Parkinson, eine neurodegenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems, betrifft in Deutschland mehr als 350.000 Menschen. Betroffene leiden unter anderem unter abnehmender Beweglichkeit. Regelmäßiges körperliches Training spielt im Hinblick auf Selbstbewusstsein und Teilhabe eine große Rolle. Während man bei Parkinson oft an Zittern, Steifheit und Medikamente denkt, rückt dieser Artikel die Bedeutung von Musik und Bewegung in den Fokus und beleuchtet innovative Ansätze, die Betroffenen neue Lebensqualität schenken können.
Die Macht des Rhythmus: Angeboren und therapeutisch
Unser Verständnis für Rhythmen ist uns buchstäblich in die Wiege gelegt. Bereits das Gehirn von zwei Tage alten Babys registriert, wenn ein Schlag in einem Rhythmus fehlt. Mit sieben Monaten können Säuglinge verschiedene Taktarten unterscheiden. Sich passend zum Takt einer Melodie zu bewegen, erscheint Erwachsenen selbstverständlich, erfordert aber eine komplexe Vernetzung von Hirnarealen.
Musik besitzt ein enormes therapeutisches Potential, das die Symptome der Parkinson-Erkrankung lindern und das Bewegungstraining bereichern kann. Musiktherapeut Dr. Stefan Mainka arbeitet seit 20 Jahren im Parkinsonzentrum und hat festgestellt, dass viele Parkinsonbetroffene unmittelbar auf das Musiktraining reagieren.
Persönliche Geschichten: Musik als Lebenselixier
Die Kraft der Musik zeigt sich besonders in den persönlichen Geschichten von Betroffenen und ihren Angehörigen.
Helga und Magnús: Gemeinsam Singen gegen die Krankheit
Helga singt schon seit ihrer Kindheit gern gemeinsam mit ihrem Vater Magnús. Seit Magnús vor 20 Jahren an Parkinson erkrankte, ist ihm das Singen mit seiner Tochter besonders wichtig. Er fühlt sich besser und es gibt ihm neuen Lebensmut. Während seiner schweren Gehirnoperation vor 3 Jahren in den USA wurde auf seinen Wunsch im OP „Strangers in the night“ gespielt. Inzwischen sind Helga und Magnús mit einigen Liedern auch auf YouTube präsent. Die allseits positive Resonanz hat Helga und ihren Vater bestärkt, noch mehr Songs aufzunehmen und jetzt ihre erste CD herauszubringen. Lieder sind Wegbegleiter, die beruhigen, ermutigen, Schmerzliches erträglich machen oder Sinn und Hoffnung stiften können. Wenn Helga und ihr Vater gemeinsam singen, spürt man sofort die Liebe zwischen den beiden. Helga: „Wir möchten die Freude, die wir beim Singen empfinden, gern an andere weitergeben. Dabei kommt es uns nicht darauf an Geld zu verdienen. Darüber hinaus sind wir Ihnen sehr dankbar, wenn Sie unsere Stiftungsarbeit mit einer freiwilligen Spende unterstützen. Jede Spende zählt, egal in welcher Höhe! Helga würde sich sehr freuen, wenn mind. 14 € pro bestellter CD gespendet werden.
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.Jay Zen und BluesPark: Ehrliche Musik aus der Community
Unter dem Künstlernamen .Jay Zen verarbeitet ein Betroffener seine Erfahrungen mit Parkinson in eigenen Songs - mal rau und direkt, mal poetisch und verletzlich. In diesen Liedern geht es um das, was viele bewegt: das langsame Abschiednehmen von einem alten Leben, die Unsicherheit, was kommt - und trotzdem der Wille, weiterzugehen. Er singt für und über Betroffene. Für alle, die ihre Stimme suchen oder sie verloren haben. Um ihn haben sich fünf weitere Musiker versammelt - allesamt selbst an Parkinson erkrankt. Gemeinsam nennen sie sich BluesPark. Ihre Musik ist nicht perfekt. Aber sie ist ehrlich. Es gibt viele Künstler*innen in der Community, die schreiben, malen, musizieren - und doch bleiben sie oft unsichtbar. Ihre Geschichten gehen unter. Ihre Kunst bleibt ungehört. Ihre Musik ist mehr als Unterhaltung - sie ist ein Weg raus aus der Isolation, rein in die Öffentlichkeit. Jeder Stream zählt.
Innovative Therapieansätze: Musik und Bewegung im Einklang
Neben dem persönlichen Ausdruck durch Musik gibt es auch innovative Therapieansätze, die Musik und Bewegung kombinieren.
CuraSwing: Musikalisches Gangtraining mit dem Smartphone
Die von der CuraSwing GmbH entwickelte App CuraSwing übersetzt beim Gehen den Armschwung in Musik und stimuliert damit den gesamten Bewegungsablauf. Die App baut auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zum motorischen Lernen und Musikverarbeitung auf. Im Parkinsonzentrum Beelitz-Heilstätten bekommen viele Patienten ein musikgestütztes Gangtraining. Hierbei erhält jeder Teilnehmer eine speziell auf ihn abgestimmte Trainingsmusik. Die neue App Curaswing setzt nun erstmals auch die Sensortechnologie des Smartphones ein. „Durch den Einsatz von Musik erleben Parkinson-Patienten häufig wieder eine bessere Kontrolle ihrer Motorik. Das musikalische Feedback bietet eine sinnvolle Ergänzung rehabilitativer Trainingsansätze“, erklärt Chefarzt Prof. Dr. med. Derzeit läuft eine klinische Studie zum häuslichen Eigentraining mit der CuraSwing-App. Erste Studienergebnisse zur CuraSwing-App zeigen positive Effekte.
Erlanger Trainingsprogramm: Bewegungstherapie online und vor Ort
Die Erlanger Selbsthilfegruppe der Deutschen Parkinsonvereinigung e.V. (DPV) hat gemeinsam mit dem Rehasporttherapeuten Dr. Heiko Gaßner von der Universitätsklinik Erlangen ein umfassendes Trainingsprogramm speziell für Parkinsonbetroffene entwickelt. Zusätzlich zu einer ambulant stattfindenden Bewegungstherapie wurden online abrufbare Videos für das Training zuhause erstellt. Flüssige Bewegungen fallen Menschen mit Parkinson schwer. Doch gezielte regelmäßige Körperbewegung hilft Betroffenen im Alltag besser zurecht zu kommen.
Dr. Gaßner und sein Team haben verschiedene Übungspakete auf Video aufgezeichnet und zum kostenlosen Abruf im Internet bereitgestellt, um Betroffene auch während des Ausfalls des Gruppentrainings fit zu halten. Zusätzlich testet das Team um Dr. Gaßner eine App, die jedem Betroffenen über die App seine persönlichen Übungen angezeigt. Videos und App sollen in Pandemie-Zeiten zum einen digital unterstützen und zum anderen Hilfe zur regelmäßigen Selbsthilfe bieten.
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Mit einem Nordic-Walking-Stock zeichnet Rehasport-Therapeut Heiko Gaßner große Kreise vor dem Körper, streckt den rechten Arm und das rechte Bein gleichzeitig zur Seite aus, macht Schwimmbewegungen mit den Armen, Ausfallschritte nach links und rechts. In mittlerweile sieben Videos demonstrieren Dr. Gaßner und Physiotherapeutin Kathrin Kinscher verschiedene Übungen für drinnen und draußen. Vor allem während der Lockdown-Zeiten der Pandemie, die Gruppenangebote und Physiotherapietermine weitestgehend verhinderten, half das Heimtraining Patienten, in Bewegung zu bleiben - ortsunabhängig und kostenfrei.
„Beim Parkinson-Syndrom geht es vor allem darum, das Gleichgewicht zu trainieren und den Gang zu schulen, Stürzen vorzubeugen und letztlich Kraft und Beweglichkeit zu verbessern“, erklärt Heiko Gaßner. Während des Lockdowns konnten Patienten tatsächlich nur zu Hause oder in der Natur trainieren und so den motorischen Symptomen überhaupt entgegenwirken.
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