Neuropathisches Schmerzsyndrom: Definitionen, Ursachen, Symptome und Therapien

Neuropathische Schmerzen, auch Nervenschmerzen genannt, stellen eine besondere Form chronischer Schmerzen dar, die durch Schädigungen oder Funktionsstörungen des Nervensystems verursacht werden. Sie unterscheiden sich grundlegend von anderen Schmerzarten wie Rücken-, Kopf- oder Tumorschmerzen, da die Schmerzimpulse nicht mehr im Bereich der Nervenendigungen von Schmerzfasern in den Geweben des Körpers entstehen. Stattdessen resultieren sie aus einer Dysfunktion der Nerven selbst, was aufgrund von Verletzungen, Krankheiten oder bestimmten Zuständen auftreten kann, die das Nervensystem betreffen.

Definition des neuropathischen Schmerzsyndroms

Das neuropathische Schmerzsyndrom umfasst Schmerzzustände, die durch eine Schädigung oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems verursacht werden. Dies kann sowohl das periphere als auch das zentrale Nervensystem betreffen. Die Schmerzen werden oft als brennend, stechend oder einschießend beschrieben und können von Missempfindungen wie Kribbeln oder Taubheit begleitet sein.

Ursachen neuropathischer Schmerzen

Die Ursachen für neuropathische Schmerzen sind vielfältig. Eine genaue Diagnose ist oft schwierig, da die Schmerzen erst einige Zeit nach der eigentlichen Nervenschädigung auftreten können. Zu den häufigsten Ursachen gehören:

Polyneuropathie

Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung, bei der mehrere periphere Nerven gleichzeitig geschädigt sind. Ärzte kennen mehr als 200 verschiedene Ursachen für diese Nervenkrankheit, wobei Diabetes mellitus und chronischer Alkoholmissbrauch die Hauptauslöser darstellen. Die Neuropathie kann im Laufe des Lebens erworben (deutlich häufiger) oder angeboren (seltener) sein.

Diabetes mellitus

Diabetes mellitus ist die häufigste Ursache für Polyneuropathie. Bis zu einem Drittel aller Menschen mit Diabetes Typ-1 und Diabetes Typ-2 entwickeln Schäden an den peripheren Nerven als Folge ihrer Zuckerkrankheit. Mit zunehmendem Alter steigt die Rate der Betroffenen. Menschen mit Diabetes erkranken in der Regel besonders früh und schwer an der Neuropathie, wenn sie Schwierigkeiten mit der Einstellung ihrer Blutzuckerwerte haben oder sich nicht ausreichend um ihren Blutzuckerspiegel kümmern. Je länger die Zuckerkrankheit besteht, desto höher steigt auch das Risiko, eine Polyneuropathie zu entwickeln.

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Ein Vitamin-B1-Mangel kann solche Nervenschäden begünstigen. Menschen mit Diabetes gehören zur Risikogruppe für eine Unterversorgung mit Thiamin. Studien zeigen, dass die Vitamin-B1-Konzentration im Blutplasma bei den untersuchten Diabetikern im Vergleich zu Gesunden um durchschnittlich 75 bis 90 Prozent niedriger lag. Zuckerkranke sollten daher ihre Versorgung mit Thiamin gut im Blick behalten.

Die Neuropathie bei Diabetes lässt sich in verschiedene Erscheinungsformen einteilen:

  • Symmetrische Polyneuropathie: Die Beschwerden beginnen in den Füßen, später erkranken auch die Hände und Beine. Typisch sind gestörte sensorische Empfindungen wie Kribbeln, Taubheitsgefühle bis hin zu einer reduzierten Wahrnehmung von Schmerzen durch Verletzungen. Auch die Kommunikation zwischen Nerven und Muskulatur baut sich zunehmend ab.
  • Autonome Neuropathie: Dabei nehmen jene Nerven Schaden, die mit Herzschlag, Blutdruck und Blutzucker in Verbindung stehen und die Tätigkeit der inneren Organe beeinflussen. Aber auch der Stoffwechsel, die Verdauung, Blasenfunktion oder Sexualität kann leiden.
  • Fokale Neuropathien: Hier sind nur wenige Nerven geschädigt. Typisch für diese Form ist, dass die Beschwerden sehr plötzlich auftreten und sich nicht wie sonst allmählich entwickeln. Am häufigsten kommt die diabetische Amyotrophie vor, die sich durch heftige Schmerzen am Oberschenkel, Bein oder an der Gesäßhälfte bemerkbar macht.

Meist nimmt die Polyneuropathie ihren Anfang in den unteren Extremitäten. Es besteht das Risiko, dass sich ein diabetischer Fuß (diabetisches Fußsyndrom) entwickelt. Weil die Betroffenen ihr Schmerzempfinden aufgrund der Nervenschäden einbüßen, bemerken sie Wunden oder Verletzungen am Fuß nicht oder nicht rechtzeitig. Das diabetische Fußsyndrom ist in Deutschland ein häufiger Grund für Amputationen.

Alkoholkonsum

Auch langjähriger, hoher Alkoholkonsum kann eine Neuropathie auslösen. Alkohol gilt als „Nervengift“ und stört die Weiterleitung von Reizen und Signalen. Bei der Polyneuropathie aufgrund chronischen Alkoholmissbrauchs könnte auch eine Mangelernährung eine Rolle spielen, die zu einem Vitaminmangel führt, unter anderem zu einer Unterversorgung mit Vitamin B1.

Weitere Ursachen

  • Vitamin-B12-Mangel: Etwa durch eine einseitige Ernährung - gefährdet sind zum Beispiel Menschen mit veganer Ernährungsweise, die komplett auf tierische Lebensmittel wie Fleisch, Eier und Milchprodukte verzichten. Auch nach einer Magenoperation kann ein Mangel an Vitamin B12 eine Polyneuropathie hervorrufen.
  • Nierenkrankheiten: Wichtige Nährstoffe werden vermehrt ausgeschieden.
  • Lebererkrankungen
  • Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) oder Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)
  • Infektionen mit Viren und Bakterien: Z. B. Borreliose, Herpes simplex, Pfeiffersches Drüsenfieber
  • Autoimmunkrankheiten: Z. B. Guillain-Barré-Syndrom - die Nervenscheiden der peripheren Nerven nehmen Schaden
  • Krebserkrankung: Die Neuropathie kann ein erstes Warnsignal sein
  • Chemotherapie bei einer Krebserkrankung: Besonders platinhaltige Zytostatika wie Cisplatin fördern die Polyneuropathie
  • Gifte
  • Nervenverletzungen: Verletzungen, wie etwa durch Unfälle, Operationen oder Knochenschäden, können Nerven dauerhaft schädigen und neuropathische Schmerzen verursachen.
  • Erkrankungen des zentralen Nervensystems: Multiple Sklerose, Schlaganfälle und Rückenmarksverletzungen können neuropathische Schmerzen hervorrufen, wenn Nervenbahnen beschädigt werden.
  • Tumore und Krebs: Tumore oder deren Behandlung (z. B. durch Bestrahlung oder Chemotherapie) können Nerven schädigen und neuropathische Schmerzen auslösen.
  • Genetische Erkrankungen: Einige genetische Störungen wie die hereditäre sensorische und autonome Neuropathie (HSAN) können ebenfalls neuropathische Schmerzen verursachen.

Post-Zoster-Neuralgie

Nach einer Gürtelrose (Herpes zoster) kann es zu chronischen Schmerzen entlang des betroffenen Nervs kommen, die als Post-Zoster-Neuralgie bezeichnet werden.

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Trigeminusneuralgie

Die Trigeminusneuralgie ist eine Erkrankung des Trigeminusnervs, die durch plötzliche, heftige Schmerzen im Gesicht gekennzeichnet ist.

Phantomschmerzen

Nach einer Amputation können Schmerzen in dem nicht mehr vorhandenen Körperteil auftreten, die als Phantomschmerzen bezeichnet werden.

Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS)

Ein CRPS entwickelt sich nach einem Trauma im Bereich der distalen Extremitätenabschnitte. Dabei hält sich die Symptomatik nicht an Innervationsterritorien.

Symptome neuropathischer Schmerzen

Neuropathische Schmerzen äußern sich oft auf besondere Weise und unterscheiden sich von anderen Schmerzarten. Sie werden häufig als brennend, stechend oder einschießend beschrieben. Charakteristisch sind auch Missempfindungen wie Kribbeln, Taubheit oder Juckreiz. Eine weitere Begleiterscheinung ist die Allodynie, eine Überempfindlichkeit des betroffenen Hautareals, die dazu führt, dass bereits sanfte Berührungen oder leichte Kälte- bzw. Wärmereize als schmerzhaft empfunden werden.

  • Brennende oder stechende Schmerzen: Die Schmerzen können wie ein Brennen oder Stechen empfunden werden, was typisch für neuropathische Schmerzen ist.
  • Elektrisierende Empfindungen: Ein elektrisierendes oder schießendes Gefühl entlang eines Nervs tritt häufig auf.
  • Taubheit oder Kribbeln: Die betroffene Region kann sich taub oder kribbelnd anfühlen (Parästhesien).
  • Überempfindlichkeit: Schon leichte Berührungen oder Reize können starke Schmerzen verursachen (Allodynie).
  • Schmerzen bei Kälte oder Hitze: Manche Menschen empfinden eine abnormale Empfindlichkeit gegenüber Kälte oder Wärme.
  • Analgesie: Fehlende Schmerzempfindung
  • Anästhesie: Komplette Störung der Empfindung, sowohl Schmerz als auch Sensibilität
  • Hypästhesie: Herabgesetzte Sensibilität
  • Parästhesie: Gestörte Sensibilität, Fehlempfindungen
  • Abgeschwächte oder aufgehobene Muskeleigenreflexe
  • Hyperästhesie: Übersteigerte Sensibilität
  • Hyperalgesie: Übersteigerte Schmerzempfindung
  • Hyperreflexie: Übersteigerte Reflexantworten

Diagnostik neuropathischer Schmerzen

Die Diagnose neuropathischer Schmerzen basiert auf einer ausführlichen Anamnese, einer körperlichen Untersuchung und speziellen Tests.

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  • Anamnese und klinische Untersuchung: Der Arzt erfragt die Krankheitsgeschichte und Symptome und führt neurologische Untersuchungen durch, um den Schmerzcharakter und die Empfindlichkeiten zu bewerten.
  • Schmerzfragebögen und Schmerzzeichnungen: Diese helfen, die Art, Stärke und Ausbreitung der Schmerzen zu dokumentieren.
  • Quantitative sensorische Testung (QST): Diese dient zur Prüfung der Hautempfindlichkeit.
  • Neurographie: Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit
  • Somatosensibel evozierte Potenziale (SEP): Prüfung der gesamten Gefühlsbahn von der Haut über das Rückenmark bis ins Gehirn.
  • Bildgebende Verfahren: Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) können eine Nervenschädigung direkt sichtbar machen.
  • Differenzialdiagnosen: Ebenfalls sollten mögliche Differenzialdiagnosen berücksichtigt und ausgeschlossen werden.

Therapie neuropathischer Schmerzen

Die Behandlung von neuropathischen Schmerzen gestaltet sich oft schwierig und erfordert einen individuellen Therapieplan. Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und dieFunktion wiederherzustellen.

Medikamentöse Therapie

  • Antidepressiva: Trizyklische Antidepressiva (TCA) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) wirken schmerzlindernd und aktivieren zusätzlich körpereigene schmerzhemmende Bahnen im Zentralnervensystem.
  • Antikonvulsiva: Pregabalin und Gabapentin hemmen die Übererregbarkeit von Nervenzellen im Rückenmark.
  • Opioide: Opioide der Substanzklassen WHO II und III können bei starken Schmerzen eingesetzt werden, sollten aber aufgrund des Risikos von Abhängigkeit und Nebenwirkungen nur vorsichtig und in niedrigen Dosen eingesetzt werden.
  • Topische Therapie: Cremes oder Pflaster mit Wirkstoffen wie Lidocain oder Capsaicin können direkt auf die betroffene Hautstelle aufgetragen werden, um Schmerzen lokal zu lindern. Lidocain blockiert lokal die Entstehung von pathologischen Nervenerregungen, während Capsaicin lokal Rötungen und Schmerzen hervorrufen kann.
  • Botulinumtoxin: Nach neueren Forschungen kann Botulinumtoxin die Freisetzung von Stoffen blockieren, die die Entstehung von neuropathischen Schmerzen begünstigen können. Der Einsatz ist jedoch noch nicht zugelassen.

Nicht-medikamentöse Therapie

  • Physiotherapie/Krankengymnastik: Verschiedene Techniken und Übungen können helfen, Gefühlsstörungen, Gleichgewichts- oder Bewegungsfunktionen wieder zu verbessern.
  • Ergotherapie: Gestalterische und handwerkliche Techniken können die Feinmotorik und das Tastvermögen wieder stärken.
  • Psychologische Therapie: Psychologische Unterstützung in Einzel- oder Gruppentherapie kann helfen, mit den Schmerzen besser umzugehen.
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Diese nicht-invasive Methode verwendet niederfrequente elektrische Impulse, um die Schmerzen zu lindern.
  • Akupunktur: Akupunktur kann bei einigen Patienten Linderung der neuropathischen Schmerzen bewirken.
  • Entspannungstechniken: Progressive Muskelentspannung und Yoga können helfen, die Schmerzen zu lindern und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern.

Invasive Verfahren

  • Spinal Cord Stimulation (SCS): Bei dieser Methode wird ein Implantat in der Nähe des Rückenmarks platziert, das elektrische Impulse abgibt, die die Schmerzsignale blockieren.
  • Periphere Nervenstimulation: Hierbei werden elektrische Impulse auf die betroffenen Nerven im peripheren Nervensystem angewandt, um die Schmerzsignale zu reduzieren.

Weitere Maßnahmen

  • Patientenschulung und Selbsthilfe: Ein bewusster Umgang mit der Erkrankung und ein gesunder Lebensstil können helfen, die Schmerzen zu reduzieren.
  • Ernährung und Gewichtskontrolle: Eine ausgewogene Ernährung kann das allgemeine Wohlbefinden verbessern, insbesondere bei Erkrankungen wie Diabetes, die neuropathische Schmerzen verursachen.
  • Regelmäßige Bewegung: Ein moderates Training und Bewegung können helfen, die Muskeln zu stärken und die Nervenfunktion zu unterstützen.
  • Schlafhygiene: Guter und erholsamer Schlaf ist wichtig, um Schmerzen und Überempfindlichkeit zu reduzieren.

Das neuropathische Fußsyndrom

Das neuropathische Fußsyndrom, häufig auch als diabetisches Fußsyndrom bezeichnet, ist eine ernste und weit verbreitete Folgeerkrankung bei Menschen mit Diabetes mellitus. Es entsteht durch Nervenschädigungen (Neuropathie) und häufig begleitende Durchblutungsstörungen. Diese Veränderungen beeinträchtigen das Schmerzempfinden, die Sensibilität und die Regenerationsfähigkeit der Haut - insbesondere an den Füßen. Die häufigste Ursache ist ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel.

Prävention und Behandlung des neuropathischen Fußsyndroms

  • Optimale Blutzuckereinstellung: Die wichtigste Maßnahme ist eine dauerhaft gute Blutzuckerkontrolle, um das Fortschreiten der Nervenschädigung zu verlangsamen.
  • Geeignetes Schuhwerk: Druckstellen und Reibung sollten durch gut sitzende, weite Schuhe vermieden werden. Diabetikerschuhe mit nahtfreiem Innenbereich und angepassten Einlagen sind besonders empfehlenswert.
  • Tägliche Fußpflege: Die Füße sollten täglich inspiziert, gereinigt und gepflegt werden. Bei Hornhaut oder eingewachsenen Nägeln ist eine fachgerechte Behandlung durch den Podologen wichtig.
  • Wundversorgung bei Verletzungen: Offene Stellen oder verdächtige Hautveränderungen bedürfen einer sofortigen Behandlung.
  • Schulungen und Aufklärung: Patientenschulungen sensibilisieren für die Gefahren des neuropathischen Fußsyndroms und fördern den eigenverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung.

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