Die Frage, ob und inwieweit das Gehirn autonom arbeitet, ist ein zentrales Thema in der aktuellen Hirnforschung und Kognitionswissenschaft. Sie berührt nicht nur naturwissenschaftliche, sondern auch philosophische und theologische Fragestellungen. Dieser Artikel beleuchtet die Definition des autonom arbeitenden Gehirns, die Forschungsergebnisse, die diese These stützen, und die Implikationen für unser Verständnis von Bewusstsein, freiem Willen und der menschlichen Natur.
Einleitung: Die Herausforderung der Gehirnforschung für Philosophie und Theologie
Traditionell haben sich Philosophie und Theologie mit Fragen beschäftigt, die vermeintlich jenseits empirischer Wissenschaften liegen. Die Gehirnforschung stellt diese Sichtweise jedoch in Frage, indem sie versucht, Phänomene wie Selbst, Bewusstsein, Geist und Seele naturwissenschaftlich zu erklären. Dies hat zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit geführt, in der die Kognitionswissenschaft als Oberbegriff für verschiedene Disziplinen fungiert, die gemeinsam das „Mysterium“ des Bewusstseins und der menschlichen Person entschlüsseln wollen.
Molekularbiologen wie Francis Crick argumentieren, dass Philosophie und Theologie in zweitausend Jahren der Beschäftigung mit dem Leib-Seele-Problem wenig erreicht hätten und nun die Neurophysiologie das Feld räumen müssten. Die Erfolge der Neurowissenschaft, der Erforschung Künstlicher Intelligenz und der empirischen Psychologie ermutigen die positiven Wissenschaften, in Bereiche vorzustoßen, die bisher der Philosophie und Theologie vorbehalten waren.
Was bedeutet "autonom arbeitendes Gehirn"?
Die Vorstellung eines autonom arbeitenden Gehirns impliziert, dass viele Prozesse im Gehirn ablaufen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind oder sie willentlich steuern können. Dies betrifft nicht nur grundlegende physiologische Funktionen, sondern auch kognitive Prozesse wie Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und Verhaltenssteuerung.
Unbewusste Prozesse und ihre Steuerung
Sigmund Freud prägte die Vorstellung eines autonomen und unkontrollierbaren Unbewussten, die lange Zeit die akademische Psychologie und Kognitionsforschung dominierte. Neuere Forschungsergebnisse widerlegen jedoch dieses Dogma. So konnte eine Forschergruppe um den Ulmer Psychologen Markus Kiefer zeigen, dass bewusste Vorsätze die Arbeit unserer automatischen Systeme im Gehirn steuern. Unbewusste Prozesse, die im Widerspruch zu unseren Absichten stehen, werden weitgehend von unserem Bewusstsein blockiert.
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Kiefer erklärt dies am Beispiel des Einkaufs im Supermarkt: Wenn wir beabsichtigen, Spülmittel zu kaufen, sind wir weniger empfänglich für die Schokolade im Süßwarenregal. Die bewussten Absichten und Einstellungen entscheiden somit darüber, ob ein unbewusster Prozess in unserem Gehirn überhaupt ablaufen kann.
Neuronale Plastizität und Kooperation verschiedener Gehirnregionen
Frühe Annahmen der Gehirnforschung gingen von relativ unabhängigen, autonomen Bereichen im Gehirn aus, denen bestimmte mentale Fähigkeiten zugeordnet werden konnten (Phrenologie). Neuere Untersuchungen, insbesondere an Schlaganfall-Patienten, haben jedoch gezeigt, dass bestimmte mentale Fähigkeiten nicht notwendigerweise an ein bestimmtes Areal oder eine bestimmte Population von Nervenzellen gekoppelt sind. Stattdessen spricht man von „neuronaler Plastizität“, bei der gesunde Hirnzellen nach einem Schlaganfall allmählich die Funktion geschädigter Bereiche übernehmen können.
Moderne bildgebende Verfahren wie PET (Positronen-Emissions-Tomographie) und fMRT (funktionelle Kernspintomographie) haben gezeigt, dass verschiedene Gehirnregionen miteinander kooperieren, um parallel verarbeitend verschiedene Funktionen zu erfüllen. Dies widerlegt die Vorstellung einer strengen Zuordnung bestimmter geistiger Zustände zu genau umschriebenen Gehirnregionen.
Die Rolle des Bewusstseins: "Easy Problems" vs. "Hard Problems"
Der Philosoph David Chalmers hat eine einflussreiche Unterscheidung zwischen sogenannten „easy problems“ und „hard problems“ des Bewusstseins vorgeschlagen. Zu den "easy problems" zählen alle mentalen Zustände, die durch Funktionen rekonstruierbar sind, d.h. durch kausale Schemata, die durch neuronale Mechanismen realisiert sind. Dazu gehören relationale Bewusstseinsphänomene wie die Integration verschiedener Aspekte der Wahrnehmung (binding problem), die Fähigkeit zur Introspektion, die autonome Beeinflussung innerer Zustände (menschliche Freiheit) und die bewusste Verhaltenskontrolle (absichtliches Handeln).
Die "hard problems" betreffen dagegen nicht-relationale Bewusstseinsphänomene, die funktional nicht rekonstruierbar scheinen. Dazu gehören die sogenannten „Qualia“, die intrinsischen Bewusstseinsphänomene, deren Wesen sich im subjektiven Erleben einer bestimmten Gefühlsqualität erschöpft (wie es für jemanden ist, Schmerzen zu erleben oder Farben zu sehen). Das Phänomen des subjektiven Erlebens wird heute von vielen Fachleuten als die entscheidende Herausforderung für die positiv-wissenschaftliche Erforschung des menschlichen Gehirns gesehen.
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Das Selbst: Konstrukt oder neurobiologische Realität?
Die Annahme einer lokalisierbaren Zentralinstanz im Gehirn, an der alle Informationen zusammenlaufen und die das neuronale Korrelat des menschlichen Selbst darstellt, ist inzwischen widerlegt. Dies hat zu philosophischen Theorien geführt, wonach das menschliche Selbst ein bloßes Konstrukt oder eine erklärende Fiktion sei (Daniel Dennett, Owen Flanagan).
Neuere neurobiologische Erkenntnisse sprechen jedoch gegen eine solche instrumentalistische Relativierung des Selbst. Die somatosensorische bzw. somatomotorische Repräsentation des Körpers im Gehirn scheint eine entscheidende Rolle für die Entstehung des Selbst und des subjektiven Erlebens zu spielen. Die permanente Aktivierung einer Körperrepräsentation im Gehirn trägt wesentlich zur Entstehung des Gefühls bei, dass sämtliche Erlebnisse "meine" Erlebnisse sind.
Das "zweite Gehirn": Die Rolle des Bauchhirns
Neben dem Kopfhirn existiert ein weiteres, oft unterschätztes Nervensystem im menschlichen Körper: das Bauchhirn oder enterische Nervensystem. Es umhüllt die Eingeweide mit mehr als 100 Millionen Nervenzellen und steuert weitgehend autonom die Verdauungsprozesse.
Funktionen des Bauchhirns
Das Bauchhirn analysiert Nährstoffzusammensetzung, Salzgehalt und Wasseranteil, koordiniert Absorptions- und Ausscheidungsmechanismen und synchronisiert die hochkomplexe Transportmaschine des Verdauungstrakts. Es ist auch eng mit dem Immunsystem verbunden und lernt, zwischen guten und bösen Bakterien im Darm zu unterscheiden.
Kommunikation zwischen Bauch und Kopf
Die Kommunikation zwischen Bauch- und Kopfhirn ist inniger als lange angenommen. Was dem Hirn geschieht, bleibt dem Bauch nicht verborgen, und umgekehrt. So finden sich bei Alzheimer- und Parkinson-Patienten häufig die gleichen Gewebeschäden im Kopf- wie im peripheren Hirn.
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Interessanterweise führen mehr Nervenstränge vom Bauch in das Gehirn als umgekehrt (90 Prozent der Verbindungen verlaufen von unten nach oben). Das Bauchhirn speist das Kopfhirn mit einer Flut von Informationen und kreiert so das "emotionale Profil" des Menschen.
Bauchgefühle und Intuition
Forscher postulieren eine "Emotions-Gedächtnis-Bank" im Kopfhirn, die alle Reaktionen und Daten des Bauches sammelt. Jedes Mal, wenn ein Mensch eine Entscheidung in einer ähnlichen Situation fällen muss, basiert diese nicht nur auf intellektuellen Kalkulationen, sondern wird massiv von jenen unbewussten Informationen aus dem Katalog von gespeicherten Emotionen und Körperreaktionen mitgeprägt, eben den "Bauchgefühlen".
Psychosomatik: Die Verbindung von Körper und Psyche
Die enge Verbindung zwischen Bauch- und Kopfhirn verdeutlicht auch die Bedeutung der Psychosomatik. Psychosomatische Erkrankungen sind körperliche Beschwerden, die durch psychische Faktoren ausgelöst oder verstärkt werden. Stress, Angst und andere emotionale Belastungen können sich negativ auf den Körper auswirken und zu verschiedenen Symptomen führen.
Stress und das Darmhirn
Ungezügelte Stress-Kreisläufe können die Schutzmechanismen des Darms beeinträchtigen und zu einer erhöhten Wahrnehmung von negativen Bauchgefühlen führen. Dies kann zu chronischen Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom (IBS) führen.
Frühe Erfahrungen und die Darm-Hirn-Achse
Frühe Erfahrungen des Darms können die "Persönlichkeit" beider Gehirne beeinflussen. Exzessive oder langanhaltende Furcht hinterlässt Spuren nicht nur im Kopf, sondern auch im Intestinaltrakt. Kinder mit Säuglingskoliken wachsen nicht selten zu Erwachsenen mit "irritablem" Darm heran.
Implikationen für unser Menschenbild
Die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung und Kognitionswissenschaft haben tiefgreifende Implikationen für unser Menschenbild. Sie stellen traditionelle Vorstellungen von Bewusstsein, freiem Willen und der Beziehung zwischen Körper und Geist in Frage.
Die Bedeutung unbewusster Prozesse
Die Forschung zeigt, dass ein Großteil unserer kognitiven Prozesse unbewusst abläuft. Dies bedeutet, dass viele unserer Entscheidungen und Handlungen nicht auf bewusster Reflexion beruhen, sondern von automatischen Prozessen im Gehirn gesteuert werden.
Die Illusion des freien Willens?
Einige Hirnforscher argumentieren, dass der freie Wille eine Illusion sei, da unsere Handlungen durch neuronale Prozesse determiniert seien. Andere betonen die Rolle des Bewusstseins bei der Steuerung unbewusster Prozesse und sehen im freien Willen eine Form der Selbstkontrolle.
Ein neues Verständnis der menschlichen Natur
Die moderne Hirnforschung fordert uns auf, die menschliche Natur neu zu denken. Wir sind nicht nur rationale Wesen, die bewusst Entscheidungen treffen, sondern auch von unbewussten Prozessen, Emotionen und körperlichen Empfindungen geprägt. Ein umfassendes Verständnis der menschlichen Natur erfordert die Berücksichtigung all dieser Aspekte.
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