Die Behandlung von Hirntumoren ist ein komplexes und sich ständig weiterentwickelndes Feld. Sowohl in Kanada als auch in Deutschland werden bedeutende Fortschritte erzielt, um die Diagnose, Behandlung und Lebensqualität von Patienten mit Hirntumoren zu verbessern. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser Fortschritte und Herausforderungen, wobei besonderes Augenmerk auf neue Technologien, Forschungsergebnisse und Behandlungsansätze gelegt wird.
Innovative Diagnostik und Klassifizierung von Hirntumoren
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Professor Dr. Dr. Felix Sahm arbeitet an einer bahnbrechenden Methode, die auf einer Kombination aus Labortechnologie und künstlicher Intelligenz basiert. Ziel ist es, eine schnelle und präzise Unterscheidung von Hirntumor-Untergruppen flächendeckend zu ermöglichen. Dieses Projekt, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund einer Million Euro, trägt den Titel „DC2M-TAEC: Detection, Classification, Characterization and Treatment Monitoring of Tumors by Accessible Epigenetic Classification“.
Das Team will Methoden entwickeln, die es weltweit ermöglichen, schneller und einfacher die genaue Art des vorliegenden Hirntumors zu bestimmen. Darüber hinaus soll es in Zukunft leichter werden, zu erkennen, welche Therapien für den jeweiligen Tumor am besten geeignet sind und gegen welche er resistent ist. An diesem Projekt beteiligt sind neben dem Universitätsklinikum Heidelberg auch das Oslo University Hospital in Norwegen, die Acibadem University in Istanbul, Türkei, sowie das University Health Network aus Toronto, Kanada.
Die Rolle drahtloser Kommunikationstechnologien
Die Frage, ob drahtlose Kommunikationstechnologien wie Mobiltelefone das Risiko für Hirntumoren erhöhen, ist seit langem Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Die MOBI-Kids-Studie, eine internationale Studie mit Daten aus 14 Ländern, untersuchte den Zusammenhang zwischen Hirntumoren und der Nutzung von drahtlosen Telefonen bei Kindern und Jugendlichen.
Die Ergebnisse dieser Studie, die fast 900 Kinder und Jugendliche mit Hirntumoren und 1900 ohne Hirntumorerkrankung umfasste, deuten nicht darauf hin, dass die Benutzung von Mobiltelefonen oder schnurlosen Telefonen das Risiko für Hirntumoren bei Jugendlichen erhöht. Eine beobachtete Abnahme des Hirntumorrisikos bei längerer und häufigerer Nutzung mobiler Geräte wird als mögliches methodisches Artefakt interpretiert. Die Autoren der Studie vermuten, dass Unsicherheiten bei den Angaben zur Nutzung, insbesondere wenn diese von den Eltern statt von den Kindern und Jugendlichen selbst stammen, sowie Änderungen im Nutzungsverhalten bei erkrankten Personen bereits vor der Diagnose, zu diesem Effekt beitragen könnten.
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Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) betont, dass trotz der Sorgfalt und des Aufwands, der in Fall-Kontroll-Studien betrieben wird, ein kleiner Risikoanstieg nicht völlig ausgeschlossen werden kann. Es wird darauf hingewiesen, dass Mobiltelefone und DECT-Telefone Quellen hochfrequenter elektromagnetischer Felder und niederfrequenter Magnetfelder sind, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO als "möglicherweise krebserregend" eingestuft werden. Da die Exposition im Kopfbereich am stärksten ist, stellt sich insbesondere die Frage nach einem möglichen Risiko für Hirntumoren.
Die MOBI-Kids-Studie hat im Vergleich zu früheren Studien einige Stärken. Sie hat einen größeren Umfang als die CEFALO-Studie und eine größere durchschnittliche Nutzungsdauer und -häufigkeit. Zudem wurde auch die Nutzung von kabellosen Telefonen berücksichtigt und die Auswertung zusätzlich mit einem Maß für die geschätzte Feldeinwirkung am Ort des Tumors durchgeführt.
Trotz dieser Stärken gibt es auch Einschränkungen. Die Fallzahlen in verschiedenen Untergruppen sind klein, was aussagekräftige Auswertungen erschwert. Zudem können Verzerrungen durch unterschiedliche Teilnahmebereitschaft von Fällen und Kontrollen in Abhängigkeit vom Nutzungsverhalten nicht ausgeschlossen werden.
Die Ergebnisse der MOBI-Kids-Studie stützen die Ergebnisse vorliegender Studien an Erwachsenen, die mehrheitlich kein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Hirntumoren in Abhängigkeit von Mobiltelefon-Nutzung fanden. Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Belege für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und dem Risiko für Hirntumoren bei Kindern und Jugendlichen.
Fortschritte in der Behandlung des Glioblastoms
Das Glioblastom ist ein seltener, aber äußerst bösartiger Hirntumor. Eine aktuelle Studie aus Kanada zeigt, dass auch hochbetagte Patienten von einer Kombination aus Chemotherapie und Radiotherapie profitieren können. Bislang erhielten diese Patienten - gestützt auf einen Gentest - entweder eine Chemo- oder eine Strahlentherapie.
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Die Studie ergab, dass eine gleichzeitige Radiotherapie kombiniert mit Temozolomid die Überlebenszeit dieser Patientengruppe verlängert. Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) und die NOA - Neuroonkologische Arbeitsgemeinschaft in der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. empfehlen die Radiochemotherapie unabhängig vom Alter der Patienten und unterstützen weitere Studien zur Bedeutung des Biomarkers MGMT.
Die kanadische Studie zeigte, dass die Kombination von Strahlen- und Chemotherapie zwar einige Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen verstärkt, die Lebensqualität jedoch insgesamt nicht leidet. Das progressionsfreie Überleben stieg von 3,9 auf 5,3 Monate und das Gesamtüberleben von 7,6 auf 9,3 Monate.
Es gibt jedoch noch offene Fragen bezüglich der Dauer und Dosis der Strahlentherapie. In der kanadischen Studie erhielten die Patienten eine Gesamtdosis von 40 Gray, verteilt auf 15 Einzelbestrahlungen. In Deutschland ist eine Dosis von 60 Gray verteilt auf 30 Termine die Regel. Eine Verkürzung auf 15 Tage ist aus Sicht von Experten nur für ältere Patienten mit einem schlechteren Allgemeinzustand eine gute Option.
Neue Therapieansätze: Toca 511 und DCVax-L
Die Behandlung hochgradiger Gliome mit Toca 511 und Toca FC zeigte in einer Phase-I-Studie vielversprechende Ergebnisse. Wissenschaftler fanden heraus, dass das Leben der mit einem manipulierten Virus behandelten Patienten verlängert werden konnte. Bei der neuartigen Behandlung wurde den Patienten ein retroviraler replizierender Vektor (Toca 511) injiziert, der die sich aktiv teilenden Gliomzellen infiziert und ein Gen namens Cytosin-Deaminase an die Krebszellen liefert. Dieses Gen bewirkt, dass das Antimykotikum Flucytosin (Toca FC) in das Chemotherapeutikum Fluorouracil (5-FU) umgewandelt wird, das zu einem gezielten Tod der infizierten Gliomzellen führt.
Um diese Ergebnisse zu bestätigen, wurde eine randomisierte Phase-II/III-Studie durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studie zeigten jedoch, dass die Gabe von Toca 511 und Toca FC im Vergleich zur Standardbehandlung zu keiner Verbesserung der Gesamtüberlebenszeit oder anderer untersuchter Endpunkte geführt hat.
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Ein weiterer vielversprechender Therapieansatz ist die Impftherapie mit DCVax-L. Eine multizentrische prospektive Phase-3-Studie ergab, dass die Anwendung eines Vakzins aus autologen tumorlysatbeladenen dendritischen Zellen (DCVax-L) - zusätzlich zur Standardtherapie - eine Verbesserung des Gesamtüberlebens bei Patienten mit neu diagnostiziertem Glioblastom (nGBM) wie auch mit rezidivierendem Glioblastom (rGBM) nach Cross-over erreicht werden kann.
Das mediane Gesamtüberleben (mOS) der mit DCVax-L-behandelten Patienten betrug 19,3 Monate nach Randomisierung im Vergleich zu 16,5 Monaten in der Gruppe der externen Kontrollpopulation. Nach Rezidivdiagnose erhielten weitere Patienten aus der Placebogruppe eine Therapie mit DCVax-L im Sinne eines Cross-overs. Bei diesen Patienten betrug das mOS 13,2 Monate ausgehend vom Zeitpunkt des Rezidivs im Vergleich zu 7,8 Monaten in der externen Kontrollpopulation.
Trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse sollte ein möglicher Einzug der DCVax-L-Therapie in die Standardtherapie des Glioblastoms noch mit Zurückhaltung betrachtet werden. Es wurde Kritik geäußert hinsichtlich der Vergleichbarkeit der DCVax-L-Kohorte und der externen Kontrollpopulation, da wesentliche Faktoren wie das Patientenalter, die Einnahme von Steroiden, der Performance-Status und der Resektionsgrad nicht ausreichend mitberücksichtigt worden seien.
Zielgerichtete Therapie beim Glioblastom
Forscher des Dana-Farber Cancer Institute in Boston haben Daten einer klinischen Studie veröffentlicht, die eine noch nie da gewesene, klinisch bedeutsame Wirkung einer zielgerichteten Therapie bei Patienten mit hochgradigen Hirntumoren mit der seltenen BRAFV600E-Mutation zeigen. Patienten mit BRAFV600E-mutierten hochgradigen und niedriggradigen Gliomrezidiven erhielten zweimal täglich Dabrafenib plus einmal täglich Trametinib oral.
Die Ergebnisse zeigten, dass bei den Patienten mit höhergradigen Gliomen 33 % ein objektives Ansprechen hatten, darunter drei vollständige und zwölf partielle Reaktionen. Bei den niedriggradigen Gliomen sprachen 69 % objektiv an, darunter ein vollständiges Ansprechen, sechs partielle und zwei leichte Reaktionen. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass BRAFV600E-Tests möglicherweise in die klinische Praxis für Patienten mit Gliomen übernommen werden könnten.
Tumor-Organoide für personalisierte Medizin
Tumor-Organoide, also Minitumoren, die aus chirurgischem Material in der Kulturschale herangezogen werden, werden heute in der Krebsforschung vielfältig genutzt. Das neue Modell von Haikun Liu setzt auf zerebrale Organoide - eine Art „Mini-Gehirne“, die aus induzierten pluripotenten Stammzellen gezüchtet werden. In diesen Organoiden lassen die Forschenden frisch entnommene Tumorproben heranwachsen. Auf diese Weise entsteht ein Abbild des Tumors, das die Vielfalt der Zelltypen, die komplexe Tumorumgebung und die molekularen Eigenschaften des Ursprungstumors nachahmt.
Mit diesem Modell können erstmals nicht nur die Struktur und Heterogenität der Tumoren erhalten, sondern auch ihre Reaktion auf verschiedene Therapien vorhergesagt werden. Die Methode ist auf eine breite Palette von Tumoren des Zentralnervensystems anwendbar - von aggressiven Hirntumoren wie Glioblastomen bis hin zu Hirnmetastasen. Die Eignung des Modells für Wirksamkeits-Tests von Chemotherapien oder anderen Krebsmedikamenten auf individuelle Tumoren ist besonders vielversprechend für die personalisierte Medizin.
Die hochwertigen molekularen Daten aus der medikamentösen Behandlung sollen außerdem gesammelt und für das Training fortgeschrittener KI-Modelle verwendet werden, die dabei helfen können, die beste Behandlung für Hirntumorpatienten zu finden.
Herausforderungen und persönliche Geschichten
Trotz der Fortschritte in der Hirntumorbehandlung bleiben viele Herausforderungen bestehen. Die Diagnose eines Hirntumors kann das Leben eines Menschen von Grund auf verändern. Die Behandlung ist oft langwierig und mit Nebenwirkungen verbunden. Die Prognose ist bei einigen Hirntumoren, insbesondere beim Glioblastom, nach wie vor schlecht.
Die Geschichte von Sven Marx, einem Überlebenskämpfer mit einem Hirntumor, zeigt, wie wichtig es ist, den Mut nicht zu verlieren und sich Ziele zu setzen. Marx reiste mit dem Fahrrad um die Welt und wagte sich an eine Fahrt zu den Paralympics in Japan mit einem Tandemfahrrad - an der Seite eines Blinden. Im Sommer 2025 versuchte er sich an einer Extrem-Tour zu Fuß durch Deutschland, musste diese jedoch aufgrund von Schmerzen abbrechen. Marx sammelt mit seinen Aktionen Spenden für eine Initiative, die Blinde unterstützt.