Selbstmitleid ist ein Gefühl, das jeder Mensch in gewissen Situationen erlebt. Es ist eine negative emotionale Reaktion, bei der man sich selbst bedauert, sich als Opfer sieht und übermäßig auf eigene Probleme fokussiert. Doch wann wird Selbstmitleid problematisch, und wie kann man damit umgehen, insbesondere wenn es sich bei einer Freundin chronisch äußert? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten von Selbstmitleid, seine Ursachen und Folgen und gibt praktische Tipps für den Umgang mit selbstmitleidigen Menschen.
Was ist Selbstmitleid?
Selbstmitleid ist mehr als nur Traurigkeit. Es ist ein Zustand, in dem man sich selbst bemitleidet, sich im Allgemeinen als Opfer ansieht und sich übermäßig auf die eigenen Probleme, Schwierigkeiten oder Leiden konzentriert. Es beinhaltet oft ein starkes Gefühl der Selbstzentriertheit und der Betonung der eigenen Misere im Vergleich zu den Problemen anderer Menschen.
Die Psychologie des Selbstmitleids
Mark Leary, ein amerikanischer Psychologe von der Wake Forest University, hat in Studien gezeigt, dass Selbstmitleid nicht immer negativ sein muss. In bestimmten Situationen kann es sogar helfen, negative Erlebnisse abzufedern und positive Gefühle zu erzeugen. Selbstmitleid in diesem Sinne bedeutet, sich selbst wie einen Freund in derselben Lage freundlich zu behandeln. Studenten mit einer Neigung zu Selbstmitleid äußerten in Tests eher Sätze wie "Jeder macht mal einen Fehler". Sie wirkten weniger ärgerlich und fühlten sich insgesamt zufriedener.
Wann wird Selbstmitleid zum Problem?
Selbstmitleid wird dann kritisch, wenn es im Übermaß und auf Dauer die soziale Interaktion dominiert. Es kann langfristig dazu führen, dass eine Person sich hilflos, passiv oder resigniert fühlt und Schwierigkeiten hat, Verantwortung für ihre Situation zu übernehmen oder positive Veränderungen herbeizuführen. Das Ausmaß und die Häufigkeit von Selbstmitleid sind also entscheidend für das Gelingen sozialer Beziehungen genauso wie für das eigene Wohlergehen. Dosiertes Selbstmitleid ist unproblematisch und kann sogar entlasten, während dauerhaftes, überwiegendes Selbstmitleid hochproblematisch ist.
Ursachen und Hintergründe von Selbstmitleid
Selbstmitleid entsteht oft im Kontext bestimmter Lebensereignisse und Situationen. Menschen können aus verschiedenen Gründen zum Selbstmitleid neigen.
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Formen selbstmitleidiger Äußerungen
Es gibt viele Formen von selbstmitleidigen Äußerungen. Meist kommen verbale und nonverbale Äußerungen zusammen. Die Nonverbalität wirkt antriebsarm, verlangsamt und freudlos. Sie ist ein Appell zum Bedauertwerden. Die verbalen Äußerungen drehen sich um Themen wie:
- "Ich kann das nicht"
- "Es hat keinen Sinn"
- "Ich hatte eine schwere Kindheit"
- "Keiner mag mich"
- "Keiner versteht mich"
- "Mit mir will niemand etwas zu tun haben"
- "Alle hacken auf mir rum"
- "Wenn Du wüsstest, wie es mir geht, würdest Du anders reden" usw.
Auch wenn viele der Äußerungen depressiv wirken, muss es sich nicht zwingend um eine Depression handeln. In vielen Fällen geht es um Resignation, Hilflosigkeit, Apathie und Einsamkeit.
Spezifische Ursachen
- Narzissmus: Menschen mit narzisstischen Zügen leiden oft unter einem defizitären Selbsterleben. Sie bekommen nicht genug Anerkennung, Bestätigung, Zuwendung oder Ähnliches und fühlen sich dauerhaft ungerecht behandelt. Diese Sicht auf sich selbst und das eigene Leben ist oft sehr verzerrt, aber auch unflexibel, chronifiziert und daher nur schwer veränderbar. Das narzisstische Selbstmitleid kommt wie eine Anklage an andere rüber, dass diese dem Narzissten nie genug gegeben haben.
- Traumatisierung: Viele Suchtkranke haben in Kindheit und Jugend schwerwiegende Traumatisierungen erlitten. Wenn traumatisierte Suchtkranke ein hohes Ausmaß an Selbstmitleid zeigen, ist dies Zeichen der Folgen der Traumatisierung, dass sie darin noch gefangen sind und meinen, durch Selbstmitleid Erleichterung zu erreichen und Mitgefühl aus dem Umfeld zu bekommen.
- Depression: Durch eine anhaltende depressive Symptomatik - vor allem negatives Denken - entsteht eine starke Tendenz zum Selbstmitleid. Man fühlt sich in der depressiven Stimmung gefangen. Viele Betroffene machen sich selbst dafür verantwortlich, was den inneren Druck und die intrapsychische Spannung noch erhöht.
- Opfermentalität: Menschen mit einer starken Opfermentalität neigen dazu, sich selbst als Opfer von Umständen oder anderen Menschen zu sehen. Dies entspricht nicht immer den Tatsachen, sondern oft einem Mangel an Verantwortungsübernahme und Realitätssinn.
- Perfektionismus: Perfektionisten setzen sich unrealistische Standards, zu hohe, nicht erreichbare Ziele und müssen deshalb immer wieder scheitern. Sie sind hart zu sich selbst, wenn sie diese Standards nicht erfüllen. Sie neigen dazu, sich selbst für Fehler oder Misserfolge stark zu kritisieren und fühlen sich deshalb oft unzulänglich.
- Passiv-aggressive Haltung: Bisweilen kann chronisches Selbstmitleid auch aus einer habituellen passiv-aggressiven Haltung bis hin zu einer passiv-aggressiven Persönlichkeitsstörung resultieren. Die innere Einstellung beruht dann auf einer versteckten, aber starken Aggressivität gegenüber der Umwelt.
Auswirkungen von Selbstmitleid
Die Auswirkungen von Selbstmitleid können vielfältig und sowohl für die betroffene Person als auch für ihr Umfeld belastend sein.
Negative Folgen für die Betroffenen
- Resignation und Passivität: Allen Selbstmitleidsäußerungen ist die Passivität des Betroffenen gemein. Die Person glaubt, nichts an ihrer Lage ändern zu können, und unterlässt in der Folge dann auch jegliche Anstrengungen in diese Richtung, weil diese ja sowieso keinen Erfolg hätten. Selbstmitleid erzeugt eine resignative, passive Haltung.
- Suchtverhalten: Substanzkonsum betäubt das erlebte Unglück kurzfristig, erzeugt aber auf die lange Sicht noch mehr Unglücksgefühle und Selbstmitleid - der Teufelskreis der Sucht. Und dies wird auf Dauer zum Hauptproblem.
- Soziale Isolation: Die betroffene Person wird als jammernd, klagend, oft auch als anklagend, und nicht veränderungsbereit wahrgenommen. Die Menschen aus dem Umfeld wenden sich mehr und mehr ab. Es entsteht Vereinsamung und die Spirale des Selbstmitleids verstärkt sich, denn das Sich-Abwenden der Anderen dient als Beweis, dass das Selbstmitleid berechtigt ist.
- Stagnation und Hilflosigkeit: Langfristig kann übermäßiges Selbstmitleid zu einem Gefühl der Stagnation, Hilflosigkeit und Einsamkeit führen, da es die Fähigkeit und Motivation zur Problemlösung und zur Bewältigung von Herausforderungen beeinträchtigen kann.
Auswirkungen auf das Umfeld
- Erschöpfung und Überforderung: Für Freunde und Familie kann es sehr anstrengend sein, ständig mit dem Selbstmitleid einer Person konfrontiert zu werden. Es erfordert viel Energie und Geduld, immer wieder aufmunternde Worte zu finden und Unterstützung anzubieten.
- Gefühl der Hilflosigkeit: Oft fühlen sich Angehörige hilflos, weil sie trotz aller Bemühungen keine Veränderung bewirken können. Dies kann zu Frustration und Resignation führen.
- Belastung der Beziehung: Chronisches Selbstmitleid kann Beziehungen stark belasten. Es kann zu Konflikten, Missverständnissen und letztendlich zur Entfremdung führen.
Tipps für den Umgang mit einer selbstmitleidigen Freundin
Der Umgang mit einer selbstmitleidigen Freundin erfordert viel Fingerspitzengefühl und eine klare Abgrenzung. Hier sind einige Tipps, die helfen können:
1. Zuhören und Verständnis zeigen
Es ist wichtig, der Freundin zunächst zuzuhören und ihr Verständnis für ihre Situation zu signalisieren. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man ihr Selbstmitleid bestätigen oder verstärken sollte. Stattdessen kann man versuchen, ihre Gefühle zu validieren, ohne in die Opferrolle einzusteigen.
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2. Perspektiven aufzeigen
Versuchen Sie, Ihrer Freundin andere Perspektiven auf ihre Situation aufzuzeigen. Oft hilft es, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und die positiven Aspekte zu betonen. Fragen Sie sie, was sie bereits erreicht hat und welche Stärken sie besitzt.
3. Verantwortung fördern
Ermutigen Sie Ihre Freundin, Verantwortung für ihr Leben und ihre Entscheidungen zu übernehmen. Zeigen Sie ihr auf, dass sie nicht machtlos ist, sondern aktiv an der Veränderung ihrer Situation arbeiten kann. Fragen Sie sie, welche konkreten Schritte sie unternehmen könnte, um ihre Probleme anzugehen.
4. Grenzen setzen
Es ist wichtig, klare Grenzen zu setzen und sich nicht von dem Selbstmitleid der Freundin vereinnahmen zu lassen. Machen Sie deutlich, dass Sie für sie da sind, aber nicht ständig als Kummerkasten zur Verfügung stehen können. Sagen Sie ihr, dass Sie ihre Probleme ernst nehmen, aber auch Ihre eigenen Bedürfnisse haben.
5. Unterstützung anbieten, aber nicht die Arbeit abnehmen
Bieten Sie Ihrer Freundin Unterstützung an, aber nehmen Sie ihr nicht die Arbeit ab. Helfen Sie ihr, Lösungen zu finden, aber lassen Sie sie die Umsetzung selbst in die Hand nehmen. Dies fördert ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstvertrauen.
6. Professionelle Hilfe empfehlen
Wenn das Selbstmitleid Ihrer Freundin chronisch ist und ihr Leben stark beeinträchtigt, sollten Sie ihr professionelle Hilfe empfehlen. Ein Therapeut oder Berater kann ihr helfen, die Ursachen ihres Selbstmitleids zu erkennen und Strategien zur Bewältigung zu entwickeln.
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7. Humorvoll konfrontieren
Selbstmitleid immer nur dosiert und am besten humorvoll äußern! Überlege Dir, woher das viele Selbstmitleid in Deinem Leben kommt! Nutzt es wirklich? Wie haben sich Deine sozialen Beziehungen in Folge von zu viel Selbstmitleid entwickelt? Ziehe Dich nicht in eine resignative, passive Welt zurück! Übernimm Verantwortung für Dein Leben! Kümmere Dich gut um Dich und Deine Angehörigen, die Du liebst.
8. Eigene Bedürfnisse nicht vergessen
Vergessen Sie nicht Ihre eigenen Bedürfnisse und Ihr eigenes Wohlbefinden. Der Umgang mit einer selbstmitleidigen Freundin kann sehr anstrengend sein. Sorgen Sie dafür, dass Sie genügend Zeit für sich selbst haben und sich mit Dingen beschäftigen, die Ihnen Freude bereiten.
Selbstmitleid und Depression
Es ist wichtig, Selbstmitleid von einer Depression zu unterscheiden. Selbstmitleid kann ein Symptom einer Depression sein, aber nicht jede selbstmitleidige Person ist depressiv. Eine Depression ist eine ernsthafte psychische Erkrankung, die professionelle Behandlung erfordert. Wenn Sie den Verdacht haben, dass Ihre Freundin an einer Depression leidet, sollten Sie ihr dringend raten, einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen.
Selbstmitgefühl statt Selbstmitleid
Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen Selbstmitleid und Selbstmitgefühl. Während Selbstmitleid ein negatives und oft lähmendes Gefühl ist, beinhaltet Selbstmitgefühl eine wohlwollende und mitfühlende Haltung gegenüber sich selbst, die es einer Person ermöglicht, ihre eigenen Schwierigkeiten anzuerkennen, ohne sich selbst als Opfer zu betrachten. Dies aktiviert Änderungsmotivation und Energien zur Veränderung.