Sensomotorisches Training (SMT) ist ein vielversprechender Ansatz zur Verbesserung der neuromuskulären Funktion und wird in verschiedenen Bereichen eingesetzt, von der Rehabilitation nach Verletzungen bis zur Leistungssteigerung im Sport. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen des sensomotorischen Systems, die Wirkungsweise von SMT und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu seinen neuromuskulären Effekten, wobei Studien und praktische Anwendungen berücksichtigt werden.
Grundlagen des Sensomotorischen Systems
Die Sensomotorik vereint Sensorik und Motorik. Die Sensorik beschreibt die Aufnahme und Weiterleitung von Informationen (Afferenzen) aus der Umwelt und dem eigenen Körper. Diese Afferenzen umfassen visuelle, auditive, vestibuläre und somatosensorische Informationen. Das somatosensorische System beinhaltet Rezeptoren wie Golgi-Sehnenorgane, Ruffini- und Pacini-Körperchen, Meissner-Tastzellen und Merkel-Zellen. Die Motorik hingegen umfasst die Ansteuerung und Anspannung/Entspannung von Muskeln über efferente Nervenbahnen.
Das sensomotorische System ist ein komplexes, kreisförmiges System, in dem jede Bewegungsausführung den Ursprung einer neuen Bewegung darstellt. Das zentrale Nervensystem (ZNS) bewertet unter normalen Bedingungen sensomotorische Informationen höher als visuelle oder vestibuläre.
Posturale Kontrolle und Sensomotorik
Posturale Kontrolle ist die Fähigkeit, das Gleichgewicht unter dem Einfluss der Schwerkraft zu halten, indem der Körperschwerpunkt über der Unterstützungsfläche gehalten oder dorthin zurückgebracht wird. Bei jeder Bewegung sollte der Mensch seine Körperposition gegen die Schwerkraft kontrollieren können, wobei Knie-, Hüft- und Rumpfextensoren eine wichtige Rolle spielen. Mechanorezeptoren der Fußsohle sind für die posturale Orientierung von großer Bedeutung, da sie nach den Fingerspitzen die höchste Dichte an Rezeptoren der Oberflächensensibilität aufweisen.
Was ist Sensomotorisches Training?
Sensomotorisches Training ist ein koordinatives Training zur Verbesserung von Bewegungsabläufen. Koordination ist die Fähigkeit, vorhersehbare und unvorhersehbare Situationen motorisch sicher und ökonomisch zu beherrschen. Sie bildet die Basis aller Leistungen des sensomotorischen Systems. Kognitive Aspekte wie Aufmerksamkeit, Motivation, Emotion, Planung und Strategie spielen ebenfalls eine Rolle.
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Koordination beeinflusst alle anderen motorischen Fähigkeiten positiv und ist eine entscheidende Säule neben Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Mobilität. Dadurch kann die Leistungsfähigkeit gesteigert werden.
Der Sensopro als Trainingsgerät
Der Sensopro ist ein neuartiges Trainingsgerät, das in der Sensomotorik und neuromuskulären Therapie eingesetzt wird. Es besteht aus einem rechteckigen Gestell mit einer fixierbaren Wippe (Swingboard) und freischwingenden Standflächen (Tapes), Gummizügen, Handläufen und einem Sicherungssystem. Das Training wird durch eine professionelle Trainingsanleitung per Videosystem demonstriert, wobei unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und sportartspezifische Übungen wählbar sind.
Das Training auf den Tapes reduziert das Körpergewicht um ca. 20 %, was es gelenkschonend macht. Es kann bei orthopädischen Erkrankungen, Schmerzsyndromen und Verletzungen der Wirbelsäule oder Extremitäten eingesetzt werden. Auch neurologische Patienten mit Multipler Sklerose, Parkinson oder Zustand nach Apoplex können davon profitieren.
Anwendungsbereiche des Sensomotorischen Trainings
Rehabilitation und Sport
Sensomotorisches Training ist ein wichtiger Baustein im Return-to-Sport-Konzept (RTS), um nach verletzungsbedingten Sport- und Trainingspausen schnell wieder das alte Leistungsniveau zu erreichen. Es wird von Spitzensportlern genutzt, um die Ansteuerungsfähigkeit der Muskulatur und die Reaktionsfähigkeit zu verbessern, was Verletzungen vorbeugt und das Erreichen sportlicher Ziele beschleunigt.
Neurologie
In der Neurologie profitieren Patienten mit Multipler Sklerose, Parkinson und Zustand nach Apoplex von diesem Training.
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Orthopädie
Das Training kann bei orthopädischen Erkrankungen aller Art eingesetzt werden und ist hervorragend geeignet für die Therapie von Schmerzsyndromen und Verletzungen der Wirbelsäule oder der Extremitäten. Nichtoperativ und operativ versorgte Patienten profitieren gleichermaßen vom gelenkschonenden Training.
Sensomotorisches Training bei VKB-Ruptur
Eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes (VKB) ist eine schwere Knieverletzung. Unabhängig von der gewählten Therapie bleiben bei vielen Patienten funktionelle Defizite bestehen, die auf Defizite in der sensomotorischen Kontrolle zurückzuführen sind. SMT kann Muskelaktivierungsstrategien fördern, die potenziell das Risiko einer VKB-Ruptur verringern. Ein umfassenderer Ansatz, der neurophysiologische Ziele und Trainingsinhalte in die Rehabilitation einbezieht, ist jedoch erforderlich.
Ein Forschungsprojekt evaluiert derzeit eine speziell auf neuromuskuläre Kontrolldefizite abzielende Intervention (ACL-EDGE) mit modernsten Therapieinhalten. Dabei werden neuromuskuläre und kortikale Aktivität beim Treppengehen, bei einer künstlich herbeigeführten Tibiaperturbation, beim Einbeinstand und beim Hüpftest gemessen.
Sensomotorisches Training im Alter
Studien zeigen, dass Alterungsprozesse ab dem 60. Lebensjahr zu Defiziten in der posturalen Kontrolle führen. SMT kann die statische und dynamische Haltungskontrolle älterer Menschen verbessern.
Eine Studie untersuchte die Auswirkungen von SMT auf die posturale Kontrolle älterer Männer. Die Interventionsgruppe trainierte über 13 Wochen auf instabilen Unterlagen. Vor und nach der Trainingsphase wurden klinische Tests (Functional Reach Test (FRT), Tandem Walk Test (TWT)) und biomechanische Analysen (Applikation medio-lateraler Störreize auf dem Posturomed sowie Applikation von Gangperturbationen auf dem Laufband) durchgeführt.
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Nach dem SMT zeigten sich signifikante Verbesserungen im FRT und TWT. Weiterhin wurde ein reduzierter Schwankungsweg auf dem Posturomed sowie eine effizientere Aktivierung sprunggelenksumgebender Muskeln bei der Kompensation der Störreize auf dem Laufband und dem Posturomed festgestellt. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass SMT als sturzpräventive Trainingsmaßnahme im Alter eingesetzt werden kann.
Mögliche neuromuskuläre Mechanismen, die diesen funktionellen Anpassungen zugrunde liegen, sind eine verbesserte intermuskuläre Koordination und eine erhöhte Reflexaktivität.
Sensomotorisches Training in der Schule
Sensomotorisches Training hat bisher keinen Einzug in den schulischen Alltag gehalten, obwohl Studien zeigen, dass es bei unterschiedlichen Zielgruppen zu einer Verbesserung der Kraftfähigkeiten und des Gleichgewichtsvermögens sowie zu einer verringerten Anzahl von Verletzungen der unteren Extremitäten führen kann.
Ein Schülerprojekt untersuchte den Einsatz von SMT in der Schule und fand heraus, dass ein vierwöchiges Training zu Verbesserungen der Schnellkraft- und der Sprungkraftfähigkeit sowie des Gleichgewichtsvermögens führt. Die Durchführung solcher Projekte in der gymnasialen Oberstufe ist sowohl aus trainingswissenschaftlicher als auch aus pädagogischer Sicht empfehlenswert.
Wissenschaftliche Studien und Ergebnisse
Zahlreiche Studien belegen die positiven Auswirkungen von SMT auf verschiedene Aspekte der neuromuskulären Funktion:
- Verbesserung der posturalen Kontrolle: SMT verbessert die statische und dynamische Haltungskontrolle, insbesondere bei älteren Menschen.
- Erhöhte Reflexaktivität: SMT kann die Reflexaktivität verbessern, was zu schnelleren und effizienteren Reaktionen auf Störungen führt.
- Verbesserte intermuskuläre Koordination: SMT fördert die Zusammenarbeit verschiedener Muskelgruppen, was zu flüssigeren und kontrollierteren Bewegungen führt.
- Reduziertes Verletzungsrisiko: SMT kann das Risiko von Verletzungen, insbesondere im Bereich der unteren Extremitäten, verringern.
- Verbesserte Leistungsfähigkeit: SMT kann die sportliche Leistungsfähigkeit in verschiedenen Disziplinen verbessern.
- Schnellere Rehabilitation: SMT kann den Rehabilitationsprozess nach Verletzungen beschleunigen.
Herausforderungen und zukünftige Entwicklungen
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es noch Herausforderungen im Bereich des SMT. Weitere Forschung ist erforderlich, um die optimalen Trainingsprotokolle für verschiedene Zielgruppen und Anwendungsbereiche zu entwickeln. Zukünftige Entwicklungen könnten individualisierte Trainingsprogramme umfassen, die auf den spezifischen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Einzelnen basieren.
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