg und die vierte sowie alle weiteren Dosen 1400 mg. Die Behandlung sollte so lange fortgesetzt werden, bis die Amyloid-Plaques entfernt sind, maximal jedoch 18 Monate.
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Amyloid-bedingte Bildgebungsanomalien (ARIA)
Patienten und Patientinnen, die mit Amyloid-β-Antikörper-Therapien behandelt werden, müssen sorgfältig überwacht werden, weil sie amyloid-bedingte Bildgebungsanomalien (ARIA) wie ARIA mit Ödemen/Effusionen (ARIA-E) und ARIA mit Hämosiderinablagerungen/Hämorraghe (ARIA-H) verursachen können. ARIA ist in der Regel asymptomatisch, selten kann es jedoch zu schweren und lebensbedrohlichen Ereignissen kommen, insbesondere bei älteren Patienten mit stärker ausgeprägten zerebralen Durchblutungsstörungen und gerinnungshemmender Behandlung.
Risikofaktoren für ARIA
Die ε4-Variante des Apolipoprotein E (APOE ε4) wurde als einer der Hauptrisikofaktoren für die Ausbildung von ARIA identifiziert und gilt gleichzeitig als das primäre Suszeptibilitätsgen der Alzheimer-Demenz. Das Risiko für das Auftreten von ARIA unter einer Amyloid-β-Antikörper-Therapien ist geringer bei APOE ε4 Nicht-Trägern im Vergleich zu heterozygoten Trägern und am höchsten bei homozygoten Trägern. Bei ARIA-E wurde neben dem APOE ε4-Genotyp die Anzahl der Mikroblutungen, das Vorhandensein einer superfiziellen Siderose und ein erhöhter mittlerer arterieller Druck (vor allem ≥ 107 mmHg) mit einem vermehrten ARIA-Auftreten assoziiert.
Überwachung und Management von ARIA
Zur Detektion von ARIA werden MRT-Bildgebungen zu definierten Zeitpunkten sowie ergänzend außerplanmäßig bei klinischem Verdacht vorgesehen. In den klinischen Studien bildeten sich ARIA-E typischerweise nach Dosisanpassungen, Therapiepausen oder -abbruch (je nach Studienprotokoll) spontan zurück und waren nach drei bis vier Monaten im MRT nicht mehr nachweisbar. Ob weiter therapiert werden kann, die Therapie unterbrochen oder abgesetzt werden muss, hängt nicht nur vom radiologischen Schweregrad, sondern auch von der klinischen Symptomatik und der Therapie ab.
Herausforderungen und offene Fragen
Auch wenn die neuen Entwicklungen einen Durchbruch bedeuten, gibt es noch einige offene Fragen zur Wirksamkeit und Sicherheit der Antikörpertherapie:
- So vertragen Frauen und Menschen mit bestimmten Risikogenen die Therapie teilweise weniger gut.
- Außerdem kam es sowohl bei Lecanemab, als auch bei Donanemab bei einigen Erkrankten zu Hirnblutungen.
- Auch der Zusammenhang zwischen Amyloid-beta-Ablagerungen und den tatsächlichen Symptomen ist nicht abschließend geklärt.
- Offen ist auch die Langzeitwirksamkeit - hier gibt es aufgrund der vergleichsweise kurzen Verfügbarkeit noch keine relevanten Daten.
Die Alzheimer-Forschung hat bislang viele neue Puzzleteile gefunden, um die Alzheimer-Krankheit besser zu verstehen. Ein vollständiges Bild hat sich bisher aber noch nicht ergeben. Die Entwicklung von Antikörper-Wirkstoffen wie Donanemab und Lecanemab ist ein weiteres Puzzleteil. Sie setzen an einem möglicherweise zentralen Mechanismus der Krankheitsentstehung an, den schädlichen Ablagerungen des Proteins Amyloid-beta.