Migränebehandlung durch Psychiater: Ein umfassender Überblick

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, anfallsartige Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen sind typischerweise pulsierend, klopfend oder hämmernd und treten vorwiegend einseitig auf. Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit sind häufig. Die Behandlung der Migräne umfasst sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze. Eine Psychotherapie kann hierbei eine wertvolle Ergänzung darstellen, insbesondere wenn psychische Belastungen wie Depressionen, Angststörungen oder Stress die Migräne verstärken oder durch sie ausgelöst werden.

Kopfschmerzzentren und spezialisierte Fachkräfte

In Deutschland gibt es spezialisierte Kopfschmerzzentren, die eine umfassende Versorgung von Patienten mit Kopf- und Gesichtsschmerzen anbieten. Das Kopfschmerzzentrum der Charité beispielsweise versorgt jährlich über 2.000 Patient:innen. Bei wiederkehrenden Kopf- und Gesichtsschmerzen, die den Alltag beeinträchtigen, sollte zuerst eine fachärztliche Vorstellung in einer neurologischen Praxis erfolgen.

Zu den Ärztinnen und Ärzten, die sich auf die Behandlung von Kopfschmerzen spezialisiert haben, gehören unter anderem:

  • Dr. med. Mira Pauline Fitzek
  • Dr. med. Carolin Höhne
  • Dr. med. Kristin Sophie Lange
  • PD Dr. Bianca Raffaelli
  • Prof. Dr. Uwe Reuter
  • Yones Salim
  • Dr. med. Gastwissenschaftler: PD Dr. Das

Migräne: Eine Erkrankung des Gehirns

Die Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu einer spontanen Aktivierung von Nervenzellen kommt. Diese Aktivierung wird von den Patient:innen als Schmerzen mit mittlerer bis schwerer Stärke wahrgenommen, vornehmlich halbseitig auf der Stirn, der Schläfe bis zum Hinterkopf und Nacken. Typisch sind pulsierende, klopfende, hämmernde seitenbetonte Schmerzen des Kopfes, die durch körperliche Bewegung verstärkt werden und ohne Behandlung 4 - 72 Stunden anhalten. Dazu bestehen Zusatzsymptome wie eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und/oder Geräuschen, seltener eine abnormale Geruchsempfindlichkeit sowie Übelkeit bis zu Erbrechen.

Bei einigen Patientinnen oder Patienten gehen dem Kopfschmerz bereits an Tagen zuvor Symptome wie Heißhunger, depressive Verstimmung, gesteigerter Antrieb voran. Diese sind zu unterscheiden von der typischen Migräneaura unmittelbar vor oder seltener während der Kopfschmerzen. Hierbei handelt es sich um einseitige wandernde Lichtblitze oder sich bewegende farbige Bilder vor den Augen bis hin zu Sprachstörungen, Taubheit des Gesichtes bzw.

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Episodische vs. Chronische Migräne

Wir unterscheiden aufgrund der Häufigkeit von Attacken/Anfällen zwischen episodischer und chronischer Migräne. Letztere besteht dann, wenn an 15 oder mehr Tagen Kopfschmerzen bestehen und davon mindestens 8 Tage einer Migräne entsprechen.

Für Patient:innen mit chronischer Migräne und anderen chronischen Kopfschmerzen (z. B. chronischer Spannungskopfschmerzen) gibt es intensive ambulante Behandlungsprogramme. Hierbei werden die Patient:innen von Neurolog:innen gemeinsam mit Psycholog:innen, Krankengymnast:innen, Sportwissenschaftler:innen und in Kopfschmerz geschultem Pflegepersonal behandelt. Diese als multimodal und multiprofessionell bezeichnete Behandlungsform wird nur an wenigen Einrichtungen mit Schwerpunkt Kopfschmerzen in Deutschland angeboten. Im Rahmen dieser besonderen Behandlung lernen Sie einen hilfreichen Umgang mit Kopfschmerztriggern, sowie vorbeugende medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsstrategien (z.B. Entspannungsverfahren) kennen. Psycholog:innen betreuen sie im Rahmen dieses Programms sowohl in der Einzel- als auch Gruppentherapie. Physiotherapeut:innen beurteilen ihren Bewegungsapparat - im Besonderen die Hals- und Nackenbeweglichkeit - und zeigen Ihnen auf, wie Ausdauersport zur Vorbeugung der Kopfschmerzen erlernt werden kann.

Spannungskopfschmerzen

Spannungskopfschmerzen werden von vielen Menschen als "normale" Kopfschmerzen bezeichnet. Spannungskopfschmerzen werden dann zum gesundheitlichen Problem, wenn sie chronisch sind, d. h. an mehr als 15 Tagen über mindestens 3 Monate auftreten. Ein Spannungskopfschmerz ist von leichter bis moderater Intensität, meist wie ein Ring um den Kopf, als Druck auf der Schädeldecke oder anhaltender Hinterkopfschmerz beschrieben. Gewöhnlich tritt er ohne Begleitsymptome auf, wenngleich z. B. eine leichte Geräuschempfindlichkeit möglich ist. Ein seltener episodischer Spannungskopfschmerz wird von so gut wie der überwiegenden Mehrzahl von Erwachsenen gekannt und bedarf keiner ärztlichen Vorstellung und Therapie. Sobald eine Häufung auftritt oder der Schmerz chronisch wird, sollte eine Vorstellung erfolgen. Die Herkunft von chronischen Spannungskopfschmerzen ist weitgehend unbekannt und die Therapie kann langwierig und schwierig sein.

Cluster-Kopfschmerz

Cluster Kopfschmerz (ca. 100 000 Patientinnen oder Patienten in Deutschland) besteht aus strikt halbseitigen Schmerzen um bzw. hinter einem Auge, der Stirn, der Schläfe bis in den Oberkiefer von stechendem, bohrendem bis ziehenden Charakter. Die Stärke ist schwer bis unerträglich. Zusätzlich zum Kopfschmerz können halbseitige Gesichtsschwitzen, Gesichtsrötung, Augentränen und/oder laufende/verstopfte Nase auftreten. Die Schmerzattacken treten häufig nachts zur gleichen Zeit auf und dauern von 15 - 180 Minuten an. Bewegungsunruhe ist typisch für die Schmerzattacken und diese sind tageszeitlich und jahreszeitlich "geclustert", d. h. treten zur selben Tages-/Jahreszeit auf. Es gibt eine chronische (komplette Schmerzfreiheit weniger als 1 Monat pro Jahr) und eine episodische Form des Cluster Kopfschmerzes.

Forschung und klinische Studien

Als universitäres Kopfschmerzzentrum ist die Forschung ein zentrales Anliegen. Zur Evaluation innovativer prophylaktischer und akut-medikamentöser Behandlungsmethoden werden klinische Studien zu neuen Substanzklassen durchgeführt. Hierbei wird das Prüfpräparat mit einem Placebo oder einer bestehenden Regelversorgung verglichen und hinsichtlich Effektivität sowie Sicherheit beurteilt. Neben den klassischen Medikamentenstudien beschäftigen wir uns in mehreren klinischen Studien mit der Untersuchung von klinischen und paraklinischen Parametern unterschiedlicher primärer sowie sekundärer Kopfschmerzerkrankungen. Das Studiendesign ist dabei variabel und kann von einer einmaligen Untersuchung/Befragung hin zu einer längeren Beobachtungsperiode mit mehreren Studienvisiten reichen.

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Individuelle medizinische Behandlung von Kopfschmerzerkrankungen

Ein Schwerpunkt der neurologischen Facharztpraxis liegt in der individuellen medizinischen Behandlung von Kopfschmerzerkrankungen, insbesondere der Migräne. Hierbei ist dem Expertenteam eine ausführliche Anamnese und differenzierte Diagnostik sowie eine patientenorientierte Beratung besonders wichtig. Die neurologische Facharztpraxis ist auf die ambulante Diagnostik und individualisierte Beratung über die Therapiemöglichkeiten spezialisiert.

Kopfschmerzkalender

Das Führen eines Kopfschmerzkalenders bei länger bestehenden Kopfschmerzen ist empfehlenswert und ermöglicht die Erkennung von Häufigkeit, möglichen Triggern, Medikamentenwirkung und Risikofaktoren. Bitte bringen Sie diesen zu Ihrem Termin mit, falls Sie bereits einen derartigen Kalender führen.

Psychotherapie als Teil der Migränebehandlung

Körper und Geist sind eng miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Daher kann eine Psychotherapie zur Behandlung von Migräne und Kopfschmerzen durchaus erfolgreich sein. Zum einen hilft eine Verhaltenstherapie dabei, mit den Schmerzen umzugehen und ihnen vorzubeugen. Zum anderen lassen sich psychische Belastungen erkennen und behandeln. Weiterhin profitieren Betroffene von einer psychotherapeutischen Behandlung, wenn sie neben Migräne an weiteren Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Burnout oder unter belastenden Lebenssituationen (zum Beispiel Scheidung, Arbeitslosigkeit) leiden. Sinnvoll ist die Therapie auch dann, falls andere Maßnahmen zur Migräne-Prophylaxe nicht den gewünschten Erfolg bringen, etwa die Anwendung von Medikamenten. Manche Patienten wollen keine Arzneimittel einnehmen oder können es nicht, zum Beispiel Schwangere. Andere wiederum nehmen zu viel der Mittel ein. Für diese Gruppen sind psychologische Behandlungen ebenfalls geeignet.

Da jeder Migräne-Patient eine individuelle Krankheitsgeschichte hat, läuft die Psychotherapie zugeschnitten auf die Bedürfnisse jedes einzelnen ab. Bei Verlangen nach einer solchen Therapie, sollte man mit seinem Arzt darüber sprechen.

Was passiert bei einer Psychotherapie gegen Migräne?

Unter Psychotherapie fassen Fachleute unterschiedliche therapeutische Verfahren zur Behandlung von seelischen Erkrankungen zusammen. Dabei kommen verschiedene Techniken zum Einsatz. Diese Therapie fußt auf dem Grundsatz, dass sich neue und günstige Denkweisen sowie Verhaltensmuster erlernen lassen. Über die Jahre eingeschliffene, negative Denkmuster werden zusammen mit dem Therapeuten identifiziert und durch positive ersetzt. Dafür gibt es Techniken, die sich der Patient angeeignet. Neben körperlichen Ursachen spielen vermutlich auch psychologische und soziale Aspekte eine Rolle bei der Entstehung von Migräne. Am Anfang steht meist eine umfangreiche Aufklärung über die Erkrankung und den Einfluss psychischer Faktoren. Beispielsweise trägt die eigene Grundstimmung dazu bei, wie hoch die Schmerzschwelle ist.

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Stressbewältigung

Wie lässt sich der alltägliche Stress reduzieren und wie kann ich damit umgehen? Bestimmte Verhaltensweisen und Gedanken verstärken den empfundenen Stress.

Entspannungstechniken

Regelmäßig Körper und Geist zu entspannen, fördert das Wohlbefinden und kann die Schmerztoleranz erhöhen. Vor allem als Migräne-Prophylaxe sind Entspannungstechniken beliebt, aber Patienten berichten auch davon, dass sie damit akute Attacken abmildern konnten. Voraussetzung dafür ist, dass Menschen mit Migräne die Technik erlernen und in den Alltag integrieren. Dabei können sie wählen, welche Methode ihnen am meisten zusagt. Besonders empfehlenswert ist die progressive Muskelentspannung, die mit einer schrittweisen An- und Entspannung verschiedener Muskelgruppen arbeitet.

Kognitive Therapie

Mithilfe kognitiver Techniken lernt der Patient, sich selbst zu beobachten und dabei Probleme und Blockaden zu erkennen. Anschließend soll er diese neu bewerten, indem er sich zum Beispiel geistig davon distanziert. Für Migräne- und Kopfschmerzpatienten gibt diese Methode wichtige Impulse: Sie merken, dass sie den Schmerzen nicht ausgeliefert sind, sondern erlangen ein Gefühl von Kontrolle. Leidet der Patient unter weiteren Beschwerden wie Angststörungen, ausgeprägtem Stress oder Depressionen, kann eine psychoanalytische Therapie unterstützend wirken. Generell sind gut ausgearbeitete Programme zur Migräne-Behandlung vorhanden. Die Sitzungen gestalten sich nicht einheitlich, sondern sind individuell auf den Patienten und seine Beschwerden zugeschnitten. Neben Gesprächen gibt es häufig konkrete Übungen, die auch zuhause weiter vertieft werden sollen. So intensivieren die Patienten ihr Wissen und erfahren, wie sie es in den Alltag integrieren können. Psychotherapeutische Verfahren wie die Verhaltenstherapie haben sich bei Migräne als effektiv erwiesen: Eine Verringerung der Erkrankung um 40 Prozent ist möglich. Besonders vorteilhaft zeigt sich die Kombination aus medikamentöser und nicht-medikamentöser Prophylaxe. Damit kann sogar eine Reduktion von 65 Prozent erreicht werden. Eine Psychotherapie führt zudem oftmals dazu, dass Patienten weniger vorbeugende Medikamente einnehmen.

Der Weg zum Psychotherapeuten

Wer die Möglichkeiten der Psychologie bei Migräne ausprobieren möchte, vereinbart am besten einen Termin bei einem Psychotherapeuten oder einem Psychiater, der sich auf Schmerz- und Verhaltenstherapie, bestenfalls auch bei Migräne, spezialisiert hat. Zunächst lernt man seinen Therapeuten im Rahmen eines Erstgesprächs kennen. Darin schildern man sein Anliegen und klärt, ob er einem helfen kann. Anschließend folgen einige weitere Sitzungen, die als Probestunden dienen (probatorische Sitzungen).

Kostenübernahme durch die Krankenkasse

Diagnostiziert ein Psychotherapeut eine psychische Erkrankung, trägt die Krankenkasse häufig die Kosten für die Therapie. Meist muss man dafür erst einige Probesitzungen durchlaufen haben, welche die Krankenkasse bezahlt. Dann stellt man zusammen mit seinem Therapeuten den Antrag auf Kostenübernahme für die folgende Therapie. Nach der Genehmigung kann man mit der Behandlung beginnen. Jede Krankenkasse handhabt das Verfahren anders - egal, ob gesetzlich oder privat.

Akuttherapie der Migräne

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) haben Leitlinien zur Akuttherapie und Prävention der Migräne publiziert.

Analgetika wie Acetylsalicylsäure und nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac sind bei der Behandlung von leichten und mittelschweren Migräneattacken wirksam. Patienten, bei denen Analgetika und nichtsteroidale Antirheumatika nicht ausreichend wirksam sind oder Patienten mit schweren Migräneattacken sollten mit 5-HT1B/1D-Agonisten, den Triptanen, behandelt werden. Die 7 Triptane sind alle in großen placebokontrollierten Studien untersucht worden. Es handelt sich um Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan. In der Gruppe der oralen Triptane haben Eletriptan und Rizatriptan die beste Wirksamkeit. Die subkutane Gabe von Sumatriptan 6 mg zeigt die beste Wirkung zur Behandlung einer Migräneattacke. Diese Anwendung erfolgt bei Patienten, die auf orale Therapie nicht ansprechen, mit frühem Erbrechen oder wenn ein rascher Wirkungseintritt notwendig ist. Mutterkornalkaloide sind in der Therapie akuter Migräneattacken wirksam. Sie sind allerdings signifikant weniger wirksam als Triptane und haben mehr Nebenwirkungen (z. B. Übelkeit oder Erbrechen). Sie sollten daher nur noch bei Patienten angewendet werden, bei denen sie wirksam sind und vertragen werden.

Für die Beratung von Patienten spielt es eine Rolle, dass Medikamente zur Therapie akuter Migräneattacken umso besser wirken, je früher sie eingenommen werden. Triptane sollten nicht eingenommen werden, solange noch Aurasymptome bestehen. Wenn die Wirkung der Akuttherapie nachlässt, kann eine zweite Dosis der Medikation genommen werden. Patienten, bei denen Triptane nicht ausreichend wirksam sind, können diese mit nichtsteroidalen Antirheumatika kombinieren.

Bei Patienten mit häufigen Migräneattacken ist eine Aufklärung und Schulung notwendig, um einen chronischen Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln zu vermeiden. Dieser ist definiert als ein Kopfschmerz, der mehr als 3 Monate besteht bei Patienten, die an 15 Tagen oder mehr im Monat einfache Analgetika einnehmen oder an 10 Tagen oder mehr Triptane, Mutterkornalkaloide, Opioide oder analgetische Mischpräparate. Opioidanalgetika haben eine sehr begrenzte Wirksamkeit und ein hohes Potenzial, Kopfschmerzen durch Übergebrauch von Medikamenten hervorzurufen. Sie haben darüber hinaus ein nicht unerhebliches Abhängigkeitspotenzial und sollten deswegen zur Therapie akuter Migräneattacken nicht verwendet werden.

Migränepatienten, die einen Arzt zur Behandlung ihrer Migräneattacke aufsuchen oder in eine Notfallambulanz kommen, haben meist zuvor orale Analgetika und Migränemittel ohne Erfolg eingesetzt. Zur parenteralen Applikation können hier Acetylsalicylsäure in Kombination mit Metoclopramid, Metamizol oder die subkutane Gabe von Sumatriptan eingesetzt werden. Beim Status migraenosus, das heißt bei Migräneattacken, die länger als 72 Stunden anhalten, erfolgt die Therapie durch eine einmalige Gabe von 50-100 mg Prednison.

Migräneprophylaxe

Bei Patienten mit häufigen oder langanhaltenden Migräneattacken sollte eine medikamentöse und nichtmedikamentöse Migräneprophylaxe eingeleitet werden. Indikationen für die Migräneprophylaxe sind 3 oder mehr Migräneattacken pro Monat, die die Lebensqualität beeinträchtigen, Migräneattacken, die länger als 48-72 Stunden anhalten, Attacken, die auf die empfohlene Akuttherapie nicht ansprechen, Patienten, die die Nebenwirkungen der Akuttherapie nicht tolerieren können, und bei Zunahme der Attackenfrequenz und Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln an 10 Tagen oder mehr im Monat.

Am besten durch randomisierte kontrollierte Studien belegt ist die prophylaktische Wirkung der Betablocker Propranolol und Metoprolol, des Kalziumantagonisten Flunarizin sowie der Antikonvulsiva Valproinsäure und Topiramat. Auch das trizyklische Antidepressivum Amitriptylin ist wirksam. Valproinsäure soll wegen seiner ausgeprägten teratogenen Eigenschaften bei Frauen im gebärfähigen Alter nicht eingesetzt werden. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sind in der Prophylaxe der Migräne nicht wirksam. Beim Einsatz einer medikamentösen prophylaktischen Therapie müssen Begleiterkrankungen berücksichtigt und Nebenwirkungen antizipiert werden. Liegt beispielsweise neben der Migräne eine Depression vor, kommt als Mittel der ersten Wahl Amitriptylin in Betracht. Bei Patienten mit komorbider Epilepsie werden Topiramat oder Valproinsäure eingesetzt.

Eine nachgewiesene Wirksamkeit der Prophylaxe der chronischen Migräne haben Topiramat und Onabotulinumtoxin A. Onabotulinumtoxin A wird in einer Dosis von 155 oder 195 IE alle 3 Monate im Bereich der Stirn, der Schläfe, des Hinterkopfs, des Nackens und der Schultermuskulatur injiziert.

Der Nachweis der Wirksamkeit einer medikamentösen Migräneprophylaxe ist bei Kindern und Jugendlichen schwer zu führen. Dies liegt an dem sehr hohen Placeboeffekt einer Therapie bei Kindern. Zunächst sollten deshalb nichtmedikamentöse Verfahren eingesetzt werden. Sind diese nicht ausreichend wirksam, können Betablocker wie Propranolol in einer an das Körpergewicht angepassten Dosierung oder 5 mg Flunarizin jede zweite Nacht gegeben werden.

Bei Schwangeren, bei denen die Migränehäufigkeit nicht im Rahmen der Schwangerschaft zurückgeht, können Metoprolol, Propranolol oder Amitriptylin verwendet werden.

In den letzten Jahren wurde eine Reihe von nichtinvasiven Neurostimulationsverfahren entwickelt, die für die Prophylaxe der Migräne wirksam sind. Dazu gehört die transkutane Stimulation des N. supraorbitalis. Invasive Verfahren der Neurostimulation, wie die bilaterale Stimulation des N. occipitalis major oder die Implantation einer Elektrode in das Ganglion sphenopalatinum, die beim chronischen Clusterkopfschmerz wirksam sind, werden zur Migräneprophylaxe nicht empfohlen. Abgeraten wird von der chirurgischen Durchtrennung des M. corrugator oder anderer perikranieller Muskeln und vom Verschluss eines offenen Foramen ovale.

Akupunktur ist für die Prophylaxe der Migräne wirksam. Dabei unterscheidet sich die Wirksamkeit einer klassischen Akupunktur nicht von einer Scheinakupunktur. Homöopathie ist in der Migräneprophylaxe unwirksam.

Nach Möglichkeit sollten medikamentöse und nichtmedikamentöse Verfahren zur Migräneprophylaxe kombiniert werden. Die Kombination ist wirksamer als jede der Methoden für sich. Wirksam sind regelmäßiger aerober Ausdauersport und Verfahren der Verhaltenstherapie wie Entspannungsverfahren, kognitive Verhaltenstherapie und Biofeedback. Bei Patienten mit erheblicher Einschränkung oder chronischer Migräne wird eine Kombination von Schmerzbewältigungstraining, Stressmanagement und Entspannungsverfahren eingesetzt.

Ausblick für zukünftige Therapien

Triptane sind bei Patienten mit schwerwiegenden vaskulären Erkrankungen wie TIA, Schlaganfall, Angina pectoris oder nach akutem Koronarsyndrom kontraindiziert. Die neu entwickelten 5-HT1F-Agonisten, wie Lasmiditan, sind ebenso wirksam wie Triptane, haben aber keine vasokonstriktiven Eigenschaften.

Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) spielt eine wichtige Rolle in der Pathophysiologie der Migräne. Derzeit werden orale CGRP-Antagonisten entwickelt, die nach derzeitigem Studienstand bei der Behandlung akuter Migräneattacken wirksam sind und ebenfalls bei Patienten mit Kontraindikationen gegen Triptane eingesetzt werden können.

Eine neue Entwicklung zur Migräneprophylaxe sind monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor. Diese greifen sehr wahrscheinlich am Ganglion trigeminale an, der wichtigsten Transmissionsstation von Schmerzen, die aus den Wänden der Blutgefäße, des Kopfes und Gehirns sowie der Dura stammen. Die monoklonalen Antikörper sind wirksamer als Placebo und im indirekten Vergleich ebenso wirksam wie die bisher eingesetzten Migräneprophylaktika. Positive Studien liegen sowohl für die Prophylaxe der häufig episodischen wie der chronischen Migräne vor.

Die Substanzen zeichnen sich wegen ihrer hohen Spezifität durch ein sehr gutes Nebenwirkungsprofil aus. Da es sich um große Moleküle handelt, müssen sie entweder alle 4 Wochen oder alle 3 Monate subkutan oder intravenös appliziert werden. Damit ist allerdings auch die Compliance und Adhärenz gewährleistet. Der Antikörper gegen den CGRP-Rezeptor Erenumab wurde im Juli 2018 durch die EMA zugelassen. Wann die Zulassung der übrigen CGRP-Antikörper Eptinezumab, Fremanezumab und Galcanezumab erfolgt, ist im Moment noch nicht absehbar.

Weitere Aspekte der Migränebehandlung

Neben den genannten Therapieansätzen gibt es noch weitere Aspekte, die bei der Behandlung von Migräne berücksichtigt werden sollten:

  • Identifikation und Vermeidung von Triggern: Viele Migränepatienten kennen spezifische Auslöser, die eine Attacke provozieren können. Diese Triggerfaktoren sind sehr individuell. Häufige Trigger sind Stress, bestimmte Nahrungsmittel, Licht- oder Geruchsreize. Das Vermeiden individueller Trigger kann bereits einen wichtigen therapeutischen Aspekt darstellen.
  • Allgemeine Maßnahmen: Während einer akuten Migräneattacke können allgemeine Maßnahmen wie Rückzug in einen ruhigen, abgedunkelten Raum, Schlaf, Eisbeutel oder Pfefferminzöl Linderung verschaffen.
  • Frei verkäufliche Medikamente: Vielfach ist zur Attackenbehandlung die Einnahme von 1g ASS (Acetylsalicylsäure), 1g Paracetamol, 400mg Ibuprofen oder einer Kombination (500mg ASS + 500mg Paracetamol + 130mg Koffein) ausreichend. Naratriptan ist zur Zeit (noch) als einziges Triptan frei verkäuflich.
  • Rezeptpflichtige Medikamente: In Kombination mit den oben genannten frei verkäuflichen Medikamenten ist häufig zur Behandlung der Übelkeit die Einnahme von Metoclopramid oder Domperidon sinnvoll. Zur Behandlung mittelschwerer und schwerer Attacken ist bei unzureichendem Ansprechen auf ASS, Paracetamol oder Ibuprofen eine Behandlung mit Triptanen indiziert. Dabei existieren neben Tabletten und Schmelztabletten auch Nasensprays, Zäpfchen und zur Behandlung schwerster Attacken mit schnellem Erbrechen auch Subkutanspritzen. Alle Akutmedikamente können bei zu häufiger Anwendung auch Kopfschmerzen auslösen.
  • Alternative und pflanzliche Wirkstoffe: Alternativ haben sich auch für pflanzliche Wirkstoffe wie Pestwurz bzw.

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