Karpaltunnelsyndrom: Behandlungsmöglichkeiten aus Sicht eines Neurologen

Das Karpaltunnelsyndrom (KTS), auch als Medianus-Kompressions-Syndrom bezeichnet, ist die häufigste mechanisch bedingte Erkrankung der peripheren Nerven. Es entsteht durch eine Einengung des Nervus medianus (Mittelnerv) im Karpaltunnel, einem Kanal an der Handgelenkinnenseite, der von den Handwurzelknochen und einem straffen Band (Retinaculum flexorum) begrenzt wird. Diese Kompression kann zu Missempfindungen, Schmerzen und motorischen Ausfällen in der Hand führen. In Deutschland erkranken jährlich fast 1 Million Menschen an einem Karpaltunnelsyndrom. Frauen sind bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursache für das Anschwellen des Gewebes im Karpaltunnel bleibt häufig ungeklärt. Über- und Fehlbelastungen oder eine angeborene Enge des Karpaltunnels können dabei eine Rolle spielen und die Entstehung eines Karpaltunnelsyndroms begünstigen. Gleichermaßen zählen Diabetes mellitus, rheumatische Erkrankungen sowie hormonelle Veränderungen und Störungen zu den Risikofaktoren. Auch Stoffwechselerkrankungen, Verletzungen, Knochenbrüche, Abnutzungserscheinungen, Raumforderungen, Schwangerschaft, Anlagebedingtheit und Überbeanspruchung des Handgelenks (durch berufliche Handgelenksbelastung) können eine Rolle spielen. Meist ist jedoch keine Begleiterkrankung festzustellen.

Symptome

Charakteristisch für das Karpaltunnelsyndrom sind nächtliche und morgendliche Empfindungsstörungen und Schmerzen in den Fingern - bisweilen sind auch die gesamte Hand und der Unterarm betroffen. Viele Betroffene empfinden ihre Hände als „eingeschlafen“ und können von einem unangenehmen Taubheitsgefühl aufwachen, da dies nachts am stärksten auftritt. Typische Symptome beim Karpaltunnelsyndrom sind das nächtliche “Einschlafen” (Parästhesien) und Schmerzen der Hand. Im Verlauf treten die Beschwerden zudem tagsüber auf, etwa bei manuellen Tätigkeiten wie dem Radfahren oder Schreiben am PC. Eine fortdauernde Nervenkompression kann zu einer anhaltenden Taubheit der Finger und einer leichten Schwächung des Daumenballenmuskels samt einhergehenden Beeinträchtigungen der Geschicklichkeit führen. Manche Bewegungen lassen sich nur sehr unkoordiniert und ungeschickt ausführen. Zunächst hilft es, die Hände wieder auszuschütteln und zu bewegen. Oft treten auch zusätzlich Schmerzen in der Hand, vor allem beim Greifen, auf.

Diagnostik

Maßgeblich für den Behandlungserfolg ist eine zeitnahe Abklärung der Beschwerden. Bei Verdacht auf das Vorliegen eines Karpaltunnelsyndromes erfolgt in der Regel eine Untersuchung bei einem Neurologen, um die die Leitfähigkeit des Nervs zu messen. In neurologischen Praxen werden vielfältige Methoden zur Diagnostik und Verlaufskontrolle des Karpaltunnelsyndroms angewendet. Im Rahmen der neurologischen Untersuchung bleiben auffällige Befunde gerade zu Beginn der Beschwerden oft aus - so erfolgt die Diagnose in der Regel durch Messung der elektrischen Leitfunktion des Nervs.

Elektrophysiologische Messung

Die Diagnose Karpaltunnelsyndrom wird durch die Neurologen in der Regel durch eine klinisch- neurologische Untersuchung in Kombination mit einer Elektrophysiologische Messung gesichert. Durch eine motorische und sensible Elektroneurographie werden die Nervenleitgeschwindigkeiten im Handgelenk sowie im Unter- oder Oberarm gemessen. Der Nerv wird durch kleine Stromimpulse stimuliert und über Oberflächenelektroden die Reizantwort registriert. Bei der Untersuchung der SSEP (somatosensibel evozierte Potentale) wird der Nerv im Handgelenk stimuliert und über zwei Akupunkturnadeln die Reizantwort über der Kopfhaut aufgezeichnet. Hierdurch können insbesondere proximale/wirbelsäulennahe Schäden, beispielsweise durch einen Bandscheibenvorfall, festgestellt werden.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Nervenentzündung im Nacken

Bildgebende Verfahren

Eine zumindest gleichwertige Aussagekraft und Zuverlässigkeit weisen hochauflösende Ultraschalluntersuchungen auf: Sie ermöglichen eine exakte optische Vermessung des Nervs und geben Aufschluss über etwaige Ursachen der Einengung sowie über spezifische anatomische Gegebenheiten. Bei Verdacht auf das Karpaltunnelsyndrom ist die Nervensonografie ein wichtiger diagnostischer Baustein. Kombiniert mit der Elektroneurografie erhöht sich nochmals die Treffsicherheit in der Diagnosefindung - insbesondere bei leichten Befunden und nach vorherigen Operationen am Karpaltunnel. Vor einem operativen Eingriff liefert der Nervenultraschall darüber hinaus zusätzliche und optimierte Informationen für den Chirurgen. Bei Bedarf kann zusätzlich eine Ultraschalluntersuchung des Nervus medianus oder ein MRT des Handgelenks durchgeführt werden. Ergänzend kann eine speziell für diese Fragestellung ausgerichtete hochauflösende Magnetresonanztomographie (MRT) an modernen Geräten mit hoher Feldstärke typische Veränderungen am Nervus medianus zu einem hohen Prozentsatz nachweisen, zum Beispiel eine Kompression des Nerven innerhalb des Karpaltunnels.

Klinische Tests

Ein häufig durchgeführter Test bei Karpaltunnelsyndrom Symptomen ist das Hoffmann-Tinel-Zeichen. Der Arzt beklopft den Mittelnerv am Handgelenk mit den Fingerspitzen. Wenn dabei elektrisierender Schmerz auftritt, ist die Diagnose Karpaltunnelsyndrom möglich. Darüber hinaus bedient sich der Arzt aber auch verschiedenen klinischen Tests wie dem Flaschen-Test, Hoffmann-Tinel-Test oder Phalen-Test.

Konservative Behandlung

Nach präziser Diagnostik richtet sich die Behandlung des Karpaltunnelsyndroms nach der Dauer und dem Ausmaß der Beschwerden. Bei leichten bis mittelschweren Symptomen stehen therapeutisch die Vermeidung einer manuellen Überbelastung sowie die nächtliche Schienung des Handgelenks durch eine volare Unterarmschiene im Fokus. Die Handgelenksschiene dient der konsequenten Ruhigstellung und Entlastung des Handgelenks während des Schlafs. Ein Abknicken des Gelenks, das die Beschwerden oft verstärkt, wird somit verhindert.

Weitere konservative Maßnahmen

  • Medikamentöse Therapie: Mit nichtsteroidalen Antirheumatika werden Entzündung und Schmerzen gelindert, auch eine Ruhigstellung des Unterarms führt zu einer Besserung. In einigen Fällen kann Kortison als lokale Injektion in den Karpaltunnel eingebracht eine Linderung bewirken.
  • Physiotherapie: Auch bestimmte Medikamente, wie etwa Kortikosteroide, können bei einem Karpaltunnelsyndrom im frühen Stadium für Linderung sorgen. Erste ermutigende Ergebnisse liefert dagegen aktuell eine gebündelte Auswertung von Studien (Metaanalyse) zur manuellen Therapie mit der sogenannten Neurodynamik. Dadurch sollen Verklebungen gelöst und die Beweglichkeit bzw. Gleitfähigkeit im umgebenden Gewebe verbessert werden. Die Studie empfiehlt die Neurodynamik zur Behandlung des KTS. Andere Arbeiten zeigten für die Kombination von Neurodynamik mit Kinesio-Taping, dass die Resultate der Neurodynamik weiter verbessert werden konnten.
  • Vermeidung von Risikofaktoren: Es ist ratsam, bekannte Risikofaktoren wie Überlastung des Handgelenks oder ungünstige Arbeitshaltungen zu vermeiden.

Operative Behandlung

Bei nicht ausreichender konservativer Therapie erfolgt eine Überweisung für eine chirurgische Behandlung des Karpaltunnelsyndroms. Der meist ambulant durchgeführte Eingriff ist bei fortwährenden Sensibilitätsstörungen, therapieresistenten nächtlichen Schmerzen oder Missempfindungen mit Schlafstörungen Methode der Wahl. Hierbei wird unter örtlicher Betäubung das den Karpaltunnel verschließende Karpalband durchtrennt und situativ einengendes Gewebe entfernt.

Methoden der Operation

  • Offene Karpaltunnelspaltung: Die offene Karpaltunnelspaltung ist hierbei der Standardeingriff und wird weitaus häufiger als die endoskopische Technik durchgeführt. Sie erfolgt entweder in örtlicher Betäubung (sog. Wide Awake-Verfahren) oder Plexusanästhesie, in Ausnahmefällen auch in Vollnarkose. Der Eingriff wird in Lupenbrillenvergrößerung vorgenommen. Der Hautschnitt verläuft direkt über dem Karpaltunnel mit einer Länge von 3-4 cm. Das Karpalband (Retinaculum flexorum) wird mit dem Skalpell komplett durchtrennt. Wichtig ist eine optimale Visualisierung und Darstellung des Mittelarmnervs (N. medianus). Bei Verdickung des Beugesehnengleitwebes im Karpaltunnel ist eine Entfernung des Gleitgewebes erforderlich, um Platz für den Nerv zu schaffen.
  • Endoskopische Karpaltunnelspaltung: Bei der Operation wird der Nervenkanal erweitert und die Einengung des Nervs beseitigt. Dies kann klassisch in der offenen Methode durch einen Schnitt in der Handfläche oder in „Schlüssellochtechnik“ also endoskopisch erfolgen. Ähnlich wie bei einer Arthroskopie wird hierzu über einen ca. Der Eingriff dauert in der Regel nur wenige Minuten und wird in einem von Anästhesisten geführten ambulanten OP-Zentrum ohne Vollnarkose durchgeführt.

Nachsorge nach der Operation

Nach der operativen Behandlung des Karpaltunnelsyndroms sind einige Dinge zu beachten. Um ein Anschwellen der Hand nach der Operation zu vermeiden und um eine rasche Wundheilung zu erreichen, sollte die Hand in den ersten Tagen in Brusthöhe gehalten und geschont werden. Eine Armschlinge ist hierzu nicht notwendig. Vom Operationstag an ist eine aktive Fingergymnastik erforderlich, wobei die Finger mehrmals in der Stunde vollständig zur Faust gebeugt und vollständig gestreckt werden sollten. Am ersten Tag nach der Operation erfolgt der erste Verbandswechsel. Langsam zunehmend kann die Hand nun belastet werden. Nach 7-10 Tagen werden die Fäden entfernt, am darauffolgenden Tag sind das Waschen der Hand und Duschen ohne Schutzhandschuh wieder möglich. Nach 2-3 Wochen ist die Hand zum alltäglichen Gebrauch wie auch für die meisten beruflichen Tätigkeiten wieder einsatzfähig.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten für Ganglionzysten am Meniskus

Mögliche Komplikationen

Nach der operativen Behandlung des Karpaltunnelsyndroms klingen kleine Blutergüsse und Schwellungszustände in der Regel durch aktive Fingergymnastik bzw. nach Lockern des Verbands rasch ab. Bei stärkerer Schwellung sollten neben einer Lockerung des Verbandes zusätzlich mehrmals täglich Eispackungen angewendet werden. Die Wunde darf hierbei nicht feucht werden. In seltenen Fällen kann es postoperativ zu einer vorübergehenden Verschlechterung der Nervenfunktion kommen. Die Entzündungshäufigkeit (Infektionsrate) nach einer operativen Therapie des Karpaltunnelsyndroms ist bei unseren Patienten ist sehr niedrig. Bei Anzeichen einer Infektion, d.h. Schwellung, pochenden Schmerzen im Operationsbereich, Rötung oder gar Entleerung von Eiter aus der Wunde muss sofort ein Arzt aufgesucht werden, um eine gezielte Behandlung einzuleiten. Sehr selten ist eine Verletzung des Nervus medianus bei der Operation oder das auftreten einer sympathischen Reflexdystrophie, Sonderformen eines chronisches Schmerzsyndroms. Eine fehlende Erholung des Nerven ist meistens durch eine zu spät erfolgte Operation bedingt. Eine erneute Einklemmung des Nervs (Rezidiv-Karpaltunnelsyndrom) ist möglich, tritt aber sehr selten auf.

Amyloidablagerungen

Nach neueren wissenschaftlichen Studien zeigen sich bei über 50-jährigen Patienten beim Karpaltunnelsyndrom intraoperativ bzw. in der pathologischen Aufarbeitung des entnommenen Biopsiematerials bis zu 30% sog. Amyloidablagerungen im Sehnengleitgewebe bzw. Karpalband. Diese Ablagerungen können sich systemisch im Körper verbreiten und zu einer Amyloid-Kardiomyopathie bzw. Herzinssuffizienz führen. Daher ist eine sehr sorgfältige Operationstechnik mit Entnahme von Gewebeproben für den Pathologen sinnvoll. Werden eventuelle Amyloidablagerungen entdeckt, ist umgehend eine kardiologische Abklärung erforderlich.

Lesen Sie auch: Mini-Schlaganfall: Was Sie wissen müssen

tags: #behandlung #neurologe #kapaltunnel