Einführung
Die Neurologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Diagnose, Behandlung und Rehabilitation von Erkrankungen des Nervensystems befasst. Neurologen, früher auch Nervenärzte genannt, sind auf die Erkrankungen der Nerven spezialisiert. Dieser Artikel beleuchtet die Rolle des Neurologen im Zusammenhang mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen, Diagnoseverfahren und Behandlungsstrategien.
Die Rolle des Neurologen
Ein Neurologe ist ein Facharzt für die Diagnose, Behandlung und Rehabilitation von Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems. Dazu zählen beispielsweise Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne oder Cluster-Kopfschmerzen, aber auch Schlaganfälle, Schwindel und degenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose.
Aufgaben und Zuständigkeiten
Die Zuständigkeit eines Neurologen umfasst eine Vielzahl von Erkrankungen, die sowohl akute Erkrankungen und Verletzungen als auch chronische Leiden umfassen können. Da das zentrale und das periphere Nervensystem weitreichende Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben, sind auch die Erkrankungen der genannten Strukturen häufig schwerwiegend.
Ausbildung zum Neurologen
Wie für jede ärztliche Disziplin muss auch für den Beruf des Neurologen zunächst das 6-jährige Medizinstudium absolviert werden. Nach dem Grundstudium dauert das Facharztstudium zum Neurologen weitere fünf Jahre, die als Assistenzarzt verbracht werden.
Neurologische Erkrankungen im Fokus
Die Neurologie befasst sich mit einer Vielzahl von Erkrankungen, die das Nervensystem betreffen. Einige der häufigsten und wichtigsten neurologischen Erkrankungen werden im Folgenden näher betrachtet.
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Morbus Parkinson
Morbus Parkinson ist nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung des Nervensystems. Allein in Deutschland sind etwa 500.000 Menschen davon betroffen. Tatsächlich können jedoch einige Jahre und sogar Jahrzehnte vergehen, bis erste Beschwerden auftreten und erkannt werden.
Symptome und Diagnose
Friedrich sitzt mit seiner Frau Anne im Wartezimmer des Neurologen. Seit einiger Zeit hat seine Frau ein Zittern bei ihm bemerkt, das ihm zunächst gar nicht aufgefallen war. Zum Beispiel wenn er etwas schrieb - seine Schrift geriet dann kleiner als normal und weniger deutlich. Er war weniger konzentriert als früher und hat auch angefangen, weniger aufrecht zu gehen. Anfangs dachte sich Friedrich nicht viel dabei, schließlich ist er mit 70 Jahren kein junger Mann mehr und darauf gefasst, dass sich einige Dinge im Alter verschlechtern. Doch als er seinem Hausarzt von den Beobachtungen seiner Frau erzählt hat, hat dieser ihm geraten, zur Abklärung der Symptome einmal einen Neurologen aufzusuchen, da auch eine neurologische Erkrankung dahinterstecken könnte.
Behandlung
Experten wie der Neurologe Prof. Günter Höglinger sehen nach jahrzehntelanger Forschung einen positiven Trend: „Zwar ist es immer noch eine ernste Erkrankung, aber sie führt in vielen Fällen nicht zu einer Einschränkung der Lebenserwartung", sagt der Direktor der Neurologischen Klinik des LMU Klinikums München. Ein Grund: das erheblich verbesserte Wissen zu Parkinson-Diagnostik und Behandlung. Die medikamentöse Behandlung von Parkinson zielt darauf ab, die Botenstoffe im Gehirn wieder in ihr Gleichgewicht zu bringen und damit die motorischen Defizite abzumildern. Dazu kommen Medikamente zum Einsatz, die den Dopaminmangel wieder ausgleichen, wie zum Beispiel Levodopa (in Kombination mit einem Decarboxylasehemmer). Neben der medikamentösen Behandlung sind nicht-medikamentöse Therapien sehr wichtig. Die Erkrankten werden dabei unterstützt, ihre bestehenden kognitiven Fähigkeiten und Alltagskompetenzen möglichst lange zu erhalten. Zur Linderung der motorischen Symptome der Parkinson-Erkrankung wird möglichst viel körperliche Aktivität empfohlen.
Multiple Sklerose (MS)
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Sie ist degenerativ und es treten im Verlauf der Krankheit u. a. Symptome wie Gefühlsstörungen in den Extremitäten oder Sehstörungen auf.
Symptome und Diagnose
„Parästhesien sind ein typisches Frühsymptom bei Multipler Sklerose und gehen mit Missempfindungen wie Kribbeln, Prickeln, «Ameisenlaufen» oder auch Kälte- und Wärmegefühlen sowie Taubheit oder Schwäche einher. Bei MS treten sie häufig zunächst in den Beinen oder Armen auf“, berichtet Dr. Frank Bergmann vom Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) mit Sitz in Krefeld. „Bei vielen Betroffenen macht sich die Erkrankung auch zunächst durch Sehstörungen bemerkbar, weil der Sehnerv betroffen ist. Die Umwelt erscheint dann wie durch einen dichten Nebel, ganz unscharf und manchmal auch in Doppelbildern. Ebenso ist ein Sehausfall im Zentrum des Blickfeldes eines Auges möglich.“ Auch eine allgemeine Mattigkeit, rasche Ermüdbarkeit, Konzentrationsstörungen sowie Blasen- und Darmentleerungsstörungen zählen zu den möglichen Frühsymptomen. Ist der Gleichgewichtssinn beeinträchtigt, kann Schwindel in Verbindung mit Übelkeit und Brechreiz auftreten.
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Behandlung
Die Multiple Sklerose ist bislang nicht heilbar aber gut behandelbar. Die Therapie der MS hat durch die Einführung einer wirkungsvollen Schubbehandlung und einer vorbeugenden Langzeittherapie in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. „Das Ziel der Behandlung ist eine bestmögliche Kontrolle der Entzündungsaktivität, wobei gleichzeitig ein besonderes Augenmerk auf der Verbesserung der motorischen Fähigkeiten, dem Erhalt der Alltagskompetenz, der Selbstständigkeit sowie der Berufs- bzw. Erwerbsfähigkeit liegt. Es ist wichtig, dass bei Betroffenen ein sozialer Rückzug und Depressionen vermieden werden, wodurch sich letztlich auch die Lebensqualität entscheidend verbessert“, meint Dr. Bergmann. „Die vorbeugende immunprophylaktische Therapie kann eine mögliche spätere Behinderung verhindern oder verzögern.
Schlaganfall
Darunter versteht man eine akute Durchblutungsstörung des Großhirns. Ein Notfall stellt beispielsweise ein akuter Schlaganfall dar.
Epilepsie
Die Epilepsie beschreibt eine vorrübergehende Funktionsstörung des Gehirns. Typischerweise treten sog. Krampfanfälle auf.
Demenz
Die Demenz ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, in deren Verlauf das Denken, das Gedächtnis und andere Hirnleistungen nachlassen.
Kopfschmerzerkrankungen
Cluster-Kopfschmerzen sind starke einseitige Schmerzattacken, die häufig periodisch (also innerhalb einer gewissen Zeitspanne immer wieder) auftreten. Migräne beschreibt halbseitige Kopfschmerzen, ebenfalls in periodischen Attacken auftretend.
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Herpes Zoster (Gürtelrose)
Herpes Zoster ist auch als ‚Gürtelrose‘ bekannt, es handelt sich dabei um eine Infektionskrankheit, die Haut und Nerven betrifft. Der Erreger des Herpes Zoster ist das sog. ‚Varizella-Zoster-Virus‘, kurz VZV. In erster Linie ist es der Erreger der Windpocken.
Verlauf und Behandlung
Die Erkrankung dauert in der Regel ein bis zwei Wochen an. In dieser Zeit verkrusten die Bläschen des Hautausschlags und heilen ab. Die Behandlung der Schmerzen ist wichtig, da diese ansonsten chronifizieren können. Es existiert eine Impfung gegen den Varizella-Zoster-Virus, meist in Kombination mit der Impfung gegen Mumps, Masern und Röteln. Diese Impfung erhalten Kinder in der Regel im zweiten Lebensjahr. Doch die Impfung gegen den Varizella-Zoster-Virus ist auch bei Personen sinnvoll, die bereits an den Windpocken erkrankt waren, da sie auch eine Reaktivierung des Virus’ als Gürtelrose verhindert. Sie kann auch angewendet werden, um den Verlauf der Gürtelrose abzumildern. Zudem können sog. Virustatika eingesetzt werden.
Diabetische Polyneuropathie
Die diabetische Polyneuropathie ist eine Folgeerkrankung des Diabetes mellitus.
Schädel-Hirn-Traumata
Verletzungen des Schädels mit Hirnbeteiligung, ausgelöst durch Gewalteinwirkungen auf den Kopf (bspw. Sturz, Schlag oder Aufprall).
Dystonie
Der Begriff Dystonie beschreibt eine neurologische Bewegungsstörung. Es kann beispielsweise zu unwillkürlichen Kontraktionen einzelner Muskelpartien kommen.
Sulcus Ulnaris Syndrom
Das sulcus ulnaris syndrom ist die lat. Bezeichnung für einen eingeklemmten Nerv (Ulnarisnerv) im Ellenbogengelenk.Ist nicht so selten und meistens verursacht durch Gewebe oder Knochen, die den Nerv an dieser Engstelle abdrücken.
Diagnoseverfahren in der Neurologie
Zur Diagnose neurologischer Erkrankungen existiert eine große Bandbreite an körperlichen Untersuchungsmethoden.
Anamnese und körperliche Untersuchung
Auch zu Beginn einer neurologischen Untersuchung erfolgt in der Regel immer das sogenannte Anamnesegespräch, das Gespräch zwischen Arzt und Patient. Welche Beschwerden haben Sie? Hatten Sie schon einmal ähnliche Beschwerden? Im Anschluss folgt die körperliche Untersuchung, die bei der neurologischen Diagnostik eine zentrale Rolle spielt.
Reflexprüfung
Die Prüfung der Reflexe umfasst eine Vielzahl von Untersuchungen. Eine weitere Kategorie an Reflexen, die getestet werden können, sind die Fremdreflexe. Bei diesen liegt der Rezeptor nicht am gleichen Ort wie der Effektor (beispielsweise kann der Bauchhautreflex getestet werden, indem der Patient entspannt liegt und der Arzt mit einem Mundspatel o. Ä. über die Bauchhaut streicht).
Gangprüfung und Romberg-Stehversuch
Der Stand oder der Gang können bei Beeinträchtigung beispielsweise Hinweise auf eine Ataxie geben. Dazu wendet der Neurologe Techniken wie beispielsweise die Gangprüfung an, bei der der Patient einige Schritte im Zimmer läuft - erst vorwärts, dann rückwärts. Der Neurologe schaut dann, ob das Gangbild normal „flüssig“ ist. Benannt nach dem Mitbegründer der Neurologie, dem Arzt Moritz Heinrich Romberg, ist der sog. ‚Romberg-Stehversuch‘ - ein bewährter Test zur Prüfung des Stands. Dabei soll sich der Patient mit dicht nebeneinanderstehenden Beinen und ausgestreckten Armen hinstellen und die Augen schließen.
Vigilanzprüfung und Koordinationstests
Zur Überprüfung der Wachheit, der sogenannten Vigilanz, wird der Neurologe vom Patienten Standardangaben erfragen, wie etwa seinen Vor- und Zunamen, den Geburtstag, das aktuelle Datum oder den Ort. Zur Überprüfung der Koordination kann der Neurologe beispielsweise den Finger-Nase-Versuch (bei dem der Patient mit geschlossenen Augen mit dem Finger seine Nasenspitze berühren soll) oder den Knie-Hacke-Versuch (bei dem der Patient mit der Hacke des einen Fußes am Schienbein des anderen Beines hinunterstreichen soll) durchführen.
Prüfung der Hirnnerven
Die Funktion der Hirnnerven wird systematisch geprüft:
- Nervus oculomotorius (wird gemeinsam mit den Nerven IV und VI geprüft): Die Augenbewegung (sog. ‚Okulomotorik‘) wird überprüft, indem der Patient mit den Augen einem Finger folgen soll.
- Nervus facialis: Eine Prüfung der Motorik (hier der mimischen Muskulatur) erfolgt, indem man den Patienten Gesichtsbewegungen wie Stirnrunzeln, Naserümpfen oder Backen-Aufblasen durchführen lässt.
- Nervus glossophyrangeus (wird gemeinsam mit Nerv X geprüft): Hier wird bspw. der Würgereflex ausgelöst.
Meningismus-Zeichen
Hierbei liegt der Patient auf dem Rücken und der Untersucher beugt den Kopf des Patienten nach vorne. Schmerzen oder Widerstand können auf eine Reizung der Hirnhäute hindeuten.
Neuropsychologische Tests
Im Fokus stehen hier Einschränkungen der kognitiven Leistung. Zu den oben genannten neuropsychologischen Veränderungen gehört auch die Kategorie der Sprachstörungen. Der Begriff Aphasie beschreibt die Unfähigkeit zu sprechen. Hierbei können sowohl das Sprachverständnis als auch die Sprachproduktion gestört sein. Es lassen sich verschiedene Arten von Aphasien unterschieden:
- Broca-Aphasie: Diese Form wird auch motorische Aphasie genannt. Hierbei liegt die Schädigung des Hirns im sogenannten Broca-Areal, dem motorischen Sprachzentrum im Frontallappen. Bei dieser Form der Aphasie ist das Sprachverständnis meist intakt - der Patient kann also verstehen, was andere ihm sagen.
- Wernicke-Aphasie: Diese Form wird auch die sensorische Aphasie genannt. Hier liegt die Schädigung des Hirns im sogenannten Wernicke-Areal, dem sensorischen Sprachzentrum im Temporallappen des Gehirns. Patienten können fließend sprechen, der Inhalt der Sprache ist jedoch ohne sinnhaften Zusammenhang.
- Globale Aphasie: Bei dieser Form der Aphasie sind das Broca- und das Wernicke-Areal sowie die Verbindung zwischen den beiden Bereichen (der sog. ‚Fasciculus arcuatus‘) betroffen.
- Amnestische Aphasie: Bei der amnestischen Aphasie ist die Lokalisation des Schadens in der Regel nicht genau möglich. Paraphasien sind Wortverwechslungsstörungen.
- Phonematische Paraphasien: Hierbei werden einzelne Laute eines Wortes vertauscht oder ersetzt, so kann etwa „Blume“ zu „Blule“ werden.
- Semantische Paraphasien: Hierbei verwechselt der Patient im Deutschen existierende Wörter miteinander. Bei der engen semantischen Paraphasie stammen diese zumeist aus derselben Wortgruppe (der Patient nennt etwa „Apfel“ statt „Birne“, beides sind Obstsorten; oder „Schwester“ statt „Tochter“).
Weiterführende Diagnostik
Zur weiterführenden Diagnostik kann der Neurologe auf weitere Untersuchungen zurückgreifen. Das können zum einen bildgebende Verfahren sein. Zum Zwecke dieser Untersuchungen kann der Neurologe Sie auch an einen Radiologen überweisen. Der Radiologe als Facharzt ist auf die Durchführung solcher Diagnostikmittel spezialisiert. Ein weiteres Verfahren, das Neurologen einsetzen, ist die sogenannte Elektroenzephalographie, kurz EEG. Hierbei werden Elektroden auf der Kopfhaut des Patienten platziert, mit Hilfe derer Gehirnströme erfasst werden.
Behandlungsstrategien in der Neurologie
Die Behandlungsstrategien des Neurologen richten sich selbstverständlich nach den jeweiligen Grunderkrankungen. Da diese von sehr unterschiedlicher Natur sind, kann auch die Therapie stark variieren.
Konservative Behandlung
Die konservative Behandlung einer Erkrankung umfasst die Behandlung des Krankheitszustandes mit medikamentösen Mitteln und auch physikalischen Maßnahmen. Bei der Multiplen Sklerose gibt es bspw. Medikamente, die die Patienten einnehmen können, um Symptome abzuschwächen oder auch Immunsuppressiva, um das Voranschreiten der Krankheit entgegenzuwirken. Zu den physikalischen Maßnahmen zählt beispielsweise die Physiotherapie.
Operative Verfahren
Operative Verfahren kommen dann zum Einsatz, wenn durch die konservativen Verfahren keine Verbesserung der Krankheit erzielt werden kann oder eine Notfallsituation vorliegt. Einen Notfall stellt beispielsweise ein akuter Schlaganfall dar.
Wann sollte man einen Neurologen aufsuchen?
Einen regulären Termin bei einem Neurologen zu bekommen, kann eine längere Wartezeit (über einen Monat) in Anspruch nehmen. Sind die Beschwerden unspezifisch (können Sie sie also nicht einer schon bekannten Erkrankung zuordnen) und nicht akut gefährdend, so ist zunächst der Weg zum Hausarzt sinnvoll. Manche Neurologen haben eine Notfallsprechstunde, die Patienten mit akuten Beschwerden (Beschwerden, die in den vergangenen Wochen aufgetreten sind oder beispielsweise ein Schlaganfall o. Ä.) aufsuchen können.