Serotonin-Rezeptoren und Migräne: Neue Wege in der Therapie

Die Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Behandlung der Migräne umfasst im Wesentlichen zwei Ansätze: die Akuttherapie, die darauf abzielt, akute Migräneanfälle zu behandeln, und die Prophylaxe, die darauf abzielt, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren. Die Forschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und neue Substanzen und Therapieansätze hervorgebracht, die das Leben vieler Betroffener verbessern können.

Akuttherapie der Migräne: Triptane und Alternativen

Für die Akuttherapie von Migräneattacken werden häufig Triptane eingesetzt. Triptane wirken, indem sie gezielt an bestimmte Serotonin-Rezeptoren im Gehirn binden. Sie verengen die Blutgefäße im Gehirn, was zur Linderung der Kopfschmerzen beitragen kann. Die aktuelle S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“ lobt die Triptane sogar als die Substanzen mit der „besten Wirksamkeit bei akuten Migräneattacken“.

Allerdings sind Triptane nicht für alle Patienten geeignet. Menschen mit koronarer Herzkrankheit, Herzinfarkt, Schlaganfall, anderen Gefäßerkrankungen oder unkontrollierbarem Bluthochdruck sollten Triptane nicht einnehmen.

Lasmiditan: Eine neue Option für Risikopatienten

Eine vielversprechende Alternative für Patienten, bei denen Triptane kontraindiziert sind, ist Lasmiditan. Lasmiditan ist ein Ditan, das wie Triptane am Serotonin-Rezeptor ansetzt, jedoch an einem anderen Subtyp (5-HT1F). Im Gegensatz zu Triptanen führt Lasmiditan nicht zu einer Verengung der Blutgefäße. Die am häufigsten berichteten Nebenwirkungen, die in kontrollierten klinischen Studien mit Lasmiditan auftraten, waren Benommenheit, Schläfrigkeit, Erschöpfung, Parästhesie, Übelkeit, Schwindel, Hypästhesie und Muskelschwäche.

PD Dr. Frau Dr. Förderreuther erklärt, dass Lasmiditan besonders für Patienten interessant ist, die aufgrund eines hohen Gefäßrisikos, nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall keine Triptane einnehmen dürfen. In Studien gab es auch bei zwei und mehr vaskulären Risikofaktoren keine vaskulären Komplikationen. Allerdings wirkt die Substanz zentral im Gehirn, weshalb sich viele Patienten müde oder schwindlig fühlen. Nach der Einnahme von Lasmiditan darf man gemäß der Zulassung acht Stunden lang nicht Auto fahren und keine gefährlichen Maschinen bedienen.

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Rimegepant: Akuttherapie und Prophylaxe in einem

Eine weitere neue Substanz ist Rimegepant, ein sogenannter Gepant. Gepante greifen in das CGRP-System ein, das eine Schlüsselrolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielt. Rimegepant hemmt das CGRP und wirkt ähnlich wie die bereits länger existierenden CGRP-Antikörper und CGRP-Rezeptor-Antikörper. Es ist zur Behandlung der akuten Attacke wirksamer als Plazebo, allerdings ist es in indirekten Vergleichen nicht so effektiv wie ein Triptan.

Interessant ist, dass Rimegepant im Gegensatz zu allen anderen Akutmedikamenten offenbar nicht zu einem medikamenteninduzierten Kopfschmerz und zu einer Chronifizierung der Migräne führt. Denn bei Einnahme alle zwei Tage zeigte sich in Studien bei der episodischen Migräne ein signifikanter Rückgang der Migränetage. Es ist die erste Substanz, die zur Akuttherapie und Prophylaxe der Migräne zugelassen ist.

Migräneprophylaxe: Medikamentöse und nicht-medikamentöse Optionen

Die Migräneprophylaxe zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren. Eine medikamentöse Prophylaxe wird in der Regel ab drei Attacken pro Monat empfohlen.

Medikamentöse Prophylaxe

Zur medikamentösen Prophylaxe stehen verschiedene Substanzen zur Verfügung, darunter:

  • Betablocker: Diese Medikamente werden häufig zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt, können aber auch die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
  • Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva, wie Amitriptylin, können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
  • Antiepileptika: Einige Antiepileptika, wie Topiramat und Valproinsäure, haben sich ebenfalls als wirksam bei der Migräneprophylaxe erwiesen.
  • CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente blockieren das CGRP, ein Molekül, das eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Migräneattacken spielt.

Die extra für Migräne entwickelten CGRP-Antikörper sind effektiv, aber sehr teuer. Ein Vergleich des Antikörpers Erenumab mit der Substanz Topiramat hat nun aber in einer Studie ergeben, dass Erenumab nicht nur verträglicher ist, sondern auch etwas günstiger wirkt.

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Nicht-medikamentöse Prophylaxe

Neben der medikamentösen Prophylaxe gibt es auch eine Reihe von nicht-medikamentösen Optionen, die zur Reduzierung von Migräneattacken beitragen können. Dazu gehören:

  • Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
  • Entspannungsübungen: Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
  • Vermeidung von Triggern: Viele Menschen mit Migräne haben bestimmte Auslöser, die Attacken provozieren können. Es kann hilfreich sein, diese Auslöser zu identifizieren und zu vermeiden. Wer zum Beispiel regelmäßig an den Wochenenden länger schläft und dadurch eine Migräne triggert, könnte sich einen Wecker zur üblichen Zeit stellen und damit der Migräne „vorgaukeln“, es wäre unter der Woche.
  • Akupunktur: Es gibt Studien sowohl zur Akuttherapie als auch zur Prophylaxe. Die Studien zur Prophylaxe sind leider qualitativ sehr heterogen. Manche zeigen eine Wirkung, andere nicht. Eine Metaanalyse hat einen schwachen Wirkeffekt errechnet.
  • CEFALY®: Dies ist ein Gerät, das den Nervus supraorbitalis transkutan elektrisch stimuliert. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass die Stimulation in der Attacke die Kopfschmerzen lindert und in einzelnen Fällen die Attacke sogar beendet. Zudem treten bei täglicher Stimulation signifikant weniger Attacken auf.

Die Rolle der Serotonin-Rezeptoren bei Migräne

Die Serotonin-Rezeptoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Migräne. Serotonin ist ein Neurotransmitter, der an vielen Prozessen im Gehirn beteiligt ist, darunter Schmerzempfindung, Stimmung und Schlaf.

Triptane wirken, indem sie an Serotonin-Rezeptoren vom Typ 5-HT1B und 5-HT1D binden. Diese Rezeptoren befinden sich in den Blutgefäßen des Gehirns und ihre Aktivierung führt zu einer Verengung der Blutgefäße. Dies kann dazu beitragen, die Kopfschmerzen bei einer Migräneattacke zu lindern.

Lasmiditan wirkt als Agonist am 5-HT1F-Rezeptor und ist damit spezifischer als Triptane, die am 5-HT1B- und -5-HT1D-Rezeptor wirken. Durch diese selektive Aktivierung wird eine vasokonstriktive Wirkung in der Peripherie vermieden, die bei älteren Migränetherapien wie den Triptanen auftritt.

Neue Entwicklungen und Innovationen in der Migränetherapie

Die Migräneforschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Neben den bereits erwähnten neuen Substanzen Lasmiditan und Rimegepant gibt es noch weitere vielversprechende Entwicklungen:

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  • CGRP-Antikörper: Diese Medikamente haben sich als wirksam bei der Prophylaxe von Migräne erwiesen und können die Häufigkeit von Attacken deutlich reduzieren.
  • Gepante: Diese neue Klasse von Medikamenten greift ebenfalls in das CGRP-System ein und könnte eine vielversprechende Option für die Akuttherapie und Prophylaxe von Migräne sein.

Die Bedeutung einer umfassenden Betreuung von Migränepatienten

Eine erfolgreiche Behandlung von Migräne erfordert eine umfassende Betreuung, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze umfasst. Es ist wichtig, dass Patienten eng mit ihrem Arzt zusammenarbeiten, um einen individuellen Behandlungsplan zu entwickeln, der auf ihre spezifischen Bedürfnisse und Umstände zugeschnitten ist.

Die Awareness-Initiative der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft will Hausärztinnen bei der Behandlung von Kopfschmerzpatientinnen unterstützen und bietet unter www.attacke-kopfschmerzen.de viel Informationsmaterial. Damit wollen wir Hausärztinnen ermöglichen, Betroffene professionell und zeiteffektiv über Migräne und die verschiedenen Therapien zu informieren. Ich hoffe, künftig denken mehr Kolleginnen daran, bei Patient*innen mit häufigen Migräneattacken eine Prophylaxe zu beginnen, denn das bringt Lebensqualität zurück und beugt Medikamentenübergebrauch und Chronifizierung vor.

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