Das menschliche Gehirn ist ein bemerkenswertes Organ mit der Fähigkeit, sich ein Leben lang zu verändern und anzupassen. In seiner "Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn" gibt Gerald Hüther Einblicke, wie wir unser Gehirn optimal nutzen können und welche Faktoren seine Funktionsweise beeinträchtigen können. Hüther ist Neurobiologe und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg.
Die Grundfunktion des Gehirns: Überleben sichern
Noch heute gilt, was schon in der Steinzeit die Grundfunktion des menschlichen Gehirns war: Es ist dazu da, seinem Besitzer beim Überleben zu helfen. Eine Bedrohung von außen war für unsere Vorfahren z. B. Gefährdung von innen geht z. B. von einem sinkenden Blutzuckerspiegel oder Flüssigkeitsmangel aus, die das Gehirn beantwortet, indem es die Suche nach Nahrung bzw. Aber auch subtilere Prozesse können unser Befinden beeinflussen. Alle diese Situationen, egal von welcher Seite, haben auf uns einen negativen Effekt und zu viele negative Empfindungen können das innere Gleichgewicht beeinträchtigen. Diese Angst zu reduzieren, ist die zentrale Aufgabe des Gehirns.
Die Plastizität des Gehirns: Lebenslanges Lernen
Ein Insekt ist nicht in der Lage, seine genetisch vorprogrammierten Verhaltensmuster zu durchbrechen. Wir Menschen sind anders, denn wir haben ein Gehirn, das das ganze Leben lang durch neue Erfahrungen verändert werden kann. Es verfolgt das Ziel, den Organismus am Leben und seine innere Ordnung aufrechtzuerhalten, und dazu bringt es Verhalten hervor, das den jeweiligen Umständen angepasst ist. Kühlt sich das Klima ab, erfindet das Gehirn warme Kleidung. Die Gehirne anderer Säugetiere und Vögel sind ebenfalls durch Umwelteinflüsse programmierbar - jedoch vor allem in jungen Jahren. Eine junge Nachtigall lernt den Gesang von ihrem Vater. Einzig das menschliche Gehirn und das unserer nächsten Verwandten, der Menschenaffen, ist bis zum Lebensende in der Lage, gemachte Erfahrungen weiter in die Entwicklung zukünftigen Verhaltens einzubeziehen. Je öfter sich ein bestimmtes Verhalten bewährt, desto wahrscheinlicher werden wir es in Zukunft wieder zeigen. Glücklicherweise ist das menschliche Gehirn fähig, einmal gelerntes Verhalten wieder zu löschen.
Lernen durch Beobachtung und kulturelle Einflüsse
Dabei setzt sich unser Verhaltensrepertoire in erster Linie aus dem zusammen, was uns Menschen in unserem Umfeld vorleben. Aber uns stehen auch andere Möglichkeiten als die direkte Beobachtung zur Verfügung, um "richtiges" Verhalten zu lernen. Unsere Möglichkeiten, viele verschiedene Verhaltensoptionen zu erlernen, sind jedoch durch äußere Faktoren eingeschränkt. Die Kultur, in der wir aufwachsen, lenkt unser Verhalten in ganz spezielle Bahnen - indem sie bestimmt, welches Verhalten unterstützt und welches gesellschaftlich abgelehnt wird. Die Entwicklungsbedingungen, denen wir unser Gehirn aussetzen, können also durch den Zugang zu alternativen Verhaltensweisen erweitert und optimiert werden. Zu denjenigen Bedingungen, die für die Gehirnentwicklung relevant sind, gehören aber nicht nur die kulturellen Verhältnisse. Jede eigene Handlung und jede zwischenmenschliche Erfahrung wird unser späteres Fühlen, Denken und Handeln beeinflussen. Im Tierexperiment konnte nachgewiesen werden, dass Ratten, die in einer anregenden Umgebung mit unterschiedlichem Spielzeug und im Verbund mit Artgenossen aufgezogen wurden, nicht nur als erwachsene Ratten geschickter in der Bewältigung schwieriger Aufgaben waren.
Das Streben nach Gleichgewicht: Rationalität, Emotion und soziale Kompetenz
Ein häufig vorkommendes Ungleichgewicht ist das zwischen rationalem und emotionalem Denken. Je nachdem, welche Denkweise wir durch Beobachtung in unseren Kindertagen als erfolgreicher wahrgenommen haben, kann es zu einer Überbewertung des Rationalen oder des Emotionalen kommen. Ein zweites, notwendiges Gleichgewicht, das gestört sein kann, ist das zwischen Abhängigkeit und Autonomie. Wer als Kind nicht genug Selbstvertrauen entwickelt hat, bleibt auch später abhängig von anderen, während ein Kind, das zu wenig Zuwendung erfahren hat, unter Umständen später zu selbstbezogen ist und unfähig, Verantwortung für andere zu übernehmen. Das dritte kritische Gleichgewicht ist das zwischen Offenheit und Abgrenzung. Ein zu offenes Kind kann unter Reizüberflutung leiden und z. B. Aufmerksamkeitsstörungen entwickeln. Einem zu verschlossenen Kind fehlt es an Bindungen zu anderen Menschen, was ihm die Entwicklung sozialer und intellektueller Kompetenzen erschwert. Durch die Auseinandersetzung mit anders denkenden Menschen kann das Verhaltensrepertoire erweitert werden.
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Die Bedeutung von Wahrnehmung, Empathie und Bewusstsein
Zum Beispiel lässt sich die Empfindungsfähigkeit schärfen - sowohl für äußere Faktoren, wie etwa einen nahenden Säbelzahntiger, als auch für innere Prozesse, wie einen sinkenden Blutzuckerspiegel. Besonders wichtig ist es, mit bedrohlichen Wahrnehmungen umgehen zu können und diese nicht einfach zu ignorieren. Nur wer auch negative Wahrnehmungen erträgt und sich danach wieder von ihnen abwendet, kann sie studieren, als Erfahrung abspeichern und sich für künftige Erlebnisse sensibilisieren. Auf der Ebene der Gefühle ist die Fähigkeit zur Empathie zentral. Menschen sind unterschiedlich gut darin, die Gefühle anderer zu verstehen, auch wenn diese nicht explizit ausgesprochen werden. Die Ebene der Erkenntnis beruht auf dem Wissen, dass jede Handlung Spuren in der Umwelt und in uns selbst hinterlässt. Wenn wir einfach handeln, ohne vorher über die Konsequenzen nachzudenken, können wir viel Schaden anrichten. Durch unser Bewusstsein haben wir die Fähigkeit, die Verarbeitungsprozesse unseres Gehirns kognitiv zu reflektieren, uns also Gedanken über die Gedanken zu machen. Unsere Empfindungsfähigkeit, unsere Gefühle, unsere Erkenntnis und unser Bewusstsein sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt.
Die Kraft der Liebe und Verbundenheit
Um das menschliche Gehirn optimal zu nutzen, müssen wir es so umfassend und vielfältig einsetzen wie möglich. Unsere Einstellungen gegenüber dem, was uns umgibt, beeinflussen nämlich unsere Hirnnutzung, ohne dass uns dies bewusst ist. Wer beispielsweise eher unachtsam ist und seine Wahrnehmungen wie den eigenen Gemütszustand ignoriert, lastet sein Gehirn nicht voll aus. Um eine Einstellung zu entwickeln, bei der wir das meiste aus unserem Gehirn holen, ist eine emotionale Bindung zu anderen Menschen das beste Rezept. Die umfassendste Benutzung unseres Gehirns erfordert eine Grundhaltung der Liebe. Wer liebt, empfindet ein tiefes Gefühl der Verbundenheit. In dieser liebenden Grundhaltung ist es viel einfacher, auch andere Denkmuster zu entwickeln, die eine optimale Gehirnentwicklung begünstigen. Ein liebender Mensch nimmt Anteil an allem, was ihn umgibt. Er erfreut sich an der Vielfalt und steht allem Lebendigen ehrfürchtig gegenüber.
Die Notwendigkeit, das Gehirn zu fordern und zu entwickeln
Warum sollten wir uns eigentlich die Mühe machen, unser Gehirn zu trainieren und sein ganzes Potenzial auszuschöpfen? Warum nicht einfach fortfahren wie bisher und es auf dem Stand belassen, für den unsere Umwelt gesorgt hat? Wer die faule Variante wählt und die immer gleichen Verhaltensmuster abruft, läuft Gefahr, unreflektiert, ichbezogen oder rücksichtslos zu handeln. Auch wenn es auf der Hand liegt, dass die suboptimale Nutzung des Gehirns und ein eingeschränktes Verhaltensrepertoire viele Nachteile mit sich bringen - etwa unnötige Konflikte, den Verlust des Arbeitsplatzes, Geldsorgen -, fehlt manchmal der letzte Anstoß zur Veränderung. Dafür ist es essenziell, Zweifel an unserem bisherigen Denken und Handeln zuzulassen und nicht zu unterdrücken. Doch dazu ist es auch nötig, Betroffenheit zu empfinden, wenn wir Fehler machen. Denn nur dann haben wir Grund genug, unsere Einstellungen oder unser Verhalten zu ändern. Wenn wir durch unsere Fehler etwas zerstören, das uns wichtig ist, wird uns klar, dass es nicht so weitergehen kann. Das können andere Menschen sein, die wir emotional verletzen und damit unsere Beziehung zu ihnen zerbrechen lassen. Es kann sich aber z. B. Dieses Gefühl der Betroffenheit ist bei vielen von uns durch die ständige Konfrontation mit Katastrophen in den Medien abgestumpft.
Gesellschaftliche Verantwortung: Strukturen für eine optimale Gehirnentwicklung
Die vielfältigen Fähigkeiten unseres Gehirns sind beeinflussbar durch die Umstände, unter denen wir aufgewachsen sind, aber auch durch diejenigen, unter denen wir es zeit unseres Lebens benutzen. Die Umgebung, in der wir aufwachsen, ist aber entsprechend der Maßstäbe gestaltet, die unsere Vorfahren an ihre Umwelt angelegt haben. Somit wird die Art der Benutzung unseres Gehirns in der Weise geprägt - und unter Umständen eingeschränkt -, die sie für richtig hielten. Das wiederum ist von den Bedingungen geprägt, die unsere Vorfahren selbst vorgefunden haben. Ebenso wie die Verhaltensoptionen eines einzelnen Menschen flexibel sein müssen, wenn er nicht irgendwann scheitern will, ist es jedoch für ganze Gesellschaften überlebenswichtig, beweglich zu bleiben. Auch sie müssen in der Lage sein, neue Lösungswege zu beschreiten, wenn die alten nicht mehr funktionieren - selbst wenn die betreffende Sache vielleicht "schon immer so war". Ein aktuelles Beispiel ist die psychische Ausbeutung von Arbeitnehmern: Eine Zeit lang mag sie effizientere Arbeit hervorbringen, die vom Burn-out verursachten Kosten werden aber mittelfristig der Gesellschaft schaden. Dazu müssen sie regelmäßig ihre inneren Strukturen, also die Elternhäuser, die Schulen, die Medien etc., an die gegebenen Anforderungen anpassen. Denn diese wirken auf das Denken, Fühlen und Handeln der Mitglieder der Gesellschaft, indem sie ihr Weltbild prägen. Um ihre Strukturen zu ändern, muss sich die Gesellschaft mit der Frage auseinandersetzen, wohin sie eigentlich möchte.
Lernen und Gehirnentwicklung von Anfang an
Wie beginnt das Lernen? Hüther: Bei der Geburt eines Kindes ist das Gehirn noch recht unreif. ersten Lebensphase unbedingt erforderlich sind. hinzugelernt und als neue Erfahrungen im Gehirn abgespeichert werden. Verschaltungen in einem Maße, dass es einen riesigen Überschuss gibt. Erhalten bleiben nur diejenigen, die auch wirklich benutzt werden. Rest wird wieder abgebaut. in ihrem späteren Leben. Welche Voraussetzungen brauchen Babys zum Lernen? angewiesen. mit ihnen beschäftigt. diese Angst zu überwinden. fest verankern kann. Wie prägen sich schon kleinen Kindern Dinge ein? eines bestimmten Erregungsmusters. passt. und reagiert darauf mit einer gewohnten Reaktion. Gemeinsamkeit, passiert gar nichts. dem Gedächtnis abgerufene Bild zumindest teilweise zum neuen passt. werden kann. Dann hat das Kind etwas hinzugelernt. Was ist beim Lernen besonders wichtig? beigebracht werden. Hier geht es um etwas ganz anderes. es mit ihren bisherigen Erfahrungen in Beziehung setzen können. und dient der Gemeinschaft. legen. Welche Rolle spielen Werte wie Achtsamkeit und Rücksichtnahme bei der Entwicklung des Gehirns? sehr wesentliche. ihrer Gehirne unterscheiden. nicht viel Hirn beansprucht. mit allem umgeht, was ihn umgibt.
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Kreativität und Assoziationen: Neue Verbindungen schaffen
Neue Ideen entstehen meist dank neuer Assoziationen - am wildesten beim Träumen. Neue Verbindungen zwischen vorhandenen Vorstellungen und Erinnerungen entwickeln zu können, ist eine der wichtigsten Fähigkeiten des menschlichen Gehirns, wenn es darum geht, kreativ zu sein und sich etwas einfallen zu lassen. Nachdem ich Sie schon in den drei vorangegangenen Blogbeiträgen dieser Reihe (am 12.02.2021 zum „Gehirn als Wirklichkeitskonstrukteur“, am 15.03.2021 zum „Gehirn als Sozialorgan“ und am 28.04.2021 zum „Gehirn als Lustsucher“) zum fröhlichen Assoziieren eingeladen hatte, steht in diesem Beitrag genau diese Fähigkeit unserer Gehirne im Vordergrund. Und auch hier werde ich wieder assoziative Impulse mit >>> kennzeichnen und ggf.
Semantische Netze und freies Assoziieren
In unserem Gehirn sind die Begriffe, mit denen wir unsere bewussten Gedanken in Worte fassen, als neuronale Verdrahtungen repräsentiert. Wenn wir etwa das Wort „Hölzchen“ denken oder hören, werden die Verschaltungen des entsprechenden Erregungsmusters aktiviert. Auch die Beziehungen zwischen verschiedenen Begriffen und Worten sind in Form sogenannter „semantischer Netze“ in den neuronalen Strukturen abgebildet. Wird nun das Erregungsmuster für „Hölzchen“ aktiviert, kann in vielen Gehirnen das Erregungsmuster für „Stöckchen“ relativ leicht ebenfalls aktiviert werden - jedenfalls dann, wenn das semantische Netzwerk dafür bereits gebahnt worden war, weil man den Bezug zwischen diesen Worten oft genug hergestellt hatte. Und sofort anschließend könnte einem einfallen, dass man nicht über jedes Stöckchen springen muss, das einem hingehalten wird. >>> Als Beispiel für die endlosen Verzweigungsmöglichkeiten solcher assoziativer Netzwerke zeigt Abbildung 1, was in unserem Kopf (unserer „Birne“) ablaufen kann, wenn wir die Gedanken ausgehend vom Wort „Birne“ frei fließen lassen.Als engagierten Ideenmanagerinnen und Ideenmanagern fällt Ihnen natürlich als Erstes die „Glühbirne“ als Symbol für „Ideen“ ein. Es könnte Ihnen aber auch die „Frucht“ in den Sinn kommen, und von der Birne kommen Sie auf den „Apfel“, der ja im „Kennzahlenvergleich Ideenmanagement“ mit Birnen verglichen wird …Oder Sie sehen gleich einen ganzen „Birnbaum“. Und der Birnbaum aktiviert den alten „Herrn von Ribbeck auf Ribbeck“, was Sie wiederum an „Theodor Fontane“ denken lässt und daran, dass Sie schon immer mal die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ lesen wollten.Manchen Zeitgenossen fällt bei „Birne“ auch ein früherer, gern karikierter „Kanzler“ ein, bei dem die einen zuerst an schwarze Kassen denken, andere vor allem an die deutsche „Einheit“. Viele Kreativitätstechniken beruhen darauf, gezielt zu assoziieren. Am bekanntesten sind „Brainstorming“ und „Brainwriting“. Andere Kreativitätstechniken nutzen nicht die bereits in den Gehirnen vorhandenen Verbindungen, sondern versuchen, neue Ideen durch erzwungene Kombinationen anzuregen. >>> Die Kunst ostasiatischer Poesie oder Malerei, mit wenigen Worten oder Pinselstrichen ganze Assoziations- und Gefühlswelten zu eröffnen, hat mich von jeher fasziniert. Ein Beispiel ist das Gedicht „Dämmerung im Frühling“ von Meng Haoran, hier in der Übersetzung von Wolf Baus (zitiert nach „Chinesisch für Anfänger“, Quartino GmbH, München 2008): „Im Frühling schlummernd die Dämmerung nicht spüren, / Überall das Rufen der Vögel hören. / Vergangene Nacht Geräusch von Wind und Regen, / Wer weiß, wie viele Blüten fielen.“ >>> Besuchen Sie das Museum für Ostasiatische Kunst in Köln und lassen Sie Ihren Assoziationen zu den gezeigten Werken freien Lauf.>>> Tatsächlich kann unser Gehirn kaum aufhören, unablässig Assoziationen zu produzieren. In unserem Gehirn sind nicht nur die sprachlichen Begriffe repräsentiert, sondern genauso gibt es Verschaltungen und Aktivierungsmuster für Bilder, Gerüche und nichtsprachliche Klänge.
Unbewusstes und Ideenfindung
Oft ist uns allerdings ein großer Teil dessen, was in unseren assoziativen Netzen abgelegt wurde und bei entsprechenden Impulsen aktiviert wird, gar nicht bewusst - zumindest nicht sofort. Das liegt daran, dass viele Signale, die von Sinnesorganen aufgenommen wurden, zwar ihre bahnenden Spuren im Gehirn und im Körper hinterlassen haben, aber nur wenige zur bewussten Verarbeitung weitergeleitet wurden. Doch auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, schalten sich trotzdem die entsprechenden Stimmungen und Gefühlslagen automatisch und wie von selbst wieder auf, wenn das Erregungsmuster für bestimmte Stichworte oder Signale aktiviert wird. Sigmund Freud nutzte Assoziationen, um ins Unbewusste verdrängte Erfahrungen wieder zugänglich und damit deren Auswirkungen bearbeitbar bzw. heilbar zu machen. Eine weitere für das Ideenmanagement interessante Eigenheit des Unbewussten ist, dass es auch ohne unser bewusstes Zutun arbeitet. Dabei verarbeitet es auch Material, das nur unterschwellig wahrgenommen und gespeichert wurde - und das ist ja sehr viel mehr, als uns bewusst ist. Dieser Verarbeitungsprozess, bei dem eine Vielzahl neuer (und oft sehr kreativer) Assoziationen hergestellt wird, ist beim Träumen besonders intensiv und „wild“.
Wahrnehmung und selektive Aufmerksamkeit
Zur Veranschaulichung diente damals das in Abbildung 2 nochmals gezeigte Wimmelbild, in dem Betrachter je nach „Programm“ (heißt: Interessen, Vorlieben, Absichten), mit dem sie unterwegs sind, nur den Hubschrauber, die Fußballspieler auf dem Dach oder ein bestimmtes Automodell „sehen“. Stellen wir uns einen Mitarbeiter vor, der sich auf seine Aufgabe konzentriert und daher nur den dafür relevanten Ausschnitt der Wirklichkeit bewusst wahrnimmt: Etwa den in Abbildung 2 sichtbaren Schweißprozess. Dadurch kommt es allerdings nur zu geringen oder gar keinen Überlappungen mit anderen möglichweise interessanten Aktivierungsmustern - das Gehirn bleibt beim einen oder anderen Thema, stellt aber keine neuen Verbindungen her (Abbildung 3). Um auf Verbesserungsideen zu kommen, wäre es dagegen hilfreich, wenn der Mitarbeiter zwischendurch die Möglichkeit hat (bzw. dabei unterstützt wird), seine Wahrnehmung frei schweifen zu lassen. >>> Ein Meister im Herstellen neuer Verbindungen war Pablo Picasso. Wozu er eine Fahrradlenkstange und einen Sattel verband, sehen Sie hier. Falls Sie übrigens infolge des dritten assoziativen Impulses im Blogbeitrag vom 15.03.2021 sowieso gerade in Paris sind, können Sie nach einem etwa einstündigen Spaziergang (reine Gehzeit ab Musée Rodin, Verweilzeiten in Cafés und bei Bouquinisten nicht eingerechnet) Picassos Original im Musée national Picasso bewundern. Beiläufig und unterschwellig wird der Mitarbeiter jedoch sehr viel mehr wahrnehmen und speichern, als ihm bewusst wird. Input, der zwar zunächst keine bewusste Beachtung findet, aber trotzdem unbewusst wahrgenommen wird, besteht zuweilen aus Indizien für Verbesserungspotentiale. Im Blogbeitrag vom 27.11.2020 „KVP, Ideen- und Innovationsmanagement - same, same, but different?“ hatte ich die These aufgestellt, dass genau darin ein Alleinstellungsmerkmal des Ideenmanagements liegt. >>> Ein „Serendipitäts-Erlebnis“ beschreibt Johann Wolfgang von Goethe in seinem Gedicht „Gefunden“.>>> „Serendipität“ und „Kontingenz“ (siehe Blogbeitrag vom 05.12.2019) sind wunderbare Worte, die sich gut mit dem Ideenmanagement verbinden lassen. Machen Sie es Pippi Langstrumpf („Spunk“) oder Mary Poppins („superkalifragilistischexpiallegorisch“) nach und lassen sich neue wunderbare Worte einfallen.
Kreativitätstechniken und Ideenmanagement
Bei vielen Kreativitätsmethoden steht ein idealtypischer Ablauf Pate, demzufolge das Problem oder Thema zunächst in einer „Explorationsphase“ durchdrungen wird. Dann wird gern eine spezielle „Inkubationsphase“ eingebaut, während der sich die Teilnehmer entspannen und gedanklich weit vom eigentlichen Thema entfernen, damit vor allem ihr Unbewusstes am Finden einer Lösung „arbeitet“. Wenn diese dann als „Illumination“ einem oder mehreren der Teilnehmer bewusst wurde, erfolgt die weitere Ausarbeitung in der anschließenden „Elaborationsphase“. Ideenmanagement wird idealerweise im Kontakt mit Personen erlebt, zu denen eine positive emotionale Beziehung besteht (z.B. Ideenmanagement wird durch relevante Personen promotet, etwa indem Ideen und Verbesserungen eine hohe Bedeutung zugewiesen und den Beiträgen hierzu ein großer Stellenwert eingeräumt wird. Ideenmanagement ist präsent. Es ist als System sichtbar und kommt zur Sprache, wodurch entsprechende Bahnungen stabilisiert und Assoziationen zum Ideenmanagement gefördert werden. Ideenmanagement stellt sich in Bildern und Geschichten dar, die ein breites Spektrum an Werten und Emotionen ansprechen. Ideenmanagement führt möglichst viele und unterschiedliche umgesetzte Ideen vor Augen, damit Mitarbeiter einen reichen und vielfältigen Fundus an „inneren Bildern“ und Vorstellungen davon entwickeln, wie und worin sich Verbesserungspotentiale zeigen können. Ideenmanagement bietet Zugänge und Berührungspunkte, die möglichst viele Sinne positiv ansprechen und positive Gefühle und Assoziationen auslösen, wenn man eine Idee platziert, votet, kommentiert oder bewertet, wenn man sich informiert oder über Ergebnisse informiert wird. Ideenmanagement nutzt Begrifflichkeiten und Worte, die positive Gefühle und Assoziationen auslösen. Es macht einen Unterschied, ob man eine Idee einbringt, einen Vorschlag einreicht oder einen Antrag stellt. Ob man einen Vorschlag zu begutachten oder zu entscheiden hat. Ideenmanagement wird durch Qualifizierungsmaßnahmen zu Kreativitätsmethoden unterstützt. Generell werden Mitarbeiter inspiriert und ihre Fähigkeiten zum Assoziieren und Querdenken werden angeregt und gefördert. Eine Ideensammlung und Beispiele zum Thema „Inspiration und Anreize für Einreicher“ finden Sie im Blogbeitrag vom 09.07.2020, ein Beispiel für wechselnde Inspirations-Slider auf der Startseite der Ideenmanagement-Software finden Sie im Artikel von Maximilian Stieler (KSB SE & Co.
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Neurobiologie und Ideenmanagement: Eine neue Perspektive
Wenn Sie jetzt sagen, dass das doch alles überhaupt nicht neu ist, dann kann ich Ihnen nur völlig zustimmen. Jeder Mensch, der seine fünf Sinne beisammen, das Herz am rechten Fleck und den Verstand eingeschaltet hat, wird auf all dies von selbst kommen und erfahrene Praktiker verfahren schon längst genau so. Wozu dann „Neuroideenmanagement“? Aus meiner Sicht liegt aber genau darin das Neue: Dank der in der Neurobiologie genutzten bildgebenden Technologien wird nun nochmals bestätigt und vor Augen geführt, was bereits mit Hilfe anderen Methoden erkannt worden war. Für viele Menschen (oder: bei den Wirklichkeitskonstruktionen in den Gehirnen vieler Menschen) steigt jedoch die Glaubensbereitschaft, wenn Erkenntnisse mit Mitteln der sogenannten „exakten Wissenschaften“ und mit Hilfe von Maschinen gewonnen werden. Auch das Ideenmanagement unterliegt diesem Effekt: Eigentlich ist klar, dass es sinnvoll und von Nutzen ist. >>> Antoine de Saint-Exupéry schildert diesen Effekt beim Entdecker des Planeten des kleinen Prinzen: einem türkischen Astronom. Als er seine Entdeckung in seiner traditionellen Kleidung auf einem Kongress vorstellte, glaubte ihm keiner. Ich schließe diese Serie nun mit dem kleinen Prinzen, dem der Fuchs beim Abschied die Worte mitgab: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Wenn wir das „Herz“ als Metapher für unsere im limbischen System verankerte Emotionalität nehmen (siehe Blogbeitrag vom 28.04.2021), dann gibt das exakt die Erkenntnisse der modernen Neurobiologie wieder: Wir sehen nur das, was unserem Herzen wichtig ist. Karikatur „Helmut Kohl“ in Abbildung 1: „The St. George Herald” auf blog.montyarnold.de. Dr. Hartmut NeckelDr.
Die Plastizität des Gehirns: Eine lebenslange Chance
Hüther zieht aus neueren Forschungsergebnissen den Schluss, dass das menschliche Gehirn durch Erfahrungen weit mehr veränderbar ist als bisher angenommen. Der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther übersetzt die neuesten, faszinierenden Erkenntnisse der Neurobiologie in eine verständliche Sprache und zeigt dem Leser auf, wie er konkret für sein eigenes Leben daraus profitieren kann. In der modernen Hirnforschung wurden bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Die sogenannte Plastizität des menschlichen Gehirns bedeutet, dass es lebenslang veränderbar, ausbaubar, anpassungsfähig ist. Sogar die Masse der Gehirnzellen ist, entgegengesetzt der früheren Auffassung der Wissenschaftler, nicht endgültig festgelegt, sondern kann im Verlauf des Lebens noch zunehmen. Nach den neuesten Erkenntnissen der Hirnforscher hat die Art und Weise der Nutzung des Gehirns einen entscheidenden Einfluss darauf, welche neuronalen Verschaltungen angelegt und stabilisiert oder auch destabilisiert werden. Die innere Struktur und Organisation des Gehirns passt sich also an seine konkrete Benutzung an. Wenn das Gehirn eines Menschen aber so wird, wie es gebraucht wird und bisher gebraucht wurde, dann stellt sich die Frage, wie wir eigentlich mit unserem Gehirn umgehen müssten, damit es zur vollen Entfaltung der in ihm angelegten Möglichkeiten kommen kann. Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gerald Hüther ist Neurobiologe und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg. Wissenschaftlich befasst er sich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen. Die Art und Weise, wie wir unser Gehirn nutzen, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welche neuronalen Verschaltungen angelegt und stabilisiert werden - oder auch nicht. Die innere Struktur und Organisation unseres Gehirns passt sich also an seine konkrete Benutzung an. Die Art und Weise, wie wir unser Gehirn nutzen, hat einen entscheidenden Einfluss darauf, welche neuronalen Verschaltungen angelegt und stabilisiert werden - oder auch nicht. Die innere Struktur und Organisation unseres Gehirns passt sich also an seine konkrete Benutzung an. So stellt sich also die Frage, wie wir eigentlich mit unserem Gehirn umgehen müssten, damit es zur vollen Entfaltung der in ihm angelegten Möglichkeiten kommen kann.
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