Die menschliche Muskelkraft ist ein faszinierendes Zusammenspiel zwischen physischen und neurologischen Faktoren. Oft wird angenommen, dass die Muskelmasse und -beschaffenheit allein die Kraft bestimmen, die wir aufbringen können. Doch die Realität ist komplexer. Unser Gehirn spielt eine entscheidende Rolle bei der Limitierung und Freisetzung unserer Muskelkraft.
Die Rolle des Gehirns bei der Muskelkraft
Das Gehirn ist nicht nur für die Planung und Ausführung von Bewegungen verantwortlich, sondern auch für die Kontrolle und Regulation der Muskelkraft. Es fungiert als eine Art "Schutzmechanismus", der den Körper vor Überlastung und Schäden bewahren soll.
Schutzmechanismus des Gehirns
Das Gehirn limitiert die willkürliche Muskelkraft, um den Körper vor Verletzungen zu schützen. Es verhindert, dass wir unsere Muskeln über ihre Kapazität hinaus beanspruchen, was zu Zerrungen, Rissen oder anderen Schäden führen könnte.
Koordination und Kontrolle
Die Muskeln sind in der Lage, wesentlich mehr zu leisten, als wir bewusst einsetzen können. Das Gehirn koordiniert die einzelnen Muskelabschnitte und steuert die Kraftentfaltung, um eine effiziente und sichere Bewegung zu gewährleisten.
Leistungsreserven in Extremsituationen
In Gefahrensituationen oder unter Hypnose kann der menschliche Körper kurzzeitig über seine Grenzen hinaus Leistung erbringen. Dabei werden die Beschränkungen des Gehirns, welche nicht bewusst steuerbar sind, kurzzeitig aufgehoben. Diese Leistungsreserven sind jedoch nicht dauerhaft abrufbar, da sie den Körper stark belasten und zu Schäden führen können.
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Faktoren, die die Muskelkraft beeinflussen
Neben der neurologischen Komponente gibt es weitere Faktoren, die die Muskelkraft beeinflussen:
Muskelbeschaffenheit und -zustand
Der Durchmesser und der Zustand der Muskeln spielen eine entscheidende Rolle für die Kraftentfaltung. Gut trainierte Muskeln mit einem größeren Querschnitt können mehr Kraft produzieren.
Koordination der Muskelabschnitte
Wie gut das Gehirn die einzelnen Muskelabschnitte koordinieren kann, beeinflusst die Effizienz der Kraftentfaltung. Kraftsportler kommen durch gezieltes Training sehr nah an die Maximalleistung heran.
Genetische Veranlagung
Die genetische Veranlagung spielt ebenfalls eine Rolle für die Muskelkraft. Einige Menschen haben von Natur aus eine höhere Muskelmasse und eine bessere neuromuskuläre Ansteuerung.
Trainingszustand
Regelmäßiges Training kann die Muskelkraft deutlich steigern. Durch gezielte Übungen werden die Muskeln gestärkt und die neuromuskuläre Koordination verbessert.
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Neuro-Athletik: Das Gehirn als Schlüssel zur Leistungssteigerung
Die Neuro-Athletik ist ein Trainingskonzept, das die Erkenntnisse der Neurologie mit denen der Sportwissenschaft verbindet. Es zielt darauf ab, die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu optimieren, um die Muskelkraft und die Bewegungsabläufe zu verbessern.
Input statt Output
Während konventionelles Training am Output arbeitet, etwa den Muskel kräftigt und die Beweglichkeit erhöht, fokussiert Neuro-Athletik auf den Input: Welche Signale erreichen das Gehirn? Und welche würden benötigt, um eine Bewegung optimal ausführen zu können?
Neuronale Lücken füllen
NAT hat das Ziel, neuronale Lücken eines Menschen zu finden und zu füllen: Auch in Stresssituationen soll das Gehirn klare Meldungen erhalten. Denn bei schwammiger Information entscheidet es womöglich, Muskelkraft oder Beweglichkeit zu reduzieren - mit der Folge, dass die in der Dynamik alleingelassenen Bänder reißen oder gar Knochen brechen können.
Übungen zur Aktivierung des Gehirns
Neuro-Athletik arbeitet mit Drills, deren Auswirkungen nicht auf den ersten Blick klar sind. Sensorische Reizungen der Gelenke - etwa durch ein Vibrations-Tool - lenken den Fokus auf das Gelenk und aktivieren die entsprechenden Areale im Gehirn. Die Beweglichkeit eines Körperteils lässt sich durch Training eines anderen verbessern, da jedes Gelenk über das Rückenmark mit einem Gegenspieler auf der anderen Seite verbunden ist („Opposing Joints“-Prinzip).
Mentales Training: Die Kraft der Vorstellung
Mentales Training umfasst eine Vielzahl von Techniken, bei denen geistige Vorstellungen und Konzentrationsübungen genutzt werden, um körperliche Fähigkeiten und Leistungen zu verbessern. Diese Techniken werden oft von Sportler:innen eingesetzt, um ihre Leistung zu steigern, ihre Bewegungen zu optimieren und ihre mentale Stärke zu verbessern.
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Muskelatrophie entgegenwirken
Die Idee, dass mentales Training Muskelatrophie entgegenwirken kann, basiert auf der Annahme, dass unser Gehirn und unser Nervensystem eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der Muskelmasse spielen.
Visualisierung von Bewegungen
Stellen Sie sich detailliert vor, wie Sie bestimmte Bewegungen ausführen. Dies kann das Anspannen und Entspannen von Muskeln oder komplexere Bewegungen wie das Heben eines Gewichts sein.
Mentales Krafttraining
Konzentrieren Sie sich auf einzelne Muskelgruppen und stellen Sie sich vor, wie Sie diese anspannen. Halten Sie diese Anspannung mental für einige Sekunden und lassen Sie dann wieder locker. Wiederholen Sie dies mehrmals hintereinander.
EMS-Training: Elektromyostimulation zur Muskelaktivierung
Eine weitere innovative Methode, die sich hervorragend zur Bekämpfung von Muskelschwund eignet, ist das EMS-Training (Elektromyostimulation). EMS-Training verwendet elektrische Impulse, um die Muskeln zu stimulieren, was zu Muskelkontraktionen führt, ähnlich wie bei herkömmlichem körperlichem Training.
Gelenkschonendes Training
Der große Vorteil des EMS-Trainings ist, dass es gelenkschonend ist und somit besonders für Menschen geeignet ist, die aufgrund von Verletzungen, Krankheiten oder längerer Bettlägerigkeit keine intensiven körperlichen Übungen durchführen können.
Verbesserte Durchblutung und Stoffwechsel
Studien haben gezeigt, dass EMS-Training nicht nur die Muskelkraft und -masse erhöhen kann, sondern auch die Durchblutung und den Stoffwechsel in den betroffenen Bereichen verbessert. Dies kann zu einer schnelleren Regeneration und einem besseren allgemeinen Gesundheitszustand beitragen.
Neuromuskuläre Erkrankungen
Neuromuskuläre Erkrankungen bezeichnen Erkrankungen des peripheren motorischen Systems, bei denen Nervenzellen im Rückenmark, periphere Nerven, Synapsen oder Muskelzellen betroffen sein können.
Symptome
Typische Anzeichen sind eine Verminderung von Muskelkraft und Muskelspannung (Tonus), geringere körperliche Belastbarkeit, Muskelschwund oder seltener Muskelschmerzen.
Diagnostik
Zur Diagnostik werden neben einer genauen Befragung und körperlichen Untersuchung unter anderem Laboruntersuchungen, „Nervenmessungen“ (Neurographie), Bildgebung (Ultraschall, MRT) und genetische Analysen eingesetzt.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Erkrankung und kann Medikamente, Physiotherapie oder operative Eingriffe umfassen.
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine schwere, bisher nicht heilbare Erkrankung des motorischen Nervensystems. Bei der ALS verlieren die motorischen Nervenzellen, die für die willkürliche Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind, fortschreitend ihre Funktion.
Ursachen
Die genauen Ursachen der ALS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass genetische Faktoren, Umweltfaktoren und altersbedingte Veränderungen eine Rolle spielen.
Symptome
Die Symptome der ALS sind vielfältig und können Muskelschwäche, Muskelschwund, Muskelkrämpfe, Sprachstörungen und Schluckbeschwerden umfassen.
Therapie
Es gibt keine Heilung für die ALS. Die Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
Polyneuropathien
Polyneuropathien sind Erkrankungen des „peripheren Nervensystems“, zu dem alle außerhalb des Zentralnervensystems liegenden Anteile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven mit den sie versorgenden Blut- und Lymphgefäßen gehören.
Ursachen
Die Ursachen von Polyneuropathien sind vielfältig und können Diabetes mellitus, Alkoholmissbrauch, Entzündungen, Leber-, Nieren- und Lungenerkrankungen, Tumorerkrankungen, bestimmte Medikamente oder erbliche Faktoren umfassen.
Symptome
Typische Symptome einer Polyneuropathie sind sensible Reizerscheinungen wie Kribbeln, Ameisenlaufen, Stechen, Elektrisieren und sensible Ausfallerscheinungen wie Pelzigkeitsgefühl, Taubheitsgefühl, Gefühl des Eingeschnürtseins, Schwellungsgefühle sowie das Gefühl, wie auf Watte zu gehen.
Therapie
Die Therapie richtet sich nach der Ursache der Polyneuropathie und kann Medikamente, Physiotherapie oder eine Anpassung des Lebensstils umfassen.
Willensstärke als Muskel: Trainierbarkeit und Bedeutung für den Erfolg
Willensstärke ist nicht nur eine mentale Eigenschaft, sondern auch eine Ressource, die wie ein Muskel funktioniert. Psychologie-Professor Roy Baumeister hat durch Versuche erkannt, dass unsere Willenskraft bei Dauerbeanspruchung schwächer wird.
Training der Willensstärke
Auf der anderen Seite lassen sich Muskeln auch trainieren. Da Willensstärke wie ein Muskel funktioniert, bedeutet das unter anderem, dass Sie Ihre Willensstärke nach dem gleichen Prinzip trainieren können wie Ihre Muskelkraft. Dieses Prinzip lautet: die Kraft systematisch und in der richtigen Dosis gebrauchen. Wenn Sie sie zu selten verwenden, verkümmert sie. Wenn Sie sie zu intensiv einsetzen, versiegt sie.
Neuroplastizität: Veränderungen im Gehirn durch Training
Früher gingen Wissenschaftler davon aus, dass sich das entwickelte Gehirn nicht mehr verändert. Heute weiß man, dass diese These nicht stimmt, dass sogar das Gegenteil zutrifft. Sobald ein bestimmtes Areal im Gehirn regelmäßig stark gefordert ist, entstehen dort zusätzliche Nervenzellen und zwischen ihnen Verschaltungen.
Willensstärke und Erfolg
Menschen, die verstärkt Willensentscheidungen treffen, also ihre Gedanken und Gefühle zur Steuerung des Handelns regulieren, entwickeln im präfrontalen Cortex mehr graue Hirnsubstanz. Das erklärt, warum viele bekannte Leistungssportler auch beruflich erfolgreich sind. Um ihre sportlichen Ziele zu erreichen, mussten sie sich disziplinieren und anstrengen. Das stärkte nicht nur ihre körperlichen Fähigkeiten, sondern auch ihre Willensstärke.