Animationsfilme: Auswirkungen auf das Gehirn und Emotionen

Animationsfilme sind nicht nur Unterhaltung für Kinder, sondern können auch starke emotionale Reaktionen hervorrufen und das Gehirn auf vielfältige Weise beeinflussen. Dieser Artikel untersucht, wie Animationsfilme auf unser Gehirn wirken, welche Emotionen sie auslösen können und welche Rolle sie in unserer emotionalen Entwicklung spielen.

Die emotionale Kraft von Animationsfilmen

Animationsfilme haben die einzigartige Fähigkeit, uns tief zu berühren. Eine Szene aus "Der König der Löwen", in der Simba versucht, seinen toten Vater Mustafa zu wecken, hat Millionen Menschen zu Tränen gerührt. Aber warum lösen Animationsfilme so starke Emotionen aus?

Der Psychologe Paul J. Zak erklärt, dass emotionale Reaktionen von vielen Faktoren abhängen. Wenn ein Thema für den Zuschauer von Bedeutung ist, wendet das Gehirn mehr Energie auf, um die Erfahrungen im Film zu verarbeiten. Dies führt in der Regel zu einer stärkeren emotionalen Reaktion.

Auch das Umfeld spielt eine Rolle. Menschen reagieren emotional stärker, wenn sie einen Film mit einem großen Publikum im Kino sehen, als wenn sie ihn alleine zu Hause schauen. Kinosäle sind so konzipiert, dass sie eindringlich sind - mit großen Leinwänden und großartigen Soundsystemen.

Zaks Forschungen haben gezeigt, dass Menschen mit einer sehr aggressiven und empathischen Persönlichkeit in jeder emotionalen Situation stärker reagieren. Junge Menschen haben weniger präfrontale Kontrolle und sind daher emotionaler, während ältere Menschen über 60 allmählich die präfrontale Kontrolle verlieren und ebenfalls emotionaler sind. Zudem erhöht ein hoher Östrogenspiegel die emotionalen Reaktionen.

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"Alles steht Kopf": Eine Reise ins Innere der Emotionen

Ein besonders origineller Animationsfilm, der sich mit dem Thema Emotionen auseinandersetzt, ist "Alles steht Kopf" von Pixar. Der Film spielt im Kopf der elfjährigen Riley, deren Gefühle - Freude, Wut, Angst, Ekel und Kummer - personifiziert werden und ihr Verhalten steuern.

Als Riley mit ihrer Familie nach San Francisco umziehen muss, geraten ihre Gefühle aus der Balance. Freude und Kummer werden in die unendlichen Weiten des Bewusstseins katapultiert, und die anderen Gefühle müssen versuchen, Riley zu helfen, ihr heiteres Selbst wiederzufinden.

"Alles steht Kopf" ist ein Road Movie durchs menschliche Gehirn, das auf unterhaltsame und kindgerechte Weise veranschaulicht, wie Emotionen zusammenwirken und welche Auswirkungen das auf Stimmungen und Entscheidungen hat. Der Film zeigt, wie wichtig Teamwork ist und dass jede Emotion seine Daseinsberechtigung hat.

Die neurologische Immersion und ihre Auswirkungen

Psychologe Zak spricht von "Immersion", wenn Emotionen von vielen Stellen im Gehirn ausgehen und ein großes Netzwerk aktivieren. Die Kernkomponenten dieser neurologischen Immersion sind einerseits die Aufmerksamkeit für den Film, andererseits die emotionale Resonanz, die der Film beim Zuschauer erzeugt. Diese beiden Komponenten sind mit den Wirkungen von den zwei Neurochemikalien Dopamin und Oxytocin verbunden.

Die Immersion löst ein emotionales Wechselbad der Gefühle aus, das im wirklichen Leben selten ist. Interessanterweise trainieren wir durch Spitzenwerte bei den Immersionsreaktionen unsere Gehirne darauf, im wirklichen Leben empathischer zu sein. Filme, Bücher, Podcasts und Musik können uns helfen, unsere Empathie zu stärken.

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Filmgeschmack und Gehirnaktivität

Studien haben gezeigt, dass der Filmgeschmack mit der Aktivität bestimmter Gehirnareale zusammenhängt. Bei Fans von Actionfilmen reagiert die Amygdala sehr stark auf die negativen emotionalen Reize Angst und Wut. Bei Komödien-Fans reagieren sogar beide Gehirnareale - die Amygdala und das Belohnungszentrum - überdurchschnittlich stark.

Die Gehirne von Menschen reagieren unterschiedlich stark auf negative Emotionen und verarbeiten sie anders. Es scheint, dass Menschen sich die Filmgenres aussuchen, die ihr Gehirn optimal stimulieren.

Emotionen und Gedächtnis

Ereignisse, die mit starkem emotionalem Empfinden verknüpft sind, prägen sich besonders tief ins Gedächtnis ein. Dies liegt unter anderem daran, dass zwischen der Amygdala und dem Hippocampus enge Verbindungen bestehen. Studien zeigen, dass bei emotionalen Ereignissen ausgeschüttete Botenstoffe, insbesondere das Noradrenalin, die Neubildung und Stärkung von Nervenzellverbindungen fördern.

Gedächtnisse für emotional aufwühlende Ereignisse, die durch eine Kopplung von Amygdala und Hippocampus zustande kommen, unterliegen einem besonderen Bindungsgeschehen (emotional binding) und werden demzufolge langsamer vergessen als emotionsfreie Gedächtnisinhalte. "Ohne Gefühle gibt es keine Erinnerung", sagt der Psychologe Hans J. Markowitsch.

Die Auswirkungen digitaler Medien auf die emotionale Entwicklung von Kindern

Seit Kurzem gibt es Warnungen von Kinderärzten im Hinblick darauf, wie der Smartphone-Gebrauch von Eltern das Bindungs- und Spielverhalten kleiner Kinder beeinflusst. Beides ist die Grundlage für psychische Gesundheit und emotionale, soziale und kognitive Bildung.

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Kinder benötigen die ungestörte Aufmerksamkeit, den feinfühligen Umgang und die weitgehende Anwesenheit ihrer Bezugspersonen, um eine sichere Bindung aufzubauen. Wird die Aufmerksamkeit der Bezugsperson immer wieder durch digitale Medien abgezogen, reagieren die meisten Kinder verstört darauf.

Bei kleinen Kindern wird Lernen ausschließlich über die Bewegung und das sensorische Empfinden in Gang gesetzt. Die ersten zwei Jahre werden deshalb auch als senso-motorische Phase bezeichnet. Wird die Bewegungslust durch ein solch faszinierendes Spielzeug nicht mehr empfunden, kommen die biologisch verankerten Antriebe des Erkundens, der Wissbegierde, der Nachahmung, des Spielens und des schöpferischen Erfindens nicht oder zu wenig zum Einsatz.

Im Gehirn löst das digitale Feuerwerk schneller Videos und bunter Animationen ein Reizbombardement aus, das auf das Stammhirn (unteres limbisches System) niedergeht. Es trifft in erster Linie das Belohnungssystem, das bei kleinen Kinder durch einen häufigen Gebrauch digitaler Medien völlig überdreht. Wichtige Teilbereiche des Stirnhirns können sich nicht voll entfalten.

Digitale Medien passen also in den so wichtigen senso-motorischen Entwicklungsrahmen der ersten Jahre nicht hinein. Es gibt keinen den Kindern nutzenden Grund, in der Kita digitalen Medien einzusetzen. Kinder lernen den Umgang mit digitalen Medien sehr schnell, wenn ihr Gehirn weit genug ausgereift ist. Das ist frühestens zum Ende des Grundschulalters der Fall. Deshalb empfehlen alle wirtschaftsunabhängigen Experten, Kindern erst mit 12 Jahren digitale Medien selbstverantwortlich zu überlassen.

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