Kopfschmerzen sind ein weit verbreitetes Leiden. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 54 Millionen Menschen betroffen. Die häufigsten Kopfschmerzarten sind Migräne und Spannungskopfschmerzen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Migränebehandlung, von den Symptomen und Ursachen bis hin zu den neuesten Therapieansätzen.
Häufigkeit und Hauptsymptome
Kopfschmerzen zählen zu den häufigsten Symptomen überhaupt, fast jeder kennt Kopfschmerzen. Die häufigsten Kopfschmerzarten sind Migräne und der Kopfschmerz vom Spannungstyp. Bei der Migräne kommt es zu halbseitigen pochenden Kopfschmerzen mit Übelkeit, eventuell Erbrechen sowie Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit. Beim Kopfschmerz vom Spannungstyp treten eher dumpfe Kopfschmerzen auf, die oft den gesamten Kopf betreffen.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, meist einseitige, pochende oder hämmernde Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Schmerzen können mehrere Stunden oder sogar Tage andauern. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit 8 % der Männer und 18 % der Frauen von Migräne betroffen. In Deutschland geht man von etwa 8 Millionen Menschen mit Migräne aus. Frauen sind im mittleren Lebensalter häufiger betroffen als Männer, was unter anderem auf Schwankungen im Östrogenspiegel zurückzuführen ist.
Migräne wird als eine Form des "primären Kopfschmerzes" klassifiziert, da keine fassbare pathophysiologische oder morphologische Veränderung zugrunde liegt. Die Beschwerden beginnen oft in den frühen Morgenstunden oder bereits beim Aufwachen. Begleitend treten häufig eine Überempfindlichkeit gegen Licht (ca. 60 % der Fälle), laute Geräusche (50 %) und Gerüche (10 %) auf. Appetitlosigkeit, Übelkeit (bis zu 80 %) und Erbrechen (bis zu 50 %) sind ebenfalls häufige Begleiterscheinungen.
Migräne mit und ohne Aura
Man unterscheidet zwischen Migräne ohne Aura und der selteneren Migräne mit Aura (ca. 10 %). Bei der Migräne mit Aura treten vor den Kopfschmerzen neurologische Ausfallerscheinungen auf, meist Sehstörungen. Diese werden als Flimmern, Schleiersehen oder gezackte Figuren im Gesichtsfeld wahrgenommen; teilweise kommt es auch zu Gesichtsfeldausfällen. Seltener treten andere vorübergehende neurologische Ausfälle auf, wie Lähmungen einer Körperhälfte oder eines Arms/Beins, sensible Ausfälle, Schwindel oder Sprachstörungen. Die Dauer ist typischerweise begrenzt (ca. 30-60 Minuten).
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Migräne bei Kindern
Auch bei Kindern im Schulkindalter tritt Migräne auf (ca. 2,5 % der Kinder bis 9 Jahre, ca. 5 % bis 12 Jahre), hier bei Mädchen und Jungen gleich häufig. Die Kopfschmerzen werden oft von starker Übelkeit und Brechreiz und/oder Bauchschmerzen begleitet. Im Unterschied zu Erwachsenen sind die Kopfschmerzattacken häufig kürzer, oft beidseitig und mit starker Betonung auf die Begleitsymptome (Bauchschmerzen), was das Erkennen erschwert. Nach der Pubertät kommt es häufig zu einer deutlichen Besserung oder sogar zum Verschwinden der Migräne.
Triggerfaktoren
Es gibt verschiedene Faktoren und Substanzen, die einen Migräneanfall auslösen können, die sogenannten "Triggerfaktoren". Diese Migräneauslöser sind individuell sehr unterschiedlich. Häufige Triggerfaktoren sind:
- Alkoholkonsum (v.a. Rotwein)
- Stress
- Schlafmangel
- Wetteränderungen
- Hormonelle Veränderungen (z.B. Menstruation)
- Bestimmte Nahrungsmittel (z.B. Käse, Schokolade)
Pathophysiologie der Migräne
Die Migräne ist eine komplexe Erkrankung, die durch verschiedene pathophysiologische Mechanismen hervorgerufen wird. Die einzelnen Vorgänge und deren Zusammenspiel werden intensiv erforscht, sind jedoch noch nicht abschließend geklärt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Migräneattacke durch eine Aktivierung bestimmter Strukturen des Hirnstamms, des trigeminovaskulären Systems, zustande kommt. Diese besteht in einer neurogenen Entzündung der harten Hirnhaut (mit den Folgen einer Gefäßerweiterung kleiner Hirnhautgefäße, Plasmaausstrom ins perivaskuläre Gewebe, Freisetzung von Entzündungsmediatoren wie Histamin, Serotonin, Prostaglandinen u.a.).
Der Schmerz entsteht an der Hirnhaut durch eine lokale Gefäßerweiterung nach Ausschüttung gefäßaktiver Neuropeptide wie Substanz P und CGRP (Calcitonin-Gene-related-Peptid) durch den 5. Hirnnerv. Über die Fasern des N. trigeminus wird der Schmerz dann größtenteils weitergeleitet. Daneben ziehen einige Fasern zur Hinterwurzel des oberen Halsmarks, wodurch die häufig auftretenden Nackenschmerzen bei Migränepatienten verursacht werden.
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Eine wichtige schmerzkontrollierende Funktion scheint eine zentrale Hirmstammstruktur zu haben, das periaquäaduktale Grau (PAG). Seine vorübergehende Funktionseinschränkung scheint mitverantwortlich für die Auslösung einer Migräneattacke zu sein.
Die Aura, die vielen schweren Attacken vorausgeht, lässt sich mit der schon vor 70 Jahren vermuteten Erregbarkeitshypothese erklären ("Cortical Spreading Depression" = CSD), wonach durch eine Reizung der Hirnrinde eine flächige Depolarisation von Nervenzellen über die Hirnrinde ausgelöst wird. Die Ausbreitung dieser Erregbarkeit konnte mittlerweile auch bildlich dargestellt werden. Diese Ausbreitung bringt eine Durchblutungsminderung und die Freisetzung gefäßaktiver Neuropeptide mit sich.
Diagnose
Die Diagnose wird meist anhand der typischen Beschwerdeschilderung und eines normalen neurologischen Untersuchungsbefunds gestellt. Erstmalige Kopfschmerzen, sehr starke Kopfschmerzen und eine Veränderung oder Verstärkung bekannter Kopfschmerzen sollten unbedingt zeitnah von einem Neurologen weiter abgeklärt werden. Auch das Auftreten neurologischer Symptome (z. B. Bewusstlosigkeit, Seh- bzw. Sprachstörungen, Lähmungen) erfordert eine rasche neurologische Abklärung.
Zunächst finden ein ausführliches Anamnesegespräch und eine eingehende körperliche Untersuchung statt. Zur weiteren Abklärung von seltenen Kopfschmerzformen und bei Verdacht auf sekundäre Kopfschmerzen steht eine Reihe von verschiedenen Methoden zur Verfügung. Dazu gehören u. a. Blutuntersuchungen, die Untersuchung der Hirnströme (EEG), Bildgebung des Gehirns (CT oder MRT), Ultraschalluntersuchungen und die Analyse der Nervenflüssigkeit (sogenannte Liquorpunktion).
Akuttherapie
Ziel der Akuttherapie ist es, die Migräneattacke möglichst schnell und vollständig zu beenden.
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- Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Migräneanfällen können klassische Schmerzmedikamente wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure (ASS) eingesetzt werden.
- Triptane: Bei schweren Migräneattacken kommen spezifische Migränemedikamente, sogenannte Triptane, zum Einsatz. Diese wirken, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen hemmen. Triptane sollten möglichst frühzeitig eingenommen werden.
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon eingesetzt werden.
- Nicht-pharmakologische Maßnahmen: Minzöl, Entspannungstechniken und Akupunktur können ebenfalls zur Linderung akuter Migräneattacken beitragen.
Prophylaktische Therapie
Bei einer hohen Anzahl von Migräneattacken pro Monat kommt weiterhin die prophylaktische Therapie zum Einsatz. Diese soll langfristig die Häufigkeit und Intensität von Migräneanfällen reduzieren.
- Medikamentöse Prophylaxe: Zur medikamentösen Prophylaxe der Migräne können Betablocker, Antiepileptika, Antidepressiva oder CGRP-Antikörper eingesetzt werden. CGRP-Antikörper sind eine relativ neue Klasse von Medikamenten, die gezielt auf die Auslöser bei der Migräne wirken.
- Nicht-medikamentöse Maßnahmen: Regelmäßiger Ausdauersport, Entspannungstechniken, Akupunktur und eine Anpassung des Lebensstils können ebenfalls zur Migräneprophylaxe beitragen.
Medikamentenübergebrauch
Ein häufiges Problem bei Migränepatienten ist der Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch. Dieser tritt auf, wenn Patienten über einen längeren Zeitraum zu viele Schmerzmedikamente eingenommen haben. Die Kopfschmerzattacken werden dabei immer länger und man muss immer mehr Medikamente nehmen, um die Kopfschmerzen zu bekämpfen. Therapeutisch muss ein Medikamentenentzug erfolgen. Überbrückend müssen meist andere Medikamente, teilweise auch Cortison, eingesetzt werden.
Spezielle Situationen
- Kopfschmerzen in der Schwangerschaft: Bei der Behandlung von Kopfschmerzen in der Schwangerschaft müssen besondere Vorsichtsmaßnahmen beachtet werden. Einige Medikamente sind während der Schwangerschaft nicht geeignet.
- Kopfschmerzen bei Kindern: Die Behandlung von Kopfschmerzen bei Kindern erfordert ebenfalls eine spezielle Herangehensweise.
Leben mit Migräne
Jede Patientin und jeder Patient wird individuell im Laufe der Zeit lernen, mit der eigenen Kopfschmerzerkrankung zu leben. Wichtig sind das Wissen um die Erkrankung und die Übernahme von Eigenverantwortung. Dazu gehören die Kenntnis und das Vermeiden möglicher Auslöser für die Attacken und die Ausnutzung vorbeugender Maßnahmen. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, Triggerfaktoren zu identifizieren.
Fazit
Migräne ist eine chronische Erkrankung, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Durch eine frühzeitige Diagnose, eine individuell abgestimmte Therapie und die Übernahme von Eigenverantwortung können Migränepatienten jedoch eine gute Symptomkontrolle erreichen und ihre Lebensqualität verbessern. Es ist wichtig, einen Neurologen aufzusuchen, um die richtige Diagnose zu erhalten und einen individuellen Therapieplan zu erstellen.
Die Rolle von Spezialsprechstunden und Kopfschmerzzentren
Für Patienten mit chronischen oder schwer behandelbaren Kopfschmerzen kann die Vorstellung in einer Spezialsprechstunde oder einem Kopfschmerzzentrum sinnvoll sein. Diese Einrichtungen bieten eine umfassende Diagnostik und ein breites Spektrum an Therapieoptionen.
Neue Therapieformen
In den letzten Jahren wurden neue Therapieformen für Migräne entwickelt, die vielversprechende Ergebnisse zeigen. Dazu gehören unter anderem:
- CGRP-Antikörper: Diese Medikamente blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), einen Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt.
- Lasmiditan: Dieses Medikament ist ein Serotonin-Rezeptor-Agonist, der speziell für die Akutbehandlung von Migräne entwickelt wurde.
- Neurostimulation: Verfahren wie die transkranielle Magnetstimulation (TMS) oder die Vagusnervstimulation (VNS) können ebenfalls zur Behandlung von Migräne eingesetzt werden.
Multiprofessionelle Behandlung
Eine erfolgreiche Migränebehandlung erfordert oft einen multiprofessionellen Ansatz. Neben Neurologen können auch Psychologen, Physiotherapeuten und andere Fachkräfte in die Behandlung eingebunden werden.
Forschung und Ausblick
Die Migräneforschung ist ein aktives Gebiet. Es werden ständig neue Erkenntnisse über die Ursachen und Mechanismen der Migräne gewonnen, die zur Entwicklung neuer und effektiverer Therapien führen können.
Wichtige Hinweise
- Erstmalige Kopfschmerzen, sehr starke Kopfschmerzen und eine Veränderung oder Verstärkung bekannter Kopfschmerzen sollten unbedingt zeitnah von einem Neurologen weiter abgeklärt werden.
- Triptane sollten nicht an mehr als 10 Tagen im Monat eingenommen werden, um einen Medikamentenübergebrauch zu vermeiden.
- Mutterkornalkaloide und Triptane dürfen nicht zusammen oder kurz hintereinander eingenommen werden.
- Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, Triggerfaktoren zu identifizieren und die Wirksamkeit der Therapie zu beurteilen.
Die Bedeutung der Selbsthilfe
Neben der ärztlichen Behandlung können Migränepatienten auch selbst viel zur Linderung ihrer Beschwerden beitragen. Dazu gehören:
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- Ausgewogene Ernährung
- Regelmäßige Bewegung
- Stressmanagement
- Vermeidung von Triggerfaktoren
Unterstützung und Information
Es gibt zahlreiche Organisationen und Selbsthilfegruppen, die Migränepatienten und ihre Angehörigen unterstützen und informieren. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) ist eine wichtige Anlaufstelle für Informationen und Beratung.