Die Poliomyelitis, umgangssprachlich als Kinderlähmung bekannt, ist eine hochansteckende Viruserkrankung, die durch Polioviren verursacht wird. Obwohl die Globale Polio-Eradikationsinitiative (GPEI) seit 1988 enorme Fortschritte erzielt hat, bleibt die Krankheit eine globale Herausforderung, insbesondere in Regionen mit niedrigen Impfquoten und schlechten hygienischen Bedingungen. Ein wichtiger Aspekt der Poliomyelitis ist, dass sie in seltenen Fällen zu einer aseptischen Meningitis führen kann, einer nicht-paralytischen Hirnhautentzündung. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede und Zusammenhänge zwischen aseptischer Meningitis und Poliomyelitis, die aktuelle globale Situation, Präventionsmaßnahmen und die Bedeutung der Impfung.
Was ist Poliomyelitis?
Poliomyelitis wird durch Polioviren verursacht, kleine, sphärische, unbehüllte Einzelstrang-RNA-Viren, die zur Familie der Picornaviridae gehören. Es gibt drei Serotypen von Polioviren (Typ 1, 2, 3). Die Übertragung erfolgt hauptsächlich fäkal-oral durch Schmierinfektion, besonders in Gebieten mit mangelhaften hygienischen Bedingungen. Eine Übertragung über kontaminiertes Wasser ist ebenfalls möglich. In seltenen Fällen kann das Virus auch über Tröpfcheninfektion übertragen werden.
Symptome und Verlauf
Die meisten Poliovirus-Infektionen (über 70 %) verlaufen asymptomatisch. Bei einem kleineren Teil (4-8 %) treten unspezifische, grippeähnliche Symptome wie Fieber, Halsschmerzen, Abgeschlagenheit, Übelkeit und Erbrechen auf. In seltenen Fällen (2-4 %) kann es zu einer nicht-paralytischen Hirnhautentzündung (aseptische Meningitis) mit Fieber, Nackensteifigkeit und Kopfschmerzen kommen. Die gefürchtetste Komplikation ist die dauerhafte Lähmung, die in 0,1 bis 1 % der Fälle auftritt. Bei Befall der Atemmuskulatur kann die Krankheit tödlich verlaufen (Sterblichkeitsrate bei Kindern 2-5 %, bei Erwachsenen 15-30 %).
Diagnostik
Die Diagnose erfolgt hauptsächlich durch Stuhldiagnostik, gegebenenfalls auch durch Rachenabstriche und Liquoruntersuchung. Der Erregernachweis im Stuhl ist in den ersten 14 Tagen zu etwa 80 % erfolgreich. Eine Virusanzucht kann die diagnostische Sensitivität erhöhen. Differenzialdiagnosen wie das Guillain-Barré-Syndrom, Diphtherie und andere Formen der Meningitis müssen ausgeschlossen werden.
Therapie
Es gibt keine spezifische antivirale Therapie gegen Poliomyelitis. Die Behandlung ist rein symptomatisch und unterstützend. Physiotherapeutische und orthopädische Nachbehandlungen sind oft notwendig, um die Beweglichkeit zu verbessern.
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Aseptische Meningitis im Zusammenhang mit Poliomyelitis
Die aseptische Meningitis, auch nicht-paralytische Poliomyelitis genannt, ist eine Form der Hirnhautentzündung, die nicht durch Bakterien verursacht wird, sondern meist durch Viren, darunter auch Polioviren. Sie tritt bei etwa 2-4 % der Polio-Infektionen auf.
Symptome der aseptischen Meningitis
Typische Symptome sind Fieber, Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelspasmen. Im Liquor finden sich eine lymphozytäre Pleozytose, normale Glukosespiegel und normale oder leicht erhöhte Proteinspiegel.
Verlauf und Prognose
Die aseptische Meningitis im Rahmen einer Polio-Infektion verläuft in der Regel nicht-paralytisch, das heißt, es kommt nicht zu Lähmungen. Die Patienten erholen sich meist vollständig. Es ist jedoch wichtig, die aseptische Meningitis von der paralytischen Poliomyelitis zu unterscheiden, bei der Lähmungen auftreten können.
Globale Situation der Poliomyelitis im Juni 2025
Trotz erheblicher Fortschritte bei der Polio-Eradikation gibt es weiterhin Herausforderungen. Die Übertragung des Wildpoliovirus Typ 1 (WPV1) ist aktuell auf Afghanistan und Pakistan beschränkt. Im Jahr 2024 gab es in beiden Ländern einen deutlichen Anstieg der WPV1-Fälle: Afghanistan verzeichnete 23 Fälle (283 % mehr als 2023) und Pakistan 63 Fälle (550 % mehr als 2023). Bis April 2025 wurden in diesen Ländern bereits 3 weitere WPV1-Fälle gemeldet.
Impfstoffabgeleitete Polioviren (cVDPV)
Neben dem Wildpoliovirus stellen die zirkulierenden impfstoffabgeleiteten Polioviren (cVDPV) eine erhebliche Bedrohung dar. Diese Viren können in Gemeinschaften entstehen und sich ausbreiten, in denen zu wenige Menschen gegen Polio geimpft sind. Im Zeitraum von Januar 2023 bis Juni 2024 wurden insgesamt 74 cVDPV-Ausbrüche in 39 Ländern festgestellt, mit 672 bestätigten Fällen von akuter schlaffer Lähmung (AFP). Besonders Ausbrüche von cVDPV2 stellen eine große Herausforderung dar, vor allem in Teilen Afrikas und des Nahen Ostens.
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Aktuelle Fallzahlen und Nachweise
Aktuell wurden in Pakistan klinische Fälle von WPV1 gemeldet, zusammen mit positiven Umweltproben aus vier Provinzen. Impfstoffabgeleitete Polioviren (cVDPV) wurden in Benin, Äthiopien und dem Jemen nachgewiesen, sowie in Umweltproben aus Tschad, Dschibuti und Tansania. Die Gesamtzahl der globalen cVDPV-Fälle im Jahr 2025 beträgt 77, unverändert zum Vorjahr.
Auswirkungen der globalen Zirkulation
Die globale Zirkulation von Polioviren hat verschiedene Auswirkungen:
- Auswirkungen auf die einheimische Bevölkerung: In den betroffenen Ländern besteht ein hohes Risiko für Infektionen und damit verbundene schwere Erkrankungen und dauerhafte Lähmungen, insbesondere für ungeimpfte Kinder. Die Belastung für die Gesundheitssysteme ist erheblich.
- Auswirkungen auf Reisende: Reisende in die genannten Risikogebiete haben ein erhöhtes Infektionsrisiko, wenn ihr Impfschutz nicht ausreichend ist. Sie könnten das Virus unwissentlich in poliofreie Regionen einschleppen.
- Auswirkungen auf Deutschland: Obwohl Deutschland seit 1990 als poliofrei gilt, stellt die globale Zirkulation eine potenzielle Einschleppungsgefahr dar. Polioviren wurden in der Vergangenheit bereits im Abwasser deutscher Städte nachgewiesen, was die Notwendigkeit einer hohen Impfquote in der Bevölkerung unterstreicht.
- Auswirkungen auf Unternehmen: Unternehmen, die Mitarbeiter in die betroffenen Regionen entsenden, müssen die Gesundheitsrisiken ernst nehmen und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen. Dies beinhaltet die Sicherstellung des Impfschutzes der Mitarbeiter und die Bereitstellung von Informationen zu Hygienemaßnahmen.
Prävention und Impfung
Die Impfung ist das einzig wirksame Mittel gegen Poliomyelitis. Es gibt zwei Arten von Polio-Impfstoffen:
- Inaktivierter Polio-Impfstoff (IPV): IPV ist ein intramuskulär zu verabreichender Impfstoff, der sicher vor einer Polio-Erkrankung schützt und keine Vakzine-assoziierte paralytische Poliomyelitis (VAPP) verursachen kann. In Deutschland wird gemäß STIKO nur der IPV empfohlen.
- Oraler Polio-Impfstoff (OPV): OPV ist ein Lebendimpfstoff, der oral verabreicht wird. OPV ist wirksam, kann aber in seltenen Fällen zu VAPP führen. OPV wird in Deutschland nicht mehr empfohlen, wird aber in einigen Ländern noch verwendet, um die Ausbreitung von Polio zu stoppen.
Impfempfehlungen
Die Grundimmunisierung mit IPV beginnt in Deutschland im Alter von 2 Monaten und umfasst drei Impfstoffdosen im Alter von 2, 4 und 11 Monaten. Eine Auffrischimpfung wird im Alter von 9-16 Jahren empfohlen. Erwachsene sollten ihren Impfschutz überprüfen und gegebenenfalls auffrischen lassen, insbesondere bei Reisen in Risikogebiete.
Weitere Präventionsmaßnahmen
Neben der Impfung sind auch Hygienemaßnahmen wichtig, um die Ausbreitung von Polio zu verhindern:
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- Händehygiene: Regelmäßiges Händewaschen mit Seife und Wasser ist wichtig, um die Übertragung des Virus zu verhindern.
- Sichere Lebensmittel und Wasser: Nur abgekochtes Wasser oder original verschlossene Flaschengetränke konsumieren. Keine Eiswürfel in Getränke geben.
- Reisevorkehrungen: Reisende in Risikogebiete sollten ihren Impfschutz überprüfen und aktualisieren.
Herausforderungen und Anpassung der Strategien
Die Strategie zur Ausrottung von Polio muss kontinuierlich angepasst werden. Die WHO und ihre Partner drängen auf intensivierte Impfkampagnen, insbesondere auf Haus-zu-Haus-Besuche und die Rekrutierung von weiblichen Impfhelfern, um die Akzeptanz in den Gemeinden zu erhöhen. Konflikte und humanitäre Krisen erschweren die Impfanstrengungen zusätzlich.
Die Rolle von Enteroviren bei akuten schlaffen Lähmungen
Seit die WHO der Poliomyelitis 1988 den Kampf angesagt hat, ist die Fallzahl um nahezu 100 % zurückgegangen. In die entstandene Lücke scheinen sich seit einigen Jahren aber andere Enteroviren zu drängen, die ganz ähnliche akute schlaffe Lähmungen hervorrufen können - mit vergleichbar dramatischen Langzeitfolgen. Diese Viren bestehen aus nur vier verschiedenen Proteinen, die eine kurze einzelsträngige RNA umschließen. Da sie keine Lipidhülle besitzen, können ihnen die gängigen alkoholischen Handdesinfektionsmittel nicht viel anhaben.
Neurologische Manifestationen von Enteroviren
Neurologische Manifestationen sind:
- Aseptische Meningitis
- Enzephalitis
- Akute schlaffe Paresen
Für die schlaffen Paresen durch Nicht-Polio-Enteroviren gilt ebenso wie für die Kinderlähmung, dass stets eine gewisse Behinderung zurückbleibt, sofern die Erkrankung nicht tödlich ist.
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