Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der in Deutschland etwa acht Millionen Menschen betroffen sind. Sie beeinträchtigt nicht nur das Leben der Betroffenen erheblich, sondern verursacht auch erhebliche wirtschaftliche Kosten. Die Forschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, die sich in neuen medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapien sowie wirksamen Prophylaxe-Maßnahmen niedergeschlagen haben. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Migränebehandlung, insbesondere im Hinblick auf neue Medikamente.
Die Last der Migräne
Pochende Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Übelkeit: Bis zu 15 Prozent der Menschen in Deutschland leiden unter Migräne. Eine Studie, veröffentlicht im "Journal of Headache and Pain", untersuchte die wirtschaftlichen Folgen von Migräne. Die Ergebnisse zeigen, dass Migräne sowohl das Gesundheitssystem als auch die Wirtschaft stark belastet. Solche Studien machen deutlich, wie wichtig bessere Prävention und Behandlung für Betroffene sind. Viele Patienten verzweifeln an ihren Migräne-Attacken: Oft wirken die eingesetzten Mittel nur kurzzeitig oder können aufgrund anderer Erkrankungen nicht eingesetzt werden.
Migränepatienten teilen ihre Schmerzstärke auf einer Skala von null bis zehn ein. An manchen Tagen sind die Schmerzen so unaushaltbar, dass sie sich nur noch in ein abgedunkeltes Zimmer legen können. Zum Teil müssen sie sich übergeben, was besonders schlimm für den Kopf ist.
Aktualisierte Leitlinien zur Migränetherapie
Für Migränepatienten gibt es immer mehr Behandlungsmöglichkeiten. In die aktualisierten Leitlinien zur Migränetherapie sind einige neue Medikamente und Verfahren aufgenommen worden. Die Leitlinie wird jedes Jahr ergänzt und alle fünf Jahre vollständig überarbeitet. Sie dient Medizinern und Angehörigen anderer Heilberufe als wissenschaftliche Orientierung. Damit auch die Betroffenen selbst einen guten Überblick bekommen, gibt es erstmals auch eine Patientenleitlinie für Migräniker, die die wissenschaftlichen Empfehlungen in verständliche Sprache übersetzt.
CGRP und seine Rolle bei Migräne
Dass es mittlerweile deutlich mehr medikamentöse Optionen gibt, liegt vor allem an dem Molekül CGRP (Calcitonin Gene Related Peptide), das im menschlichen Nervensystem vorkommt und bei Migräneattacken vermehrt freigesetzt wird. Schon seit den 1990er-Jahren wird dazu geforscht - inzwischen stehen mehrere wirksame Medikamente zur Akutbehandlung und Prophylaxe bereit, die bei CGRP ansetzen. Dazu gehören auch monoklonale Antikörper, die zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden.
Lesen Sie auch: "SOKO Wismar" entlarvt die neun Gehirne des Oktopus
Gepante: Eine neue Hoffnung für Migränepatienten
Betroffene erwarten schon lange die Freigabe neuer Medikamente. Gepante sind eine neue Klasse von Medikamenten, die Migräneanfällen vorbeugen und auch im Akutfall helfen sollen. Die Wirkstoffe setzen an einem Botenstoff an, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle zu spielen scheint: Dem Calcitonin-Gene-Related-Peptide kurz CGRP. Dockt er an bestimmten Stellen im Hirn an, führt das zu einer Entzündungsreaktion. Gleichzeitig steigt die Schmerzempfindlichkeit. Es kommt zu einer Migräneattacke. „Gepante blockieren die Andockstelle“, erklärt Prof. Burkhard Hinz, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie an der Universitätsmedizin Rostock. Dadurch werden Migräneattacken verhindert oder abgeschwächt.
Wie unterscheiden sich Gepante von anderen Migränemedikamenten?
Es gibt bereits einige Medikamente, die erfolgreich bei Migräne eingesetzt werden. Zur Akutbehandlung schwerer Migräneanfälle sind die sogenannten Triptane empfohlen. Für die Vorbeugung von Migräneattacken (Migräneprophylaxe) werden unter anderem bestimmte Antikörper eingesetzt. Sie binden entweder das CGRP, sodass es erst gar nicht im Gehirn andocken kann. Oder aber sie blockieren - wie Gepante -die Andockstelle selbst, sodass CGRP keine Wirkung entfalten können.
Antikörper werden per Spritze verabreicht. „Sie wirken nicht so schnell, dafür aber länger anhaltend“, so Pharmakologe Hinz. Deshalb kommen sie nur bei der Vorbeugung von Migräneaanfällen zum Einsatz.
Gepante können in Tablettenform eingenommen werden. Sie wirken nach der Einnahme zwar relativ schnell, werden im Vergleich zu den Antikörpern aber auch viel schneller wieder ausgeschieden. Sie sind grundsätzlich sowohl für die Behandlung einer Attacke als auch für die Vorbeugung von Migräne geeignet.
Für wen sind Gepante geeignet?
Gepante könnten vor allem für Menschen geeignet sein, die Triptane beispielsweise aufgrund ihres Herz-Kreislauf-Risikos nicht einnehmen dürfen. „Triptane bewirken eine Verengung der beim Migräneanfall erweiterten Blutgefäße der Hirnhaut. Sie können aber gleichzeitig auch andere Blutgefäße wie die Koronararterien verengen“, erklärt Schmerzforscher Hinz. Deshalb sollten unter anderem Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder nicht medikamentös eingestelltem Bluthochdruck sowie Personen nach Schlaganfall oder Herzinfarkt keine Triptane einnehmen.
Lesen Sie auch: Ursachen und Behandlung von Nervenschmerzen im Fuß
Gepante haben dagegen keine gefäßverengenden Eigenschaften. „Man kann sie grundsätzlich bei Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verschreiben“, sagt Prof. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums an der Universitätsmedizin Essen. Trotzdem gibt es auch bei dieser Substanzklasse eine Unsicherheit: Im Mäuse-Experiment konnte gezeigt werden, dass ein Schlaganfall unter der Einnahme von Gepanten ein größeres Hirnareal betrifft. Bei Menschen ist das bislang nur theoretisch. „Wenn jemand aber ein hohes Risiko hat, einen Schlaganfall zu erleiden, würden wir diese Präparate derzeit eher nicht geben“, so die Migräne-Expertin. „Auch wenn wir wissen, dass die Gepanten selbst das Risiko für einen Schlaganfall nicht erhöhen.“
Nicht geeignet sind Gepante auch für Menschen mit einer Überempfindlichkeit gegenüber diesen Arzneimitteln. Außerdem vertragen sie sich nicht mit allen anderen Arzneien.
Können Gepante schon gegen Vorboten-Symptome der Migräne wirken?
Eines der neuen Medikamente, Ubrogepant, könnte nicht nur gegen die Kopfschmerzen wirken, sondern auch schon gegen vorhergehende Symptome der Migräne. Das ergab eine Nachauswertung einer Studie, deren Ergebnisse im Mai 2025 im Fachmagazin Nature Medicine veröffentlicht wurde.
Viele Menschen erleben bis zu zwei Tage vor Auftreten der Migräne-Kopfschmerzen - in der sogenannten Prodromalphase - Symptome wie Müdigkeit, erhöhte Empfindlichkeit für Licht und Geräusche, Nackenschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten. Auch eine sogenannte Aura kann auftreten, bei der Menschen Seh- und Sprechstörungen erleben.
Bislang fehlt gegen die Vorboten der Migräne eine Therapie. Prof. Dr. Holle-Lee weist darauf hin, dass die vorliegende Analyse keine Studie war, die sich gezielt mit dieser Fragestellung befasst hat. „Dennoch liefern die vorliegenden Daten erste Hinweise darauf, dass Ubrogepant in der Vorphase der Migräne wirksam sein könnte“, sagt Holle-Lee dem Science Media Center. „Besonders interessant wäre der Einsatz bereits in der Prodromalphase, da dies eine Therapieerweiterung darstellen würde, die bislang nicht zur Verfügung steht“.
Lesen Sie auch: Entspannung ohne Rezept: Ein Ratgeber
Prof. Dr. Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, sieht sogar einen möglichen „Paradigmenwechsel“: „Diese Erkenntnisse eröffnen eine neue therapeutische Perspektive: die gezielte pharmakologische Intervention in einem sehr frühen Stadium der Migräne - möglicherweise noch vor Beginn des Schmerzes.“ Allerdings ist das Arzneimittel in der EU noch nicht zugelassen.
Welche Nebenwirkungen haben Gepante?
In der Zulassungsstudie waren die häufigsten Nebenwirkungen bei der Anwendung von Gepanten Übelkeit und Verstopfung. „Einige Studienpatienten berichteten auch von Müdigkeit. Und tendenziell kommt es unter der Medikation eher zu einem Gewichtsverlust“, berichtet Prof. Holle-Lee, die selbst an einer Studie über Gepante beteiligt war. Die meisten Menschen haben aber kaum oder keine Nebenwirkungen. „Diese Medikamente sind in den USA schon länger auf dem Markt, funktionieren sehr gut und werden von den meisten Patienten auch sehr gut vertragen“, so die Neurologin.
Verfügbarkeit von Gepanten in Deutschland
Das erste Gepant kam am 1. März 2025 in Deutschland auf den Markt. Der Name des Arzneistoffs: Atogepant. Dieser Wirkstoff wird allerdings zunächst ausschließlich als Prophylaxe, also zur Vorbeugung von Migräneattacken eingesetzt. „Man muss ihn jeden Tag als Tablette einnehmen“, erklärt Dagny Holle-Lee. Die Neurologin und Kopfschmerzexpertin freut sich, demnächst diese neue Therapiemöglichkeit zur Verfügung zu haben. „Bisher können wir nicht allen Menschen helfen“, sagt sie. Viele Patienten verzweifeln an ihren Migräne-Attacken: Oft wirken die eingesetzten Mittel nur kurzzeitig oder können aufgrund anderer Erkrankungen nicht eingesetzt werden.
Atogepant (Aquipta): Details zum Medikament
Atogepant (Handelsname Aquipta) ist seit August 2023 zur Vorbeugung von Migräne zugelassen. Es kommt für Erwachsene infrage, die mindestens vier Migränetage im Monat haben. Der Wirkstoff zählt zur Gruppe der Gepante und bindet an den Rezeptor des Neuropeptids CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptides). Die Lauer-Taxe listet das Arzneimittel in den Dosierungen zehn und 60 Milligramm.
Die weißen, runden Tabletten sind im Ganzen zu schlucken. Sie dürfen nicht geteilt, zerdrückt oder zerkaut werden. Wenn die Einnahme vergessen wird, ist diese so schnell wie möglich nachzuholen. In den Zulassungsstudien traten am häufigsten verminderter Appetit, Übelkeit, Verstopfung, Fatigue und Gewichtsabnahme auf. Atogepant hat keinen oder einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen. Bei einigen Patienten kann es jedoch zu Somnolenz führen.
Bisher liegen nur sehr begrenzt Erfahrungen mit der Anwendung von Atogepant bei Schwangeren vor. Tierexperimentelle Studien haben eine Reproduktionstoxizität gezeigt. Ob der Wirkstoff in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt. Im Tierexperiment lässt sich Atogepant in der Milch nachweisen.
Aquipta: Ein neues Mittel zur Migräneprophylaxe
Mit dem Präparat Aquipta (Atogepant) bringt US-Hersteller Abbvie am 1. März erstmals ein Mittel aus der Substanzklasse der Gepante auf den Markt. Gepante blockieren reversibel den Rezeptor des Neuropeptids Calcitonin gene-related peptide (CGRP), das maßgeblich an der Entstehung eines Migräneanfalls beteiligt ist. Der Begriff Gepant ist eine Kurzform von Calcitonin-Gene-Related-Peptide-Rezeptorantagonist. In der Europäischen Union (EU) ist neben Aquipta noch das Gepant Vydura (Rimegepant) von Pfizer zugelassen, bislang aber in Deutschland nicht verfügbar.
Aquipta ist zugelassen zur Migräneprophylaxe bei erwachsenen Patientinnen und Patienten mit 4 oder mehr Migränetagen pro Monat. Es kann laut Hersteller sowohl bei episodischer als auch bei chronischer Migräne verschrieben werden. Betroffene nehmen das Präparat einmal täglich als Tablette ein.
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) verweist vornehmlich auf 2 größere Studien, denenzufolge Aquipta die Anzahl der Tage, an denen Patienten unter Migräne leiden, reduziert. So habe in einer Studie mit 882 Betroffenen (mindestens 4 Migräneanfälle pro Monat) eine 12-wöchige Behandlung mit Aquipta die Zahl der Migränetage pro Monat von durchschnittlich 8 auf 3 bis 4 gesenkt. In der Placebogruppe verringerte sich die Zahl der Migränetage immerhin noch auf 5. Die meisten Nebenwirkungen seien leicht oder mäßig ausgeprägt, so die EMA.
Bewertung durch das IQWiG
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat 2025 geprüft, ob Atogepant als Migräneprophylaxe im Vergleich zu den Standardtherapien Vor- oder Nachteile hat. Der Hersteller legte für vorbehandelte Personen sowie Patientinnen und Patienten, bei denen eine konventionelle Therapie nicht ausreichte oder nicht vertragen wurde, einen indirekten Vergleich vor. In diesem Fall wurde in 3 Studien Atogepant mit einem Placebo verglichen, in den anderen 2 Studien wurde Erenumab oder Fremanezumab ebenfalls mit einem Placebo verglichen. Daraus wurde dann ein Vergleich von Atogepant mit Fremanezumab oder Erenumab abgeleitet.
Die Rolle von Aquipta in der Migräneprophylaxe
Schon seit einigen Jahren sind verschiedene Antikörper auf dem Markt, die sich gegen CGRP oder CGRP-Rezeptoren richten und Migräneattacken vorbeugen sollen. Sie müssen monatlich oder alle 3 Monate subkutan oder intravenös appliziert werden.
Die Reduktion der Migränetage durch Aquipta habe sich in den Studien zur episodischen und chronischen Migräne ähnlich wie bei den CGRP/CGRP-Rezeptor-Antikörpern bereits nach 4 Wochen gezeigt, sagte Christian Geber, Mitglied des Präsidiums der Deutschen Schmerzgesellschaft, auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes. Die Wirkung sei somit im Vergleich zu unspezifischen Migräneprophylaktika schneller eingetreten. Aquipta sei dabei auch bei Versagen von bis zu 4 Vortherapien wirksam gewesen.
Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) erwartet im Vergleich zu klassischen unspezifischen Migräneprophylaxen wie Amitriptylin, Betablockern, Flunarizin oder Topiramat bei Aquipta eine bessere Verträglichkeit und damit bessere Therapieadhärenz.
Die DMKG setzt aus wirtschaftlichen Gründen für eine Verordnung von Aquipta Therapieversagen oder Kontraindikationen für klassische unspezifische Migräneprophylaxen voraus.
Ein Wechsel von anderen Prophylaxepräparaten zu Aquipta sei dann sinnvoll, „wenn keine zufriedenstellende Reduktion der monatlichen Migränetage durch eine Migräneprophylaxe erreicht wird und sollte in jedem Fall bei gesundheitseinschränkenden Nebenwirkungen erfolgen“, teilte die DMKG dem Ärzteblatt mit.
Die Fachleute gehen davon aus, dass mindestens 10 % der Bevölkerung in Deutschland von Migräne betroffen sind. Die DMKG betont, dass in den klinischen Studien zu Aquipta Patienten mit kardio- und zerebrovaskulären Erkrankungen nicht untersucht wurden. „Für diese Patientengruppe liegen also keine Daten vor.“
Welche Rolle Aquipta künftig bei der Migräneprophylaxe spielen wird, bleibt abzuwarten. „Der Stellenwert im klinischen Alltag und die Einordnung in den medikamentösen Behandlungsalgorithmus wird sich abschließend erst nach Bewertung durch den G-BA im Rahmen des AMNOG-Verfahrens beurteilen lassen“, sagte Geber von der Schmerzgesellschaft.
Ubrogepant: Ein weiteres Gepant in der Entwicklung
Im Dezember 2019 hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA das Medikament Ubrogepant zugelassen, um eine akute Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen zu behandeln. Vertrieben wird es dort unter dem Handelsnamen Ubrelvy in Form von Tabletten. Die Wirksamkeit wurde in zwei Studien gezeigt. Übelkeit und Verstopfung zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen von Gepanten in klinischen Studien. Manche Patienten berichten auch von Müdigkeit, Überempfindlichkeitsreaktionen, Schwellungen im Gesicht oder Gewichtsverlust.
Triptane: Eine etablierte Therapieoption
Triptane sind, anders als zum Beispiel Aspirin, keine generellen Medikamente gegen Schmerz. Sie sind nach wie vor die Firstline-Therapie bei akuter Migräneattacke. Als mittlerweile evident gesichert gilt, dass Triptane - konkret die Wirkstoffe Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan - das erste Mittel der Wahl sind, um akute Migräneattacken zu behandeln. Sie gelten (immer noch) als wirksamste Medikation.Neu ist die Erkenntnis, dass die Fixkombination von 85 mg Sumatriptan und 500 mg Naproxen eine bessere Wirksamkeit für Schmerzfreiheit nach 2 Stunden und für anhaltende Schmerzfreiheit bis zu 24 Stunden hat als Sumatriptan oder Naproxen allein - und das bei „akzeptablen unerwünschten Arzneimittelwirkungen“.
Bei Triptanen sind erstaunlich wenig Nebenwirkungen zu beobachten. Manche klagen über ein Engegefühl in der Brust.
CGRP-Antikörper: Eine weitere Option zur Migräneprophylaxe
Seit ein paar Jahren gibt es auch Prophylaxemittel, zum Beispiel CGRP-Antikörper. Spritzt man Patienten Antikörper, wirken diese gegen das CGRP und machen es unschädlich. So entstehen die Migräneattacken erst gar nicht.
Erenumab (Aimovig®) ist ein monoklonaler Antikörper, der den CGRP-Rezeptor hemmt. In Migräneattacken finden sich erhöhte CGRP-Spiegel, bei der chronischen Migräne auch zwischen den Anfällen. Durch die intravenöse Gabe von CGRP können bei Migränepatienten migräneartige Kopfschmerzen hervorgerufen werden. Die in der Migräneakuttherapie wirksamen Triptane hemmen die Freisetzung von CGRP.
Erenumab: Details zur Anwendung und Wirksamkeit
Erenumab wurde von der Food and Drug Administration (FDA) für die vorbeugende Behandlung von Migräne bei Erwachsenen zugelassen. Die Behandlung wird durch eine Selbstinjektion des Arzneimittels unter die Haut einmal pro Monat durchgeführt. Aimovig ist das erste zugelassene vorbeugende Migränemedikament einer neuen Klasse von Arzneimitteln zur Vorbeugung der Migräne. Sie wirken durch die Hemmung der Aktivität von Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP).
In den Zulassungsstudien konnte Erenumab sowohl bei Patienten mit episodischer als auch chronischer Migräne und bisheriger Erfolglosigkeit von maximal zwei (bei episodischer Migräne) bzw. maximal drei (bei chronischer Migräne) Migräneprophylaktika die Zahl der Migränetage im Monat signifikant stärker reduzieren als Placebo.
Wirtschaftlichkeit von Erenumab
Bei der Verordnung muss auch die Wirtschaftlichkeit berücksichtigt werden. Das Medikament kostet rund 495 Euro pro Monat (Stand März 2021) und ist um ein Vielfaches teuerer als die bisherigen vorbeugenden Medikamente. Die Wirtschaftlichkeit wird im sog. AMNOG bedeutet „Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz“ und zielt auf die Preisregulierung innovativer Medikamente in Deutschland. Grundlage ist die Zusatznutzenbewertung.
Nebenwirkungen von Erenumab
Die Fachinformation listet als in den Studien erfasste Nebenwirkungen Reaktionen an der Injektionsstelle (5.6% bei 70 mg Erenumab bzw. 4.5% bei 140 mg Erenumab), Obstipation (1.3% bzw. 3.2%), Muskelspasmen (0.7% bzw. 2.0%) und Pruritus (1.0% bzw. 1.8%) auf. Die meisten dieser Nebenwirkungen waren von leichtem oder mittlerem Schweregrad.
Nicht-medikamentöse Therapieoptionen
Neben den medikamentösen Behandlungen gibt es auch nicht-medikamentöse Therapieoptionen, die bei Migräne helfen können. Gesicherte Erkenntnisse zur Wirksamkeit liegen mittlerweile auch für die externe transkutane Stimulation des Nervus trigeminus im supraorbitalen Bereich (Cefaly®) vor als nicht-medikamentöse Akut-Behandlungsoption. Ebenfalls als wirksam bei der Therapie akuter Migräneattacken gilt die Remote Electrical Neuromodulation (REN).
Für Akupunktur gibt es weiterhin lediglich „Hinweise auf eine Wirkung bei der Behandlung des akuten Migräneanfalls“ - problematisch sei allerdings die Qualität der vorliegenden Studien, die keine Aussage zur Evidenz zulassen, heißt es von den Leitlinienautoren.
Weitere vielversprechende Forschungsansätze
Neben Gepanten rücken auch andere vielversprechende Ansätze in den Fokus der Migräneforschung. Das Signalmolekül PACAP-38 (Pituitary Adenylate Cyclase-activating Peptide-38) ist ein potenzielles neues Ziel für künftige Therapien. Forschungen von Professor Dr. Messoud Ashina und seinem Team an der Universität Kopenhagen haben hierzu wichtige Erkenntnisse geliefert. Die Hemmung der PACAP-Signalübertragung könnte somit ein wirksamer neuer Ansatz zur Migräneprävention sein.
Ein weiteres interessantes Wirkziel für die Migränetherapie sind KATP-Kanäle, ATP-abhängige Kaliumkanäle, die im trigeminovaskulären System weit verbreitet sind und unter anderem an der Regulierung von Anspannung von Arterien in Gehirn und Hirnhaut mitwirken.
tags: #neun #medikament #fur #migrane