Multiple Sklerose: Psychische Probleme als unsichtbare Symptome

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die sowohl körperliche als auch psychische Symptome hervorrufen kann. Während die körperlichen Symptome wie Sehstörungen, Lähmungen und Gleichgewichtsstörungen oft im Vordergrund stehen, sind die psychischen Probleme bei MS oft unsichtbar und werden daher leicht übersehen. Diese psychischen Symptome können jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben.

Die psychiatrische Relevanz der Multiplen Sklerose

Die MS ist eine chronisch verlaufende neurologische Erkrankung, von der in Deutschland etwa 250.000 Menschen betroffen sind. Pro 100.000 Einwohner erkranken im Schnitt 200-250 an MS. Verlauf und Symptomatik dieser Erkrankung sind außerordentlich vielgestaltig und schwer vorhersehbar. Neben klassischen neurologischen Symptomen können auch andere medizinische Disziplinen mit einschließenden Symptomen beteiligt sein, wie z.B. Sehnerventzündungen, Schmerzsyndrome und neuro-urologische Störungen.

Psychische Erkrankungen und MS: Ein komplexes Zusammenspiel

Psychische Symptome sind bei Multipler Sklerose häufig im Rahmen der vieljährigen Krankengeschichte anzutreffen. Hier sind praktisch alle in der ICD-10 enthaltenen Diagnosen zu nennen. Es hat sich im Kontext der Behandlung der MS bewährt, zu unterscheiden zwischen:

  • Psychiatrischen Störungen, die unmittelbare Folge der MS als organischer Erkrankung oder der Behandlung sind (kognitive Defizite, Wesensveränderungen, Depression, Psychosen, …)
  • Psychoreaktiven Störungen, die als Folge der Erkrankung auftreten (Probleme mit der Krankheitsverarbeitung, Depression, Angststörungen, Belastungsreaktionen, …)
  • Psychischen Störungen, die ohne direkten ursächlichen Zusammenhang mit der MS bereits bestanden oder sich im Krankheitsverlauf entwickeln (Komorbidität).

Von den Menschen, die in der Fachklinik für Multiple Sklerose behandelt werden, weisen etwa 35 % eine psychiatrische Diagnose neben der MS-Erkrankung auf.

Häufige psychische Symptome bei MS

Zu den häufigsten psychischen Symptomen bei MS gehören:

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  • Depressionen: Über 50 % der MS-Patienten müssen damit rechnen, dass es in ihrem Krankheitsverlauf einmal zu einer behandlungsbedürftigen Depression kommt. Die Ursachen können vielfältig sein: die Belastung durch die Krankheit selbst, der Verlust einzelner Körperfunktionen, die sozialen Auswirkungen oder neurologische Veränderungen im Gehirn.
  • Angststörungen: Angststörungen sind bei MS-Erkrankten häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Die Unsicherheit über den Verlauf der Krankheit, die Sorge um körperliche Beeinträchtigungen und die Auswirkung der Erkrankung auf das alltägliche Leben können Ängste verstärken.
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Kognitive Einschränkungen wie Gedächtnis- und Konzentrationsschwierigkeiten, Problemlösungsdefizite und verlangsamtes Denken sind ein häufiges Problem bei MS. Diese können für die Betroffenen sehr belastend sein.
  • Fatigue: Fatigue (erhebliche anhaltende Schwäche und schnelle Erschöpfbarkeit) ist ein häufiges und oft sehr beeinträchtigendes Symptom bei MS. Es kann sowohl ein Teil der Depressionssymptomatik sein als auch ohne Depressionen auftreten.
  • Wesensveränderungen: Wesensveränderungen im Rahmen einer Multiple-Sklerose-Erkrankung umfassen emotionale Labilität und Stimmungsschwankungen. Das Denkmuster und die Denkgeschwindigkeit verändern sich. Eine tatsächliche Wesensveränderung tritt allerdings selten auf.
  • Schmerzsymptome: Schmerzsymptome, die keine rein psychische Erkrankung sind, aber eben auch eine psychische Komponente haben, kommen dazu.

Ursachen psychischer Probleme bei MS

Die Ursachen für psychische Probleme bei MS sind vielfältig. Neben den direkten Auswirkungen der MS auf das Gehirn spielen auch psychologische und soziale Faktoren eine Rolle.

  • Direkte Auswirkungen der MS: Entzündliche Läsionen im Gehirn können zu Veränderungen in der Hirnchemie und -struktur führen, die sich auf die Stimmung, das Verhalten und die kognitiven Fähigkeiten auswirken. Zu direkten, also hirnorganischen psychischen Krankheitsbildern kommt es, wenn bestimmte Hirnregionen von MS betroffen sind, die zum Beispiel das Erleben, Äußern und den Umgang mit Gefühlen betreffen. Hier kann es passieren, dass ein MS-Betroffener Trauer oder Glück zu einer nicht passenden Gelegenheit äußert (also etwa lacht, wenn etwas traurig ist und umgekehrt, genannt: Parathymie).
  • Psychologische Faktoren: Die Diagnose MS ist für die meisten Betroffenen ein Schock. Die Einschränkungen im gewohnten Lebensalltag, in Partnerschaft, Familie und Beruf werden als schwierig und bedrohlich erlebt. Die Anpassung an die Krankheit, das Leben mit MS kann aus eigener Stärke nicht machbar erscheinen.
  • Soziale Faktoren: Soziale Isolation, Stigmatisierung und Diskriminierung können die psychische Gesundheit von Menschen mit MS zusätzlich belasten.

Diagnose und Behandlung psychischer Probleme bei MS

Die Diagnose psychischer Probleme bei MS erfordert eine sorgfältige Anamnese und Untersuchung. Es ist wichtig, die Ursachen der Beschwerden zu klären und zwischen psychischen Störungen, die direkt mit der MS zusammenhängen, und solchen, die unabhängig davon auftreten, zu unterscheiden.

Dr. Martin Meier von der Marianne-Strauß-Klinik betont, dass es wichtig ist, bei Patientinnen und Patienten mit MS gezielt nach Komorbiditäten zu forschen, da Depressionen und Angststörungen sogenannte verborgene Symptome sein können.

In der Marianne-Strauß-Klinik wird gemeinsam mit den Patienten versucht, die Hintergründe ihrer psychischen Beschwerden zu klären. Liegen die Ursachen im neurologischen, psychischen oder sozialen Bereich? In bestimmten Fällen stellt sich z. B. die Frage, warum die Behandlung eines (vermeintlich) neurologischen Symptoms nicht so wirkt, wie erwartet. Darüber hinaus hilft es den Patienten oft schon, dass schwer zu erfassende, aber doch belastende psychische Symptome als solche erkannt und benannt werden. Hier ist die Diagnostik dann bereits der erste therapeutische Schritt. Das erfordert Zeit und ein genaues Hinschauen. Im Diagnostikprozess arbeiten die Ärzte mit erprobten Instrumenten der psychiatrischen Diagnostik, aus der klinischen Psychologie und Neuropsychologie (z. B. Fragebögen).

Die Behandlung psychischer Probleme bei MS kann verschiedene Ansätze umfassen:

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  • Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, die psychischen Belastungen der MS zu bewältigen, Strategien zur Krankheitsbewältigung zu entwickeln und soziale Unterstützung zu mobilisieren. Im Rahmen des Aufenthalts in der Marianne-Strauß-Klinik gibt es die Möglichkeit einer zielorientierten psychotherapeutischen Kurzintervention durch eine/n Arzt/Ärztin oder klinische Neuro-/Psychologen. Die inhaltlichen Schwerpunkte werden in Absprache mit den Patienten gesetzt, z. B.:
    • Differenzierung zwischen psychischer Symptomatik und somatischer Erkrankung
    • Krankheitsbewältigung
    • Umgang mit Emotionen
    • Bewältigung familiärer Konflikte
    • Es werden sowohl tiefenpsychologische und verhaltenstherapeutische Verfahren als auch unterschiedliche Entspannungsmethoden angewendet.
  • Medikamentöse Behandlung: Antidepressiva, angstlösende Medikamente oder andere Psychopharmaka können zur Behandlung von Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Problemen eingesetzt werden. Uns steht dabei das gesamte Spektrum der modernen Psychopharmakotherapie zur Verfügung, allerdings immer unter Berücksichtigung der immunologischen oder symptomatischen Medikation. Sprechen Sie mit IhrerIhrem Ärztin, wenn Sie psychische Veränderungen bemerken. Ein nützliches Hilfsmittel dazu ist der MS SYMPTOMKOMPASS, um Signale Ihres Körpers zu erkennen und Zusammenhänge besser zu verstehen.
  • Soziale Unterstützung: Der Austausch mit anderen Betroffenen, die Teilnahme an Selbsthilfegruppen und die Unterstützung durch Familie und Freunde können die psychische Gesundheit von Menschen mit MS stärken. Für viele Patienten hat es sich außerdem bewährt, ihr soziales Umfeld in die Behandlung miteinzubeziehen: Paar-, Familien- und Angehörigengespräche sind daher im Bedarfsfall ein wichtiger Bestandteil der Arbeit in der Marianne-Strauß-Klinik.
  • Neuropsychologische Sprechstunde: Seit Juni bietet die Freie Universität Berlin immer montags eine neuropsychologische Sprechstunde speziell für MS-Erkrankte an. Hier können MS-Erkrankte abklären lassen, ob in einem kognitiven Bereich tatsächlich ein Defizit vorliegt. Zudem können sie sich beraten lassen, wie hier gegebenenfalls Abhilfe geschaffen werden kann.

Vernetzung und Zusammenarbeit für einen nachhaltigen Therapieerfolg

Die Marianne-Strauß-Klinik legt großen Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Neurologen, Hausarzt, Psychiater oder Therapeuten des Patienten: bei Bedarf und nach Absprache mit dem Patienten nehmen die Ärzte Kontakt mit dem Behandler auf, um die Dinge zu besprechen, die i.R. der stationären Behandlung erarbeitet wurden. Gemeinsam planen sie das therapeutische Vorgehen für den Aufenthalt in der Marianne-Strauß-Klinik, aber auch für die Zeit nach der Entlassung.

Die Rolle der Medikamente

Zur Behandlung der MS sind verschiedene Medikamente verfügbar. Diese können sich auf die Psyche der Betroffenen auswirken. Die Ursachen für psychische Probleme, wie ein geringes Selbstwertgefühl, Angststörungen oder depressive Stimmungen, müssen nicht immer durch die MS bedingt sein - vielleicht waren sie schon vor der Diagnosestellung vorhanden. Bei der Entstehung einer psychischen Erkrankung wirken unterschiedliche Faktoren zusammen: soziale, psychologische und biologische. Das können beispielsweise Lebensumstände oder eine genetische Veranlagung sein, aber auch körperliche Erkrankungen mit Einfluss auf das Gehirn, etwa psychische Probleme bei Schilddrüsenfunktionsstörungen.

Leben mit Multipler Sklerose und psychischen Problemen

Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen in vielerlei Hinsicht beeinflussen kann. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass psychische Probleme ein Teil der Erkrankung sein können und dass es Hilfe gibt. Durch eine frühzeitige Diagnose und Behandlung psychischer Probleme können Menschen mit MS ihre Lebensqualität deutlich verbessern.

Wichtige Hinweise:

  • Stellen Sie Symptome wie Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit an sich fest, ist eine Psychotherapie ratsam.
  • Psychische Probleme können auch von Medikamenten ausgelöst werden. In diesem Fall sollte eine Umstellung auf eine andere medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden.
  • Sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt oder Therapeuten über Ihre psychischen Beschwerden.
  • Suchen Sie sich Unterstützung bei Familie, Freunden oder Selbsthilfegruppen.

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