Wann sollte man einen Neurologen aufsuchen? Symptome und Anzeichen, die eine neurologische Untersuchung erforderlich machen

Das menschliche Nervensystem ist ein hochkomplexes Geflecht, das aus über 100 Milliarden Nervenzellen besteht und Bewegung, Sprache, Denken und Fühlen steuert. Es umfasst nicht nur das Gehirn, sondern auch das Rückenmark, die Nerven und die Muskulatur. Die Neurologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Diagnose, Therapie und Rehabilitation von Erkrankungen dieses komplexen Systems befasst. Aufgrund der Vielschichtigkeit des Nervensystems können neurologische Erkrankungen vielfältige Symptome verursachen, die von harmlos bis lebensbedrohlich reichen. Daher ist es wichtig zu wissen, wann ein Besuch beim Neurologen ratsam ist.

Was ist Neurologie?

Die Neurologie ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit dem Aufbau, den Funktionen und den Erkrankungen des Nervensystems beschäftigt. Dazu gehören das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark), das periphere Nervensystem (Nerven außerhalb des Gehirns und Rückenmarks) sowie die damit verbundenen Muskeln und Blutgefäße. Dieses Fachgebiet umfasst sowohl die Diagnostik als auch die Therapie und Rehabilitation von neurologischen Erkrankungen.

Häufige neurologische Erkrankungen und ihre Symptome

Neurologische Erkrankungen können durch vielfältige Ursachen wie genetische Veranlagungen, Autoimmunprozesse oder Durchblutungsstörungen ausgelöst werden. Auch Entzündungen, Verletzungen oder neurodegenerative Vorgänge spielen eine Rolle. Das Spektrum der neurologischen Erkrankungen ist breit und umfasst unter anderem:

  • Kopfschmerzen und Migräne: Attacken mit oft einseitigem Kopfschmerz, begleitet von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit. Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung leidet unter immer wieder auftretenden Spannungskopfschmerzen, 12 bis 17 Prozent unter Migräne und 4 Prozent unter chronischen Kopfschmerzen.
  • Chronische Rückenschmerzen: Rückenschmerzen, die zwölf Wochen oder länger anhalten. Nicht jeder Rückenschmerz ist neurologisch bedingt, benötigt aber in jedem Fall eine neurologische Abklärung. Betroffen sind 15 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen.
  • Ischämischer Schlaganfall: Verschlossene Blutgefäße führen zu plötzlicher Durchblutungsstörung im Gehirn, was zu Lähmungen, Sprach- und Bewegungsstörungen führen kann. Jährlich erleiden 1,6 bis 2,4 Prozent der Deutschen einen Schlaganfall. Mit 9,5 Prozent ist der Schlaganfall eine der häufigsten Todesursachen. Bei den ersten Anzeichen sollte sofort der Notarzt unter 112 gerufen werden. Häufige Schlaganfall-Symptome sind eine akute Schwäche oder Lähmung auf einer Körperseite, Sprachschwierigkeiten, Sehstörungen und Schwindel bis hin zu Bewusstlosigkeit.
  • Epilepsie: Krampfanfälle, die mit starken Entladungen von Nervenzellen im Gehirn einhergehen und auf einzelne Hirnregionen oder das gesamte Gehirn übergreifen. An dieser schweren neurologischen Erkrankung leidet 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung und bis zu 5 Prozent an einmalig auftretenden epileptischen Anfällen.
  • Demenz: Infolge degenerativer Hirnerkrankungen kommt es zu Gedächtnisstörungen und Einschränkung des Denkvermögens. Häufigste Formen der Demenzen sind Alzheimer- und Gefäßerkrankungen. Demenzen treten bei 2 bis 3 Prozent der über 65-jährigen und 24 bis 50 Prozent der über 85-jährigen auf.
  • Morbus Parkinson: Durch fortschreitenden Ausfall des Gehirnbotenstoffs Dopamin kommt es zu Bewegungsstörungen in Form von Zittern, Muskelstarre oder Bewegungsarmut. Hierzulande gibt es 0,1 bis 0,2 Prozent Erkrankte, bei den über 65-jährigen steigt die Häufigkeit auf bis zu 1,8 Prozent an.
  • Schädel-Hirntrauma und Querschnittslähmungen: Zu 80 Prozent sind diese Verletzungen des Gehirns oder Rückenmarks Unfallfolgen. Bei schwerem Schädel-Hirntrauma folgt oft ein längeres Koma, 30 bis 40 Prozent der Betroffenen versterben. Jährlich erleiden knapp 0,2 Prozent der Bevölkerung ein Schädel-Hirntrauma.
  • Multiple Sklerose (MS): Durch Angriff des eigenen Immunsystems werden Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark zerstört. MS schreitet meist schubförmig mit zunehmenden Lähmungen fort und ist die häufigste neurologische Erkrankung mit bleibender Behinderung im jungen Erwachsenenalter. In Deutschland gibt es etwa 120.000 Erkrankte.
  • Hirnblutungen: Durch teils massive Blutungen in das Gehirn hinein kommt es zu Schädigung und Absterben von Gehirnteilen. Hirnblutungen sind zweithäufigste Ursache für einen Schlaganfall. Die Ursachen sind meist Bluthochdruck oder Rauchen, Alkohol und Drogen. Betroffen sind 0,07 bis 0,15 Prozent der Bevölkerung.
  • Hirntumore: Diese Tumore sind häufig bösartig und gehen meistens vom Stützgewebe des Hirns aus. Auch Metastasen bilden sich oft im Gehirn. Selbst gutartige Gehirntumore sind gefährlich, weil sie überlebenswichtige Strukturen im Hirn zerstören können.
  • Myopathien: Muskelerkrankungen, die mit einer allgemeinen Schwäche der Muskulatur, Muskelschwund sowie Muskelschmerzen einhergehen. Die Ursachen und Symptome für Myopathien sind sehr unterschiedlich und bedürfen der Diagnostik durch einen neurologischen Facharzt.
  • Schlafstörungen: Schlafstörungen können körperliche, psychische sowie soziale Ursachen haben. Umgekehrt können auch Schlafstörungen zu körperlichen, psychischen und sozialen Problemen führen. Depressionen, erhöhte Tagesmüdigkeit sowie verminderte Leistungsfähigkeit können die Folgen sein. Langfristige gesundheitliche Risiken bestehen in Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfällen.

Symptome, bei denen ein Besuch beim Neurologen ratsam ist

Es gibt eine Reihe von Symptomen, bei denen ein Besuch beim Neurologen ratsam ist. Diese Symptome können auf eine Erkrankung des Gehirns, des Rückenmarks, der Nerven oder der Muskulatur hinweisen. Dazu gehören:

  • Anhaltende oder wiederkehrende Kopfschmerzen: Insbesondere, wenn sie sehr stark sind, plötzlich auftreten oder von anderen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Sehstörungen oder neurologischen Ausfällen begleitet werden.
  • Schwindel: Wenn er häufig auftritt, stark ist oder von anderen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Gleichgewichtsstörungen oder neurologischen Ausfällen begleitet wird. Andere Betroffene klagen darüber, dass alles um sie herum schwankt. Schwindel tritt häufig mit Begleitsymptomen auf. Diese unterscheiden sich je nach Schwindelform und Ursache, aber auch individuell abhängig vom Patienten, in ihrer Gestaltung und Ausprägung.
  • Sehstörungen: Plötzliche oder fortschreitende Sehstörungen wie Doppelbilder, verschwommenes Sehen, Gesichtsfeldausfälle oder Lichtblitze. Wenn die Sehschwierigkeit plötzlich auftritt und auf beiden Augen auftritt, sollten Sie Ihr Sehvermögen evaluieren lassen.
  • Hörstörungen: Plötzliche oder fortschreitende Hörstörungen, Tinnitus oder Schwindel in Verbindung mit Hörverlust.
  • Sprachstörungen: Schwierigkeiten, sich auszudrücken, Wörter zu finden oder Sprache zu verstehen.
  • Schluckstörungen: Schwierigkeiten, Nahrung oder Flüssigkeit zu schlucken.
  • Gedächtnisprobleme: Anhaltende oder fortschreitende Gedächtnisprobleme, Verwirrtheit oder Orientierungslosigkeit.
  • Bewegungsstörungen: Schwierigkeiten beim Gehen, Gleichgewichtsstörungen, Zittern, unwillkürliche Bewegungen oder Muskelsteifigkeit. Bewegungsprobleme, wie z.B. Schwierigkeiten beim Gehen, Ungeschicklichkeit, unbeabsichtigte Stöße oder Bewegungen, Zittern oder andere, können Symptome eines Problems in Ihrem Nervensystem sein. Sie sollten einen Neurologen aufsuchen, wenn diese Bewegungsprobleme Ihr tägliches Leben unterbrechen, obwohl so etwas wie ein Tremor eine Nebenwirkung von Medikamenten oder Angstzuständen sein kann.
  • Taubheitsgefühle oder Kribbeln: Anhaltende oder wiederkehrende Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Brennen in Armen, Beinen, Gesicht oder anderen Körperteilen. Wenn dieses Taubheitsgefühl jedoch anhält, plötzlich auftritt oder nur auf einer Körperseite auftritt, kann es an der Zeit sein, einen Neurologen aufzusuchen. Taubheitsgefühle oder Kribbelsymptome wie die beschriebenen können auch Anzeichen eines Schlaganfalls sein.
  • Muskelschwäche: Unerklärliche Muskelschwäche, die sich in Schwierigkeiten beim Heben von Gegenständen, Treppensteigen oder anderen alltäglichen Aktivitäten äußert. Schwächegefühle, wegen denen Sie einen Arzt aufsuchen sollten, sind etwas anderes als Müdigkeit oder Muskelschmerzen nach einer langen Wanderung oder dem Heben von zu vielen Gewichten. Wenn Sie eine Muskelschwäche verspüren, die Ihre täglichen Aktivitäten beeinträchtigt, oder wenn Sie einen rapiden Abfall der Muskelkraft erleben, insbesondere in Ihren Armen und Beinen, dann sollten sie einen Neurologen aufsuchen.
  • Krampfanfälle: Unwillkürliche Muskelzuckungen, Bewusstseinsverlust oder andere Anzeichen eines Krampfanfalls. Krampfanfälle können fast unbemerkt oder sehr extrem sein. Die Symptome der Anfälle können von Starren bis zu Bewusstlosigkeit, ruckartigen Bewegungen der Arme und Beine, Atembeschwerden, Verwirrung oder Bewusstlosigkeit reichen.
  • Schlafstörungen: Anhaltende Schlafstörungen wie Schlaflosigkeit, übermäßige Schläfrigkeit am Tag oder unruhige Beine. Wir kennen zwar viele offensichtliche Ursachen für Schlafprobleme, zu spätes Zubettgehen, Zustände wie Schlafapnoe oder Angstzustände, Alpträume oder andere, aber einige Schlafprobleme sind neurologische Störungen. Ein Beispiel dafür ist die Narkolepsie, eine chronische, genetisch bedingte Störung ohne bekannte Ursache, die das zentrale Nervensystem des Körpers beeinträchtigt.
  • Verhaltensänderungen: Plötzliche oder fortschreitende Veränderungen im Verhalten, der Persönlichkeit oder der Stimmung. Probleme beim Sprechen, extreme Probleme mit dem Gedächtnis, Persönlichkeitsveränderungen oder Verwirrung sind alles Symptome, die durch Störungen oder Probleme im Gehirn, in der Wirbelsäule und in den Nerven verursacht werden können. Einige der Symptome können auf Lernbehinderungen zurückzuführen sein oder sie können durch eine Krankheit wie Alzheimer verursacht werden.
  • Chronische Schmerzen: Anhaltende Schmerzen, die nicht auf herkömmliche Behandlungen ansprechen und möglicherweise durch Nervenschäden verursacht werden. Chronische Schmerzen sind Schmerzen, die über Monate oder sogar Jahre andauern. Diese Schmerzen können das Ergebnis einer Krankheit oder Verletzung sein, aber wenn sie länger als die übliche Genesungszeit andauern, können sie zu einem Symptom eines anderen Problems werden.
  • Ischias Schmerzen: Die Neurologie als medizinischer Fachbereich beschäftigt sich mit Erkrankungen des Gehirns, des zentralen sowie des sogenannten autonomen und peripheren Nervensystems.

Die neurologische Untersuchung

Die neurologische Untersuchung ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnose neurologischer Erkrankungen. Sie umfasst eine ausführliche Anamnese (Befragung des Patienten), eine körperliche Untersuchung und gegebenenfalls spezielle neurologische Tests.

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Anamnese

Der Neurologe wird zunächst Fragen zu den aktuellen Beschwerden, der Krankengeschichte, Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme und familiären Vorbelastungen stellen.

Körperliche Untersuchung

Die körperliche Untersuchung umfasst die Beurteilung des allgemeinen Zustands, der Körperhaltung, des Gangbildes und der Reflexe.

Neurologische Tests

Je nach Verdachtsdiagnose können verschiedene neurologische Tests durchgeführt werden, um die Funktion des Nervensystems zu überprüfen. Dazu gehören:

  • Untersuchung der Hirnnerven: Überprüfung der Funktion der zwölf Hirnnerven, die für Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Gesichtsmimik, Augenbewegungen und andere Funktionen zuständig sind.
  • Untersuchung der Motorik: Beurteilung der Muskelkraft, der Koordination, des Muskeltonus und der Reflexe.
  • Untersuchung der Sensibilität: Überprüfung der Berührungsempfindung, des Schmerzempfindens, des Temperaturempfindens und des Vibrationsempfindens.
  • Untersuchung der Koordination: Beurteilung der Fähigkeit, Bewegungen präzise und flüssig auszuführen.
  • Untersuchung des Gleichgewichts: Überprüfung der Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten.
  • Untersuchung der kognitiven Funktionen: Beurteilung des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, der Konzentration, der Sprache und anderer kognitiver Fähigkeiten.

Medizintechnische Untersuchungen

  • Elektroenzephalogramm (EEG): Messung der Hirnströme zur Diagnose von Epilepsie und anderen Hirnerkrankungen.
  • Elektromyografie (EMG): Messung der Muskelaktivität zur Diagnose von Muskelerkrankungen und Nervenschäden.
  • Elektroneurografie (ENG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit zur Diagnose von Nervenschäden.
  • Bildgebende Verfahren:
    • Computertomografie (CT): Detaillierte Darstellung der Gehirnstrukturen zur Diagnose von Schlaganfällen, Hirnblutungen, Tumoren und anderen Erkrankungen.
    • Magnetresonanztomografie (MRT): Noch detailliertere Darstellung der Gehirnstrukturen als CT, besonders geeignet zur Diagnose von Multipler Sklerose, Tumoren und anderen Erkrankungen.
    • Ultraschall der hirnversorgenden Gefäße: Überprüfung der Durchblutung des Gehirns.
  • Laboruntersuchungen: Analyse von Blut, Urin oder Nervenwasser (Liquor) zur Diagnose von Entzündungen, Infektionen und anderen Erkrankungen.

Spezialisierte Teilbereiche der Neurologie

Die Neurologie umfasst eine Vielzahl spezialisierter Teilbereiche, die sich mit unterschiedlichen Aspekten des Nervensystems und seiner Erkrankungen befassen. Dazu gehören:

  • Neuroradiologie: Diagnostische Darstellung und Beurteilung von Gehirn und Nervensystem mithilfe von bildgebenden Verfahren wie MRT, CT oder Sonographie.
  • Neurochirurgie: Operative Behandlung von Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems, einschließlich Eingriffe am Gehirn, Rückenmark und an den peripheren Nerven.
  • Neuropädiatrie: Diagnostik und Therapie neurologischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.
  • Neurologische Rehabilitation: Unterstützung von Patientinnen und Patienten nach Schlaganfällen, Hirnblutungen oder anderen neurologischen Erkrankungen bei der Wiedererlangung ihrer Selbstständigkeit.

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