Primäre Prävention der Alzheimer-Krankheit: Strategien und Perspektiven

Die Alzheimer-Krankheit, die häufigste Ursache für Demenz, stellt aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der sinkenden Geburtenraten eine wachsende Herausforderung für unsere Gesellschaft dar. Da es derzeit keine Heilung gibt, rückt die Prävention immer stärker in den Fokus. Die primäre Prävention zielt darauf ab, das Auftreten der Krankheit von vornherein zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der primären Prävention von Alzheimer, von den beeinflussbaren Risikofaktoren bis hin zu den vielversprechendsten Präventionsstrategien.

Die demografische Herausforderung

Aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung und einem Rückgang der Geburtenrate erleben wir zurzeit eine drastische Veränderung in der Altersstruktur der Bevölkerung. Diese Entwicklung wird zu einer großen Belastung für die jüngeren Generationen. Immer weniger Beschäftigte werden für immer mehr zu versorgende alte Menschen verantwortlich sein, vor allen Dingen, wenn diese alten Menschen pflegebedürftig sind. Ein großer Anteil dieser pflegebedürftigen Menschen leidet unter Demenz und bedarf einer besonderen Zuwendung. Mehr als 65 Prozent der Demenzkranken leiden unter der Alzheimerkrankheit.

Das Konzept der Prävention

Prävention der Demenz ist ein relativ junges Konzept, welches bis vor kurzem eine geringe Bedeutung hatte. International lag der Schwerpunkt der Forschungsmaßnahmen nahezu ausschließlich auf der Suche nach Heilungsmöglichkeiten. Demenzen haben gewöhnlich eine lange klinische unauffällige Phase, während der der Zerfall der Nervenzellen nur langsam voranschreitet und prinzipiell aufhaltbar ist. Bei der Alzheimer Krankheit dauert dieser Prozess ca. 30 Jahre. Beim Übergang in die klinische Phase kommt es zu einer massiven Beschleunigung des Prozesses, welcher einhergeht mit dem Beginn des unwiederbringlichen Verlustes funktionsfähiger Nervenzellen. Erschwerend kommt der dramatische Verlust an Synapsen (Informationsspeicher des Gehirns) hinzu, was unter anderem den Verlust an gespeicherter Information erklärt. Selbst eine theoretische Heilung des Gehirns könnte in der späten Demenz diese Informationen nicht wiedererbringen und ein altes Gehirn hat nur begrenzte Möglichkeiten des Neuerlernens.

Herausforderungen der Primärprävention

Ideal wäre eine Primärprävention. Diese scheitert aber aus praktischen Gründen. Eine Demenzprimärprävention müsste über mind. 30-40 Jahre durchgeführt werden. Obwohl möglich, ist aus anderen Präventionsmaßnahmen bekannt, dass diese nur von einem sehr geringen Teil der Bevölkerung durchgeführt würde.

Der lange Weg zur Diagnose

Im Falle der Alzheimer-Demenz geht den ersten Symptomen jedoch eine lange Phase voraus, in der sich die Erkrankung „still“ entwickelt. So ist davon auszugehen, dass bereits ein bis zwei Jahrzehnte, bevor die ersten Symptome in Erscheinung treten, Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn stattfinden, z.B. die Bildung von Beta-Amyloid-Ablagerungen. Hinzu kommt, dass einige Risikofaktoren bereits im mittleren Lebensalter Auswirkungen auf das spätere Erkrankungsrisiko haben. Ob und wann die ersten Symptome auftreten, wird also maßgeblich durch das Zusammenwirken verschiedener Risiko- und Schutzfaktoren beeinflusst.

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Risikofaktoren und Schutzfaktoren

Die Forschung hat eine Reihe von Risikofaktoren identifiziert, die das Auftreten von Alzheimer begünstigen können. Einige dieser Faktoren sind beeinflussbar, was die Grundlage für präventive Maßnahmen bildet. Zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören:

  • Kardiovaskuläre Risikofaktoren: Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen (Hyperlipidämie), Adipositas und Rauchen sind nicht nur Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch für Demenzerkrankungen, insbesondere die Alzheimer-Demenz.
  • Weitere beeinflussbare Risikofaktoren: Hörminderung, niedrige schulische Bildung, Depression, vermehrter Alkoholkonsum, soziale Isolation, traumatische Hirnschädigungen und Feinstaubbelastung.

Neben den Risikofaktoren gibt es auch Schutzfaktoren, die das Risiko für Alzheimer verringern können. Dazu gehören:

  • Geistige Aktivität: Ein Leben lang geistig aktiv zu bleiben, durch kulturelle Aktivitäten, Hobbys, das Erlernen neuer Fähigkeiten oder einfach durch das Lesen und Lösen von Aufgaben, kann das Gehirn fit halten und die kognitive Reserve erhöhen.
  • Körperliche Aktivität: Regelmäßige körperliche Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns, stärkt das Herz-Kreislauf-System und kann das Risiko für Demenz verringern.
  • Soziale Interaktion: Der Austausch mit anderen Menschen, die Teilnahme an sozialen Aktivitäten und die Pflege von Beziehungen sind wichtig für die geistige Gesundheit und können das Demenzrisiko senken.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung, insbesondere die mediterrane Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Fisch, Olivenöl und Vollkornprodukten, wird mit einem geringeren Demenzrisiko in Verbindung gebracht.
  • Schlaf: Eine erholsame Nachtruhe ist ein wichtiger Faktor, um der Krankheit vorzubeugen.

Strategien der Primärprävention

Basierend auf den identifizierten Risikofaktoren und Schutzfaktoren lassen sich verschiedene Strategien zur primären Prävention von Alzheimer ableiten:

  • Lebensstilmodifikation: Die wichtigste Säule der primären Prävention ist die Modifikation des Lebensstils. Dazu gehören:
    • Kontrolle der kardiovaskulären Risikofaktoren: Regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinspiegel sowie eine entsprechende Behandlung bei Bedarf.
    • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Fisch und gesunden Fetten.
    • Regelmäßige körperliche Aktivität: Mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Aktivität pro Woche.
    • Geistige Aktivität: Regelmäßiges Training des Gehirns durch Lesen, Schreiben, Spielen von Denkspielen oder das Erlernen neuer Fähigkeiten.
    • Soziale Interaktion: Pflege von sozialen Kontakten und Teilnahme an sozialen Aktivitäten.
    • Vermeidung von Risikofaktoren: Verzicht auf Rauchen, Begrenzung des Alkoholkonsums und Vermeidung von Übergewicht.
  • Kognitives Training: Studien haben gezeigt, dass kognitives Training die geistige Leistungsfähigkeit verbessern und die kognitive Reserve erhöhen kann. Es gibt verschiedene Formen des kognitiven Trainings, wie z.B. Gedächtnistraining, Aufmerksamkeitstraining und Problemlösetraining.
  • Ernährungssupplemente: Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, wie z.B. Omega-3-Fettsäuren, Folsäure und B-Vitamine, das Risiko für Demenz verringern könnten. Die Evidenz ist jedoch noch nicht ausreichend, um eine generelle Empfehlung auszusprechen.
  • Pharmakologische Interventionen: Bislang gibt es keine Medikamente, die nachweislich die Entstehung von Alzheimer verhindern können. Es laufen jedoch Studien, die untersuchen, ob bestimmte Medikamente, die bereits zur Behandlung anderer Erkrankungen eingesetzt werden, auch eine präventive Wirkung haben könnten.

Multimodale Präventionsansätze

Allgemein wird davon ausgegangen, dass ebenso wie bei vielen anderen präventiven Ansätzen, Einzelmaßnahmen zwar messbare Gruppeneffekte erzielen können, in ihrer Wirksamkeit aber kombinatorischen Ansätzen klar unterliegen könnten. Das sekundärpräventive Konzept beruht auf einer multidimensionalen Prävention. Dies kann einerseits zu der Kombination verschiedener Wirkstoffe oder der Kombination ganz unterschiedlicher Maßnahmen führen. Beispiele sind hier aufgeführt:

  • Kontrolle der vaskulären Risikofaktoren (Hypercholesterolämie mit engen Grenzwerten, Bluthochdruck, Diabetes).
  • Ernährungseinstellung und Supplementation (Langkettige Omega-3 Fettsäuren, Reduzierung bestimmter Risikostoffe, Folsäure und B6/B12 in individuell angepasster Dosierung).
  • Altersangepasstes körperliches Fitness Programm mit definierter Trainingsleistung.
  • Kognitive Aktivierung und soziales Integrationsprogramm.
  • Therapie depressiver Symptome.
  • Optimierung und Anpassung/Ersatz der aktuellen Medikation in Hinsicht auf kognitive Wechselwirkung.

Der Zeitpunkt der Prävention

Die Primärprävention von Gedächtnisstörungen und Demenz beginnt daher idealerweise schon im mittleren Lebensalter. Sind bereits erste Symptome aufgetreten, ist die rasche Einleitung einer Sekundärprävention zu empfehlen.

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Individuelle vs. allgemeine Prävention

Generell kann die Prävention von Erkrankungen eher allgemein oder eher individuell ausgerichtet sein. Der Vorteil einer individuellen Ausrichtung der Prävention besteht darin, dass die Maßnahmen gezielt auf die „Problembereiche“ des Einzelnen ausgerichtet werden können und somit eine deutlich höhere Wirksamkeit versprechen. Dies gilt auch für die Gedächtnisvorsorge: Maßnahmen sollten sich am individuellen Risikoprofil der Person orientieren und gezielt hierauf angepasst werden.

Die Bedeutung der Forschung

Die Prävention von Alzheimer ist ein komplexes Feld, das noch viele Fragen aufwirft. Es bedarf weiterer Forschung, um die Risikofaktoren und Schutzfaktoren besser zu verstehen, die wirksamsten Präventionsstrategien zu entwickeln und den optimalen Zeitpunkt für den Beginn der Prävention zu bestimmen.

Ethische Aspekte und Ressourcenallokation

Bezüglich der absehbaren europäischen Zulassung von progressionsverlangsamenden Antikörpern brauchen wir dringend eine ethikbasierte Diskussion: Diese Therapie wird, wenn sie breit eingesetzt wird, riesige finanzielle und Fachkräfteressourcen binden. Dabei ist das langfristige Nutzen-Risiko-Verhältnis und Ressourcenbindung unklar: Wir können die Häufigkeit schwerer Nebenwirkungen (insbesondere Hirnödem und -blutungen) noch schwer einschätzen und wissen nicht, ob wir insgesamt eine Kompression der Morbidität erreichen können. Nur Letztere hat das Potenzial einer späteren kompensatorischen Ressourcenersparnis. Wem soll eine solche Diagnostik und Therapie angeboten werden? Was rückt dafür in der Priorität nach hinten?

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